Reise-Bilder: Trouble-Shooting "en ras campagne"

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 12 Uhr 10 Minuten

 

Kurz vor der Abreise wurde der Hinweis auf einen Spiegel-Artikel weitergereicht, in dem es angeblich heisst: „ich bin dann mal off“. Allerdings war für die Lektüre von solcherlei „Sommerloch-Geschreibsel“, so der Gast-Kommentar, auch nicht eine Minute Zeit. Diese reichte eh’ nicht hin und nicht her. War es doch trotz allnächtlicher Überstunden am Tag der Abfahrt erst möglich, mit knapp vier Stunden Verspätung, abzufahren.

Jetzt, nach der ersten Woche und am zweiten Aufenthaltsort in Frankreich, ist erstmals Zeit, nochmals auf dieses Thema zurückzukommen und zumindest den Titel als PDF-File aufzurufen. [1] Dabei wird der Rechner mit dem Strom der eigenen Batterie angetrieben und auch der Internetzugang – ja, so was gibt es hier inmitten en rase campagne – ist abgestellt. Jenseits der Mauern des viele hunderte von Jahren alten und über mehrere Jahrzehnte aus dem Nichts wieder aufgebauten Hause geht ein schwerer Gewitterregen nieder. Die Stecker von allen Netzgeräten – inklusive Router - sind abgezogen. Und die Anwohner und Gäste der Hauses laufen überall herum und prüfen ob durch die heftigen Güsse undichte Stellen erkennbar werden, die das Wasser bis in die Innenräume durchlassen.

Wir sind wieder im richtigen Leben angekommen. Die Probleme sind real, die Lösungen, die gefordert sind, dulden keinen Aufschub. Alle Beteiligten sind aufgerufen, sich schnell und ohne grosse vorherige Absprache miteinander abzustimmen und zu koordinieren. Es herrscht keine Panik aber doch eine deutlich aufgeladene Stimmung. Während sich die Unwetter mit lautem Krachen des Donners entladen, ist das Ganze von dem heftigen Platschen der Wassermassen begleitet. Das Wasser dringt durch das Dach und es müssen Behälter aufgestellt werden. Ein Fenster, das nicht richtig geschlossen war, wird von einer Windböe aufgedrückt und alles, was davor auf im Innenraum aufgestellt war, zerfällt in krachende Scherben auf dem wunderbaren Keramikboden. Jeder der Anwesenden ist aufgerufen, schnell und mit unmittelbarer Wirkungskraft zu handeln.

Angesichts solcher aktuellen Aufgaben und Bewältigungsstrategien wird klar, was auch in der virtuellen Welt des On- und Offline-Computing notwendig wäre:
- eine sorgfältige Vorbereitungen auf die Fairnisse der aktuellen Umwelteinflüsse und eines unmittelbar aktivierbaren und funktionalen Support für die Abwehr der Folgen solcher – durchaus vorhersehbaren – Beeinträchtigungen des alltäglichen Wirkens
- eine funktionsfähige Software die in der Lage ist, dass alltäglich Gewünschte und Murren und Zucken im Hintergrund zu verrichten, ohne den Nutzer ständig mit den Anforderungen zu konfrontieren, sich der Infrastruktur und deren Anforderungen zuwenden zu müssen
- ein System so zu konfigurieren, dass es die notwendigen Anforderungen an Wartung, Anpassung an veränderte Anforderungen, Updates usw. selbständig erkennt, darauf aufmerksam macht und den Nutzer ebenso rechtzeitig wie nachhaltig darauf aufmerksam macht, dass es eine Zeit gibt, die er diesem System zu „widmen“ haben wird. Dies aber zu einem Zeitpunkt, der von dem Nutzer bestimmt wird und nicht durch das System.

Alle diese Erfahrungen und Aussagen sind Banalitäten und noch nicht einmal diese Zeilen wert zu schreiben, derer es bedarf um ein Sommerloch dieser Art auffüllen zu müssen.

