Lieber Peter,

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 08 Minuten

 

dieses ist einer jener Augenblicke, von denen wir beide wissen, dass wir ihnen nicht entkommen können: Du, der sich in Folge eines runden Geburtstages eine Rede wirst anhören müssen und Dein Gegenüber, der hier als einer der hier Versammelten mit einigen wohl gesetzten Worten aufwarten wird.

I.

Sei’s drum. Es ist in unserem Beruf wahrlich nicht das erste Mal, dass wir mit Worten die Taten der Anderen beschreiben, wieder aufleben lassen, aber auch analysieren. Und gelegentlich auch mit Lob und Tadel kommentierend begleiten.

Dabei haben wir es durchaus gelernt, Bericht und Kommentar zu trennen, Meldung und Meinung, Tagesaktualität und Tratsch.

In dem Text, der Dir heute hier vorgetragen wird, ist nichts davon gültig. Denn er ist persönlich und sachlich zugleich, allgemeingültig und doch alles andere als unverbindlich. Und: er ist das Ergebnis einer Entscheidung, all dies hier Gesagte zuvor aufgeschrieben zu haben.

II.

Auch wenn wir hier zusammenstehen: Dies hier ist alles andere ein Stehsatz. All das hier Aufgeschriebene gilt für diesen Moment: Hier und Jetzt. Und vielleicht auch noch darüber hinaus.

Wir reden hier Klartext. Alle redaktionellen Eingriffe sind obsolet, denn all das hier Gesagte ist schon jetzt Gegenstand unserer öffentlichen Wahrnehmung.

III.

Und das ist gut so. Denn, wer sich im Internet nach Dir umschaut, erhält den Eindruck, dass Dein Leben und die Liebe zum Beruf erst nach dem Ausscheiden aus den Gliederungen des Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunks so richtig begonnen habe.

Wir, die wir heute um Dich herum versammelt sind, wissen um dieses Wirken. Und: Wir wissen, dass diese, Deine Arbeit und unsere Präsenz hier an diesem Tage in einem ursächlichen, sich gegenseitig bedingenden Zusammenhang stehen.

IV.

Die heutige Begegnung findet aus Anlass Deines Geburtstages statt, aber nicht am Tage desselben. Die ausführliche Recherche nach Deinem "Leben und Werk" wirft mehr Fragen auf, als dass sie Antworten bereithielte, selbst auf so einfache Fragestellungen wie die nach Deinem Geburtstag.

So findet sich als eine der wenigen Quellen im Printarchiv der Spinger-Gazetten eine Meldung vom 10. Juni 2008 07:18, wonach es einen neuen Vorsitzenden des Journalistenverbandes in Berlin gäbe, nämlich den früheren SFB-Hauptabteilungsleiter und Chefredakteur Peter Pistorius. der - Zitat - "am Mittwoch 66 Jahre alt wird".

C’est tout.

V.

Aber nicht nur die Hinweise zu Deinem Geburtstag sind rar und kryptisch. Insgesamt ist im Netz die Datenlage über deine Zeit vor der Pensionierung viel weniger dicht als die für die Zeit danach.

Das ist interessant. Denn wir reden so viel von dem sogenannten "Digitalen Graben", von jener Trennung, die durch die Gesellschaft geht: Von den "Digital Natives" und Digital Immigrants" auf der einen Seite und den "Nonlinern" auf der anderen.

Die Recherchen zu Deiner Person zeigen aber, dass dieser Graben auch mitten durch die eigene Lebens-Geschichte führt. Zumal dann, wenn man nichts selber dazu unternommen hat, seine Vita in ihrer Kontinuität in der digitalen Welt wieder herzustellen bzw. darin herauszustellen.


VI.

Neben den bekannten Stationen beim HR und beim SFB, in Bruxelles und in Rom wäre es doch interessant gewesen zu erfahren, ob es da nicht noch andere Lebensabschnitte gegeben hat, mit anderen Tätigkeitsschwerpunkten und Interessen. Oder da wäre die Frage, zu welchen Thema Du eigentlich Deine Promotion geschrieben hast.

Das wäre schon deshalb interessant, weil irgendwie herausgekommen ist, dass mein Praxis des Be-Schreibens, aber auch des In-Szenierens und des Sezierens der Wirklichkeit viel mit Leben und Werk Bertolt Brechts [Eugen Berthold Friedrich Brecht ] zu tun hatte - und immer noch hat.

