Es gibt keinen gerechten Krieg

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 10 Minuten

 

An diesem ganz besonderen Tag will der Eintrag früh geschrieben sein. Denn an diesem Tag gibt es wahrlich anderes zu tun, als für diese Online-Gazette noch neue Texte zu verfassen.

Der Zufall will es, dass schon die morgendliche Begegnung mit den Print-Medien die Anlass für die nachfolgenden Zeilen liefert.

Beim Brötchen- und Zeitschriftenhändler - er hat sich jetzt vergrössert und hat sogar eine Ess-Ecke für das Publikum, dass sich vor Ort bedienen lassen möchte - liegen vor der Kasse die an diesem Tag wohl am besten zu verkaufenden Tageszeitungen vor.

Das Titelbaltt der BZ ist voll und ganz gecovert von dem Bild einer "Heiligen Familie" - allerdings mit der Darstellung von Menschen, die es offensichtlich heute wirklich gibt und die in die Gewänder dieser biblischen Gestalten geschlüpft sind.

Davor liegt unter dem Tresen die Berliner Zeitung, von der nicht der ganze Text der Headline zu lesen ist. Sie wird als kurz ganz hervorgezogen um dann lesen zu können: "Es gibt keinen gerechten Krieg."

Später, am Ende dieses Textes werden wir nochmal "nachgoogeln" und schauen, wer der Urheber dieses Zitates ist und welche These sich dahinter verbirgt - die dann zu verifizierende Vermutung lautet, dass es sich um eine Art Weihnachtsbotschaft einer Kirche - wahrscheinlich eher der protestantischen - handeln wird. [1]

Was hier zunächst einmal - und sei es noch so oberflächlich - festgehalten werden soll, dass ist der Umstand, dass an dem Tag, an dem - wohl wieder einmal - am häufigsten innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden der Weltfrieden angemahnt werden wird, dass an einen solchen Tag nicht mit dem Thema Frieden, sondern mit dem Thema Krieg die Titelgeschichte aufgemacht wird.

Ja, dieses ist nicht nur das Weihnachtsfest in einer inzwischen konsolidierten sechzigjährigen Republik, sondern es ist auch das erste Mal, dass in den Vorweihnachtstagen viel und heftig über das militärische Engagement der Bundeswehr im Ausland geredet, diskutiert, gestritten wird - ja, dass sogar im Verlauf dieser Diskussion ein Minister seinen Hut nehmen muss. Und das sogar dann, als er bereits sein Amt gewechselt und in der neuen Bundesregierung ein neues Ressort übernommen hatte.

Dieses sei, wie man heute so gerne zu sagen pflegt, "eine neue Qualität" in der Debatte - wobei offensichtlich nicht so sehr die Debatte selbst gemeint ist sondern der Umstand, dass wir hier nicht mehr von der Bundeswehr als einem Friedensbringer reden, sondern von einem militärischen Verband, dessen Aufgabe es sein wird - und sein muss - zu töten.

"Die neue Qualität", dass ist die Aussage des neuen Ministers der Verteidigung, dass sich die Truppe mit Verhältnissen herumzuschlagen hat, die "kriegsähnlichen Zuständen" vergleichbar sind - "kriegsähnlich" deshalb, weil Deutschland "den Taliban" offiziell nicht den Krieg erklärt hat.

"Die neue Qualität" ist aber auch, dass wir jetzt plötzlich in einer Art Turbo-Kapitalisierung nachholen, was wir über viele Jahrzehnte fast völlig aus den Augen verloren hat: dass "wir" wieder eine unter Waffen stehenden Armee, Luftwaffe und Marine unterhalten, finanzieren und befehligen, die von sich selbst behauptet, für alles andere Gut zu sein als für die Krieg.

"Die neue Qualität" dass ist der Umstand, dass sich mit dem wachsenden Reifegrad der Nation herausstellt, wie viele mentale Rückstände immer noch aufzuabeiten sind. Das, was wir derzeit erleben, das ist die Kehrseite der für ein Deutsch-Land, das sich als Gastgeber einer Fussball-Weltmesterschaft wacker geschlagen und im Focus der ganze Welt als Gastgeber wahrlich bewährt hat.

"Die neue Qualität", das ist der uns allzu fern liegenden Gedanke von der Wehrhaftigkeit und Wahrhaftigkeit einer Kirche, die für sich über viele Jahrhunderte in Anspruch genommen hat, die Waffen zu segnen und jene, die über ihren Einsatz zu befehlen hatten in ihrem Tun zu ermutigen, ja, ihnen den christlichen Beistand für ihr Tun zuzusagen.

