Auf der Buchmesse

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 45 Minuten

 

Der Start-Termin dieses Messebesuchs [1] war ein Fototermin, zu dem der Börsenverein eingeladen hatte. Für 9:30 Uhr war der Termin angesetzt. Beim Eintreffen auf der Agora zwischen der Halle 3 und der Halle 4 um 9:40 Uhr war bereits alles vorbei. Der einzige, der noch verblieben war, war ein für diesen Tag eingestellter HiWi, der gerne bereit war, in seiner Rolle als Bauarbeiter sich dem Fotografen zu stellen. "Ich werde ja dafür bezahlt", sagt er, "also können Sie mich auch mit Ihrem Foto veröffentlichen" und stellt sich in Szene:

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Gleich nebenan war auch der Brockhaus mit einer neuen Edition mit einem grossen Exemplar vertreten: mit EINEM Exemplar

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und man könnte ins Grübeln kommen, wieso nach all dem Aufwand nun nur noch dieses abgespeckte Exemplar als die grosse Neuheit auf dem Büchermarkt aufgestellt wird.

Wir singen "ein Brockhaus steht im Walde, in einem Band..." und denken zurück an die Zeiten, als der Brockhaus im Jahr 2005 zum ersten Mal nicht nur "in einem Band" sondern auf einem USB-Stick angeboten wurde [2]

Und nicht erst seit diesem Jahr findet auch auf der Buchmesse eine immer stärker werdende Diskussion um die zunehmende Bedeutung des Internets und der digitalen Medien statt.

In diesem Jahr tauchte das Wort "digital" in den Titeln von über 50 (fünfzig!) Veranstaltungsankündigungen auf. Nicht nur bei den Buchverlegern, auch in den Sektionen Film und bei dem neu eingerichteten Zentrum für Fotografie und Bildagenturen.

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Dass in der "Medien"-Halle 1 die Diskussion über den Wertewandel und Paradigmenwechsel der Verlagswirtschaft angesichts der Digitalisierung von Produktion und Distribution ausgerechnet in dem Raum "Analog 1" stattfand war dabei vielleicht mehr als nur ein dummer Zufall.

Es mag in diesem Moment noch offen bleiben, ob bereits einem der Akteure in diesem Feld mangels ausreichender Performance sein Kopf kürzer gemacht wurde - das Beispiel Brockhaus lässt grüssen - oder zumindest einer nicht mehr weiss, wo ihm der Kopf steht.

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Denn: während es viele gute Gründe und gescheite Beobachtungen gibt, warum immer mehr Nutzer das Thema Urheberrecht nicht mehr auf ihrem Scanner haben, sind die Antworten auf die Frage nach dem schon eingangs gestellten Umbau dieser Verwertungsstrategien nach wie vor mehr als rar:

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Unter dem Moto "Lesen ist Leben" bieten Verlage wie Herder gleich am Eingang gleich an ganzes Regal mit "Lebenshilfe"-Büchern an [3] Wenn es aber um das Überleben des eigenen Verlages selber geht, ist man zwar bereit, sich die neuen Entwicklungen anzusehen und vielleicht sogar schon mitzumachen

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aber insgesamt geht es der Branche immer noch zu gut, als dass den Beteiligten wirklich kar geworden wäre, dass ihnen das gleiche "Schicksal" bevorsteht, mit dessen katastrophalen Folgen sich die Musikbranche schon seit einem Jahrzehnt auseinanderzusetzen hatte.

Denn: noch ist der Standard noch nicht gesetzt, das MP3-Äquivalent ist noch nicht eingeführt, während derzeit immer mehr Lesegeräte von immer neuen Firmen auf den Markt geworfen werden. [4]


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Verfügbarkeit sei die Losung der Zukunft, nicht mehr der Besitz. Es gehe nicht mehr darum, was man Schwarz auf Weiss nach Hause tragen, dort lesen oder auch weiter verschenken, ja verkaufen könne, es gehe um die Verfügbarkeit eines Textes, der immer "always on" sei, online abgerufen werden und so portionsweise gelesen werden könne.