Gerade jetzt, wo wir auch im eigenen Hause durchaus schwere Konflikte durchzustehen haben, hatte ich nämlich aus einem seiner Texte - ich glaube es waren die "Flüchtlingsgespräche" - kursorisch zitiert und gesagt, dass es auch dies meine Vorstellung sei: Dass man nach dem Kampf um Positionen und Perspektiven, die bis aufs Messer geführt würde, am Abend immer noch die Zeit und die Bereitschaft zeigen würde, in die zweite Hand eine Gabel zu nehmen - um dann gemeinsam miteinander zu essen.

Ein Satz, der - wie Du noch erleben wirst - nicht nur von literarischer Güte ist, sondern auch von kulinarischer Attraktivität.

VII.

Also wurde nach-geforscht und der Name Deines Paten und Patrons, zumindest aber Namensgeber Deiner Promotion herausgefunden: "Rudolf Breitscheid 1874 - 1944. Ein biographischer Beitrag zur Deutschen Parteiengeschichte."

So. Wenn dieses ein richtiger Vortrag gewesen wäre, wäre es jetzt zu einer Reihe weiterer Ab-Sätze gekommen, die uns aber alle hier um uns Herumstehenden an dieser Stelle erspart bleiben. Leider - oder Gott-sei-Dank: Je nachdem.

Interessant war es auch von Deiner einjährige Etappe als "Redakteur für Klartextreportagen" bei der satirischen Zeitschrift "Pardon" zu erfahren. Aber auch hier gilt - leider oder Gott-sei-Dank - das Gleiche: keine weiteren Einlassungen zu diesen Themen - oder gar das Verlesen von Fundstücken aus dieser Zeit.

VIII.

Aber wenn stattdessen der Text Deiner Einladung zu diesem heutigen Abend herhalten darf? So ist dort gesagt, dass Du schon seit sieben Jahrzehnten daran gewöhnt seiest, Deinen Geburtstag als ein Präludium zum Weihnachtsfest zu begehen.

Als Sohn einer Musikerin weiß ich, dass auf ein Präludium auch ein Fuge folgt. Und ich habe viele Male meine Mutter an der Orgel üben und spielen, schimpfen und wieder spielen, neu registrieren und wieder spielen hören, bis es dann irgendwann zu einer jener beeindruckenden Schallplattenaufnahmen jener grandiosen Kompositition von Johann Sebastian Bach kam: dem Präludium und Fuge in D-Dur (BWV 531).

Als persönliches Geschenk daher eine Kopie dieser Aufnahme. Ganz in jener analogen Gestalt, wie sie den meisten schon heute nicht mehr geläufig zu sein scheint: als eine sogenannte "Doppel-LP". (In der Hoffnung dass es vielleicht noch irgendwo in der Wohnung einen Schallplattenspieler gibt - und vielleicht sogar noch einen richtigen Röhrenverstärker?).

XI.

Was lernen wir daraus?

- Die Trennung des Lebens zwischen der Analogen und der Digitalen Welt ist eine Herausforderung - und eine Chance zugleich. Das gilt nicht nur für Dich: Uns allen ist es in freier Verantwortung möglich, dem digitalen Graben zu entkommen - unter Anwendung des eigenen Wollens und der Neugier auf das Zukünftige

- Wir haben nie erleben müssen, dass Freunde von uns in Schützengräbern verreckt sind, oder Familienmitglieder auf Nimmer-Wiedersehen in Wagons gesteckt und wie Vieh durch dieses Land verschickt wurden, zu hundertausenden.

- Wenn Dein Geburtstag bislang immer nur als Präludium für nachfolgende Fest-Tage gesehen wurde, dann sollen zumindest heute die diesem Geburtstag nachfolgend Zeit auch als eine Zeit der Erfüllung erlebt werden können.

X.

So: Peter, Du hast es überstanden - und ich auch.

Mögen die Festtage nun noch kommen, unser Fest-Tag ist heute.

"Prosit", wie der Lateiner sagt. Und das heißt bekanntlich in unserer und von mir so geliebten deutschen Sprache - im Klartext sozusagen - "Möge es nützen."

"Prosit", Peter! [1]

Anmerkungen

[1PS: Dieser Text ist zugleich im Andenken an einen Freund, Lehrer und Auftraggeber Names "PP" und dessem heutigen Jahrestag verfasst worden.
Eine seiner Lektionen lautete: "Ideen, Wolf, hat der Mensch wie der Hund Flöhe. Es kommt darauf aus, was man aus ihnen macht."


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