Login: Passwort

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 13 Minuten

 

I.

Der Mensch hat einen Vornamen und einen Nachnamen. | Dein Rechner hat ein Login und ein Passwort.

Wenn Du einen Menschen kennenlernen wirst, fragst Du ihn nach seinem Namen. | Bevor ein Rechner Dir den Zugang zu seinen Anwendungen gewährt, fragt er nach seiner Benutzerkennung und einem Kennwort.

Ein Mensch hat bereits bei seiner Geburt einen feststehenden Nachnamen und er erhält von seinen Erzeugern einen (nicht ganz frei auswählbaren) Vornamen. | Der Rechner fragt dann bei seiner ersten Inbetriebnahme nach einem Benutzernamen und einem Computernamen.

Menschen-Namen dürfen dabei keine Warennamen sein. | Und: "Computernamen dürfen nicht nur aus Ziffern bestehen, dürfen keine Leerzeichen enthalten und dürfen nicht mit dem Benutzernamen identisch sein" [1].

Die Namen von Menschen sollten sich nicht allzu oft doppeln. | "Computer in einem Netzwerk müssen über eindeutige Namen verfügen, damit sie sich gegenseitig identifizieren und miteinander kommunizieren können".

Die Menschen bekommen heute eine Identitätsnummer | Die Betriebssysteme werden mit einem "Produkt-License-Key" identifiziert.

II.

Am Anfang war das Wort" [2]

Menschen wie Computer sollen also durch ihre Namen in ihrer jeweiligen Umgebung eindeutig identifizierbar und voneinander unterscheidbar sein.

Was aber,
— wenn aus dieser Pflicht zur Zueignung von Namen und Worten eine Vergewaltigung des Namensgebers, der Namensgeberin wird,
— wenn die Passwortsammlung und ihr Schutz vor fremden Zugriffen zur Pflicht wird,
— wenn es so viele Rechner und Anwendungen zu identifizieren und zu personalisieren gibt, dass man nicht mehr weiss, wen und was man wann mit welchem Namen und mit welchem Passwort belegt hat.

Es scheint dann so, dass man eigentlich nicht mehr von seinem Rechner bedient wird sondern wir schon "bedient" sind, bevor man sich überhaupt noch des Rechners zu bedienen beginnt.

III.

Wir alle wissen, dass es - im Beruf wie Privat - nicht mehr ohne diese Maschinen geht. Auch wenn wir dies nicht immer gerne ein-sehen wollen.

Und diese Not-Wendigkeit führt dazu, dass selbst bei allem Vorsatz zur Verweigerung es keinen Weg mehr an der Konfrontation mit dieser Veränderung vorbei gibt: kein Architekt, kein Banker, kein Grafiker, kein Journalist, kein Filmemacher, kein Lagerverwalter, kein Musiker, kein Pfarrer, kein Schriftsteller, kein Verwaltungsangestellter, der sich nicht mit dieser Infrastruktur konfrontiert sieht. [3]

Die Entwicklung ist so schnell und so weit voran geschritten, dass sich das Ganze heute schon im Alltagsdeutsch wiederfindet. In weniger als einem Jahrzehnt ist das Verb "googeln" geboren worden. Und wenn heute der Vorwurf zu hören ist: "Du musst wohl mal wieder Deine Platte putzen", dann ist damit beileibe nicht der blanke Schädel gemeint.

Also selbst jene Menschen, die sich bis heute immer noch weigern und auch dafür gute Gründe vorzugeben meinen, warum bei Ihnen ein Computer nichts zu suchen habe, werden mehr denn je damit konfrontiert, dass die Allgegenwart dieser Maschinen selbst bei ihnen Eingang gefunden hat: Durch das Ohr, durch die Sprache.

IV.

Und nicht nur das: Ein Fernseher, ein Telefon, eine Spielkonsole, das alles sind nichts anderes mehr als hochkomplexe Rechner im Miniformat, umgeben von allerlei Plaste und Elaste...

All das ist nicht mehr viel mehr als eine Verkleidung von Gewerke, deren Innenleben wir noch wenige verstehen als zu Zeiten der Folgen der Industriellen Revolution. Früher liess sich ein Rundfunkempfänger noch auseinander bauen, in seine Einzelteile zerlegen und auf diese Weise auch entdecken und in seiner Funktionsweise verstehen. Heute ist das - selbst bei einem Auto - kaum noch möglich...

