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VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 37 Minuten

 

I.

Inzwischen hat sich das DLM-Symposium zu einer festen Grösse in der deutschsprachigen Medien-Diskussion gemausert und ist in diesem Jahr drauf und dran, diesem Ruf erneut gerecht zu werden.

An dieser Stelle soll zunächst auf das Programm aufmerksam gemacht werden. Alles Weitere und Weitergehende findet man über den Link: www.fern-sehen.com auf der Webseite www.dlm-symposium.de/. [1]

Über diesen Link ist es inzwischen möglich, die Veranstaltung auch als Streaming-Angebot nachzuverfolgen.

Von daher wird auf eine allzu detaillierte inhaltliche Darstellung des Gesagten verzichtet, stattdessen vielmehr live vor Ort - wie in einem Blog - kommentiert, was im Verlauf der Vorträge und Debatten besonders aufgefallen ist. [2]

Nachfolgende also - in kursiv - das Programm und die direkt vor Ort parallel zum Ablauf der Veranstaltung eingetippten Anmerkungen.

II.

www.fern-sehen.com
DIE AUFGABEN DES RUNDFUNKS IM WANDEL DER ÖFFENTLICHKEIT

Tagesmoderation
- Ingrid Scheithauer | Sissi Pitzer
isip communications

„Sogar in der ersten Reihe sind noch Plätze frei bei der DLM“ sagt Frau Scheithauer in den ersten Eröffnungssätzen. Und macht dabei, wenn auch vielleicht unfreiwillig, darauf aufmerksam, dass sich in der nächsten Zeit eine Reihe personeller Veränderungen – und sei es aus Altersgründen – als unvermeidlich abzeichnen.

10:30 | Auftakt
Mehr Qualität wagen
Die Anforderungen an den privaten Rundfunk
- Thomas Langheinrich
Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM)

Wir wollen, dass die Sender wieder mehr Qualität wagen. Ja, das gelte für die öffentlich-rechtlichen Veranstalter, aber eben auch für die Privaten.

Entsprechend dieser Forderung suche man den Diskurs mit den Betroffenen.
Neben der Rendite solle die gesellschaftliche Dividende nicht zu kurz kommen.

Nein, das heute sei eine Plattform für den Dialog und keine Vorladung, wie es in der FAZ zu lesen war.

Sein Leitsatz angesicht der aktuellen Gerichtsurteile: „Weniger ist eben auch nicht – nichts.“ Und er spricht von einer "regulierten Selbstregulierung mit regulatorischen Leitplanken."

Wir wissen, so sagt er, dass es einen Zusammenhang zwischen Qualität und Geld gibt. Der Bericht über das Zeitgeschehen sei nicht nur als lästiger Kostenfaktor zu sehen.

Bildung, Beratung und Unterhaltung sollen die drei Grundpfeiler des Programms sein. Das sei kein medienpolitisches Credo aus den Debatten der "Steinzeit", sondern auch heute noch die Richtschnur des Handelns.

10:45 | Keynote
Habermas 2.0
Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter

- Prof. Dr. Viktor Mayer-Schönberger
Direktor Information + Innovation Policy Research Centre, National University of Singapore

Habermas, der heute 80 Jahre alt ist, habe die moderne Soziologie der Öffentlichkeit nachhaltig geprägt. Und heute würden seine Aussagen durch andere Thesen ergänzt, die seit den 80er Jahren aufgestellt wurden. Es gehe nun um die elektronischen Townhalls, um die Schweizer Landgemeinden , um die Versprechen des BTX, um den Super-Media-Highway, um das Web 2.0...

Die These lautet: Mit diesen Möglichkeiten könne man nunmehr das Kartell der Meinungsführer durchbrechen. Hat man also mit dem Web 2.0 die Wahrheit wieder ans Licht gebracht?

Mayer-Schönbergers These spricht dagegen: Wie stehe es denn mit dieser "Weisheit der Vielen" - vom crowdsourcing bis hin zur peer-production? Trotz aller Bemühungen und Bewegungen in diesem Bereich: Dass die so erstellten Medieninhalte besser seien, sei "Unsinn". Die Ideen von der gesellschaftliche Teilhabe durch den gemeinschaftlichen Diskurs... "sie alle sind im Kern gescheitert".