... Aber vielleicht lesen wir doch nochmal nach, ob die eingangs geäusserte Vermutung gestimmt hat [2].

Es geht um einen Bericht von Katja Tichomirowa und Holger Schmale der mit den folgenden Zeilen aufgemacht wird:

Politik

„Es gibt keinen gerechten Krieg“

Berlin - Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hat den Krieg in Afghanistan scharf verurteilt und den geordneten Abzug der Bundeswehr verlangt. Im Interview der Berliner Zeitung erinnerte sie zu Weihnachten an die Friedensbotschaft der christlichen Kirchen und forderte eine zivile Lösungsstrategie für Afghanistan. „Es gibt keinen gerechten Krieg“, sagte Käßmann.

Deutschland, so heisst es in dem Bericht an anderer Stelle weiter, stelle nicht nur das drittgrößte Kontingent der Streitkräfte in Afghanistan, sondern sei auch der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt. „Wir verdienen auch noch an den Kriegen, die wir dann beklagen“, so Käßmann. Krieg setze ein Gewaltpotenzial frei, für das es keine Rechtfertigung gebe. Sie verwies auch auf die schweren seelischen Erschütterungen von Bundeswehrsoldaten, die mit den Erinnerungen an ihren Einsatz nicht fertig würden. „Es ist gut, dass es zu diesen Weihnachten ein verstärktes Bewusstsein dafür gibt.“ Der Trost der Weihnachtsbotschaft liege in der Hoffnung auf eine friedliche Gesellschaft.


Nachtrag vom 12. Januar 2010:

Als pars pro toto für die weitere Entwicklung und die folgende seitdem angestossene Diskussion hier einige Zeitungskommentar aus den Ausgaben des 12. Januar 2010 [3]:

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG:

"Dieser Minister [zu Guttenberg - WS.] lässt sich nicht das Heft aus der Hand nehmen, diese Bischöfin lässt sich nicht den Mund verbieten. Statt auf einen beschleunigten Abzug zu dringen, ist Frau Käßmann nun bereit, mit Guttenberg das Einsatzgebiet zu besuchen. Der Minister eröffnet das Zwiegespräch mit der EKD, die Bischöfin stellt sich dem Gespräch mit der Bundeswehrführung. Der ’sinnstiftende Dialog’ nimmt seinen Anfang. Guttenberg wird nicht (mehr) zum Buhmann einer neuen Friedensbewegung werden - und trotzdem von den Soldaten anerkannt sein: Nach dem Friedensgespräch mit Frau Käßmann besuchte er das Gefechtsübungszentrum für die Afghanistan-Truppe."

RHEIN-NECKAR-ZEITUNG [Heidelberg]:

"Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat einmal mehr sein politisches Gespür unter Beweis gestellt. Im Gegen- satz zu vielen seiner Politiker-Kollegen verzichtete er dar- auf, in den Kanon der Empörung über Bischöfin Margot Käßmann einzustimmen, die einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert hatte. Stattdessen lud er die Kirchenfrau zu einem Dialog - und bot ihr an, sich in Afghanistan selbst ein Bild der Lage zu machen. Denn der Verteidigungsminister weiß, dass die Mehrheit der Bundesbürger ähnlich denkt wie Käßmann. Mehr als zwei Drittel sähen die deutschen Soldaten lieber heute als morgen wieder zuhause. Es hilft daher nichts, kritische Stim- men einfach niederzumachen oder als naiv abzukanzeln - zumal es nicht nur das Recht der Kirchen sondern eine der Grundlagen des christlichen Glaubens ist, Gewaltlosigkeit zu predigen."

LEIPZIGER VOLKSZEITUNG:

"Die von der Bischöfin geäußerte Skepsis gegenüber dem Kriegseinsatz am Hindukusch wird durch eine Truppen-Visite an der Seite des Ministers ganz sicher nicht beseitigt. Guttenberg hat es sich mit seiner Reiseeinladung ein wenig zu einfach gemacht - und die EKD-Ratsvorsitzende hat, nach der vielen Kritik, vielleicht nicht mehr die Traute gehabt, das vergiftete Minister-Angebot als solches zu benennen".

