discuss & discover: Enterprise 2.0

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 49 Minuten

 

Wer glaubt, endlich verstanden zu haben, dass – und wie – das Industriezeitalter durch das Informationszeitalter abgelöst werden wird, wird im Verlauf der Veranstaltung des Münchner Kreises zum Thema „Enterprise 2.0“ die Ohren gespitzt und sich die Augen gerieben haben:
All das, was wir über die Zukunft der Informations- und Wissensgesellschaft gerade erst gelernt zu haben glauben, wird nun schon wieder vom Kopf auf die Füsse gestellt werden.

Mit Sätzen wie „Der Fisch stinkt vom Kopf her“ oder der These, dass die Führungskräfte schon heute kein Monopol mehr auf die Informationshoheit haben, wird nur schlagwortartig angedeutet, was das Thema dieses Tages war – und eine wesentliche Herausforderung der nächsten Jahre sein wird.

Bis auf wenige „Heiligtümer“ - von Mitarbeitergehältern bis zu Patententwicklungen – wird es in Zukunft nichts mehr geben, was nicht an Informationen innerhalb des gesamten Unternehmens zirkulieren wird und – als private Meinung gekennzeichnet – weit darüber hinaus.

Mehr noch: vernetzte – und sei es überhaupt erst im Netzwerk entstandene – Teams würden einem Unternehmen, das solche neuen Infra-Strukturen nicht nur gestattet sondern auch fördert und moderiert im Schnitt einen Umsatzvorteil von um die 20% einbringen – so die These.

Diejenige Führungskraft, die es nicht nur erlauben, sondern es sich auch leisten würde, Freiräume für die Selbstorganisation der MitarbeiterInnen zu schaffen, könnte auf diesem Wege massgeblich dazu beitragen, dass die unternehmerischen Ziele letztendlich sogar schnell und effizienter erreicht werden würden: ein solcher CEO sei wie ein Trainer, der alles dazu getan habe, dass im jeweils entscheidenden Spiel seine Mannschaft sich entsprechend den aktuellen Anforderungen selbst organisiert und zielgerichtet handelt. Er sei ständig aufnahmebereit und lernbereit, gäbe Anerkennung und Ermutigung und sei – nach wie vor – auch Steuermann: von seinen Anregungen bis hin zum Monitoring und Controlling

Stichworte sind hier zum Beispiel die sogenannten „Social Media Guidelines“, wie sie jetzt gerade bei der SAP mit viel öffentlicher Begleitmusik eingeführt aber auch kritisiert worden sind, da sie nach dem Muster gestrickt seien: Wasch mir den Pelz doch mach mich nicht nass. Und / Oder eine mit den MitarbeiterInnen zu vereinbarender „code of conduct“, in dem es u.a. darum geht, das Thema der Eigenverantwortung zu betonen und die Kenntlichmachung des eigenen Beitrages zur fordern, ebenso wie den Respekt der Vertraulichkeit von Informationen des eigenen Unternehmens, der „intelectual property“ [1], der Positionen der Wettbewerber sowie, last but not least, der Trennung von Geschäftlichem und Privatem. In einem der Vorträge wurde die Liste all dieser Anforderungen unter dem Motto „don’t write anything stupid“ zusammengefasst.

Aber auch das Thema der Kontrolle könne sich nicht mehr in jener inzwischen überkommenen Form behaupten, indem es nur über das Mittel der Verbote und Einschränkungen versucht, die Regeln zu definieren: Je höher die Schwelle dieser Verbote sei, je strikter die IT-Policy – und je grösser das Unternehmen – desto mehr würden die MitarbeiterInnen ihre Kraft in alle Arten von „workarounds“ stecken und sich mit ihren i-phones und privaten Laptops eigene, ihren Bedürfnissen angepasste Arbeitsumgebungen zusammenstricken.

Und, wie es ein Teilnehmer aus dem Publikum formulierte, er habe an seinem eigenen Beispiel zu zeigen, wo es langgeht. Und er fragt in die Runde: „wie bringen wir die Manager dazu, diese hier genannten Ziele auch selber vorzuleben?“ Zustimmendes Klopfen im Publikum. Und plötzlich ist, inmitten der Welt der Wikis und Blogs, wieder von Werten aus der „alten Welt“ die Rede: von Vertrauen und von Verbindlichkeit.

