Ping the Pirate (I)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 16 Minuten

 

15. Juli 2009

In Fortsetzung des bereits angesprochenen Themas Der Pirat: Freibeuter & Freesurfer hier, Dank eines echt sachdienlichen Hinweises der Link auf...

http://www.networkworld.com/news/2009/071509-theft-twitter-docs.html

... den Text von Jon Brodkin in der Network World:

Is it safe to store documents with Google and other cloud providers?

Darin ist - kurz gesagt - davon die Rede, dass auch das sogenannte Hacker-Un-Wesen sein "Gutes" hat.

Denn spätestens jetzt wissen wir - einmal mehr - dass es es eben nicht stimmt, dass "das Netz" sicher sei.

Pro domo gesprochen: Wir hatten die Lektion schon "vor Jahren" lernen müssen. Nachdem es Hackern gelungen war, aus den eigenen EDV-Beständen die Sicherheits-Kopie eines gültigen Personalausweises "abzuziehen" - und nachdem es den Banken kein Problem war, aufgrund dieser Kopie neue Konten zu eröffnen, und nachdem es damit möglich wurde im Namen und auf Rechnung des Geschädigten EBay-Geschäfte zu tätigen... war das Geschrei und der Schaden gross.

Dass die "Auslagerung ins Netz" nicht wirklich immer DIE Alternative ist - schon gar nicht wenn es um geschäftlichen Daten geht, das ist nun einmal mehr unter Beweis gestellt worden.

Die These, Nichts sei vor Niemandem mehr sicher sei, ist nur noch durch ihre Verdrängung zu negieren. Schlag nach bei Google.


28. Juni 2009

Im ZDF wurde dieses Thema im Rahmen der Sendung "Berlin direkt" - u.a. in einem Interview und einem Chat mit dem "Internet-Experten" Sascha Lobo unter der Überschrift: "Warnschuss an die Politik" aufgegriffen:

Berlin direkt: Liebe Chatter, herzlich Willkommen im Chat von Berlin direkt. Heute steht Ihnen Sascha Lobo, der Internet-Experte, zum Thema Piratenpartei Rede und Antwort.

Berlin direkt: Guten Abend, Herr Lobo!

Sascha-Lobo: Hallo.

Berlin direkt: Liebe Chatter, Sie können jetzt Ihre Fragen zum Thema Freiheit im Internet und Piratenpartei stellen!

Sascha-Lobo: Ich kriege immer noch die Rückmeldung, dass der Chatraum geschlossen ist.

Sascha-Lobo: Ich könnte natürlich aucht mit mir selbst chatten.

Sascha-Lobo: Ich tue das oft.

Berlin direkt: Vielleicht wäre das `ne gute Möglichkeit...

Berlin direkt: Problem behoben -sorry für die Verspätung!!! Jetzt geht´s los!

Sascha-Lobo: Gut.

schaumburg: Warum wird zentral der Vorwurf formuliert, die Piraten hätten keine Konzepte? Ist das nicht ein Toschlagargument?

Sascha-Lobo: Den Vorwurf habe ich auf die Urheberrechts-Situation bezogen. Er ist in dem Moment gerechtfertigt, wo man das Parteiprogramm der Piraten heranzieht.

Conni13 (Gast): Herr Lobo, wieso reduzieren sie die Piraten immer aufs Urheberrecht. In den anderen Punkten stimmen sie doch mit ihnen überein, wie man aus dem SPD Onlinebeirat mitbekommt

tom456789: Ruht Ihre Arbeit als Online-Beirat der SPD (wie angekündigt)?

Sascha-Lobo: Conni13, ich konnte leider aus technischen Gründen den Beitrag eben nicht sehen - das nur nebenbei. Ich reduziere die Piraten nicht aufs Urheberrecht. Aber das ist schon allein des Namens wegen Ihr zentraler Punkt - und da setzt meine Kritik an.

Arno Nühm: Würden sie sich als Pirat innerhalb der SPD bezeichnen?

Sascha-Lobo: tom456789: Ja, die ruht.

Sascha-Lobo: Arno Nühm: Ich bin NICHT

Sascha-Lobo: damn.

Sascha-Lobo: nochmal.

Sascha-Lobo: Also: Ich bin NICHT und war nie Mitglied der SPD.