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG:

"Ihr Verdienst liegt in Wahrheit darin, dass sie mit dem Satz ’Nichts ist gut in Afghanistan’ die Harmonie gestört hat; nicht einmal in erklärter Absicht, sondern weil die Zeit reif war, über den Krieg zu reden. Das haben die Deutschen den ganzen Herbst über vermieden. Die Silvesterpredigt der Bischöfin hat das Schweigen durchbrochen. Reden über einen unabsehbar langen, selbstgeführten Krieg, das mussten die Deutschen so noch nie. Nun müssen sie es tun: darüber, dass die Ziele von 2001 aus dem Blick geraten, dass Bundeswehrsoldaten töten und getötet werden. Sie müssen darüber reden, dass es keine erkennbare Planung gibt, wie die Bundeswehr jemals wieder das Land verlassen will. Aber auch, dass viele Afghanen glücklich über den Luftangriff waren, weil er für eine Weile den Terror der Taliban in der Region verringerte. Nach der Wahrheit zu fragen, tut weh. Doch wer den Afghanistan-Einsatz ethisch begründen will, muss die Frage stellen."

Die MITTELDEUTSCHE ZEITUNG [Halle] :

"Christen fragen sich nicht erst dieser Tage, welchen Beitrag der Krieg in Afghanistan und die deutsche Beteiligung daran leisten können, die Zustände vor Ort dauerhaft zu bessern und dem internationalen Terrorismus das Wasser abzugraben. Damit sind weder die guten Absichten noch der Mut der Soldaten in Abrede gestellt. Im Übrigen steht es jedem, Christ oder Nichtchrist, frei, grundsätzlich über die Tauglichkeit des Krieges als Mittel zur Friedenssicherung zu urteilen."

Anmerkungen

[1Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln hatte sich ja letztlich schon in einem längeren Interview am 20. Dezember 2009 mit dem geschickt fragenden Herrn Jürgen Liminski vom Deutschlandfunk "zur Lage" geäussert und dabei im Zusammenhang der Vor-Bild-Funktion der christlichen Familie "Vater - Mutter - Kinder" erklärt:

Liminski: Fehlt es denn an Vorbildern, mangelt es an Bekennermut in der Politik?

Meisner: Also, das würde ich schon sagen. Aber nicht nur in der Politik, auch in der Kirche. Hier würde ich mir manchmal auch bei Bischöfen und auch bei manchen Priestern ein offeneres Wort der Kritik wünschen, aber immer in dem Bewusstsein: Wer stehe, sehe zu, dass er nicht falle. Wenn ich da denke - die Gründungsväter und -mütter von Europa. Das sind Menschen, an denen man Maß nimmt. Oder - was hat mir schon als Priester der Kardinal Woytila bedeutet, oder mein Heimatbischof Aufderbeck. Oder was hat mir meine arme Mutter bedeutet, die uns vier Jungens ohne Vater nach dem Krieg durchbringen musste? Das prägt mich bis heute, von diesem Kapital lebe ich bis heute. Ich will über gegenwärtige Leute nichts sagen, aber ich suche weitgehend solche Typen bis jetzt vergeblich.

Und weiter:

Liminski: Hat Deutschland eine Verantwortung in der Welt, oder - um es noch konkreter zu sagen - muss man für diese Verantwortung manchmal auch einen sogenannten gerechten Krieg in Kauf nehmen?

Meisner: Sie wissen ja, die Frage mit dem gerechten Krieg, die sollten wir gar nicht mehr ventilieren. Man sagt, Krieg ist nie etwas Gutes. Und mit gerechtem Krieg - ich weiß, dass das in der Geschichte, auch in der christlichen Tradition, immer eine Rolle gespielt hat. Ich werde nur sagen müssen, zum Beispiel wenn wir überfallen werden, dann werden wir uns nicht ducken dürfen, dann müssen wir uns zur Wehr setzen. Und die Politik hat die Aufgabe, dass solche Überfälle nicht mehr stattfinden. Wir brauchen ja wirklich eine große Weltpolitik wie das der Heilige Vater in seinen Schriften und in seinen Reden immer wieder anmahnt. Die UNO ist ja ein verheißungsvoller Anfang, aber das muss weiter entwickelt werden.

[2Wir zitieren hier aus den meisten jener Online-Versionen von Print-Ausgaben, die tagesaktuell im Netz zu finden sind, ohne dass man dafür zu bezahlen hat.
Allerdings mit der Einschränkung, dass sich oft der Text zwar so aufspüren lassen kann, aber vielfach nicht mehr erkennbar ist, in welchem Format und an welcher Stelle dieser auf der Seite der Print-Ausgabe zu sehen gewesen war.

[3so wie sie an diesem Tag gegen 8.50 Uhr im Deutschlandfunk vorgelesen wurden


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