Auf der Pressekonferenz macht einer der Vorstände des Münchner Kreises darauf aufmerksam, wie zu Zeiten der Einführung der ISDN-Technologie die Inventionen der IT-Industrie in den Markt gedrückt und mit Modellen der Anwendungsförderung dem Nutzer nach und nach schmackhaft gemacht wurden [2] Und er vergleicht diesen Prozess mit den aktuellen Entwicklungen in denen – wohl erstmals überhaupt – die neuen Applikationsszenarien in der Welt der Nutzer schon Eingang und Zuspruch gefunden haben, bevor sie jetzt, „step-by-step“ auch in der Unternehmenswelt Zuspruch und Eingang finden. Ein Zusammenhang übrigens, in dem auch der an diesem Tag ebenfalls als Teilnehmer anwesende Vorstand von Alcatel-Lucent in Rahmen eines seiner Interviews mit den jungen Netznutzern aufmerksam gemacht hatte. [3]

In diesem Zusammenhang hatte der inhaltliche Ziehvater dieses Tages eine Podiumsgespräch mit zwei Vertretern eben dieser beiden Generationen, den „digtal emigrants“ und „digital natives“ arrangiert und sie mit Fragen konfrontiert, die ihnen zuvor nicht bekannt gemacht worden waren. So sehr zu bedauern ist, dass es im Verlauf des Gesprächs nicht möglich war, dieses Vorhaben auch wirklich konsequent und erhellend umzusetzen ist der Ansatz zu einer solchen „Gegenüberstellung“ – auch vom Format her - als ein durchaus guter Schritt in die richtige Richtung zu begrüssen und zu unterstützen.

Denn der deutsche / deutschsprachige Sektor ist nach den USA derjenige, in dem derzeit dieses Thema – weltweit – am besten positioniert und schon entwickelt sei. Und das nicht so sehr bei den KMU’s wo man es eigentlich noch am ehesten erwarten würde, sondern vor allem bei den mittleren und grossen Unternehmen. Gerade dort würden sich am ehesten die Tendenzen zu informellen Kommunikationsclustern bemerkbar machen: Entweder, um die offiziellen Sprach- und Hierarchie-Regelungen zu unterlaufen, oder aber um sie abzubauen und zum Gegensand einer offenen Dialogkultur zu machen.

Entscheidend seien dabei vor allem die folgenden beiden Kriterien: die Vernetzung quer über die inneren und internen Organisationsgrenzen hinweg sowie die Einbeziehung aller internationaler Kontakte und MitarbeiterInnen, die nicht im Mutterhaus, am Stammsitz des betreffenden Unternehmens beschäftigt sind.

Die Herausforderungen, wo war zu lernen, sind enorm. Die seit langem durch die IT im eigenen Haus gesetzten Anforderungen werden immer mehr hinterfragt und in vielen Fällen immer weniger als Richtschnur angenommen, die traditionelle Projektentwicklung über das Verfassen von Lasten- und Pflichtenheft wird immer mehr von teilnehmerzentrierten und am konkreten Bedarf orientierten Verfahren ersetzt, die Setzungen und Gesetze des Marketings und das durch ihr fixierte Bild des Corporate Image wird immer mehr durch neue Möglichkeiten der Darstellung und Wahrnehmung der Corporate im Lichte und aus der Perspektive von vielen ihrer Mitarbeiter ergänzt – und gelegentlich auch ad absurdum geführt.

Die Unternehmenskommunikation ist immer weniger ein ausschliessliches Chefsachen-Thema. Der „oben“ zum Ausdruck gebrachte Wunsch nach Transparenz und der „unten“ immer deutlicher werdende Wille zur Eigenständigkeit führen zu neuen Herauforderungen, denen vor allem die MitarbeiterInnen im Middle-Management oft eher noch skeptisch gegenüber stehen, da sie von beiden miteinander durchaus im Widerspruch stehenden Positionen gewissermassen in die Zange genommen werden.