Berti9 (Gast): Herr Lobo, warum färben Sie sich Ihre Haare nich orange, nachdem die SPD in Internet-Themen so sehr enttäuscht? :)

Sascha-Lobo: Berti9, weil ich auch von der Piratenpartei enttäuscht bin. Abgesehen davon glaube ich, wie ich schon ein paar Mal gesagt habe, dass man die Parteien alle mit Internet Know How versorgen muss.

christianberger: Ich finde es albern, dass neue Modelle zum Urheberrecht welche auf eine freie Verbreitung von Inhalten hinauslaufen immer als unrealistisch bezeichnet werden, weil die Künstler ja auch leben müssen. Ist Ihnen denn nicht bewusst, dass auch im kommerziellen System mit Verlagen nur sehr wenige Künstler auch nur ansatzweise von den verkauften Tonträgern / Büchern leben können?

Sascha-Lobo: Ja, christianberger, das ist mir bewusst. Deshalb sage ich auch, dass die Systeme dringend reformiert werden müssen. Aber eben nicht mit der Arroganz, die die Piratenpartei vorträgt, siehe Parteiprogramm. Sondern im Sinne der Künstler, damit die Geld verdienen können.

Edi131 (Gast): Was ist Ihr Vorschlag bzgl Urheberrecht?

Sascha-Lobo: Ich finde, Musiker sollten von ihrer Arbeit leben können, auch, wenn sie etwa nicht live auftreten können oder wollen.

Edi184 (Gast): Herr Lobo, finden Sie nicht auch, dass die aktuelle Antwort der Politik auf die Möglichkeiten des Internets (u.A. einfacher Datentausch mit damit verbundenem Uhrheberrechtsbruch) in eine Sackgasse führt? Verschärfung des Urheberrechts und mehr Überwachung im Internet kann nicht die Antwort sein, oder?

Sascha-Lobo: Ich habe keinen expliziten Vorschlag bzgl. Urheberrecht - weil das ein extrem kompliziertes Thema ist, das ich von Profis und Interessenvertretern von allen Seiten bearbeitet sehen möchte. An einer solchen Kommission (so nenne ich das mal) würde ich aber vermutlich gern mitarbeiten.

tom456789: Begrüßen Sie es nicht, dass die Piraten die Diskussion (Internet) anregen? So wie früher die Grünen (Umweltschutz)?

Sascha-Lobo: tom456789 Ja, das begrüsse ich ausdrücklich. Ich habe auch nichts gegen die Piratenpartei an sich. Ich finde nur, dass sie reichlich naiv vorgehen und sich deshalb in eine Ecke drängen lassen und mit ihnen die extrem wichtigen Themen.

Edi16 (Gast): Herr Lobo, es gibt Stimmen, die nicht gewillt sind, sie als Stellvertreter der Internetgemeinde zu akzeptieren, wie stehen sie dazu?

Edi7 (Gast): Professionelle Interessenvertreter, sollen das regeln ;-) Sie sollten doch in die SPD eintreten.

Sascha-Lobo: Ich bin gar nicht Stellvertreter der Internetgemeinde und habe das auch nie behauptet. Schon, weil es "die Internetgemeinde" nicht gibt. Aber die Piratenpartei ist es ebensowenig, sie spricht nicht für alle, die im Netz unterwegs sind und glauben, dass das Internet weitreichende Reformen von allem Möglichen nach sich ziehen sollte.

funnygaby35: @ edi16: ich akzeptiere ihn, er ist ein Visionär. Die brauchen wir nämlich dringend.

Martin: Herr Lobo, sie kritisieren die PIRATEN immer wegen ihrer Position zum Urheberrecht/Verwertungsrecht. Als wie wichtig empfinden Sie den Kampf gegen den aufziehenden Überwachungs- und Zensur-Staat? Gibt es eine andere Partei, die konsequent gegen Überwachung und Zensur eintritt?

Edi131 (Gast): Ich stimme Ihnen zu, dass die Piratenpartei durch ihr Auftreten polarisiert. Aber sie hat es geschafft, dass Themen wie Datenschutz und Internet erstmals in der politischen Diskussion sind.