Auch ohne Springer habe sich nach und nach Online ein Info-Oligopol etabliert. Die Begrenzung sei nun nicht mehr durch die Knappheit der Frequenzen hergestellt, sondern durch die Begrenzung der Aufmerksamkeit, die beim Zugriff auf die Online-Medienangebote zur Verfügung stünde.

Heute gäbe es die "singuläre Öffentlichkeit" nicht mehr, sondern es gäbe eine eigentümliche Welt, in der wir das gesellschaftliche Gedächtnis immer mehr einbüssen.

Mehr noch: In den USA hätten sich die Amerikaner immer mehr in parallele Welten verabschiedet, die ihre eigenen Wahrheiten verkünden.

Nachfolgend gibt er einen Einblick in drei Gruppen von "Intermediären":

1.

Die Indentität der Intermediäre ändere sich: Die Superblogger im Netz gehören nicht mehr zu den alten Medien, sondern sind Ein- und Mehr-Personen-Unternehmen.

Es etablieren sich neue Gruppen: Da gäbe es auch die eigenständigen Journalisten mit ihren neuen Blogs.

Nur der "Brand" könne die Intermediären noch eine Zeitlang am Leben erhalten. Aber auch dieser Nachhall sei begrenzt, wenn die Kommunikatoren selbst nicht mehr dabei sind, um zu schreiben.

Es gäbe ein "Perceptions Delta" und nur eine geringe Kundenbindung an diese Angebote.

2.

Für die Informations-Intermediären gäbe es in der Internetlandschaft keine wirtschaftlichen Modelle für eine erfolgreiche Faktenvermittlung.

3.

Nur die geographischen Intermediäre seien noch regulierbar, die Informations-Intermediäre seien es nicht mehr: Diese könne man nur durch Zensur - sprich Filterung - in den Griff bekommen und sodann einer Regulierungs-Arbitrage zuführen.

Summa: Wir in der Gesellschaft brauchen eine Qualität, die im Internet so nicht hergestellt werden kann - und auch nicht werden wird.

Was bleibt, sind folgende Möglichkeiten:

— die öffentlichen Finanzierung des Info-Angebots im Netz
— die Neukonstitution des öffentlich-rechtlichen Angebotes.

Medien-Märkte im Internet regulieren? Dazu der Referent wortwörtlich: "Hier nähren wir uns am Widerschein der untergegangenen Regulierungs-Sonne".

Die Bürger seien nicht mündig und könnten sich im Netz nicht wirklich bilden. Hier hätten die Landesmedienanstalten eine neue Aufgabe, der sie sich zu stellen haben.

Als These - und Schluss-Satz zusammengefasst:
"On the Internet: Education is the New Regulation."

Nach-Frage: Womit sollte sich die neu eingesetzte Internet-Enquete-Kommission befassen?

Antwort: Mit der Frage, wie die Geschichte in der Gesellschaft durch diese neuen Medien bestimmt werde. Dann stellt sich die Frage: Sind die Fotos auf Flickr wirklich das neue gesellschaftliche Gedächtnis?

In seinen abschliessenden Ausführungen weist der Referent auf Verhältnisse hin, die unter Stalin Gültigkeit gehabt hätten, z.B. bei der Retouchierung politischer Fotos.

THEMENKREIS PROGRAMM

11:30 | Impuls
Der Rohstoff Kreativität
Wie neue Ideen für ein altes Medium entstehen können

- Prof. Dr. Lucy Küng
Universität Jönköping, Schweden, und St. Gallen, Schweiz
 [3]

11.50 | Debatte
tv-reality
Kann sich das Fernsehen neu erfinden?

- Dr. Norbert Himmler
Leiter Hauptabteilung „Spielfilm/ZDFneo“

Dieser Sender hat eine Start-Up-Format. "Smart & Fun" ist sein Anspruch.

Neo macht:
— US-Kaufprogramme
— Musik
— Fiction & Entertainment (Strassenchor, Promi-Pauker, u.v.a.m.)

Wir erfinden das Fernsehen nicht neu. Aber es ist ein beachtlicher Schritt, diesen Frei-Raum zu schaffen, in einem grossen bürokratischen Unternehmen.

