Scham

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 42 Minuten

 

Nein, in der 100-Sekunden-Ausgabe der Tagesschau kam das Thema nicht vor, wohl aber in der 20 Uhr Ausgabe, also in der allabendlichen Haupt-Nachrichten-Sendung, in einem Bericht von Rüdiger Strauch, vom Norddeutschen Rundfunk:

Auszuge aus der "tagesschau" vom 08.102009 ab 20 Uhr
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Kirche und Diakonie arbeiten Kindesmisshandlungen auf

Noch am Sonnabend zuvor wurde eben auf diese Praktiken im Zusammenhang mit den staatlich finanzierten Erziehungsheimen der katholischen Kirche in Irland verwiesen [1]

Der Versuch, darüber mehr zu erfahren, war zunächst nicht erfolgreich.

In den aktuellen Meldungen der Evangelisch-lutherischen Kirche in Hannover war dazu nichts zu finden - aber bei beim epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen.

Wir zitieren:

Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und ihre Diakonie haben ehemalige Heimkinder um Vergebung für erlittenes Unrecht in der Nachkriegszeit gebeten. "Uns beschämt, dass in den 50er und 60er Jahren unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit oft nicht gedeckt wurde", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung, die Diakonie-Direktor Christoph Künkel am Mittwoch in Hannover bei einer Tagung mit ehemaligen Heimkindern abgab. An der Tagung nahmen rund 100 ehemalige Heimkinder, Pädagogen und Wissenschaftler teil.

In den Einrichtungen der kirchlichen Jugendfürsorge sei es häufig zu Gewalt und massivem psychischen Druck gekommen, heißt es in der Erklärung: "Dadurch ist die Würde der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen oft nachhaltig verletzt und ihr Leben beschädigt worden." Einzelschicksale seien über lange Jahre verschwiegen worden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den personell oft unterbesetzten Heimen seien für ihre Aufgabe häufig nicht ausreichend qualifiziert gewesen.

Mit der Erklärung stellt sich die hannoversche Landeskirche, die drei Viertel Niedersachsens umfasst, als erste evangelische Landeskirche in Deutschland der Verantwortung für das Schicksal der Heimkinder. Aus dem Versagen der Vergangenheit hätten Kirche und Diakonie gelernt. Deshalb setzten sie sich heute konsequent für eine Pädagogik ein, die von der "bedingungslosen Annahme jedes Menschen" geprägt sei.

Bei der Tagung berichteten frühere Heimkinder von ihrem Alltag in Erziehungsheimen in Niedersachsen. "Man durfte nicht lachen. Wenn man gelacht oder getobt hat, musste man in der Ecke stehen", sagte Rita Schult (63) aus Faßberg bei Celle. Sie kam 1949 als Dreijährige in ein Heim der Pestalozzi-Stiftung bei Hannover. Jeden Tag habe sie nach der Schule auf dem Feld schwer arbeiten müssen. Essensentzug oder Schläge mit der Peitsche seien als Strafen an der Tagesordnung gewesen. Erst durch eine Trauma-Therapie habe sie das Erlebte verarbeitet.

Auch ehemalige Erzieher erzählten ihre Erinnerungen. Die Jungen und Mädchen hätten den "Verlust ihrer Kindheit" erlebt, sagte Mechthild Schultze aus Herne. Sie kam 1960 als 21-jährige Kindergärtnerin in die Pestalozzi-Stiftung, kündigte aber bereits nach drei Monaten wieder.

Die niedersächsische Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU) nannte es "außerordentlich beschämend", was die Heimkinder an körperlichen und seelischen Demütigungen erlitten hätten: "Dieses Unrecht kann nicht ungeschehen gemacht werden." Es müsse aber öffentlich anerkannt werden. So habe das Land bisher rund 5.000 Einzelakten über Heimkinder zusammengeführt und die 79 Amtsgerichte angewiesen, keine Akten zu vernichten. Zugleich müsse die Geschichte der Heimerziehung umfassend erforscht werden.

Die hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann rief in einem Gottesdienst dazu auf, Fehlverhalten anzuprangern und die Vergangenheit aufzuarbeiten: "Verfehlungen müssen offen eingestanden werden." Zugleich müssten die traumatisierte Opfer Hilfe erhalten. "Wenn Versöhnung mit der Vergangenheit möglich sein soll, müssen die Opfer gehört werden und die Täter ihre Schuld bekennen", sagte Käßmann.

Der Präsident des Landeskirchenamtes in Hannover, Burkhard Guntau, zeigte sich bestürzt darüber, dass der christliche Erziehungsansatz in den Heimen nicht erfüllt worden sei. Die Gesellschaft habe nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang machen wollen. 1949 sei die Menschenwürde im Grundgesetz verankert worden. "Nun müssen wir feststellen, dass sie in den Heimen nicht gewährleistet war."

Für den Verein ehemaliger Heimkinder forderte Vorstandsmitglied Heidemarie Dettinger eine finanzielle Entschädigung für das erlittene Unrecht. Über eine Entschädigung wird derzeit an einem "Runden Tisch" in Berlin verhandelt. Die Teilnehmer forderten auch immer wieder einen ungehinderten Zugang zu ihren Akten.

