CeBIT: Ein Blick zurück - aus der Zukunft

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 33 Minuten

 

Heute, im Webciety-Blog ist unter der Überschrift: "Der Social Tweet Wasserfall Inzident" vom Chef der sogenannten "Executive Blogger" [1] Sascha Lobo der folgende Satz zu lesen:

"Durch die 1000 Verknüpfungen dieser Networks untereinander hat man ja inzwischen Angst, dass man über das Posterous Bookmarklet aus Versehen Fan einer Gruppe auf Facebook wird und dann per Twitter Oauth ein Buzz mit einem Youtube-Clip eines automatisch abgefilmten PDFs mit der Liste der bisherigen Sexualpartner veröffentlicht wird oder so."

Dieser Satz ist beim ersten Nachlesen ebenso unverständlich wie - eben dann doch - bemerkenswert. Die Nerds im Netz, die einst all das bewirkt haben, was wir uns heute in unserem alltäglichen Miteinander als Kommunikationsderivate um die Ohren schlagen und in die Augen einblenden lassen, diese Nerds und ihre "fellow traveller" sind heute längst im Alltag einer Welt angelangt, die sich jenseits jeglicher "meet and greet"-Gebärden zu einem eigenständigen und selbsttätig fortschreibenden Kosmos gemausert hat.

Mit einem Typen wie ein "Mouse T" auf der einen Seite [2], der auf der Bühne - zwei Tage nach diesem Text - von den in ihren Löchern hausenden stinkenden Musikern redet, bis hin zu all jenen auf der anderen Seite, die sich schnell und interaktiv unter einem kurzen "Hashtag" [3] in die aktuellen Podiumspräsentationen und Diskussionen auf den Global Conferences einschalten: Ihnen allen ist gemein, dass für sie die Referenz nicht mehr so sehr in der realen, sondern vielmehr in der virtuellen Welt liegt, in einer Welt, die sich über und durch das "Interface" des Rechners gestalten lässt, die aber ohne den Rechner und das dahinter liegende und auf diesem bzw. dem Monitor abgebildete Netz gar nicht mehr zugänglich wäre.

Dass die Texte aus diesen Dialogen nun nicht auf eine schlichte Leinwand, sondern auf eine Art "Wasserfall" projiziert werden [4], ist nicht nur ein netter Gag, sondern ein gerade zu symptomatisches Zeichen einer "Zurück aus der Zukunft"-Bewegung, die von sich selbst noch gar nichts weiss, davon, wie sehr sie von der Sehnsucht nach dem Konkreten, dem in seiner Flüchtigkeit doch "Echten" geprägt wird.

Je mehr und je nachhaltiger die mit der Digitalisierung einhergehende Virtualisierung wird, je mehr Menschen sich aus ihren Erlebnissen in der virtuellen Welt mit diesen dort gewonnen Erfahrungswerten auf die reale Welt zurückbeziehen, desto nachhaltiger werden auch die Bilder werden, mit denen man versucht, sich wieder in der Realität neu verorten zu können.

Dieses ist eine Ikonographie und ein Prozess, der erst noch gelernt werden muss: Mehr und mehr Bemühungen werden nicht nur dahin gehen, dass die Schnittstellen nicht nur zwischen der "realen" Welt und der der Nerds und Netze gekennzeichnet und geöffnet werden, sondern es wird auch immer mehr darauf ankommen, wie die in jenen digital generierten Welten entstandenen Einsichten und Erfahrungen dazu geeignet sind, auf die "Wirklichkeit" zurückzuwirken.

Dabei geht es hier nicht nur um Fragen, ob etwa das folgenlose und fortdauernde Töten von Menschen in den Netz- und Spiele-Welten die Bereitschaft wachsen lässt, es auch im "wirklichen Leben" mit der Grenze zwischen Leben und Tod nicht mehr so genau zu nehmen. Es geht auch um ganz praktische Herausforderungen, die sich daraus unmittelbar ableiten lassen.

