Reise-Bilder: Shanghai (I)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 12 Uhr 20 Minuten

 

I.

Zu dem Zeitpunkt, zu dem dieser Text entsteht, ist es in Österreich als auch in Deutschland gerade erst Mitternacht geworden und damit der Zeitpunkt gekommen, zu dem der neue Tag und die neue Woche rechnerisch beginnen.

In Shanghai ist es zu diese Zeitpunkt bereits früher morgen. Und Zeit, um einen ersten bunten Strauss von Erfahrungen und Eindrücken zusammenzustellen.

II.

Die Reise nach China verläuft unkompliziert: Bei der KLM ist man zwar strikt mit dem Gewicht des Gepäcks, aber der Weg mit Rucksack und Rolli wird bis in die Kabine des Flugzeuges nicht unterbrochen.

Selbst der Flug ist störungsfrei. Dabei ist dies der "Nine-Eleven-Day". An diesem wird in New York mit einer grossen Lichtinszenierung an die Verstorbenen des Attentats gedacht werden. Dabei wird in dem elektronisch ausgestellten Boarding-Pass eingetragen, dass der Passagier ein als "SELF SERVICE C/I MEAL" einen "MOSLEM - IVORY" Request abgesetzt habe... [1]

Und selbst die Warteprozeduren bei der Einreise am internationalen Flughafen in Shanghai verlaufen trotz hohem Aufkommen unkompliziert und zügig.

Und dann stehen die Zeichen der neuen Zeit schon an der Wand. An der Wand auf dem Weg durch den Flughafen-"Finger“ sind viele farbige Plakate geklebt, mit unterschiedlichen Motiven, und mit immer nur einem und dem gleichen Wort: „Success“. Auf den Plakaten die „üblichen“ Motive von Erfolg und Wohlstand: das eigene Haus, das grosse Auto, der Wassersporturlaub – und das neugeborene Kind.

Man ist noch gar nicht angekommen und weiss doch sogleich, wohin die Reise geht. Nein, nicht die eigene, sondern die eines ganzen Landes, einer ganzen Nation.

III.

Am Ausgang nach dem Zoll steht auch ein Bediensteter der Hotels mit einem Namensschild und kommt dem Ankommenden am Ende des Ganges entgegen. Wir sind insgesamt drei Anreisende. Und der junge Mann meint, dass wir zusammen mit dem Gepäck nicht allesamt Platz in dem Wagen hätten.

Noch gar nicht angekommen, noch kein Fitzelchen der sicherlich wieder einmal feuchtwarmen Luft gespürt - schliesslich sind wir ja nicht mehr auf dem alten nationalen Flughafen wie vor dreissig Jahren sondern in einem immer noch ganz neu wirkenden voll klimatisierten Gebäude - und doch wird sogleich klar, dass es hier sogleich einzuüben sein wird, wie dieses Spiel hier laufen wird. Wann handeln die Beteiligten im vollem Wissen und in voller Verantwortung richtig, wann handeln sie falsch. Wie ist es möglich, aus den Augen eines Greenhorns und einer Langnase dennoch beurteilen zu können, ob man einschreiten muss oder nicht. Und, wenn ja, wie.

In diesem Falle mit freundlichem aber nachhaltigem Widerstand. Worauf die Kommunikation zwischen uns Ungleichen erhalten bleibt und die Einladung erfolgt mit dem Angebot: „Sehen Sie’s doch selbst“. So kommen wir dazu, dem Wusch nachkommen zu können, dass wir doch bitte selber zur Kenntnis nehmen mögen, dass der Wagen viel zu klein sie und werden also, was das Ziel war, zumindest alle gemeinsam zu diesem Wagen geleitet.

Und siehe da. Der Wagen entpuppt sich als ein angemieteter 5er BMW. Und dank des Geschicks des Chauffeurs lassen sich bis auf einen alle Koffer im Kofferraum verstauen, einer geht noch auf den Vordersitz und die drei Personen passen bequem auf die Rückbank. Jetzt ist doch für alle Platz, nur für den Hotelangestellten nicht mehr.

Hat der damit sein Gesicht verloren, oder hätte er eh am Flughafen verweilen müssen, um weiteren noch ankommenden Gäste zu begrüssen? Wir wissen es nicht.

Aber die Wirklichkeit hat uns wieder: Es ist schwül-warm. Die Wolken hängen tief. Und alsbald treten nach Antritt der Fahrt auch die Scheibenwischer des Wagens in Aktion.

Soll man dem jungen Chauffeur sagen, dass sein modernes Deutsches Auto einer rollenden Gefriertruhe gleicht? Oder sich mit ihm gar unterhalten und gestehen, dass einem eigentlich der Blick auf die alten immer noch auf der Spur neben mitrollenden VW-Santanas der ersten Generation mehr Freude wachruft als diese Nobelkarosse aus Bayern?

Nein, und nochmals Nein. Dieser Dialog unterbleibt. Der wärmende Mantel und das Jackett bleiben im Kofferraum. Und das Auge erblickt gleich nach der Ausfahrt aus dem Flughafen-Gelände eine grosses Plakat auf dem für eine ganz besondere Bank geworben wird, die da lautet:

"Bank of Communications" , eine der ältesten Banken Chinas, 1908 gegründet und mit einem Bandname, moderner denn je...