Eigentlich verstehen wir nicht mehr wirklich, was da um uns herum und mit uns geschieht. Die Wirklichkeit, mit der wir konfrontiert werden ist eine zunehmend virtuelle. Und das ist ein Affront für viele, in nicht gleich von Kindesbeinen an mit und vielleicht sogar schon in dieser Welt aufgewachsen sind: mit einem Alias anstatt einem Spitzname, mit Multitasking und Mutitouch, anstatt mit einem "Pinnball-Wizzard" und dem "feel me, heal me" - Verlangen.

V.

Per Knopfdruck wird Dir heute angeboten, das der Präsident der Vereinigten Staaten Dein "Freund" wird, und zugleich werden wir von den staatlichen Organen dazu aufgefordert, uns nicht in solcher Offenheit vermittels dieser Maschinen auch anderen Menschen zu offenbaren.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg "i’m trying to make the world a more open place." hatte seit Freitag, dem 8. Januar 2010 auf seiner Seite auch hunderte von Privatfotos eingestellt und freigegeben, ganz so, wie es die neuen Facebook-Einstellungen es auch als Default-Wert nahelegen: danach können auch Nicht-Mitglieder der Community, jene, die nicht Freunde der Freunde sind, können Hinz und Kunz alles zu sehen bekommen, was ins Netz gestellt wurden.

Mark: "Für die, die sich darüber wundern, ich habe die meisten meiner Inhalte auf öffentlich gesetzt, damit die Leute sie sehen können. Einige meiner Inhalte habe ich privater gehalten, aber ich habe keine Notwendigkeit gesehen die Sichtbarkeit von Bildern mit meinen Freunden, meiner Familie oder meinem Teddy-Bären einzuschränken".

PS.

Diese ist nicht das Vorgehen eines Wahnsinnigen, dies hat Methode. Und dafür gibt es Gründe.

Identifizierbarkeit und Identität brechen in dieser neuen Sicht auf das Private immer weiter auseinander. Der Versuch, alles sichtbar zu machen ist der Versuch, sich dem Ziel nach der totalen Öffentlichkeit einer globalen Allgegenwart anzunähern.

Diese sich im Hier und Jetzt aufgehoben fühlen zu wollen, wird durch das Versprechen "always on" sein zu können, in eine neue Dimension geführt.

Der Computer als abgewracktes und zugleich allgegenwärtiges Element des Glaubens an eine Welt, die uns "at your fingertips" zur Verfügung steht. Die Auf-Forderung: "Mache Dir die Welt untertan" beginnt sich ein einer neuen Dimension im Virtuellen als verwirklichbar zu entfalten.

Während Firmen wie Google anfangen, heute auch Geräte zu bauen, in denen diese neue Potenzen der Allgegenwart auch ständig manifestiert werden können, ist die eigentliche Kraft dieser Computisierung in dem Umstand zu erleben, dass wir endlich das Gefühl haben können, dass uns ein solche Maschine nicht nur einschränkt, sondern uns neue Frei-Räume entfaltet.

Wir sind frei, jedem Rechner und jedem Avatar (fast) jeden Namen zu geben, der uns einfällt [4]

Aber jeder andere Aus-Nutzer ist auch frei, jede Verbindung zu unserem eigenen Namen als Netz-Nutzer herzustellen. Und damit ein Maximum über uns zu erfahren.

Der Versuch, der Wille, die Notwendigkeit, sich dagegen mit Benutzerkennungen und Passwörtern zu schützen, steht dazu nicht im Widerspruch. Sondern wirft ein bezeichnendes Licht auf die ganze Widersprüchlichkeit der aktuellen Lebens- und Arbeitsumstände.

Anmerkungen

[1Und keine Sonderzeichen wie diese enthalten <>;:"*+=|?,

[2oder, wie es im Joh 1,1-18 heisst:
Im Anfang war der Logos,
und der Logos war bei Gott,
und Gott war der Logos,
.

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", steht in Gen 1,1. Im Deutschen kann man besser als im Griechischen und Hebräischen unterscheiden: "Im Anfang war das Wort" (Joh 1,1). Zwischen "am" und "im" liegt ein qualitativer Sprung. Himmel und Erde sind Teil der Schöpfung. Der Logos, das Wort, gehört nicht auf die Seite der Schöpfung, sondern des Schöpfers."

Aus: "Kirchenseite.de, Online mit dem Bistum Münster.

[3Um es hier noch einmal und all für allemal zu sagen: Auch wenn hier das Maskulin verwendet wird, sind damit immer Frauen wie Männer gemeint.

[4Hier nochmals der Verweis, dass dieses bei Second Life nach wie vor nicht möglich ist, sondern die Avatare hier aus einem Vorrat an vorgefertigten Namen und Vorname zu benennen sind.


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