Wenn die Krake uns einen Bären aufbindet...

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 11 Uhr 59 Minuten

 

Also, das mit dem kleinen weissen Bären in Berlin: Was für eine Aufregung. Und was für ein gutes Marketing. Viele Monate lang war "Knut" bekannter als "Wowi" - national wie international.

Jetzt hat dieses Beispiel Schule gemacht, in Oberhausen. Dort gibt es ein Wasser-Tier, dessen Wasser-Zeichen um die ganze Welt gegangen sind.

Und das ist umso putziger, als - hier sei mal etwas aus der eigenen Nachbarschaft ausgeplaudert - unsere Nachbarn uns in den letzten Jahren aus Spanien immer ganz fangfrisch sogleich tiefgefrorene Tintentisch-Teile mitgebracht haben.

Frage aus Sicht der Gourmets: Wie soll man sich an diesen Tieren nach dem Kochen noch erfreuen können, wenn sie zu Lebzeiten sogar schon das Sprechen erlernt haben?

Auf jeden Fall zitiert die FT in der letzten Woche ein "Interview" der spanischen Sportzeitung "AS" in der Übersetzung von Isabel Gomez, das sich wie folgt liest:

As: Paul, wir rufen aus Spanien an. Gerade hat unsere Mannschaft ein Tor geschossen: Wird es dabei bleiben?

Paul: Ja, keine Sorge. Ich habe vorhergesagt, dass Spanien gewinnen wird und beim 1:0 wird es bleiben. Ich glaube sogar, dass dieses Tor mir gewidmet ist.

As: Das bezweifle ich. Sie sind ein deutscher Krake!

Paul: Na ja, mein Opa war Galizier, er kam nach Deutschland, um bei Porsche zu arbeiten. Ich habe also auch spanisches Blut in mir, aber das habe ich damit gar nicht gemeint.

As: Was dann?

Paul: Puyol hat das Tor geschossen, schauen sie sich mal seinen Kopf an. Sieht der nicht aus wie ein Tintenfisch? Diese Haare! Die sehen aus wie Tentakeln, die überall herumwuseln.

As: Für Sie ist das Spiel also keine Überraschung?

Paul: Nein, ich habe bei dieser WM immer richtig getippt. Ich habe lange an mir gearbeitet, um diese Perfektion zu erreichen.
(In diesem Moment hält der spanische Torwart Iker Casillas den Schuss von Toni Kroos.)

As: Ähm, hören Sie mal, die Sache hier wird komplizierter!

Paul: Was wollen Sie denn? Haben Sie denn erwartet, dass die Deutschen nicht auf das Tor schießen? Wir sind im Halbfinale einer WM! Aber soll ich Ihnen eine brandheiße Neuigkeit verraten?

As: Ich bitte darum!

Paul: Die deutsche Mannschaft wird ihren Wechsel in den südamerikanischen Fußballbund beantragen. Die wollen lieber nach Buenos Aires reisen, als der Roja noch einmal auf europäischem Boden zu begegnen: Die hat sie schließlich in Europa und Afrika besiegt.

As: Na, wenn Sie das sagen. Und das Finale?

Paul: Spanien gewinnt. Da muss ich gar nicht erst mein übliches Ritual vollziehen. Holland hätte nur eine kleine Chance wenn mit zwei Bällen gespielt würde. Aber mit einem Ball: Keine Chance. Aber es wird trotzdem nicht einfach!

As: Wie meinen Sie das?

Paul: Spanien wird zwei Tore aufholen müssen: Eins von Robben und eins von Sneijder.

As: Erzählen Sie keinen Quatsch!

Paul: Doch, zu Beginn werden die Holländer stark sein und dann wird Spanien das Spiel drehen.

(In diesem Moment bricht die Verbindung ab. Das Spiel wird abgepfiffen. Später war es nicht mehr möglich, Paul zu erreichen. Er musste seine Prophezeiung wohl teuer bezahlen. Gegen drei Uhr früh erreichen wir seine Freundin, Paula. Sie kann uns beruhigen:" Machen Sie sich keine Sorgen, Paul geht es gut. In wenigen Tagen wird sich bestätigen, was er Ihnen gesagt hat: Spanien wird das Finale gewinnen!")

Das, was bei Knut schon so gut funktioniert hat, ist nun bei Paul noch weiter ausgebaut worden: die Projektion des Menschen auf das Tier.

Das "Feedback" des zunächst noch kleinen Bären, das war er selbst. Jetzt aber wird dieses "Feedback" auch noch operationalisiert: Im Gestus, im Habitus - und jetzt sogar verbal.

Die Tiere sprechen in Bildern. Und da Gott sich angeblich verbeten hat, dass man sich ein Bild von ihm machen solle, wurden ihm einst die Tiere geschlachtet, um so sein Wohlgefallen zu finden: Heute werden sie stattdessen vermarktet. Und, wie hier zu lesen war, sogar zum "sprechen" gebracht.

Haste da noch Töne? [1]

Anmerkungen

[1Offensichtlich ja: Hier der Hinweis einer Leserin auf einen Beitrag vom Bayerischen Rundfunk aus der Reihe "Vom Ende der Welt" vom 8. Juli 2010:

MP3 - 3.3 MB


"Ein Tintenfisch im Sommerloch".


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