Aber die Erfahrungen der vergangenen Woche haben gezeigt, dass es eines selbst für einen erfahrenen Nutzer hohen Aufwandes bedarf, wenn er sich einerseits von seiner Bürowelt vollständige abnabeln will und er andererseits dennoch ad hoc in die Lage versetzt werden soll, den Kontakt kurzfristig und für einen aktuellen Bedarf vollständig und vollständig interoperabel wiederherzustellen.

Auf einer der grossen frei empfangbaren Kanäle des französischen Fernsehens wurde zwei Strandszenen von einer der Küsten des Landes gezeigt, in denen darüber berichtet wurde: wie viele Menschen heute Tattoos tragen, von welcher Art sie sind und mit welcher Motivation sie in die Haut eingeritzt worden waren. Und: warum so viel Männer – mit und ohne Tattoo – sich auch am Stand noch von ihren Datendiensten an ihrem Telefonen, von ihren Smartphones und Blackberrys trennen können.

Nein, so die eigene Reaktion, dahin darf und soll es wahrlich nicht kommen. Und dann doch auch das Eingeständnis, dass auch in den Urlaubstagen der Rechner zu einem ständigen Begleiter geworden ist: um die Bilder aus den Speicherchips der Kamera auszulesen, zu speichern, zu bearbeiten und zu sichern. Um die Filmaufnahmen von Band in einen digitalen Datenstrom zu übertragen, zu bearbeiten, daraus eine eigene Komposition zu erstellen und diese sodann wieder auf der eigenen Seite ins Netz zu stellen. Um einige wenige Nachrichten zu empfangen, die von den Absendern als wahrlich dringlich deklariert werden und deren Bearbeitung keinen Aufschub erlaubt. Und dieses durchaus im Einverständnis mit den Nutzern.

Belassen wir es bei diesen wenigen Beispielen. Belassen wir es bei der Feststellung, dass heute Film und Fotografie vollständig digitalisiert sind und eine andere Form von Gerätschaft und Anwendung erfordern, als dies noch zu Zeiten der Fall war, als die Filme noch entwickelt werden mussten. Und belassen wird es bei der Erkenntnis, dass heute zwischen Genese, interner Sichtung, Bearbeitung und privater und/oder privater Re-Präsentation so gut wie keine Zeit mehr verstreicht, die nicht schon als zu langwierig denunziert werden könnte.

Diese scheinbar unmittelbare Reaktions-Anforderung, mit der sich der Nutzer gelegentlich auch im Urlaub konfrontiert sieht wenn es darum geht, unmittelbar und kompetent auf eine an ihn gerichtete Anforderung zu reagieren, diese Anforderung wird zu einer fast normativen Kraft des Faktischen, die sich sogleich und permanent aufzudrängen scheint, da diese Möglichkeit des unmittelbaren Interagierens auch dann angeboten wird, wenn dieses von der Situation eigentlich nicht erforderlich wäre.

Aus dem Ausnahmefall wird „Dank“ der Folgen der Digitalisierung der Regelfall. Der Zeitgewinn, der mit den neuen Anwendungsmöglichkeiten einher geht – und auch wirklich ein Gewinn ist und nicht nur die Vortäuschung desselben, während in Wirklichkeit der ganze Wartungsaufwand den Vorteil in sein Gegenteil verkehrt – wird zur Zeitfalle. Und gerade die Urlaubstage erlauben es erstmals deutlich werden zu lassen, wie diese Falle funktioniert.

— Sie funktioniert erstens durch die von Anderen an einen gerichtete Erwartungshaltung, nach der auch die permanente Verfügbarkeit im sogenannten Urlaub vorausgesetzt wird. Auch wenn dieses für den eignen Fall nicht gilt – und dies ist eine der wesentlichen Vorzüge der Beziehungspflege zu Kunden wie Freunden ist, dass dieses nicht vorausgesetzt wird – so ist dieses doch die Folge der viel zitieren Annäherung der Bereiche von Leben und Arbeiten.
— Sie funktioniert zweitens durch eine ungenügende Vorbereitung auf diese Zeit der Abwesenheit: Sie ist rechtzeitig anzukündigen, vorhersehbare Aufgaben, dennoch erledigt werden müssen, sind zu delegieren und ihre Verrichtung in der eigenen Abwesenheit ist einzuüben
— Sie funktioniert drittens durch die nicht erfüllten Versprechen der Dienstleistungen im virtuellen Daten-Genese und –Transport-Gewerbe.

