PYROMUSIKALE: Es werde Licht

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 15 Minuten

 

0.

Die Idee zu diesem Titel kam beim Betrachten des Firmen-Namens PYRO-ART desjenigen Mannes, der hinter der diesjährigen ersten PYROMUISIKALE steht: Hans-Georg Kehse.

Am ersten Abend des dreitägigen WELTGRÖSSTEN FESTIVALS DER MUSIK-FEUERWERKE stand dieser Mann dann als DER Prominente überhaupt zum Interview auf der Bühne. Der Moderator Kai Pätzmann fragt ihn, wie es denn zu dieser Idee gekommen sei. Und Kehse berichtet von den Tagen der 750-Jahr-Feier in Berlin und von dem japanischen Feuerwerk von vor 22 Jahren: dessen Lichtbilder er nur aus grosser Entfernung aus dem Ostteil der geteilten Stadt habe wahrnehmen können.

1.

Heute nun – und die folgenden Tag – würde dieser Traum von einem eigenen Feuerwerk in einer wiedervereinigten Stadt in Erfüllung gegangen sein. Und so wird der erste der drei Tage mit dem Versuch eingeleitet, das Motto „beBerlin“ in einem Mosaik aus über 20tausend Feuertöpfen am Boden des Flugfeldes zu illuminieren.

Das aus dem Helikopter aufgenommene und per Video-Link live an „ground control“ der Guinness-Book-Begutachter zurückgespielte Bild ist beeindruckend. Und doch fehlen Teile in dem vollständigen Feuer-Bild. Und so bleibt es bei einem ebenso aufwendigen wie beeindruckenden Versuch.

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2.

Gescheitert? Nein. Allein dieser Versuch war all den Aufwand wert. Und das nächste Mal wird man auch zu dem angestrebten Erfolgs kommen. Denn: Man hatte alles richtig gemacht. Das Arrangement stimmte, die Verkabelung war komplett und korrekt und selbst die Funkstrecke funktionierte – schliesslich doch.

Woran man nicht gedacht hatte, dass waren all die Tiere aus Wald und Flur, die sich über diese Installation in der Zeit zwischen Aufbau und Zündung hergemacht hatten: Füchse und Raben und vielleicht noch so mach anderes pelziges oder gefiedertes Wesen. Sie hatten schon längst nach der Einstellung des Flugbetriebes wieder einen Teil der Hoheit über das Gelände übernommen – und das nunmehr zu Ungunsten der Dominanz des menschlichen Strebens nach Schönheit.

3.

Vielleicht gehört das hier nicht her. Und dennoch gab es zwei „side effects“, die einen nachhaltigen Eindruck hinterliessen, der weit über das pyrotechnische dieses Abends hinausgingen: das war das Gesicht und die Spannung und das „halte-jetzt-durch“-Gehabe in dem Gesicht von H.-G. Kehse, als er kurz vor dem Beginn der Entzündung der zwanzigtausend Feuertöpfe erfuhr, dass die Funkstrecke auf dem ehemaligen Flugfeld noch nicht funktionstüchtig sei.

Das muss ein der Tat ein furchtbarer Moment sein. Im Licht der Scheinwerfer und vor einem offenen Mikro zu stehen und in den besten Tönen von seiner Arbeit zu erzählen und gleichzeitig zu wissen, dass man gerade in ein ganz tiefes Loch zu fällt, aus dem einen keiner heraushelfen mag. Schon gar nicht jene, die in diesem Moment ihm „am nächsten“ stehen. Ja, der Moderator rückt ihm wahrlich mit seinen fast einpeitschenden Worten und Fragen mehr als nur „auf die Pelle“ und doch ist er in diesem Moment einer der Menschen, den er am liebsten so weit als nur möglich „weggewünscht“ hätte. Wie gut wäre es, an diesem Moment mit sich und seinen Leuten allein sein zu können und nicht jener VIP zu sein, auf dem die ganze Verantwortung liegt.

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4.

Nun, die ganze Spannung löst sich auf, die Zündung erfolgt und das Spektakel nimmt seinen lauf. Und dennoch bleibt eine ganz andere sentimentale Stimmung über dem ganzen Gelände hängen. Denn alles, was da so sorgfältig aufgebaut wurde, bis hin zum letzten Scheinwerfer-Turm und zu letzten Anti-Stolper-Schiene, von der grossen Musikhallenmuschel bis hin zu den Riesenmonitoren mit den Kamerablicken auf die Bühne, irgendwie gehörte all das hier nicht an diesen Ort.

Irgendwo am Boden findet sich noch der Rest einer Flugbahnmarkierung, an der man sich einst selbst bei Start und Landung hat orientieren können – und müssen. Irgendwo sieht man nach den Tower der Flugsicherheit auf der Seite des Geländes – und es ist so ganz und gar ungewohnt, dass von diesem Gebäude aus niemand was zu sagen hat, sondern die Regie nunmehr in irgendwelchen Zelten und Containern untergebracht ist: Perfekt und Provisorisch zugleich.

Der Gang durch die menschenleere Abflughalle, die fast leeren mit weissem Tuch ausstaffierten Sitzbänke im noch mit der alten Leuchtschrift als „Restaurant“ annoncierten Presse-Refugium in ersten Stock, vorbei an den Bildern von der Geschichte des Flughafens und der Menschen, die ihn gestaltet und geprägt haben. Der Gang durch all diese bis auf das Fluggeländer hinterlässt bei dem einstigen Fluggast und Flieger ein Gefühl der Tristesse, das sich nicht so einfach wieder an diesem Abend aufheben lässt.

5.

Ja, es fällt schwer, fair zu sein. Es fällt schwer, wirklich vorurteilsfrei an diesen Abenden nach Berlin-Tempelhof zu fahren. Trotz bester Organisation und Betreuung, höchsten Sicherheitsstandards und einem grossen Vorprogramm, das hier nicht verschwiegen werden soll, aber aus der Sicht eines vielleicht sogar „pyroman“ veranlagten Berichterstatters keine weitere wirkliche Bedeutung hat.

Es ist – und das ist der erste Eindruck, der im Verlauf dieser insgesamt drei Tage noch zu überpürfen sein wird – als wolle man gleich das erste Mal von „Null auf Hundert“ gekommen sein. Als wenn man aus seiner Lebens-Geschichte - als auch der der Branche - alles „auf eine Karte“ haben setzen wollen und auf Sieg oder Niederlagen spielen.

Hut ab vor der künstlerischen wie unternehmerischen Risikobereitschaft – aber auch Skepsis angesichts der „Copy’n Paste“-Methode, mit der hier versucht worden ist, sich als Konkurrenzunternehmen zur allherbstlichen Pyronale auf dem Marsfeld am Olympiastadion aufzustellen.

Ja, die Konkurrenz belebt das Geschäft. Und aus der Sicht des Berichterstatters kann es nichts besseres geben, als eine Verdoppelung der Möglichkeiten, so grossartige Lichtspiele miterleben zu können. Und dennoch wird die PryoMusikale daran arbeiten müssen, ein eigenständiges Profil zu gewinnen. Grösse, Licht- und Laut-Stärke allein werden auf Dauer nicht genug sein, um aus diesem „einmaligen“ Ereignis eine weitere feste Institution zu machen, die weit über Berlin hinausreichen wird.

Die „beBerlin“-Installation wird 2010 ein Erfolg werden. Über die Frage, was ein „gross-artiges“ Feuerwerk sein könnte, wird in einem weiteren Text auf der Seite des Folgetages Stellung bezogen werden.


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