Deutschland(s) - Wahl - Berichte

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 37 Minuten

 

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Welch interessante Rueckmeldungen auf den Artikel vom Montag dieser Woche. Und das gerade - oder weil - sich sonst dieses Journal nicht so sehr in die Tagespolitik einmischt. Aber es ist sicherlich verstanden worden, dass es hier um ein Wahl-Ergebnis gegangen ist, dessen Auswirkung weit über das All-Tägliche hinausreichen wird.

Aus den eingegangenen Reaktionen nur ein Satz, der für Vieles spricht, was im Montags-Text nicht angesprochen wurde: Es sei doch schliesslich und gerade für ein Land für Deutschland positiv anzumerken, dass man auch weiterhin von einer Frau regiert und von einem Schwulen im Ausland vertreten werden wird.

Und: Der Hinweis als Nachtrag, dass der ICE mit der Zugnummer ICE 683 auf der Strecke von Hamburg nach München am frühen Abend zumindest mit einer Durchsage die Mitreisenden über den aktuellen Stand der Hochrechnungen informierte - sowie danach auch über die Sonntagsergebnisse der Bundesliga. [1]

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Am Tag nach der Wahl wurde sowohl im ZDF als auch bei der ARD eine sehr ausführliche Nachlese gehalten - unter Beteiligung der Bundeskanzlerin auf beiden Kanälen: Jeweils nach den Hauptabendnachrichten live im ZDF und als Aufzeichnung in der ARD.

Mehr noch, im Ersten wird das Thema am 28. September im Anschluss gleich noch zweimal unter der Stabführung der Moderatoren Plasberg und Beckmann rauf und runter diskutiert - und am 29. September 2009 erneut bei Frau Maisschberger.

Und in allen Fällen konnte man durchaus von echten "Unterhaltungssendungen" sprechen, auch dann, wenn in der Netz-Nomenklatur der ARD nur die Sendungen Menschen bei Maischberger und Beckmann als solche ausgewiesen werden. [2]

Als "Nachklapp" zu diesen beiden Nach-Wahl-Sendungen die folgenden Schautafeln als Zitat zu den folgenden Themen:

SPD

JPEG - 12.1 kB
Wer_waehlte_SPD?
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Namen_fuer_den_SPD_Neuanfang

Wer wählte wie?

JPEG - 13.9 kB
Wen_waehlten_die_Frauen_Maenner
JPEG - 12.6 kB
Die_unter_30_Jaehrigen_waehlen_wie?

Wählererwartungen

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Aufgaben_fuer_die_neue_Regierung

Minister: Alt

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Minister-Riege_alt

Minister: Neu:

JPEG - 22 kB
Minister_in_spe_

...

Erstaunlich: Die Performance, pardon: das Auftreten des neuen Aussenministers in spe, Guido Westerwelle, auf "seiner" Pressekonferenz an diesem Tage. [3]

Einen ausserordentlichen Dank an das Spielel-TV-Team, das uns dieses Dokument als Auszug auf seiner Seite http://www.spiegel.de/video/video-1024231.html zur Verfügung gestellt hat:

"Es ist Deutschland hier"
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....

Wie wenig ist im Vergleich zur Bundes-Berichterstattung von den Ländern die Rede. Oder doch nicht? Dabei wird des doch entscheidend sein, welche dieser neuen Koalitionen dem "Biene-Maja-Look" entsprechen werden und welche nicht. Theoretisch gibt es aktuell drei Länder, in denen eine rot-rote-[grüne] Koalition möglich wäre: Brandenburg, Saarland und Thüringen. Schliesslich wäre - ganz theoretisch - eine solche Koalition auch in Berlin möglich. In Berlin-Stadt gibt es diese ja bereits seit Jahren: mit einem "Linken" als Senator für Wirtschaft (und, und, und).

.....

Erstaunlich, dass im ganzen Verlauf dieses Tages die Wahlen im EU-Land Portugal zunächst so gut wie gar nicht zur Sprache gekommen sind.

Dort werden die Sozialisten - trotz einem Rückgang der Stimmen um 7% - weiterhin die Möglichkeit haben, wiederum zu regieren, dieses Mal aber in einer Koalition mit einer der ebenfalls erstarkten Kräfte zu ihrer Linken.

Es dauerte bis zum späteren Abend bis es zu einem Bericht des ARD-Korrespondenten Reinhard Spiegelhauer aus dem ARD-Studio in Madrid kam; nachzuhören unter:
http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio44202.html

Anmerkungen

[1Das ist umso erstaunlicher - und erfreulicher - da Vergleichbares aus dem ICE 891 von Hamburg nach Berlin nicht berichtet werden kann. Als ein entsprechender Wunsch an den Zugchef herangetragen wurde, machte dieser wohl zunächst bei seiner nächsthöheren Diensstelle kundig - oder auch nicht?
Auf jeden Fall erklärte er bei seiner Rückkehr an den Platz, dass es weder in seinem Interesse noch in dem der Deutschen Bahn sei, sich in "solche Themen einzumischen".
Dass nach einem solchen Eigentor auch keine Fussballergebnisse mitgeteilt wurden, versteht sich dann eigentlich schon von selbst...