IV.

Die Details der ersten Hotel-Abenteuer lassen wir hier ob des Sängers Höflichkeit zunächst beiseite.

Aber es ist so wie es immer ist: alles sieht nach aussen aus, als ob wir wieder im Westen angekommen seien. Und dann wird doch auf Schritt und Tritt klar, dass all dieses ebenso Wahrheit ist wie ein schöner Schein. Und das immer beiden gleichzeitig stattfindet. Und das die Illusion des Westens allenfalls mit einem erheblichem zusätzlichen Aufwand an Geldmitteln noch ein Stück weit länger aufrecht erhalten werden kann.

Die Wahrheit ist aber so, wie sie immer ist.

Keiner kennt sich mit den Anschlüssen für den Rechner geschweige denn mit ihrem Betrieb aus. Die WiFi-Verbindungen können zwar erkannt aber in der Executive-Lounge nicht genutzt werden. Die Anschlüsse auf dem Zimmer funktionieren zunächst nicht, das die LAN-Kabel nicht funktionieren. Und als schliesslich - Stunden später - alle Probleme mit eigenen Bordmitteln behoben werden konnten [2] hatten sich schon eine Reihe von ungebetenen Gästen eingestellt. Zumindest war schon beim Betreten des Ganges zu bemerken, dass in dem zur Verfügung gestellten Zimmer rege Betriebsamkeit herrschte. Und beim Betreten dort gleich mehrere Personen vorzufinden waren, einer sogar mit einer Bohr- oder Schraubmaschine in der Hand.

V.

Am Abend in der Lobby der Hotel-Bar gibt es eine Gespräch mit einem Familienvater von drei Kindern, der erstmals für diese Reise nach China Europa verlassen hat. Er macht sich Gedanken darüber, dass es sich jetzt schon nicht mehr in seiner Heimat ausgeht, die Familie mit ausreichend Geld zu unterstützen, wenn nicht auch die Frau mitarbeiten würde. Und dann fasst er seine wenigen ersten Eindrücke von der Fahrt vom Flughafen bis ins Hotel in etwa so zusammen:
"Ich habe wahrlich noch nichts von China gesehen. Nichts ausser dem Blick aus dem Wagenfenster, nichts als aus dem Hotelfenster, nichts als bei dem Gang um den Häuserblock. Und doch muss ich sagen: Selbst das Wenige und Oberflächliche und Zufällige dieser wenigen Momente sagen mir, dass wir uns in Europa wahrlich warm anziehen müssen ob all dem, was da noch auf uns zukommen wird. Vielleicht nicht gleich morgen früh, aber in nur wenigen Jahren. Und das ganz bestimmt."

Als am späteren Abend nochmals der Wunsch auf ein Bier den Besucher in eben diese Lobby führt, gab es ein wahrlich seltsames Bild. Ein vollkommen leerer Raum. Auf dem Podium ein Pianist und zwei Sängerinnen in Aktion und hinter der Theke zwei jungen Damen in Dienstkleidung.

Nachdem dem Besucher ein "lokales Bier" angekündigt und für über 40 Yuan aus der Flasche verkauft worden war, wandten sich die beiden Damen wieder dem Fernseher zu, der in voller Lautstärke einen akustischen Kontrapunkt zu den drei tapfer agierenden Musikern lieferte. Und dessen Programm die beiden jungen Frauen offensichtlich mehr entzückte als die Darbietungen der MusikerInnen...

Nein, all diese wird nicht erzählt um irgendjemanden oder irgendetwas zur diskreditieren. Sondern weil in diesem kleinen Segment des Erlebens Wahrheiten versteckt zu sein könnten, die weit über diesen kleinen Moment hinausgehen. Und die sich vielleicht in aller Kürze und Ungenauigkeit und damit falschen Schärfen so beschreiben lässt:

In China ist der Westen schon so weit angekommen, dass die meisten "Westener" wie wir nicht mehr sogleich zu sehen bekommen, wie hart der "Wilde Westen Chinas" wirklich ist.

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Anmerkungen

[1Offensichtlich das Ergebnis einer telefonischen Anfrage, im Flugzeug mit einem "Sea-Food"-Essen bedacht zu werden. Sic! - Eine Anfrage, die auch in Amsterdam am Flughafen mit Bezug auf diesen Eintrag nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. WS.

[2Soweit dies im Vermögen des Autors gestanden hat. Denn auf der Website selbst wird auf eine Reihe weiterer dräuender Unbill hingewiesen:

"Welcome to use broadband service and we will do our utmost to provide you perfect service. Because broadband internet services involve high-end communication technologies and are restrained by various kinds of factors, the services may be disturbed easily. Users thus need to realize and understand possible operational risks involved and we claim no responsibility for any possible inconvenience and lost to users of the system or other aspects. These aspects include but not limited to:
1. Patents, franchise, copyright, business secrets, intellectual property rights and others of the third party.
2. The comprehensiveness, confidentiality, accuracy, timeliness, continuity and safety of the broadband internet service.
3. File damage or data loss caused by direct, indirect, accidental and special factors under any circumstance.
4. Instability in the broadband internet service because of the failure of the electricity supplies, voltage instability, damage to cable and communication devices.
"


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