Sascha-Lobo: Martin, nein, die gibt es kaum. Der FDP nehme ich das nicht so recht ab, die Grünen zaudern, die SPD hat in diesem Punkt klar versagt. Aber ich glaube, dass man die anderen Parteien dazu bringen muss, die Wichtigkeit des Netzes für die gesamte Gesellschaft zu erkennen. Und ich glaube eben, dass eine Partikular-Interessenpartei da nicht so sehr hilft - ausser, das Thema auf die Agenda zu setzen.

momo91: wird das internet mittelfristig in der politik ernst genommen, könnten sie sich ein internetministerium vorstellen?

Sascha-Lobo: Edi131, das ist richtig. Deshalb finde ich auch so schade, dass die Piratenpartei nicht ernst zu nehmen ist und sich selbst in eine Ecke begeben hat, in der sie kaum Wirkungsmacht entfalten kann.

countUP: in dem Zusammenhang von Martin: Ist Tauss ein Gewinn oder Fanal? Einerseits erfahrener Bundestagsabgeordneter, dann aber auch Imageverlust (ob schuldig oder nicht).

Sascha-Lobo: momo91, selbstverständlich, mein Streben seit Jahren geht einzig in exakt diese Richtung, alles andere ist mir praktisch vollkommen egal.

Sascha-Lobo: Ich kenne Herrn Tauss nicht persönlich. Ich glaube aber, dass er für die Piratenpartei nicht unbedingt gut ist und umgekehrt.

w3b: Wieso glauben Sie, dass die Piratenpartei nicht ernstzunehmend ist?

Sascha-Lobo: Die Unschuldsvermutung übrigens gilt natürlich rechtsstaatlich - aber dass er ziemlich unclever gehandelt hat, das hat er bereits zugegeben. Er hat sich - und leider auch sein Know How - selbst ins Abseits geschossen.

Sascha-Lobo: w3b allein der Ton, der meiner Kritik auf verschiedenen Ebenen entgegengebracht worden ist, zeigt, dass man auf Gegenwind reagiert wie ein beleidigtes Kind.

thrust26: @Sascha: Manchmal muss man polarisieren, um überhaupt Wirkung zu erzielen. Könnte das nicht ein wichtiges Ziel der Piraten sein?

Sascha-Lobo: thrust26 Ja, das mag sein. Aber polarisieren kann man auch mit Konzepten, die Kritiker überzeugen. Die vermisse ich eben, verbunden mit Sätzen im Parteiprogramm, die von Unwissen zeugen und einer Arroganz gegenüber vielen anderen Interessengruppen.

Berlin direkt: Liebe Chatter, als Ausgleich für den etwas unglücklich begonnenen Chat machen wir den Chat einfach bis 20.10 Uhr, o.k.?

chfrank-cgn: Herr Lobo, daß eine Partikular-Interessenpartei sehr erfolgreich werden kann haben uns die Grünen in den 80ern vorgemacht. Warum nicht auch die Piraten jetzt im 21. Jahrhundert?

Sascha-Lobo: chfrank-cgn: ich bin mir gar nicht sicher, ob die Piraten nicht einmal eine erfolgreiche und ernstzunehmende Partei werden. Das kann sein, wenn sie sich zu gesellschaftlichen Themen äussern, die ausserhalb des Netzes stattfinden. Die gibt es nämlich auch. Und wenn dazu das Personal, sagen wir, polit-professioneller wird.

Anton71 (Gast): Ich denke die Piratenpartei ist nicht radikal genug - bzw. deren Mitglieder. Vergleich: Joschka Fischer und die Grünen, was meinen Sie dazu?

Sascha-Lobo: Die Frage ist dann nur, ob noch so viele im Netz dahinter stehen.

Conni68 (Gast): wuerden sie eine Zusammenarbeit mit der Piratenpartei, z.B. durch Einbringung von eigenen Vorschlaegen, prinzipiell in Erwaegung ziehen?

crossfire: @anton die partei ist schon fast zu radikal

Sascha-Lobo: Anton71 In vielen Punkten ist die Piratenpartei schon einigermassen "radikal" (mit den Forderungen, nicht politisch). Aber sich noch weiter von der Wählbarkeit für die normalen Menschen (Mehrheit in D) wegzubewegen, halte ich für nicht sinnvoll für die Piraten.

Conni28 (Gast): Ist es denn nicht zu viel verlangt, von einer relativ jungen und kleinen Partei, das Allheilrezept für alle Probleme zu finden?

