Die Augen-Optiker Parabel

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 07 Minuten

 

Vielleicht ist der Augenoptiker nicht gerade DER Repräsentant der Medien-Industrie. Aber sein Beruf trägt doch wesentlich dazu bei, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben, die gleiche Sicht auf die Dinge haben zu können, die den Menschen gerade in seiner Umgebung beschäftigen mögen.

Beim morgendlichen Eintritt in das Optikergeschäft wurde vor dem Eingang noch sorgsamst gefegt und aufgekehrt.

Im grossen nur mit Glasfenstern nach aussen abgetrennten Empfangsraum sass an der Stirnseite ein Mitarbeiter der Hauses - und telefonierte.

"Ja", so sein reden, " dass es bei EBAY ganz andere Preise gäbe als bei ihm im Laden, das sei ihm auch klar. In seinem - durchaus kompetetiven - Angebot sei eben auch der Preis seines Laden mit drin und der für eine kundenfreundliche und kompetente Belegschaft, die er zu bezahlen habe.

Und so weiter und so fort...

Als sein Gespräch beendet ist, trägt er die Ergebnisse seiner Unterredung in einen Computer ein, dessen Bildschirm vor ihm aufgestellt ist. Und macht danach einfach weiter. Und verrichtet weitere Arbeiten vor eben diesem Bildschirm.

Den Kunden, der wenige Meter neben ihm steht, hat er offensichtlich zwar gesehen, aber nicht wirklich wahrgenommen.

Nachdem sich dieser Zustand an nach guten fünf Minuten weiterer Wartezeit nicht ändert und auch aus der Tiefe der hinteren Räume niemand auf den wartenden Kunden zukommt, setzt sich dieser wieder seine Mütze auf, steckt sein Handy ein, zieht sich die Handschuhe wieder an - und verlässt ohne Gruss den Laden.

NEIN: diese Geschichte wird wahrlich nicht erzählt, weil man hier als der missachtete "König Kunde" sein Leid klagen will. Interessant ist an diesem Vorgang etwas ganz anderes, viel symptomatischeres.

Die Welt des vernetzten Rechners zieht nicht nur neue Bedarfs- und Verkaufs-ströme aus der realen Welt eines Geschäftes in die eines virtuellen Verhandlungs- und Verkaufsraums ab. Sondern der Sog dieser Verhältnisse ist so stark, das auch die, die sich für den Aufbau einer Existenz in der realen Welt - hier eines Geschäftes - entschieden haben von der EDV an den Computerbildschirm gekettet werden. Und das gleich so sehr, dass sie dabei einen wartenden Kunden entweder gar nicht mehr zu Kenntnis nehmen wollen - oder auch können, der er bei der Abwicklung des eigenen Geschäftes eigentlich nur noch stört.

Jede(r), der (die) diesen Text bis hierher gelesen hat, mag jetzt argumentieren, dass dieses sicherlich ein Ausnahmefall gewesen sein mag. Und es wird spannend sein, wenn einst der Eigentümer dieses Geschäftes von diesem Artikel gehört und ihn selber gelesen haben wird.

Und dennoch zeigt dieses wahrlich augenfällige Beispiel, wohin sich die Welt bewegt, wie wenig noch der Mensch als "consumer", "user" und Kunde noch gefragt ist. Und das im Gegensatz zu allen den langäufige postulierten Leitsätzen über die immer noch dominante Bedeutung des Kundenkontaktes als DIE Schnittstelle und DER Auslöser einer Kaufentscheidung.

Der Kunde ist nur dann noch König, wenn die EDV als die kaiserliche Hoheit, dieses zuzulassen in der Lage ist.

Der hier beschriebene Vorgang ist nicht ärgerlich, sondern tragisch. Hat der Verkäufer am Telefon gerade eben noch erklären müssen, warum er nicht zu Priesen anbieten können wie diese ein Internet-Händler tut, so zeigt die Kehrseite seiner Medaille dass er es nicht mehr diese von ihm als besondere herausgestellte Leistung auch selber anzubieten vermag.


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