Lingua Lufthansana Latina

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 16. Januar 2015 um 00 Uhr 06 Minuten

 

Ist der unter dieser URL: http://www.welt.de/die-welt/kultur/article5534111/Raffiniertes-Cockpit-Latein.html veröffentlichte Text wirklich eine "Glosse", so wie es hier in der Überschrift behauptet wird?


Raffiniertes Cockpit-Latein

Es war einmal. Es war wie immer. Unser Flug hatte gar keine Verspätung. Nur der Flug davor, der unsere Lufthansa-Maschine nach Frankfurt bringen sollte. "Due to the late arrival of the aircraft ..." Wer sich mit Abflugfreude bereits dem Gate genähert hatte, suchte sich wieder einen Sitzplatz, wer die Zeitung gelesen hatte, las sie noch einmal, wer das Handy gerade ausgeschaltet hatte, schaltete es wieder ein: "Meine Damen und Herren, wir bedauern, aber der Abflug verzögert sich um weitere ..." Es war wie immer.

Endlich an Bord. Das übliche Gerangel beim Verstauen des Handgepäcks, der Ärger über den Vordermann, der die Rückenlehne seines Sitzes sofort auf unsere Knie presste. Und die tröstliche Versicherung des Kapitäns, dass im Luftraum über Frankfurt in 40 Minuten auch für uns eine Schneise frei sein würde. Es war wie immer - bis zur Landung in Berlin. Auf einmal war alles anders.

Der Kapitän meldete den Landeanflug. Es nieselte in der Hauptstadt, wir hatten wieder einmal eine Außenposition, der Kapitän entschuldigte sich für die Verspätung und wünschte uns dennoch schöne Feiertage. Er tat es, natürlich, auf Deutsch und auf Englisch. Auf Französisch ebenfalls, was schon ungewöhnlich war. Und dann wiederholte er die ganze Ansage - in Latein. Als sei es die natürlichste Sache von der Welt. Ich verstand nicht jedes Wort, aber die Erinnerung an meine Schulzeit und die ausführliche Asterix-Lektüre reichten, um zu verstehen, dass der Kapitän kein Küchen-, sondern ein raffiniertes Cockpit-Latein gesprochen hatte.

Vier Passagiere, einer in der Business-Class, drei in der Holzklasse, klatschten. Dezent. Vielleicht wollten sie nicht mit ihrer Bildung prunken oder waren sich unsicher, ob sie sich nicht doch verhört hatten. Nur einer wusste genau, was Sache war, mein Sitznachbar, ein entschiedener Berliner. Als der Pilot mit seinem Latein am Ende war, stieß der Berliner mir den Ellbogen in die Seite und ließ seiner Entrüstung freien Lauf: "Soweit kommt et. Jetzt sajen se det och noch auf Türkisch."

So weit der Text von Wolf Lepenies in "Die Welt" Online am 15. Dezember 2009, 04:00 Uhr.


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