Wir haben 30 Mitarbeiter und jährlich 30 Millionen Euro zur Verfügung, von denen 15 für neue Programme ausgegeben werden können. Da kommt so ein Programm wie "Quantum" zum Zuge.

Die Ausstrahlung in Zwei-Kanal-Ton hat grossen Erfolg. Da wird dann neben dem deutschen Text auch die Originalsprache zur Geltung gebracht.

- Ulrich Meyer
Moderator Sat.1-AKTE und Geschäftsführer META productions

Dinge, die schon lange laufen, sollen auch fortgeführt werden,
"so wie es der bayerische Philosoph Oli Kahn gesagt hat".

Auch "AKTE" hat sich verändert. Die Reporter decken nicht mehr auf, sondern das Format wird von den Zuschauern immer wieder nachgesteuert: mit über 150 Mails und Anrufen pro Tag! "Wir sind mit dieser Sendung so nahe dran am Publikum wie kein anderes Format. Dennoch haben wir wenig Trailer und Werbung. Nur die Jubiläen helfen da manchmal in Richtung PR. Wir haben unsere eigene Aktualität geschaffen, müssen den News nicht hinterherjagen. Wir haben ein ganz intensives Feld von Zuschauern, die ihre eigenen Nachrichten machen und gestalten."

Die Verwendung von YouTube-Beiträgen sei schwierig. Und dass im Internet Geld begraben sei, sei in Irrtum. Verbraucherberatung und Kriminalität seien nach wie vor DIE Themen, mit denen man punkten wolle.

Formate wie "Der heisse Stuhl" sind auch heute noch bekannt.

Jungen Firmen und junge Leute haben nach wie vor viel Kreativität intus.
Aber sie muss hochglanzbroschiert abgegeben werden.

- Prof. Hubertus Meyer-Burckhardt
Geschäftsführer Polyphon Film- und Fernsehgesellschaft [4]

- Philip Pratt
Geschäftsführer Jakun Media

Er beschreibt zunächst die Entwicklung seiner Firma und die sich ändernden Profile seiner Angebote.

Heute guckt er sich selbst US-Serien von bis zu 50 Minuten auf dem Handy an. Aber er sieht vor allem im Non-Fiction-Bereich nachhaltige Veränderungen.

Live-Stream sei ein Trend, der im Kommen sei. Vom U2-Konzert mit bis zu 10 Millionen Streams bis hin zu den Cricket-Spielen in Indien.

- Oliver Schablitzki
Geschäftsführer NICKELODEON Deutschland

TV ist immer noch das Leitmedium, auch beim Kinderfernsehen. Aber das Internet nagt an diesem immer mehr schmelzenden Vorsprung. Heute sind 40% der Sechs- bis Siebenjährigen im Internet und 91% der 13-bis 14-jährigen. Es gibt bei StudiVZ und Facebook Links zu neuen TV-Serien; dabei werden auch Profile der Schauspieler mit aufgenommen.

Nickelodeon ist seit 5 Jahren auf dem Markt. Bei diesem Sender gibt es immer mehr Eigenproduktionen - bis hin zum Kinospielfilm. Alles, was nicht klassisch werbefinanziert ist, nimmt heute schon über 40% ein. Vor allem Merchandising funktioniert gut - und das ziemlich schnell nach Start eines Programms - gemeint sind ca. 8 Wochen, nach denen schon bemerkenswerte Umsätze gemacht werden.

Es werden jetzt erstmals Formate im 360-Grad-Format entwickelt. Das heisst beispielsweise, Kinder stellen ihre Videos ins Netz und diese werden dann vom Sender aufgegriffen.

Auch fremdsprachige Beiträge können dabei sein - und werden gerne gesehen.

befragt von Klaudia Wick
Fernsehkritikerin

... macht das gut: Stellt Fragen auch aus der eigenen Erfahrung und übersetzt die Aussagen der Webaffinen-Produktion für die, die "das" so nicht kennen.