Sascha-Lobo: Conni68: Wenn es um eine Diskussion geht, sicher. Darüberhinaus eher nicht.

Berti334 (Gast): Nur eine Frage: Halten Sie, Herr Lobo den Bericht über die Piratenpartei in Berlin direkt für einen gelungen und sachlich korrekt informativen?

Sascha-Lobo: Conni28: Ich verlange ziemlich viel von Parteien insgesamt - und finde diese Haltung auch richtig. Das ist einer der Gründe, warum ich die Erklärung des Online-Beirats mit auf den Weg gebracht und unterzeichnet habe. Damit macht man sich jetzt nicht unbedingt nur Freunde innerhalb der SPD.

Sascha-Lobo: Berti334: Eine doofe Antwort leider: ich konnte aus technischen Gründen (Zattooausfall) den Bericht nicht sehen.

chesmond: meh... hier werden doch nur Weichspülerfragen beantwortet. Jetzt bekennen Sie doch mal Farbe Hr Lobo. Wie stehen Sie zu dem kommenden Internetzensurgesetz? Kipo stoppschild?

Sascha-Lobo: chesmond: Lesen die von mir mitverfasste Erklärung des Onlinebeirats (zu finden über Google). [1]

Anton289 (Gast): Hat die Piratenpartei eine Chance bei der Bundestagswahl gewählt zu werden? Unter Studenten erreicht sie in Umfragen und Studenteparlamentswahlen schließlich bereits jetzt zweistellige Ergebnisse.

Anton289 (Gast): Ihre Prognose für die kommende Bundestagswahl?

Sascha-Lobo: Die Piratenpartei hat sicher eine Chance gewählt zu werden. Ich glaube zwar nicht, dass die 5% Hürde schafft. Aber ein Ergebnis, das den anderen Parteien zeigt, wie wichtig das Netz als Thema ist, wird sie wohl bekommmen. Das halte ich auch nciht für schlecht.

DonGee: Herr Lobo, warum werden die Ziele der Piratenpartei immer so dargelegt, dass es ihnen nur um kostenlose Downloads gehen würde und die Politik einspurig wäre? Sehen sie das auch so?

Sascha-Lobo: Ich sehe das nicht so - halte das aber für die grösste Schwäche der Piratenpartei, das nicht öffentlich vermitteln zu können. Das ist dem doofen Namen mitgeschuldet und der Motivation vieler Mitglieder, die augenzwinkernd eine Rechtfertigung brauchen, weiterhin kostenlos downloaden zu können. Das Thema steht mir zu sehr im Vordergrund bei der Partei selbst.

eike: was würden sie vorschlagen, damit eine Partei oder Gruppierung mit ihrem doch sehr speziellen Anliegen breit wahrgenommen wird?

Sascha-Lobo: Monothematisch ist die Ausrichtung der Partei aber auf jeden Fall.

Sascha-Lobo: eike: wie gesagt verlange ich von Parteien, die uns immerhin beherrschen, dass sie mir Rezepte bieten für alle Bereiche des Lebens. Ich weiss, das ist nicht leicht. Aber es muss sein.

Berlin direkt: Liebe Chatter, wir kommen nun zur letzten Frage für heute (leider)!

Det162 (Gast): Herr Lobo koennen Sie sich persoenlich vorstellen die Piratenpartei auch bei inhaltlichen Fragen zu Unterstuetzen?

Sascha-Lobo: Det162: Ich stand im Kampf gegen die Netzsperren Seite an Seite mit der Piratenpartei, aber eben auch mit Thorsten Schäfer-Gümbel oder Björn Böhning (beide SPD). Das ist auch völlig okay so. In einzelnen Bereichen stimme ich ja überein mit den Piraten. Habe ich auch mehrfach im Interview gesagt, aber in den Kernthemen Kultur und Urheberrecht eben nicht.

Sascha-Lobo: Wie, schon zu`

Berlin direkt: Liebe Chatter, das war`s leider für heute, trotz des riesigen Ansturms. Diesen Chat könnte man bestimmt beliebig lange fortführen... Vielen Dank für die vielen Fragen, auch wenn die meisten unbeantwortet blieben. Sorry nochmal für die Panne zum Beginn!!! Danke an Sascha Lobo und schönen Abend an alle! Wir haben die nächsten Wochen unsere Sommerinterviews und chatten nicht - erst wieder im September! Bis dahin allen Chattern eine schöne Zeit!!!


