Konvergenter Kindergarten

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 10 Minuten

 

Endlich ist die Familie beisammen. Und es ist hohe Zeit, sich in der gemeinsamen freien Zeit anzuschauen, welche Filme aus der analogen Zeit heute noch das Leben der vergangenen Jahre widerspiegeln.

Aber: Der grosse Flachbildschirm hat den Fernseher ersetzt, die Playstation den DVD-Player und die Fernbedienung ist heute durch das Steuergerät abgelöst worden.

Bedienen tut das Ganze - auf Wunsch des Pater Familias - die Jüngste. Sie ist es, die am besten weiss, wie die Silberscheiben eingelesen und wie die einzelnen Kapitel auf der DVD abgerufen werden können. Nur beim Verkabeln hilft der Älteste nochmals aus, damit zu den Bewegtbildern auch der Ton angehört werden kann.

Vorbei die Zeit des ratternden Projektors. Die einst auf Agfa und Kodak gedrehten Super-Acht-Filme sind längst aus den alten Pappschachteln ausgepackt und auf einen Filmscanner gelegt worden. Und auch die Filme der ersten Videogeneration sind inzwischen längst umkopiert und in ein aktuelles Produktionsformat umgewandelt worden.

Heute kommt alles in bester Qualität über den Bildschirm wieder auf uns zu. Selbst die alten Filme, inklusive der Spuren, die ihre Zeit auf ihnen hinterlassen hat. Es ist, als ob die Zeit stehen geblieben sei und doch wirkt alles so, als es auf den aktuellen Zustand der Betrachtung - und der Betrachter - ausgerichtet ist.

Kein und keiner der damals Gefilmten war sich in jenen Momenten dessen bewusst, dass sie ihr Kindsein einst im Zustand des Erwachsenen nochmals betrachtet werden würden, mit all der Distanz und dem lachenden Betrachten gegenüber dem damaligen Tun.

Man sieht sich selber - im Spiel der bewegten Bilder - aber ohne deren damalige Begleiterscheinungen der Entstehung. Der Film als Trägermedium ist obsolet, ebenso wie die ihm nachfolgende Videokassette. Und alsbald werden auch die DVD’s und Blue-Ray-Player abgelöst worden sein von Systemen, die all das Vergangene nur noch aus einer "Cloud" abrufen werden.

Die Fixierung der Erinnerung wird alsbald jegliches Trägermedium verloren haben. "Krapps Last Tape", "Das letzte Band", wie es im Deutschen heisst, von Becket, wird endgültig der Erinnerung an die Organisation der Erinnerung angehören.

Sein betrachten und besprechen der "Spuuulle, Spuuuule, Spuuuule" wird in der Zeit der MP3-Files nicht mehr wiederholt werden können - und alsbald auch nicht mehr verstanden. So, wie viele Kinder heute schon nicht mehr wissen, wie man die Wählscheibe eines Telefons bedient hatte.

Im Zeitalter der Numerisierung geschieht alles auf Knopfdruck. Selbst das Zählen der Zahlen und das Schreiben der Worte. Jede Zahl ist nur noch eine Summe von Nullen und Einsern und beim geschriebenen Wort scheint nur noch das Ja oder das Nein zu gelten. Sehen tun wir von dieser Veränderung beim Betrachten der alten Filme nicht, ausser dass sie nicht ganz so klar und scharf sind wie das aktuelle Material. Und doch sind diese bewegten Bilder aus den alten Zeiten nicht mehr die alten. Ihre Digitalisierung und Ablösung vom Trägermedium haben sie im doppelten Sinne "zeitlos" gemacht.

Heute bedarf es des Knopfdrucks der Jüngsten, um sie in der Umgebung der aktuellen Medienausstattung wieder der ganzen Familie zur Verfügung zu stehen, auch jenen, die inzwischen erwachsen gewordenen sind. Und die Erwachsenen von einst sind es nicht mehr gewohnt damit umzugehen und sie fragen sich, was wohl die Jugendlichen von heute mit ihren Bildern von damals noch werden anfangen können.

Aber innerhalb der Familie lernen die Generationen voneinander und sie erkennen, dass die Konvergenz nicht nur etwas mit den Medien zu tun, sondern auch mit der Aufgabe, den Bruch der Welten in den eigenen Welt-Bildern wieder aufzufangen.


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