12:30 | Nachgefragt
Zur Sache, Herr Ebeling!
Welches Fernsehen wollen Sie sich leisten?
- Thomas Ebeling
Vorstandsvorsitzender ProSiebenSAT.1 Media
befragt von Hans-Jürgen Jakobs
Chefredakteur sueddeutsche.de

Frage: Wenn Sie 260 Millionen Euro mehr zur Verfügung hätten, was würden Sie dann machen?

Antwort: mehr lokale Fiktion. Kleine Info-Shows. Auch "Talk im Turm" könnte dann revitalisiert werden. Klassische Nachrichten-Formate - eher nicht. Formate wie Galileo sind relevanter als die der klassischen Nachrichten.

Unser Einzigartigkeit ist es, die Themen möglichst für eine breite Schicht der Bevölkerung aufzubereiten.

Frage: Die 260 Millionen Euro sind die Schulden, die ProSiebenSAT.1 pro Jahr an Zinsen zu zahlen hat.

Antwort: Wir haben kaum mehr Bereiche im Programm, wo wir den Kostendruck noch weitergeben können. Und die Qualität der Öffentlich-Rechtlichen ist auch ausnehmend gut - und da muss man halt auch gut sein.

Aber die Gesellschafter mischen sich in das Programm nicht ein. Und daher sind diese nicht wirklich das Problem.

Frage: Wann werden die beiden Investoren-Gruppen wieder aussteigen?

Antwort: Ja, ab drei Jahren ist eine Exit-Strategie denkbar. Aber es kann auch bis zu sieben Jahren dauern.

Frage: Ist es Ihre Aufgabe, die Braut schön zu machen?

Antwort: Diese Aufgabe habe ich nicht bekommen. Wenn ich gehe und die Leute sagen, das Unternehmen steht jetzt besser da als zuvor, dann ist meine Aufgabe erfüllt.

Frage: Bei Ihrem Start vor vielen Jahren bei Novartis gab es noch die These: "keine Gefangenen machen".

Antwort: Das ist aus der damaligen Situation heraus zu verstehen und war nicht für die grosse Öffentlichkeit bestimmt.

Frage: Nach einem Jahr: ein Erfolg der Controller?

Antwort: Niedrigere Kosten erlauben es, mehr zu investieren oder bei den Kundenanfragen auch mal "Nein" sagen zu können.

"Wir haben neue Wachstumsideen realisiert", aber manche Format sind gefloppt. Auch die Nachrichten können modernisiert werden, es gibt dazu neue Ideen und Formate, die man im zweiten Halbjahr sehen können wird .

Frage: Nachrichten?

Antwort: Dass wir sie machen, ist das für unser Bild bei den Politikern wichtiger als für unser Ansehen bei unserem Publikum?

Wir sind nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen, sondern auch ein Kulturgut. Aber das können wir nur sein, wenn wir auch als Wirtschaftsunternehmen erfolgreich sind.

Nachrichten sind ein Zusatzgeschäft und werden es auch bleiben.
"Ein Star für Oslo" sei für ihn ein gutes Format.

"Deutschland sucht den Superstar" macht 35% Quote. Und die, die das schauen, sind das schlechtere Menschen?

Frage: Vielfalt?

Antwort: Die Nachrichten auf Pro 7 und Sat 1 um 20 Uhr werden auch weiterhin bleiben. Aber die Landschaft drumherum hat sich geändert. Und das nachhaltig. Die Frage bleibt: Wieviel Verlust mutet man uns zu?

Frage: N24 - alle Lösungen sind möglich?

Antwort: Es braucht Zeit, und in vier Wochen haben Sie die Zahlen auf dem Tisch.

Anfragen gab es bis zu zehn. Aber das sind noch nicht alles Angebote.

Frage nach den Kosten und den neuen Geschäftsmodellen.

Antwort: Es geht nicht nur um die laufenden Kosten, sondern darum, die Verluste von ca. 50 Millionen Euro um ein Drittel zu reduzieren.

Frage: Kann damit aber das Qualitätsprofil gehalten werden?

Antwort: Maischberger kostet halb so viel wie Anne Will, ist damit Will doppelt so gut?

Frage: Qualität wagen?

Antwort: Wir müssen diesen Begriff "Qualität" definieren. Das ist das, was vernünftige Quote macht, was sich vermarkten lässt, was von verschiedenen Seiten bewertet wird.