Nachtrag vom Montag, den 20. Juli 2009:

In einem Interview mit Ulrich Clauß und Thorsten Jungholt von der WELT erklärt die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries zum Thema Google:

Was Google da macht, ist mit deutschem Recht nicht vereinbar.

Bücher zu kopieren und ins Netz zu stellen, ohne die Urheber zu fragen, das geht nicht. Deshalb ist Google in den USA ja auch verklagt worden.

und fährt fort:

Es war nicht ganz einfach, einen Anwalt zu finden, der bereit war, uns in den USA gegen Google zu vertreten.

Nun haben wir in New York einen gefunden, der arbeitet gerade an der Stellungnahme für das Gericht. Aber ich warne davor, sich nur auf den Staat zu verlassen. Die Industrie muss selbst Konzepte entwickeln, wie Geschäftsmodelle zur Verwertung von Urheberrechten im Internet aussehen können. Ich habe die Verlage schon mehrfach ermahnt: Macht nicht dieselben Fehler wie die Musikindustrie!


Nachtrag vom Montag, den 27. Juli 2009:

Es ist, als ob der Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bremischen Bürgerschaft, Matthias Güldner mit seinem Wort zum Sonntag vom 26. Juli 2009, 14.33 Uhr, von der "Unerträgliche[n] Leichtigkeit des Internets" die Büchse der Pandora geöffnet hätte.

Sein Beitag in der WELT Online Debatte schliesst mit den Sätzen: "Die Glorifizierung des Internet wird vergehen. Der politische Makel, mehr auf den Trend gesetzt zu haben als auf die Bekämpfung realer Menschenrechtsverletzungen, würde dagegen lange haften bleiben."

Worauf sogleich einer der ersten Leser seinen Rücktritt aus der Partei der "Grünen" mit dem Ziel erklärt, sich nunmehr stattdessen den "Piraten" zuzuwenden.

Zu dem Zeitpunkt, an dem dieser Nachtrag ins Netz gestellt wird, erscheinen - als Kommentar 247 - gerade die Zeilen:

"Es ist selten, dass ein Text so eindeutig offenbart, dass der Autor zwar einige Schlagworte aufgeschnappt hat, aber darüber hinaus nicht weiß, wovon er redet."

Es lohnt sich die Mühe zu machen, ein wenig ausführlicher in diesen Kommentaren zu stöbern um zu erkennen:

- wie gefährlich, ja kontraproduktiv es sein kann, wenn man bestrebt ist, den Teufel mit dem Belzebub vertreiben zu wollen

- dass das Gebot der Freizügigkeit und die Forderung nach dem Erhalt - bzw. der Wiederherstellung - eines ungehinderten diskriminierungsfreien Zugangs zu einem Grundpfeiler der zukünftigen Debatten werden wird

- dass wir immer noch in einem Zeitabschnitt leben, in dem "das Internet", wie es sein "Erfinder" Tim Berners-Lee sieht, überhaupt noch nicht zur Entfaltung gekommen ist

- dass mit Begriffen wie "Piraterie" selbst auf der semantischen Ebene auf längst vergangene Welten zurückgegriffen wird - die man zu allem Überfluss weder kennengelernt noch nachempfunden noch in ihr nachgeforscht hat um wissen oder gar verstehen zu können, wovon eigentlich die Rede ist

Um an diesem letzten Punkt nochmals anzuknüfen sei hier die These aufgestellt, dass man erst dann die "Piraterie" wird überwinden können, wenn es gelungen sein wird, den Begriff der Piraterie selbst überwunden und durch einen sehr viel besser geeigneten ersetzt zu haben.

Vorschläge?!

Anmerkungen

[1Die Erklärung des Online-Beirats der SPD vom 17. Juni 2009 lautet wie folgt:

Wir fordern die SPD-Fraktion auf, gegen das geplante Gesetz zu den Netzsperren ("Kinderpornographiebekämpfungsgesetz") zu stimmen. Der mit der Union ausgehandelte Kompromiss ist absolut inakzeptabel, was man bereits an der Begeisterung erkennt, mit dem der Koalitionspartner zugestimmt hat.