Über letzteren Punkt ist bereits zuvor in den Reise-Bildern berichtet worden, und doch gilt es an dieser Stelle nochmals festzuhalten, dass es gerade diese Zeit des An- und Abschalten-Wollens nötig wäre, dass dieser Wechsel auch von den um einen herum funktionierenden Diensten mitgemacht wird.
Sei es, dass in sogenannten „fremden Umgebungen“ diese Dienste nicht mehr einwandfrei funktionieren, sei es, dass diese nach Onlineverbindungen fragen und als Voraussetzung für ihre weitere Leistungsfähigkeit abfordern, obwohl sie aufgrund der lokalen Verhältnisse nicht vorliegen – oder aber auf Grund zu hoher Zusatzkosten für Roaming etc. nicht in Anspruch genommen werden sollen.

Nicht Zuhause zu sein und nicht im Büro, nicht in seiner Heimat zu sein und nicht „auf Arbeit“ bedeutet, sich auf eine Reihe von Herausforderungen einzustellen, die alles andere aufkommen lassen als Urlaubsgefühle. Welcher der LeserInnen hat wirklich schon vor der Abreise daran gedacht, dass der eigene Server zwar auf externe Zugriffe aus eigener Hand reagieren kann, aber am Urlaubsort kein Zugang über einen VPN-Kanal bereitgestellt werden kann?

Es ist vorbei, der Regen hat aufgehört, die ärgsten Wasserschäden sind beseitigt, die Glassplitter aufgefegt, die Aufregung hat sich gelegt. Und in der Ferne sind bereits die ersten blauen Flecken am eben noch tiefdunklen Himmel zu entdecken.

Es ist Zeit, diese kleine Abhandlung zu beenden, die unter zwei Voraussetzungen nicht entstanden wäre: wenn es kein so schlechtes Wetter gegeben hätte. Und wenn es keinen Rechner mit einer eigenen Stromversorgung gegeben hätte.

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PS:

Jetzt geht es nur noch darum herauszufinden, warum in der Abwesenheit das vor dem Büro abgestellte Auto von der Polizei abgeschleppt worden ist. In aller Voraussicht war neben der Parkvignette auch die Mobilfunknummer an der Windschutzscheibe angebracht worden, über die mit dem Eigentümer hat hergestellt werden können. Aber, als dann der alles andere als erwartete Anruf eintraf, war es für jegliches kurzfristig eingreifendes Handeln zu spät. Der Anruf traf am frühen Nachmittag bei der Überquerung der berühmten Brücke von Millau ein. Soweit so gut. Aber der Anruf traf an einem Sonnabend ein. Und so konnte selbst das dort samt Papieren abgelegte Schlüsselbund nichts bewirken.

Man kann aus Schaden klug werden. Aber man muss gelegentlich einsehen, dass auch bei aller noch so klugen Vorbereitung sich ein bereits eingetretener Schadensfall nicht mehr abgewendet werden kann. Das Wasser läuft in das vom Siebenschläfer angefressene Gebälk, die Software verweigert sich jedweder weiteren Anwendung, das Auto wird irgendwann von seinem neuen Stellplatz abgeholt werden müssen.
Aber erst, wenn der Urlaub beendet sein wird.

Anmerkungen

[1Da dieser Artikel erst zwei Wochen nach seiner Publikation im Archiv kostenfrei einzusehen sein wird, sei ersatzweise auf einen Artikel des christlichen Medienmagazins Pro verwiesen: URL: "http://www.pro-medienmagazin.de/?id=gesellschaft&news[action]=detail&news[id]=3095". Dieser konnte zumindest am Tag der Publikation dieses Textes online eingesehen werden.


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