Und es wird nicht bei den Texten bleiben. Und der Brockhaus wird nicht das einzige Opfer dieser Entwicklung bleiben. In Japan ist bereits die Publikation ganzer Manga-Serien eingestellt worden, da auch die Comics mehr und mehr auf ein mobiles Lesegerät geladen und auf diesem betrachtet werden.

Und so war es dann auch nur folgerichtig, dass auf dieser "Buch"-Messe auch schon der erste farbige "Reader" als Prototyp zur Kenntnis gebracht wurde


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Noch arbeitet das Gerät beim Bildaufbau recht langsam, da es eine höhere Auflösung und Farbigkeit erst Schicht um Schicht wie eine umgekehrter Scanner zur Wirkung kommen lässt. Dennoch sollte damit auch dem letzten Vertreter der "alten Welt" klar geworden sein, dass diese Entwicklung nicht nur die Zukunft des Lesens beeinflussen wird, sondern auch die des Sehens, dass also schon heute die Comics und morgen auch Fotos sich mehr und mehr vom Papier als medialem Träger ablösen werden.

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So ist es denn auch konsequent, dass endlich auf der Buchmesse in Frankfurt/Main auch das Thema BILD in (s)einer neuen Dimension eingeführt und zur Geltung gebracht wird.

In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Pressebild-Agenturen und Bildarchive, BVPA und dem europäischen Dachverband Coordination of European Picture Agencies Press and Stock Office, CEPIC gibt es auf der Messe erstmals eine neue Plattform für Bildanbieter und Bildankäufer.

Zu einem Zeitpunkt, in dem das Bild mehr und mehr dem Buch als "embedded carrier" zu entfliehen sucht, versucht sich die Messe auch mit diesem Thema für die Zukunft neu zu profilieren.

Das traditionelle Spannungsfeld zwischen Text und Bild wird in diesem Jahr um ein neues Thema erweitert.

Die beiden Medien sind dabei, sich in der digitalen Welt neue Plätze und Geltungsbereiche zu suchen, sie zu finden - und offensichtlich zugleich dabei, sich auch weiterhin in der analogen Welt zu verorten: So findet sich gegenüber dem Zentrum Bild in der Halle 4.1 auf den Gängen P und Q rund um eine Säule gehängt eine Ausstellung mit Fotos von Henning Langenheim (1950 - 2004) unter dem Thema: Eine Mauer verschwindet..

Selbst im Pressezentrum wird unter dem Titel "gute aussichten - junge deutsche fotografie" eine Ausstellung gezeigt

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Und wer auf den Papphocker Platz genommen hat, findet auf diesen Fotos: von Büchern. Und gleich vorne auf der linken Seite des Bildes taucht noch einmal der Brockhaus auf, als Buchrücken der dreibändige Ausgabe:

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Viel spannender aber war es gleich nebenan. Nachdem die Leiterin der "Guided Tour" sich der Sicherheitskräfte erwehren konnte, die ihr doch ernsthaft und standhaft untersagen wollten, an uns Mitglieder dieser Tour eine Broschüre austeilen zu lassen [5]


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nahm sie uns auch mit in das "Allerheiligste" dieser Messe, an jenen Ort, der normalerweise selbst den meisten Fachbesuchern als "no-go-area" nicht zugänglich ist:


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Hier treffen sich die Agenten und verhandeln miteinander über die Rechte an Titeln und Reihen, Büchern und Medien, Übersetzungen und Drehbüchern - und das im Halbstundentakt. Hier schlägt das eigentliche Herz der Messe. Hier wird über das Wohl und Wehe einer Publikation entschieden, weil es hier um die Rechte, ihren Verkauf und Vertrieb geht. Hier ist das Zentrum jener Welt zuhause, die sich auch den neuen digitalen Distributionen und Pertubationen zu stellen hat - und wird.