Wenn es wirklich so ist, wie es alle Welt in vielerlei Stimmen im Verlauf dieser Tage in Hannover immer wieder behauptet hat, dass die Rechner immer mächtiger aber zugleich auch immer "unsichtbarerer" werden. Diese als Hypothese so angenommen, stellt sich hernach die ebenso einfache wie extrem schwierig zu beantwortenden Frage, wie die Zukunft - auch einer ICT-Messe - aussehen könne, in der der "eigentliche Gegenstand und Kern" ihrer Existenz, der Computer, gar nicht mehr sichtbar sein wird.

Nach den ersten Atari und Commodore Personal Computern, der zunehmenden Dominanz der Mainframes, nach der Aufrüstung, "Verbildlichung" und Vernetzung des PC, nach seiner Rückführung auf einen "Thin Client" der in einer "Cloud" kommunikativ eingebunden sein wird, nach all diesen Entwicklungsschritten wird immer klarer, dass der einst dominierende Computer-Kasten längst einem "embeded & implanted" Element Platz zu machen beginnt, der eigentlich so gar nicht mehr sichtbar, als Gerät nicht mehr wahrnehmbar ist.

Die CeBIT der Zukunft kann - trotz der ehemaligen Konnotation ihres Kürzels - in diesem Sinne weder eine Computer-Messe noch eine Büro-Messe sein. Und das, obwohl sich eben diese beiden Elemente mehr denn je in unser Leben gedrängt haben werden: jeder Vierte in Deutschland ist schon heute bereit, sich einen Chip einsetzen zu lasen [5], und jeder Zweite in Deutschland bestätigt die Meinung, dass die Arbeit sich immer mehr in das Privat-Leben des Menschen hineindränge: "Dank" höherer Arbeitsbelastung, "Dank" einer ständig zunehmenden Beschleunigung der Prozessabläufe und "Dank" der inzwischen allgegenwärtigen Präsenz des Arbeitsplatzes, sowohl im Netz als - damit - auch auf den mobilen Endgeräten.

Andererseits ist auch klar geworden, dass die Privatperson immer mehr in die Lage versetzt - und auch dazu auch zunehmend aufgefordert und herausgefordert - wird, sich diesen neuen Anforderungen und Herausforderungen zu stellen und auf diese zu antworten: von einem Konsumenten zum "Prosumer" aufzusteigen.

Wenn also in einem Text wie dem oben zitierten von der zunehmenden Verknüpfung der Netze die Rede ist, dann mag das zwar in der hier dargestellten Form noch recht schleierhaft klingen und bedürfte wohl wahrlich noch der einen oder anderen verbalen Trennschärfe, damit in dem Gesagten - bzw. Geschriebenen - das Gemeinte auch wirklich ankommt.

Ab mit dem allfälligen Gerede von der "Cloud" und der hier angesprochenen "Vernetzung der Netze" ist etwas viel Grundlegendes angesprochen, ohne dass Vielerorts bereits verstanden worden wäre, was da eigentlich gesagt wurde.

Es geht nämlich um eine sogleich doppelte Herausforderung: Nicht nur, dass man des Rechners nicht mehr gewahr wird und sich dennoch desselben in einer immer höheren Frequenz und Potenz bedient, es geht auch darum, dass sich diese Zukunft es Immateriellen derzeit immer noch in vielen allzu nebulösen Formulierungen und Buzz-Words annonciert - damit aber noch lange nicht definiert oder gar als Hausaufgabe für das ICT-Lasten- und Pflichtenheft für die Praxis fortgeschrieben worden ist.

Während für Viele die Auseinandersetzung mit und die Aneignung von der Welt der EDV immer noch ein nachhaltiges Erlebnis eines rasanten Veränderungsprozesses war - und auch immer noch ist - ist für Andere diese "embedded & implanted world" schon lange keine Gegenstand der Reflektion mehr, sondern alltägliche und allfällige Praxis: als ein "Wissen ohne Bewusstsein 2.0".

WS.

Anmerkungen

[1ja, so steht es wirklich auf deren Namensschilder, die diese netten Menschen nebst ihren Rechnern mit sich herumtragen...

[2Hier im Interview am Samstag den 6. März 2010 in der Halle 22

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[3Weiss jeder, was das ist?

[4zitiert nach http://www.youtube.com/watch?v=6q2v0zqAerw:

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[5Siehe dazu die eine Grafik aus einer aktuellen BITKOM-Umfrage:

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