Insgesamt werden wir unserer journalistischen Verantwortung gerecht werden. Das eigene Format zu den Wahlen lief "nicht optimal". Das war ein neues Konzept, das vom Zuschauer nicht angenommen worden ist.

Frage: Die DLM hat Vorgaben gemacht.

Antwort: Da gibt es durchaus Bedenken. Schon heute sind Teile des Programms nicht mehr etwas, das in der eigenen Verantwortung steht.

Wenn wir schon einen "NewDeal" machen, dann gibt es Perspektiven. Gemeinsame Nutzung der Technik, Abschied der Öffentlich-Rechlichen von der Werbung, und, und, und... aber keinen Bedarf für eine neue Regulierung.

Frage: Wo liegen die Zukunftserlöse für die Gruppe?

Antwort: individualisierte Werbung. Online. Künstler und Event-Management. Games. Das Ziel insgesamt: bessere Planbarkeit.

Zum guten Schluss die Antwort: "Ich bin tagesthemen-Zuschauer. Und schaue dafür - auch schon am Morgen - gerne bei den Öffentlich-Rechtlichen rein. Und zahle dafür auch Gebühren. [5]

THEMENKREIS REGULIERUNG

14:00 | Thesen und Diskussion
Public value auf dem Bildschirm
Anreizmodelle: Neuverteilung von Rechten und Pflichten privater Sender
- Dr. Tobias Schmid
Bereichsleiter Medienpolitik, Mediengruppe RTL Deutschland

Ausserordentlich eloquent spricht er über die Idee - die Illusion, wie er selber sagt und fragt - einer stabilen Rundfunkordnung im Zeitalter der Digitalisierung.

Seine Schlussthesen:

Man werde keine homogene Regelung mehr machen können.

Man müsse die neuen Realitäten zur Kenntnis nehmen.

Man müsse einen Klimawandel herbeiführen und sachlich das diskutieren, was in Zukunft und für die Zukunft gewollt ist.

Der Rundfunk müsse sich in Bezug auf die anderen und die neuen Mediengattungen neu aufstellen.

Diese hohe sprachliche Dichte - Frau Pitzer nennt das "proseminarreif" - ist am besten im Streaming nachzuverfolgen.

Fordern und fördern!
Der Preis von Programmqualität
- Dr. Hans Hege
Direktor Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb)

Müssen Nachrichten sein? Was braucht die Gesellschaft an Nachrichten? Welche Erziehung zur Medienkompetenz ist notwendig? Welche Quellen brauche ich?

Das Privat-TV steht vor der Frage, ob es in Zukunft noch Nachrichten machen will. Das sei nicht allein ein Thema des Rundfunkrechtes, sondern auch des Presserechtes.

Bei der Regelung der aktuellen Fragestellungen würde von der DLM nicht gleich nach dem Gesetzgeber gerufen, sondern es würde zunächst einmal das Gespräch mit den Veranstaltern gesucht.

Was bei Neun-Life Rundfunk ausmache, sei aus seiner Sicht nicht mehr nachvollziehbar.

Es gäbe auch im Medien-Bereich die Sozialverpflichtung des Eigentums, und diese gelte für die Grossen in besonderem Maasse.

Die Sache mit den Regionalfenstern ist sicherlich in der Perspektive neu zu definieren. Darüber könne auf jeden Fall geredet werden.


- Annette Kümmel
Direktorin Medienpolitik ProSiebenSAT.1 Media

Macht darauf aufmerksam, dass die Aufgabe und Verpflichtung nicht lautet, "Nachrichten" zu machen, sondern sich um die Realisierung von "Information" zu bemühen.

Es sei durchaus möglich, bestimmte Bereiche zu fördern: Kinderprogramme ebenso wie regionale Inhalte.


- Dr. Matthias Knothe
Leiter Medienpolitik, Staatskanzlei Schleswig-Holstein

Bestätigt, dass man im 14. Rundfunkänderungs-Staatsvertrag auch über "Nachrichten" explizit hätte sprechen können, man habe das aber ganz bewusst weggelassen. Auch über "Reality-TV" - und das steht heute noch im Staatsvertrag - würde heute keiner mehr etwas hineinschreiben wollen.

