Offener Brief an die Bank

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 01 Uhr 06 Minuten

 

Offener Brief an die Hausbank.

Sehr geehrte Damen und Herren,

seitdem ich mein erstes - damals noch mündelsicheres - Sparkonto in der Schalterhalle Ihrer Bank erhalten habe, ist ein halbes Jahrhundert vergangen.

Damals zum Sparen angehalten, fruchtete diese Bindung. Und ein Jahrzehnt danach schon hatten als Schüler des Wirtschaftsgymnasiums gemeinsam als Schulklasse unsere erste Aktie erworben. Und halten diese als nunmehr "Ehemalige" bis heute als Teil unsere Alumni.

Diese Bremer Bank, zunächst über lange Zeit Bestandteil der Dresdner Bank Gruppe, wurde dann an die Allianz verkauft. Und diese hat sie nun wiederum an die Commerzbank weiterverkauft.

Es gibt vieles, was mit Ihren MitarbeiterInnen und Mitarbeitern in diesen Jahren besprochen überlegt und teilweise auch realisiert wurde: Nach dem Sparbuch und der Aktie kamen die Girokonten für die private als auch die geschäftliche Verwendung, die Entscheidung T-Aktien zu kaufen und wieder abzustossen und die Weigerung Ihres Hauses, die neuen Google-Aktien mit in das Portfolio zu nehmen. Es wurden Kredite über Ihr Haus finanziert Hypotheken aufgenommen und wieder bedient - und derzeit sind wir im Gespräch für die Planung jenes Zeitraumes, der so gerne als das Senioren-Alter beschrieben wird.

Es begab sich aber zur Zeit dieser Gespräche der Umstand, dass heute, am 19. Mai 2010, in der Jahrhunderthalle in Frankfurt die Hauptversammlung der Commerzbank durchgeführt wird.

Es ist möglich, auch als Nicht-Aktionär virtuell an dieser Versammlung teilhaben zu können. da auf der Website Ihres Hauses dazu ein Link auf ein Streaming-Portal der thomson-Webcast zur Verfügung gestellt wird.

Die Begrüssung der Anwesenden erfolgt durch den Vorsitzenden des Aufsichtsrates Klaus-Peter Müller.

Gleich zu Anfang seiner Ausführungen kommt er auf den Punkt der Vergütung zu sprechen und widerspricht in den folgenden mehr als 10 Minuten einer Reihe von öffentlichen Darstellungen zu diesem Punkt, die "den Tatsachen so nicht entsprechen" würden.

Gelten würden vielmehr der gemäss § 120 Absatz 4 das Aktiengesetzes auf dieser Hauptversammlung zur Billigung vorzulegende Entwurf eines neuen Vergütungssystems, das der Aufsichtsrat beschlossen habe und dar rückwirkend zum 1. Januar 2010 eingeführt werden soll. [1]

Sein Credo: "Wir wollen so nachhaltiges und risikobewusstes Wirtschaften fördern."

Was folgt, sind Housceeping Remarks at their Best

Wir stellen diesen Ausführungen Auszüge aus den folgenden Publikationen gegenüber:

Die Deutsche Presseagentur dpa titelt am 16.05.2010 auf der um 11:41 veröffentlichten Meldung:

Bundesregierung gegen höhere Boni bei Commerzbank

Berlin/Frankfurt/Main (dpa) - Die Bundesregierung will höhere Vorstandsgehälter und Bonuszahlungen bei der Commerzbank verhindern. Das Bundesfinanzministerium bestätigte am Samstag einen entsprechenden Bericht des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel».

Vorstand und Aufsichtsrat wollen bei der Aktionärsversammlung an diesem Mittwoch (19. Mai) höhere Zahlungen beantragen. Demnach soll die Vergütung für Vorstandsmitglieder von 500 000 Euro auf 750 000 Euro im Jahr steigen. Zusätzlich sollen bis zu zwei Millionen Euro als Bonus gezahlt werden. Die Vorschläge verstoßen nach Einschätzung der Bundesregierung aber gegen die Regelungen zur Bankenrettung. [...]

Regierungsvertreter hätten den Chef des Bankenrettungsfonds SoFFin, Hannes Rehm, beauftragt, der Bankspitze ins Gewissen zu reden, schrieb der «Spiegel». Der Vorstand solle dazu gebracht werden, den Punkt von der Tagesordnung der Hauptversammlung zu nehmen. Die Bundesregierung sei zuversichtlich, ihren Willen durchzusetzen. «Alles andere wäre ein Eklat», sagte ein hoher Regierungsbeamter dem Magazin.

Der Vorstand seinerseits wird bei dem Aktionärstreffen den Blick eher nach vorne richten wollen: Bei der vom Staat gestützten Bank wächst der Optimismus, nachdem im ersten Quartal 2010 erstmals seit zwei Jahren wieder schwarze Zahlen geschrieben wurden und auch der April gut lief. Auch bei der Integration der Dresdner Bank sieht sich das Management um Vorstandschef Martin Blessing bestens im Plan.

Etliche Aktionäre, die derzeit auf eine Dividende verzichten müssen, sind anderer Meinung. Sie wollen wie im Vorjahr versuchen, eine Sonderprüfung des Dresdner-Kaufs durchzusetzen. Der Deal war Ende August 2008 eingefädelt worden - unmittelbar bevor die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers die Finanzwelt schockte.