Und dennoch ist und bleibt diese neue Denke und Praxis eine durchaus lohnende Herausforderung, gerade in und für Deutschland, wo diese neue Art der Entwicklung und Ausgestaltung der Unternehmenskultur ausserhalb der angelsächsischen Länder und den USA, weltweit schon am weitesten vertreten sei. Eine interessante Perspektive in einem Land, in dem es keinen IT-Sektor mehr gibt, der früher mit so wohlvertrauten Namen wie Nixdorf, SEL oder Siemens in Verbindung hatte gebracht werden können. Dass aus all diesen Häusern – oder deren Nachfolgeinstitutionen – Vertreter persönlich anwesend und an der Diskussion aktiv beteiligt waren, das machte Mut.

Und selbst der Vorstand der Münchner Kreises sprach in seinem Schlusswort – das ja keines hat sein sollen – nicht länger von Laptop und Lederhose, sondern von den süssen Früchte der Enterprise 2.0-Welt, die er in Zukunft nun auch in seiner eigenen Organisation – und das nicht nur als Kostprobe – anbieten wolle.


Nachtrag:

Nach der Fertigstellung dieses Textes wird der inzwischen ebenfalls eingegangene offizielle Pressetext hiermit – unkommentiert – zur Kenntnis gebracht.

PRESSEMITTEILUNG MÜNCHNER KREIS

Das Web 2.0 krempelt Unternehmen um

Wikis, Blogs und Social Networks bieten Unternehmen große Chancen für das Wissensmanagement, für die Projektkoordination und für die Innen- und Außenkommunikation – sie sind aber auch mit Risiken verbunden.

München, 21. Oktober 2009 – Der Münchner Kreis hat auf seiner Konferenz „Enterprise 2.0 - Unternehmen zwischen Hierarchie und Selbstorganisation“ mit rund 150 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik den Einfluss von Web 2.0 Technologien auf die Organisation von Unternehmen diskutiert. Wurden YouTube, Facebook, XING & Co bislang in erster Linie privat genutzt, so spielen sie im Unternehmensalltag mit wachsendem Anteil junger Mitarbeiter eine immer größere Rolle. „Heute stehen sich in vielen Unternehmen zwei Gruppen von Angestellten gegenüber: die so genannten Digital Natives – geboren nach 1980 und mit den Werkzeugen des Web 2.0 aufgewachsen – und die ältere Gruppe der Digital Immigrants“, sagte Prof. Jörg Eberspächer, Vorstand des Münchner Kreises. Während sich die einen der Wichtigkeit der Vernetzung sehr bewusst sind und zunehmend Bindungen eher über Sachthemen und Peergroups denn über Unternehmensbezüge eingehen, orientieren sich die anderen eher an autarken Organisationsstrukturen und –prozessen. „Die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 können da wie eine Frischzellenkur auf Unternehmen und Institutionen wirken – vorausgesetzt sie werden richtig verstanden und implementiert“, sagte Stefan Holtel von der Vodafone Group.

Dr. Sabine Pfeiffer vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung sieht gerade für kleine und mittlere Unternehmen erhebliche Chancen. Als Ziele der Einbeziehung des Web 2.0 nannte sie: „Kostenreduktion und Produktivitätsgewinne ebenso wie erhöhte Kundenbindung, neuartige Unternehmenskultur oder ein schlankes Wissensmanagement“. Sie fügte hinzu: „Die wirklichen Chancen von Enterprise 2.0 erschließen sich aber nur auf Basis einer neuen und umfassenden IT-Strategie und einer weitreichenden Partizipation der Beschäftigten“. Für Großkonzerne liegt genau hierin ein nicht unerhebliches Problem. So sprach David S. Faller von der IBM Software Group über die Herausforderung der Organisation einer effizienten und interaktiven Zusammenarbeit in einem Unternehmen mit 400.000 Mitarbeitern, das in mehr als 170 Ländern operiert. Als Ziele der Einführung von Web 2.0 Werkzeugen bei IBM nannte Faller die Verhinderung von Redundanzen in der täglichen Arbeit sowie die direkte und ungefilterte Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Geschäftsführung.