Bei der Schilderung der persönlichen Erlebnisse verließen einige Betroffene unter Tränen den Tagungsraum, um mit einem Seelsorger zu sprechen. Zwischen 1945 und 1975 wuchsen bundesweit rund 850.000 Kinder und Jugendliche in Waisen- und Erziehungsheimen auf, davon rund 50.000 in Niedersachsen. Drei Viertel der Heime wurden von kirchlichen Trägern geführt. In Niedersachsen hatten mindestens 77 Heime Jugendliche aufgenommen.

Dort findet sich auch die

Gemeinsame Erklärung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers und des Diakonischen Werkes der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers e.V. zu der Situation in Heimen der Jugendfürsorge in den 50er und 60er Jahren

Mit Trauer stellen wir fest, dass in unseren Einrichtungen der Jugendfürsorge in den 50er und 60er Jahren schlimmes Unrecht geschehen ist.

1. Uns beschämt, dass in den 50er und 60er Jahren unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit oft nicht gedeckt wurde. Insbesondere sehen wir, dass es häufig zu Gewaltanwendungen kam, ein oft massiver psychischer Druck herrschte und in den Heimen nicht individuell fördernd auf die Kinder und Jugendlichen eingegangen worden ist. Dadurch ist die Würde der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen oft nachhaltig verletzt und ihr Leben beschädigt worden.
Wir setzen uns dafür ein, dass in unseren Einrichtungen ohne Gewalt, in einer Atmosphäre des Respekts, einfühlsam und achtsam miteinander umgegangen wird. Wir wollen die Fähigkeiten und Entwicklungspotentiale des Einzelnen fördern.

2. Uns beschämt, dass die bedrückenden Einzelschicksale über lange Jahre verschwiegen und weder aufgearbeitet noch öffentlich gemacht wurden. Die ersten Veröffentlichungen in der Mitte der 60er Jahre wurden nur wenig beachtet. Sie trugen jedoch dazu bei, dass unsere Einrichtungen sich damals pädagogisch neu orientierten. Es sind aber fast vierzig Jahre verstrichen, bis die Betroffenen in einer breiten Öffentlichkeit Gehör gefunden haben.
Wir setzen uns zusammen mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass die Betroffenen therapeutisch und seelsorgerlich begleitet werden. Außerdem lassen wir eine wissenschaftliche Dokumentation über die damalige Situation in den Heimen erstellen, auch um weitere Konsequenzen aus den Versäumnissen der Vergangenheit zu ziehen.

3. Uns beschämt, dass Mitarbeitende in den Einrichtungen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe oft unzureichend qualifiziert waren, ihre Einbindung in ein streng hierarchisches System oft demütigend und die personelle Besetzung unzureichend war. Wir achten die Mitarbeitenden, die unter schwierigen Bedingungen Gutes wollten und dies auch erreicht haben. Wir wissen, dass viele ehemalige Mitarbeitende bis heute unter Schuldgefühlen leiden.
Wir setzen uns gemeinsam mit unseren Einrichtungen dafür ein, dass unsere Mitarbeitenden qualifiziert ausgebildet sind und ständig entsprechend dem aktuellen Bedarf fortgebildet werden. Dazu brauchen die Teams und die Leitungen der Einrichtungen eine permanente Supervision und ein ständiges Beratungsangebot. Grundvoraussetzung ist, dass unsere Einrichtungen die Besetzung haben, die den berechtigten Ansprüchen der Jugendlichen und Kinder gerecht wird.

4. Uns beschämt, dass die Heime der Jugendfürsorge oft nicht auskömmlich finanziert waren. Deshalb erhielten die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen keine adäquate Ausbildung, sondern mussten für ihre tägliche Versorgung oft hart arbeiten.
Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Jugendhilfe eine qualifizierende Ausbildung erhalten und alle Kosten ihres Aufenthaltes durch die Solidargemeinschaft gedeckt sind.

5. Uns beschämt, dass die staatliche Einweisungspraxis oft leichtfertig war, dass es an einer kompetenten Heimaufsicht gefehlt hat und das Miteinander von Jugendämtern und Fürsorgeeinrichtungen meist unreflektiert und unkritisch gestaltet wurde.
Wir setzen uns gemeinsam mit dem Gesetzgeber dafür ein, dass die Lebenssituation der Betroffenen und die Arbeitssituation der Mitarbeitenden sowohl durch die staatliche Heimaufsicht als auch durch eine kritische Begleitung und Beratung ständig verbessert werden.

Wir, die kirchlichen und diakonischen Einrichtungen wissen heute, dass bei der Erziehung und Förderung vieler Kinder und Jugendlicher, die uns in den Erziehungseinrichtungen anvertraut waren, vielfach versagt wurde. Wir bitten bei den betroffenen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnen um Entschuldigung und Vergebung.

Wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Deshalb setzen wir uns in unseren Einrichtungen konsequent für eine Pädagogik ein, die erfahrbar von der bedingungslosen Annahme jedes Menschen durch die Liebe Christi geprägt ist.

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann
Diakonie-Direktor Dr. Christoph Künkel

Hannover, 7.Oktober 2009