Wie kann Qualitätsjournalismus bei den Privaten organisiert, kontrolliert und finanziert werden?

Gerade in Bezug auf die ostdeutschen Bundesländer könne über neue Möglichkeiten der Förderung nachgedacht werden.

Vielleicht sollte man sich die Zeit nehmen, um insgesamt über das System neu nachzudenken.

Die Debatte über die Medienregulierung findet schon heute statt. Fernsehen und Internet stehen heute in einem anderen, direkten Zuammenhang.


- Dr. Tobias Schmid
Bereichsleiter Medienpolitik, Mediengruppe RTL Deutschland

Es würde im Positionspapier der DLM nur noch über die Nachrichten-Angebote der beiden grossen Gruppen geredet. Und nicht mehr über die bei den anderen TV-Veranstaltern. Diese Binnenreferenzierung im Bereich der Privaten habe es bislang nicht gegeben.

Die Regionalfenster sind aus ökonomischer Sicht unzureichend finanziert. Wenn sie gesellschaftspolitisch gewollt sind, wie kann dann dieses Interesse finanziert werden?

Vieles von dem, was in der analogen Welt funktioniert habe, hat heute eine andere Bedeutung und verlangt nach anderen Regelungen.

Wirklich notwendig sei es, das Thema der Medienordnung neu aufzurollen. Derzeit habe man keine echte Medienordnung mehr.

Das heisst nicht, dass es eine Regelung für alle geben müsse. Dabei könne man das Eine oder Andere von der Ofcom im Vereinigten Königreich lernen.

- Dr. Christoph Wagner
Rechtsanwalt, Kanzlei Hogan & Hartson Raue LLP

Gibt es einen Regelungsbedarf in Richtung des Themas "Nachrichten"?

Wenn Vollprogramme der Nachrichten entkleidet würden, dann müsste der Regulierer eingreifen.

Das Papier der Medienanstalten lege die Möglichkeit nahe, auch Unterbrecher-Nachrichten anzubieten [6]

Der "new deal" bedeutet, dass zusätzliche Informationsquellen in anderen Netzen bereitgestellt und dass diese von den jungen Leuten in Anspruch genommen werden.

befragt von Sissi Pitzer
isip communications

15:00 | Zwischenruf
Hauptsache Programm!
Welche Inhalte bringen uns weiter?
- Stephan Magnus
Berater und Podcaster

Warum waren Filme wie die von Chaplin erfolgreich? Weil die Helden sich im Chaos als "Content" präsentiert haben, mit dem sich die "User" identifizieren konnten.

Warum war "Woodstock" erfolgreich? Weil es die Rollenmodelle einer ganzen Generation gebildet und erlebbar gemacht hat.

Warum sind die "Sims" so erfolgreich? Weil in ihnen neue Rollenmodelle erprobt werden, neue Lebensmodelle erfunden werden können.

Was ist die ZUKUNFT? Die Taktrate des Rechners verdoppelt sich alle 18 Monate. Das bedeutet, dass in 10 Jahren die Computer mehr können als das menschliche Gehirn. Im 21. Jahrhundert wird es die 2000-fache Beschleunigung der Möglichkeiten ergeben.

Unsere Zuschauer stehen vor einem atemberaubenden, erschreckenden Zeitalter, in dem es Singularität geben wird. Damit wird man dem Menschen sinn-bildende Modelle anbieten müssen.

15:15 | Chat
In Digitalien
Mediennutzung im Wandel
- Frauke Gerlach
Vorsitzende der Medienkommission der LfM NRW
- Jonathan Imme
Co-Founder palomar5
befragt von Lucas Verweij
Journalist

Herr Imme verwehrt sich gegen die soziale Stigmatisierung als "digital native". Er kenne immerhin noch die Zeit von BTX. Nach seinem Eindruck findet "Habermas 2.0" statt. In den Netzen könne man heute viel schneller zueinander finden und sich austauschen. Er versteht die Idee von der Ent-Emotionalisierung der Debatte nicht. Und würde sich das "TED" Account am liebsten als TV-Kanal wünschen. Die Idee, Regulierung durch "Education" zu ersetzen, findet er gut. Im Internet solle man am besten "nichts" regulieren. Jugendschutz? Die "YouPorn"-Gesellschaft finde aber auf jeden Fall statt. "Und die kriege ich auch nicht wegreguliert."