[2Interessant in diesem Zusammenhang der "Hinweis der Redaktion", wonach "Aus rechtlichen Gründen [...] nur noch die jeweils aktuelle "Beckmann"-Sendung für sieben Tage nach Ausstrahlung im Ersten als Video-on-Demand angeboten werden" dürfe.
Die Aufzeichnungen der Maischberger-Programme stehen dagegen noch über einen längeren Zeitraum in der ARD-Mediathek zur Verfügung.

[3Nachtrag:
Siehe dazu den Kommentar der Leiterin des DLF-Hauptstadtstudios, Sabine Adler, vom 01.10.2009, mit ihrer ganz klaren und klugen Empfehlung:
"Guido Westerwelle besser nicht ins Auswärtige Amt".

Dieser Text ist unter dem Link
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kommentar/1043974/
oder
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kommentar/1043973/drucken/
auf den diversen dradio.de-Webseiten nachzulesen.

Aber wie lange noch?
Wenn es stimmt, dass Texte dieser Art nur noch sieben Tage im Netz bereitgestellt werden dürfen, ist der Herausgeber der Meinung, dass es im Interesse der politischen Kultur dieser Republik gut bestellt sei, wenn auch noch zu einem späteren Zeitpunkt eine solche Position nachzulesen sei - und er nimmt daher das urheberrechtliche Risiko in Kauf, diesen Text auch auf dieser nach wie vor nicht-kommerziellen Seite auch über diese Zeit hinaus dem interessierten Publikum zur Kenntnis zu bringen:

Er war die Personifizierung des Horrors. Als Sozialdemokraten im Wahlkampf vor einem schwarz-gelben Gruselkabinett warnten, galt Guido Westerwelle als Außenminister als Schreckgespenst schlechthin.

Wovor genau sollten sich die Wähler fürchten? Vor dem Schwulen, der nun das Land nach außen vertritt? Sicher nicht, denn wenn jemand für die Akzeptanz von Homosexuellen eingetreten ist, dann ja wohl SPD und Grüne. Deutschland muss die Wahl seines Außenministers weiß Gott nicht davon abhängig machen, ob die arabische Welt damit zurechtkommt oder Russland, wo man noch immer glaubt, dass Menschen mit homosexueller Orientierung einfach nur fehlgeleitet sind und umerzogen werden können. Wo die Teilnahme an einer Schwulendemonstration nicht minder gefährlich ist, als sich auf die Seite der unterdrückten und kaum noch vorhandenen Opposition bzw. Menschenrechtler zu stellen.

Doch wofür steht der Chefliberale außenpolitisch? In Erinnerung ist Westerwelles Partei einzig mit der Ablehnung des Einsatzes der deutschen Marine im Rahmen des UNIFIL-Mandats im Libanonkrieg 2006 geblieben.

Anders bei Steuerfragen. Die vertritt er zwar monothematisch aber doch so glaubwürdig, dass ihn und seine Partei immerhin 14,6 Prozent der Wähler ihre Stimme gegeben haben, mehr als jemals zuvor.

Wenn er jetzt das Auswärtige Amt nicht übernehmen soll, dann wahrlich nicht wegen bescheidener Englischkenntnisse. Die lassen sich verbessern. Die Rolle, die er für sich im Sinn hat, die Schablone, geprägt von FDP-Traditionen im Auswärtigen Amt, ist falsch an allen Ecken und Enden.

Wie ein Schönheitschirurg schnippelt Westerwelle an seiner Person, anstatt sich zu nehmen, wie er ist. Westerwelle ist dann gut und überzeugend, wenn er spontan sein darf, witzig, polemisch, polarisierend. Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er von der Opposition für falsch gehaltene Steuersenkungen im Bundestag mit Verve verteidigt. Nichts spricht gegen einen Vizekanzler, der das Finanzressort leitet…

Wenn sich Westerwelle künstlich dämpft, wie jüngst im Bundestag bei der Afghanistan-Debatte nach dem Tanklaster-Angriff der Bundeswehr in Kundus, wirkt er unglaubwürdig. Mutet an, als würde er den ernsthaften Staatsmann nur spielen, um alsbald in sein wahres Naturell zurückzufallen.

So wenig wie der SPD-Spitzenkandidat und Außenminister einen echten Rabauken geben konnte, so wenig wird Westerwelle als Chefdiplomat durchgehen. Wenn er eines nicht kann, dann genau das. Und wofür sich auch über Jahre hinweg derartig an die Kandare nehmen? Warum der Partei und Regierung die eigentlichen Stärken vorenthalten? Diese Anstrengung ist überflüssig.

Wie leicht der vom Amt geliehene Glanz verblasst, wie schnell Beliebtheitswerte in den Keller sausen, durfte der noch amtierende Hausherr am Werderschen Markt gerade erleben. Auch bei Frank-Walter Steinmeier hielt sich die Freude übrigens in engen Grenzen, wenn er zur Seite treten musste, sobald die Kanzlerin den roten Teppich für sich allein beanspruchte. Denn eines dürfte Westerwelle nicht entgangen sein: Seiner Freundin Angela macht Außenpolitik auch sehr viel Spaß.


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