Unter den vielen Gründen, die für die Ablehnung sprechen, möchten wir drei besonders herausheben.

1. Es handelt sich um ein Gesetz, das einen Zensurmechanismus errichtet. Die Angst der Bürger, dass dieser Mechanismus mißbraucht wird, ist angesichts der vielen Forderungen der Ausdehnung der Netzsperren hoch berechtigt.
Unabhängig von der Intention des Gesetzgebers besteht die Gefahr, dass Gerichte die Nutzung einer einmal aufgebauten Zensurinfrastruktur auch auf andere Tatbestände ausdehnen werden.

2. Der notwendige Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie muss intensiv und vorbehaltlos geführt werden, aber mit effektiven Mitteln. Die Netzsperren sind erwiesenermaßen ineffektiv und zudem mit hoher Wahrscheinlichkeit grundgesetzwidrig. Sie berücksichtigen nicht, dass Kinderpornografie im Internet fast ausschließlich in geschlossenen Nutzergruppen wie Foren oder Chat-Systemen verbreitet wird. In der Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP-Fraktion hat das Wirtschaftsministerium bestätigt, dass die Bundesregierung keine Erkenntnisse über die internationale Verteilung von Webseiten mit kinderpornografischen Inhalten hat. Auch liegen keine Informationen vor, in welchen Staaten Kinderpornografie nicht verfolgt wird.

3. Die SPD ist dabei, sich für die Digitale Generation unwählbar zu machen.
Das wird sich bereits bei Bundestagswahl niederschlagen, weil mit der Entscheidung für die Netzsperren jeder Internet-Wahlkampf ad absurdum geführt wird - erst recht, weil der Online-Wahlkampf 2009 unter der besonderen Aufmerksamkeit aller Medien steht. Eben die Klientel, die Barack Obama zum mächtigsten Mann der Welt gemacht hat, die Multiplikatoren im Netz nämlich, sehen in den Netzsperren einen Verrat an allen Werten, die die SPD
ausmachen: Demokratie, Fortschritt, Teilhabe. Es gibt eine handvoll lauter Stellvertreter dieser Generation; hinter ihnen stehen die 130.000 Mitzeichner der erfolgreichsten Petition aller Zeiten - aber auch die vielen Millionen jungen Menschen, die zum Teil schon wählen können und für die das Netz nicht einfach ein weiterer Medienkanal ist. Sondern der Ort, wo die Gesellschaft, ihre Gesellschaft stattfindet. Unwählbarkeit bedeutet hier für eine Partei also, sich jede Zukunftschance zu vernichten.

Wir, der Online-Beirat sehen in der Zustimmung zu diesem Gesetz daher einen fatalen Fehler, dessen tiefgreifendes Ausmaß für viele jetzt noch nicht abzuschätzen ist - in jedem Fall aber der SPD dramatisch schaden wird. Bitte stimmen Sie deshalb auch in Ihrem eigenem Interesse gegen die Netzsperren!

Berlin, 17. Juni 2009

Der Online-Beirat

Der 2007 vom Parteivorstand ins Leben gerufene Online-Beirat der SPD besteht aus rund 20 Mitgliedern, die sämtlich der Partei nahestehen oder Mitglieder sind. Aufgabe des Online-Beirats sollte es sein, den Parteivorsitzenden und den Parteivorstand in Fragen der politischen Kommunikation im Internet zu beraten. Obwohl der Online-Beirat kein offizielles Gemium ist, war bislang die öffentliche Aufmerksamkeit sehr hoch - es sind allein in diesem Jahr mehr als 40 Interviews geführt worden - unter anderem bei Maybritt Illner, Süddeutsche Zeitung, ZEIT, SPIEGEL, Stern, dpa, ZDF, ARD, 3sat. Sollte es mit der Unterstützung der SPD-Fraktion zu den Netzsperren kommen, werden die unterzeichnenden Mitglieder des Online-Beirats die Beirats- und Repräsentationstätigkeit bis auf Weiteres ruhen lassen.

Die Unterzeichner:

Dr. Christoph Bieber,
Sascha Boerger,
Markus Hagge,
Sascha Lobo,
Nico Lumma,
Andreas Maurer,
Ute Pannen,
Dr. Jan-Hinrik Schmidt,
Oliver Zeisberger


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