Auch Frau Gerlach ist gegen diese "Klassifizierung" ... und ist damit genauso auf dem Antihierarchie-Trip wie Herr Imme. Aber: Sie hat kein Facebook-Account, sie twittert nicht, sie will Teile ihres Lebens in der Intimität halten. Und sie möchte gerne die Macht über ihre Daten behalten. Sie wünscht sich Qualität im Netz. Sie findet es richtig, dass die Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen nur noch für sieben Tage zugänglich sind. Wenn Sie 100 Millionen Euro hätte, würde sie damit eine schön eingeführte Marke kaufen, um diese ins Netz zu bringen. YouTube ist eine besondere Herausforderung für die Medien-Gremien. Wie kann man die Regulierung auf dieses Interaktionsmuster hin anpassen? Wir brauchen ein eigenes neues Leitbild in den Gremien, um auch den virtuellen Raum mit gestalten zu können.

15:45 | Dialog
www.fern-sehen.com
Braucht Deutschland eine neue Medienordnung?
- Hans-Joachim Otto MdB
Parl. Staatssekretär, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie
- Martin Stadelmaier
Staatssekretär, CdS Rheinland-Pfalz, Rundfunkkommission der Länder

Diesen Dialog lohnt es sich wirklich im Streaming anzusehen.

Hier treffen wahrlich zwei Kontrahenten auf- und gegeneinander, die erfrischend deutlich sind in ihrer Zuweisung von Schuldvorwürfen.

Es gebe nach wie vor keinen einheitlichen Ansprechpartner für das Thema Medien, das habe sich Stadelmaier schon von der alten Regierung gewünscht und würde er sich auch auf der neuen Ebene wünschen.

Moderation und Koordination sei immer schön, so Otto. Die Telekommunikation liegt beim BMWi. Und mit Herrn Neumann habe er auch einen sehr guten Kontakt. "Sie können ruhig mit mir reden. Und ich bin durchaus befugt, für die Bundesregierung was zu sagen." Es bedarf nach Meinung von Herrn Otto einer grundlegenden Neuordnung und Regulierung.

Auch die Medien- und Kommunikations-Ordnung sei ein Thema der Enquete-Kommission.

Alle freiwilligen Selbstkontrollen können nach Meinung von Herrn Stadelmaier abgeschafft werden.

Es wäre doch sinnvoll, die Regulierung der öffentlich-rechtlichen Medien auch bei den Landesmedienanstalten anzusiedeln, so Herr Otto. Seine Kernfrage lautet: Brauchen wir eine einheitliche Kommunikations- und Medienordnung?

Stadelmaier: Wir sollten den Entwicklungen nicht vorauseilen, sondern in der Nachverfolgung aktiv sein.

Otto: Die Änderungen in den Staatsverträgen sind zu vertrackt, als dass dies noch verständlich sein könnte. "Wir haben keine öffentlich-rechtlichen Multi-Media-Anstalten, sondern Rundfunk-Anstalten."

Stadelmaier: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat auch im Netz (s)eine Aufgabe, allerdings nicht für Kochbücher oder für Partnervermittlung.

Was braucht die Gesellschaft für ihre Selbstverständigung?

Otto: das öffentlich-rechtliche Angebot. Und das muss auch im Internet stattfinden. Aber nicht mit speziell für’s Internet aufbereiteten Inhalten.

Stadelmaier: Wir brauchen freien Journalismus zu anständigen materiellen Bedingungen. Das gilt auch für Blogs, aus denen sich dann Geschäftsmodelle entwickeln.

III.

So. Das war’s.

Der Tag geht mit einem kleinen Empfang zu Ende. Viele sind aber auch schon unmittelbar nach dem Ende dieses Dialoges gegangen.

Eigentlich gibt es keinen wirklichen Anlass noch zu verweilen. Es ist alles gesagt worden, was an diesem Tag möglich war. Jeder hat gesagt, was ihm möglich war. Und einige der Referenten habe es auch gewagt, in die Zukunft zu blicken und Sachen zu sagen, die heute noch ganz und gar unmöglich scheinen.

