Mau Mau

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 24 Minuten

 

Heute, am Sonnabend, den 15. August 2009, herrscht auch in der ersten Klasse der Deutschen Bahn Familientag. Am Nachbartisch spielt – unüberhörbar – ein Familienvater mit seinen Kindern kurzweiliges Kartenspiel: „Oh, ich habe voll die Hammer-Karten“, sagt der Alte.

Hinter dem schliesslich aufgeklappten und installierten Bildschirm sitzt ein älteres Ehepaar und freut sich auf den Weg in den Westen. Auf die Anfrage, ob auf der anderen Seite des Tisches noch Platz sei, kam ein freundliches „Ja“ entgegen. Und auf die Nachfrage, ob sie sich möglicherweise von den Strahlungen des Computers oder der aktiven UMTS-Karte beeinträchtigt sehen würde, gab es ein klares, etwas erstauntes und dann noch freundlicheres „Nein“ zu hören.

Jetzt kommt die Bedienung fragt nach dem Zeitungswunsch. „Eine Bild-Zeitung bitte“ – so die Antwort. „Schuld“ daran ist die Anzeige auf dem Bahnhof Berlin-Spandau. Diese gab es mehr als genug Zeit, zu beobachten, da der mit der 10 Uhr 03 Abfahrtszeit angekündigte ICE 952 auch um viertel nach zehn immer noch nicht am Gleis 4 eingetroffen war. Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig 5 und 6 war auf einer dieser innenbeleuchtbaren Plakatpanele das Bild eines jungen Mannes abgebildet und dazu der Spruch, der in etwa wie folgt geht:
„Ich mag keinen langen Sätze. Danke :-) an Bild“ [1]

Jetzt bleibt aber die Zeitung links liegen (pardon: steht hier „links“?). Der Vater hat inzwischen seine Spieleserie mit den Kindern beendet und auch er hat seinen Laptop hervorgeholt, auf dem Nachbartisch aufgebaut, mit Strom versorgt und den beiden Kindern vor die Nase gesetzt. Und die sind damit voll und ganz vertraut, bedienen sich irgendeines Programms, während der Vater sich aufmacht und den Wagon in Richtung Speisewagen verlässt.

Dieser Familien-Sonnabend-Modus erlaubt es aber auch, die eigene Saftflasche auszupacken, die Bedienung nach einem Pappbecher zu fragen, die diese auch ohne Murren später vorbeibringt, den Wiener Apfelkuchen aus der Toben-Tüte zu verzehren, den Durst zu löschen und bei dieser Gelegenheit sogleich noch die derzeit lebensnotwendigen Anti-Schmerz-Mittel einzuwerfen. Und trotz eigenen Leidens bleibt es dem Bild-Leser dennoch schleierhaft, warum es wirklich berichtenswert sei, dass auf Seite 13 über das Krebs-Tagebuch „Fremdkörper“ von Miriam Pielhau (34) berichtet wird, zumal wenn die Überschrift mit den „Davor-„ und „Danach-„ Portraits mit folgenden Versalien getitelt wird: „SO WAR DER SEX NACH DER CHEMO“:

Deutschland privat: im Lotto-Jackpot warten zur Zeit 136 Millionen Euro auf einen oder mehrere Gewinner, der Verkauf von Süsswaren ist im ersten Halbjahr 2009 um weitere 0,3% gestiegen, und die Schweinegrippe habe jetzt auch die Bundesliga erreicht. All das, und noch vieles mehr findet sich auf der ersten Seite der Bild-Zeitung. Und während die letzten Krümel des gedeckten Wiener Apfels verputzt werden, fallen Kurztextüberschriften auf wie diese: „Neuwagen-Käufer immer älter“ oder: „Lidl ruft Rotkohl zurück.“ Und, auch in eigener Sache: „Bund zahlt 40 Mio. für Berater“.

In der Reihe „Die Lieblings-Restaurants der Berliner Botschafter“ auf der Seite 6 isst der Bild-Reporter Harmut Kascha (47) mit dem Botschafter Japans, seine Exzellenz Takahiro Shinyo (59). Dort gibt es unter dem Titel „Land des Fortschritts“ im unteren Teil des Textes eine kleine Landeskunde samt Karte und dem Hinweise, dass in Berlin 2152 Japaner leben würden. Einer davon war am gleichen Tag Gast im eigenen Zuhause, zusammen mit vier weiteren Gästen, die ebenfalls alle aus Japan kamen und allesamt ohne Stäbchen mit einer höchst wohlschmeckenden Küche bewirtet worden waren. Anstatt der „Stäbchen-Kunde mit Exzellenz“ stand das Thema Kindererziehung bei Einzelkindern auf dem Programm.

In dem Artikel ist von einem Restaurant in der Hiroshimastrasse 6 die Rede, das „nicht für jeden offen“ sei. Und davon, dass der Herr Botschafter auch die deutsche Küchen nicht verschmähen würde – „außer Eisbein“. Schlussendlich wird er auf das Thema Urlaub in Japan gefragt und wir erfahren, dass es dort im Schnitt 20 bezahlte und weitere 15 freie Tage im Jahr geben würde, dass aber fast alle Japaner im Sommer „nur 7 bis 10 Urlaubstage“ würden, „aus Tradition“.

Soweit, so kurz und so knapp, die Bild-Zeitung dieses Tages. Da der eigene Urlaub in diesem Jahr einer kurzfristig avisierten dienstlichen Tätigkeit zum Opfer fiel, soll zumindest die Leserschaft auch weiterhin mit diesem all-tägliche Journal über den persönlichen Blick auf die Medien auf dem Laufenden gehalten werden.

Der entscheidende Anstoss kam aber an diesem Morgen – einmal mehr – aus dem Morgenprogramm des Deutschlandfunks. Darin wird in gleich zwei Beiträgen auf einen Anlass aufmerksam gemacht, der heute – auf den Tag genau – vor nunmehr 40 Jahren begonnen hatte: das Woodstock-Festival. Damals, in der Nähe von New York, wo sich heute wieder ein Mitglied der inzwischen gegründeten Familie aufhält. Zum Studium.

Anmerkungen

[1Der Smiley ist Teil dieses im handschriftlichen Textmarker-Duktus eingestellten Schriftzuges.


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