Frank Roebers, Vorstandsvorsitzender der Synaxon AG, erklärte den Weg seines Unternehmens zum Enterprise 2.0: „Der Startpunkt war ein Unternehmenswiki, welches zwei Besonderheiten aufweist. Erstens: jeder sieht alles, zweitens: jeder kann alles ändern. Wir haben bislang ausschließlich gute Erfahrungen damit gemacht“. Das Wiki sei inzwischen das zentrale Informations- und Arbeitsinstrument im Unternehmen geworden, so Roebers weiter. Als wichtigste Effekte des Wikis nannte er die Vergrößerung des Informationsstandes der Mitarbeiter, die fortlaufende Aktualisierung relevanter Unternehmensdokumente und die Tatsache, dass Entscheidungen dort getroffen werden, wo die Fachkompetenz sitzt. Insgesamt habe sich das Generieren von Wissen damit von der klassischen Hierarchie gelöst. Nach dem erfolgreichen Start der Wikis wurden weitere Web 2.0 Anwendungen eingeführt. So wurde das zentrale Content Management System durch ein einfacheres Open Source System ausgetauscht. Der nächste Schritt war die Einführung von internen und öffentlichen Blogs. Einen Dämpfer bekamen die Web 2.0 Experimente lediglich bei Second Life. Versuche in dieser Richtung haben sich als nicht praktikabel erwiesen. Die Einführung des Instant-Messaging-Dienstes dagegen verbucht Roebers als Erfolg.

Die Teilnehmer der Fachkonferenz waren sich einig, dass die aktive Einbeziehung des Web 2.0 für viele Unternehmen bereits zur Pflicht geworden ist. „In der enormen Steigerung der kollektiven Intelligenz liegt der eigentliche Produktivitätssprung. Der kann gerade bei international aufgestellten, dezentral organisierten Organisationen gewaltig sein“, sagte Dr. Willms Buhse von der Hamburger Netzwerkagentur doubleYUU. Diese Entwicklung stellt allerdings auch die Führungsetagen vor neue Herausforderungen. Manager müssen anders führen, damit Mitarbeiter selbstorganisierter arbeiten können. Erst der zielgerichtete Einsatz eines maßgeschneiderten Change-Management-Programms parallel zur Einführung technologischer Plattformen stellt den nachhaltigen Erfolg sicher. Dr. Josephine Hofmann vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation ging auf neue Möglichkeiten der Optimierung des Wissensmanagements in Unternehmen ein: „Wichtig ist die Vernetzung von Menschen, von Wissensträgern und Wissensarbeitern, und weniger die Erklärung und Speicherung von Wissensbeständen. Es kommt darauf an, den Wissensträgern einen leichteren Zugang und einen raschen Austausch zu bieten – ihnen eine Umgebung zu schaffen, die eben auch das Potenzial für ungeplante Begegnungen gibt. Der Mitarbeiter soll in seiner sozialen Vernetzung angesprochen werden, er soll seine kontextspezifischen Erfahrungen teilen können“.

Der Münchner Kreis machte deutlich, dass das Web 2.0 auch Risiken mit sich bringt. So warnte Rechtsanwalt Dr. Carsten Ulbricht vor möglichen juristischen Problemen im Zusammenhang mit der Einbeziehung Sozialer Netzwerke in die Unternehmensorganisation. „Bei einigen Unternehmen wird ein wesentlicher Erfolgsfaktor nicht mit der notwendigen Sorgfalt bedacht: die Rechte der Mitarbeiter. Die unzureichende Berücksichtigung und Einbeziehung vor allem der daten- und arbeitsrechtlichen Belange der Arbeitnehmer kann nicht nur zu Akzeptanzproblemen, sondern auch zur Rechtswidrigkeit eines ganzen Projekts führen“.

Über den Münchner Kreis: Der Münchner Kreis ist eine gemeinnützige übernationale Vereinigung für Kommunikationsforschung. An der Nahtstelle von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien befasst er sich mit Fragen der Technologie, der Gesellschaft, der Ökonomie und der Regulierung im Bereich von Informations- und Kommunikationstechniken sowie der Medien. Er begleitet und fördert die Entwicklung der Informationsgesellschaft in verantwortungsvoller Weise, und wirkt an der Verbesserung der Rahmenbedingungen durch wissenschaftlich qualifizierte Beiträge und sachlichen Dialog konstruktiv mit.

Anmerkungen

[1Ein Begriff, der ebenfalls gerne mit dem Kürzel „IP“ dargestellt wird.

[2Ein Prozess, dem der Autor auf der nationalen und europäischen Ebene während eines guten Jahrzehnts in den 90er Jahren aktiv beteiligt war. WS.

[3Siehe dazu die Ankündigung zum IT-Gipfel 2009 in Stuttgart im Dezember diesen Jahres


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