So weit, so gut.

Und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Und der verbleibt trotz der guten Organisation, der angemessenen Betreuung, des guten Kaffees... alle haben das ihnen Mögliche getan. Und das sollte auch gewürdigt werden.

Aber was als nachhaltiger Eindruck verbleibt, ist ein Umstand, der sich erst aus der grösseren Gesamtsicht über diesen Tag so nach und nach ableiten lässt: Es ist die Tatsache, dass es kaum einen Dialog zwischen den Beteiligten geben hat.

Ja, auf den Gängen und in den Pausen. Durchaus. Solche Momente auch dieser Tagung sind vielleicht sogar die wichtigsten überhaupt gewesen. Aber nicht auf der Bühne.

Jeder hatte seinen Text - und kaum auf das gehört, was von anderer Seite vorgetragen wurde. Die Einlassungen "der Jugend" verhallten ebenso im Raum wie die "der Wissenschaft", die Prognosen in Richtung "Zukunft" blieben ebenso als Gedankenhülsen im Raum stehen wie die wenigen Bezüge, die auf "Vergangenheit" gemacht worden waren.

Der "Dialogue de sourds" - wie man so etwas im Französischen nennen würde - der uns da am Schluss der Veranstaltung exemplarisch vorgeführt wurde, war in gewisser Weise "typisch" für das ganze Geschehen.

Jeder hatte etwas zu sagen. Und der Wille, das zu tun, schien wesentlich ausgeprägter als zuhören zu wollen, was von anderer Seite vorgetragen wurde bzw. werden sollte. Diese Einstellung des "I am myself alone" liess letztendlich den wissbegierigen Betrachter der Szene im Regen stehen. Hier redeten Leute miteinander, die ein gerüttelt Maass an Sachverstand mitbringen können, den sie in mehr als 25 Jahren Privaten Rundfunks gewonnen haben. Aber der Wille, an neue Ufer aufbrechen zu wollen, wird kaum spürbar.


Eine weitere Reflektion des schreibenden Beobachters im Zusammenhang mit diesem Thema findet sich am Ende der Woche unter fern-sehen nach-geschrieben.

Anmerkungen

[1Wer auf diese Seite geht, kann zu all den hier genannten Namen auch weiterführende Links zu den aufgeführten Personen finden. Ebenso weiterführende Pressemitteilungen wie die folgende:

Word - 669.5 kB
DLM Symposium_Pressemitteilung_09.02.2010

.

[2Ein besonderer Dank an den Veranstalter und die Technik. In diesem Jahr war im Presseraum auch ein LAN-Anschluss hergestellt worden und im Veranstaltungsraum stand ein stabiles - wenn auch offenes - W-LAN zur Verfügung, so dass es möglich war, direkt vom Ort des Geschehens zu berichten.

[3Dieser Impulsvortrag wurde versäumt. Es war nämlich eine wichtige und fruchtbare Entscheidung, direkt mit dem Keynote-Speaker ein ausführlicheres Gespräch zu führen. Darin ging es nochmals um die Aufgabe der "Intermediates" - auch in Bezug auf die im Netz verlorene und wiedergewonnene Zeit.
Es wird am Ende des Gesprächs vereinbart, eine Rezension über sein Buch "Delete" zu schreiben und dabei auch einen Teil des heute gepflegten Diskurses einfliessen zu lassen.

[4kurzfristig entschuldigt

[5Der Mann hat schnell und gut gelernt in dem einen Jahr, seit dem er sich jetzt mit diesem neuen Projekt zu beschäftigen hat. Und er macht damit deutlich, dass er auch als Quereinsteiger sich qualifiziert und kompetent einbringen - und diplomatisch verhalten kann. Und das, ohne dabei die eigene Meinung unter den Tisch kehren zu wollen. WS.

[6Dieser Scherz kommt an, in anderen Fällen hatte man schon geglaubt, dieser Vorschlag wäre ernst gemeint gewesen.


 An dieser Stelle wird der Text von 28110 Zeichen mit folgender VG Wort Zählmarke erfasst:
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