PS.

Das einzige Buch, das der Beobachte der Szene selber gerne schon in Händen gehalten hätte, ist in diesem Jahr aus dem Chinesischen ins Englische übersetzt und an diesem Tag der Öffentlichkeit vorgestellt worden.

Es ist die Publikation eines von zwei Werken des ehemaligen chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin, der jetzt in Shanghai lehrt und an der Jiao Tong Universität eine Reihe von Schriften verfasst hat, die jetzt als "Meisterwerke" - die Übersetzung aus dem Chinesischen lautete "Masterpieces" - dem internationalen Publikum aus der Hand des Verlages Elsevier angeboten werden sollen. Es geht um den Band "On the Development of Chinas Information and Technology Industry".

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Auf der Vorstellung des Buches waren die wenigen ausgestellten Exemplare allesamt noch von den roten Premieren-Schleifen überdeckt [6] - und die Präsentation glich der einer Mischung aus Peking-Oper und Oratorium denn einer Informationsveranstaltung [7] - aber im Gespräch mit dem Repräsentanten des Verlages wird die Zusendung eines Rezensionsexemplars dieses Bandes zugesagt.

Vielleicht wird das Buch ja schon rechtzeitig vor Beginn des IT-Gipfels in Stuttgart zur Lektüre bis dahin vorgelegen haben.

PPS.

Das Bemühen um die eigenen Projekte musste knapp der wenigen Zeit zurückgestellt werden, aber die beruflichen Verpflichtungen erlaubten kein Verweilen in Frankfurt, wären die Augenblicke, die der eigenen Arbeit gewidmet worden wären - die ersten eigenen Texte sind schliesslich vor mehr als 30 Jahren ins Chinesische übersetzt und auch in einem Universitätsverlag publiziert worden - auch noch so schön gewesen.

Daher hier - zu guter Letzt - zumindest die Abbildung des neuen Kalenders für das Jahr 2010, der in diesem Jahr schon zum Zeitpunkt der Eröffnung der Buchmesse vorgelegt werden konnte.

Anmerkungen

[1Dieser Besuch auf der Messe begann mit einem frühmorgendlichen Insider-Treffen im Torhaus, nachdem das Abholen der Presseakkreditierung mehr als eine halbe Stunden in Anspruch genommen hatte: erst konnte die EDV nicht in Gang gebracht werden dann wusste die dafür eingewiesene Mitarbeiterin nicht, wie mit dem Programm richtig umzugehen sei, und dann legte ein junger zuvor nicht akkreditierter "Kollege" ein Papier vor, das nach allem aussah, nur nicht nach einem Presseausweis.
Stellvertretend für alle Messe-Mitarbeiter hier ein Dank an einen der ältesten des Hauses: dem sei vielen Jahre vertrauten Fahrstuhlführer zwischen den Ebenen 4.0 und 4.3

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Fahrstuhlfuehrer_500

[2Siehe: Book Fair Blues.

[3Darunter auch ein neues Werk von Henning Scherf der aber in diesem Jahr nicht auf der Buchmesse sein wird - daher sei der Geburtstagsglückwunsch auf diesem Wege nachträglich aufgeschrieben und zur Kenntnis gebracht. WS.

[4Nachtrage: Dazu konnte am Ende der Woche am 17. Oktober 2009 ab 14 Uhr viel auf der von Vera Linz gestalteten Breitband-Sendung auf Deutschlandradio Kultur vermittelt werden.

[5Unglaublich, aber wahr: der junge Typ behauptete doch ernsthaft, dass das Verbot, auf der Messe Flugblätter o.ä. zu verteilen auch in diesem Falle zur Geltung gebracht werden müsse [sic!].

[6Im Bild ganz links an der Seite zu sehen.

[7Man beachte hier nur die Haltung der Laudatorin, während sie hier aus ihrer Partitur vorträgt...


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