Dazu Vorstandsvorsitzender Martin Blessing:

"Bei der letzten Hauptversammlung stand die Welt ganz unter dem Eindruck der nach der Insolvenz von Lehman eskalierten Finanz- und Wirtschaftskrise. [...] Inzwischen hat sich die Lage der Wirtschaft in seinen Kernmärkten erheblich verbessert. Die grosse Katastrophe ist bis jetzt ausgeblieben."

Und zur Übernahme der Dresdner Bank von der Allianz heisst es:

"Meine Damen und Herren, die Integration gibt es nicht umsonst, sie hat unser Nettoergebnis im vergangenen Jahr mit 1,9 Milliarden Euro belastet. Bis zum Abschluss der Integration werden es insgesamt 2.5 Milliarden Euro werden. [...] Wenn der Umbau abgeschlossen sein wird, werden wir 2,4 Milliarden an Synergien realisieren. Wie gesagt: Jahr für Jahr. "

Und zur negativen Bilanz-Summe der AG:

"Das Ergebnis des Konzerns von minus 4.5 Milliarden Euro ist völlig unbefriedigend. [...] Seien Sie versichert, das sehen wir nicht anders als Sie."

Dennoch, so der Vorstandschef, sei die Commerzbank "auf einem guten Weg." Vor allem im "kundennahen Geschäft" sei man "sehr erfolgreich" gewesen.

Und dann hagelt es nur so von Bekundungen der Zuversicht mit Sätzen wie diesen: "Wir haben die Commerzbank in schwieriger Zeit erfolgreich stabilisiert". "Wir haben die Bank damit in einer stürmischen Zeit wetterfest gemacht". "Wir werden die Commerzbank zu einer nachhaltigen Erfolgsgeschichte machen."

In der Folgewoche wird das Thema erneut aufgegriffen, dieses Mal vom ZDF in der Sendung "Frontal21", die am 25. Mai 2010 ab 21 Uhr ausgestrahlt wird.

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In dem Beitrag wird nicht nur auf die Lobbyarbeit der Banken und der Wortführer ihrer Interessen in Bruxelles eingegangen, sondern auch die Hauptversammlung der Commerzbank zum Anlass für die folgenden einleitenden Sätze und Bilder:

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Hauptversammlung vergangene Woche. Die Bankchefs Müller und Blessing bringen wieder einmal schlechte Nachrichten. Zuerst musste der Steuerzahlen ihren Laden mit 18 Milliarden Euro retten. Und jetzt ein neuer Milliardenverlust. Doch bald schon sollen die Geschäfte besser laufen, versprechen sie - und dann sollen erst einmal die Vorstandsbezüge steigen: Um die Motivation zu erhalten, heisst es.
Für Blessing bedeutet das

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statt bisher fünfhunderttausend

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siebenhundertfünfzigtausend Euro

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plus zweihundertfünfzigtausen Boni.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen wir uns nicht um des Kaisers Bart streiten oder um noch nicht realisierte Gewinne.

Diesen Brief geschrieben zu haben sollte Ihnen zumindest die hohe Motivation dokumentieren, mit der hier öffentlich argumentiert wird. Das hier eingesetzte Zeitbudget ist von der alltäglichen Arbeitszeit abgezwickt.

Es geht hier nicht um Moral, sondern es geht um die eigenen Erfahrung, dass Misserfolge wie die von Ihrem Hause präsentierten längst den eigenen Untergang zur Folge gehabt hätten.

Denken Sie also daran: Wenn Sie ihren Kunden Angebote für die Verzinsung ihrer Alterssicherungen anbieten, vergessen Sie nicht, dass die meisten von diesen für ihre gesamte noch verbleibende Lebenszeit weniger Kapital zur Verfügung haben, als was derzeit erneut an Kapitalerhöhungen bei den Vorstandsbezügen für ein einziges Jahr avisiert ist.

Und das, um noch einmal mit den Worten Ihres Vorsitzenden zu sprechen: "Wie gesagt: Jahr für Jahr"

Mit freundlichen Grüssen und den besten Empfehlungen!

[gez.] WS.


Nachträge:

Von Leserseite kam inzwischen der Hinweis auf eine Sendung des WDR vom 23. April 2010, die unter dem Titel: Gier und Größenwahn - Wie Banken Politiker über den Tisch zogen zumindest noch zum Zeitpunkt, an dem dieser Text verfasst wurde, auf der ARD_Mediathek->http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=4335642] eingesehen werden konnte. [2]

Weiters der Hinweis auf den ZDF-heute Beitrag vom 19. Mai 2010.

Weiters der Hinweis auf die BR 2 - Sendung "Hinter den Kulissen einer Hauptversammlung" von Charlie Grüneberg aus der Reihe "Nahaufnahme" vom 2. Juni 2010.

Anmerkungen

[1Hier der entsprechende Auszug aus dem umfangreichen Konvolut der Unterlagen dieser Hauptversammlung als PDF-Dokument:

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[2Wie wichtig und richtig dieser Hinweis auf die begrenzten Möglichkeiten der Einsichtnahme in diese Dokumente ist, bestätigt sich bei einer nochmaligen Überprüfung der Links zum Ende des Jahres 2010: So sind alle Beiträge aus dem Hause des ZDF auf diesem Wege nicht mehr abrufbar.
Und es stellt sich - einmal mehr - die Frage, ob es vielleicht zwar nicht "rechtens" aber andererseits dennoch zur Sicherung der Nachweis-Pflicht notwenig gewesen wäre, diese Beiträge an anderer Stelle als Nachweis der eigenen journalistischen Sorgfaltsplicht abzulegen. WS.


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