Wie zitiert man (wen oder was) in der Digitopie?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 07 Minuten

 

Der Beitrag vom Freitag, den 12. Juni 2008 hat das Problem wieder einmal mehr vor Augen geführt.

Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Soll es wirklich wahr sein, dass in Zukunft die am Freitag als Link eingespielten Beiträge des Deutschlandfunks in Zukunft nur noch "7 Tage danach" nachgehört werden können?

Wehret den Anfängen und sagt "Nein".

Auch wenn für den hier vorgezeigten Fall die notwendigen Absprachen (hoffentlich alle) getroffen wurden: so kann an diesem Beispiel als "pars pro toto", als exemplarischer Einzelfall vorgeführt und nachvollzogen werden, wenn es in Zukunft wirklich so sein sollte, dass selbst so ein prominenter Geburtstag wie der des Mädchens Anne Frank in Zukunft nicht mehr im Netz referenziert werden könnte, wie diese hier geschehen ist.

Wenn auf einer nichtkommerziellen Online-Publikation wie dieser auf diese Links verwiesen wird, besteht immer die Gefahr, dass Autoren wie Sender, wie andere "Betroffene" meinen, dass hier ihre Recht nicht ausreichend genug geachtet werden würden - und sollte dieses in diesem Fall tatsächlich so sein, dann würde auch die entsprechende Verlinkung wieder entfernt werden.

Aber das eigentlich Dramatische an diesem Beispiel ist die Aussage, dass es keinerlei Gewähr dafür gibt, ob und wie lange diese Links in Zukunft noch zur Verfügung stehen würden: ein halbes Jahr, wie es derzeit als vereinbart gilt, oder in Zukunft nur noch eine Woche?

Der Satz, dass "das Internet nicht vergisst", ist ebenso dumm wie irreführend. "Das Internet" also solches: Gibt es Nicht! Und es ist nach wie vor alles andere als "All-Wissend". Auch dann nicht, wenn vielerorts immer und immer wieder versucht wird, die Zugänge zu gewissen Inhalten mit einem Passwort zu versehen, nur gegen Bezahlung freizugeben, oder ganz und gar bestimmten Menschen-Gruppen vorzuenthalten.

Die Tatsache, dass angeblich heute "alle Welt" im Internet sei, ist ebenso unzutreffend wie die Vermutung, dass man über das Internet Zugriff auf "die ganze Welt" habe.

Zutreffend ist vielmehr, das heute mit den Mitteln dieses Systems Daten zwischen Menschen und Maschinen in sekundenschnelle rund um den Globus ausgetauscht und in digitalen Clustern und Containern aufbewahrt werden können.

Wenn also in dem oben benannten Eintrag von dem weltweit wohl am häufigsten nach-gelesenen Tagebuch die Rede ist, dann ist zugleich auch von einer editorischen Leistung die Rede, die sich seit der Herausgabe von Briefdokumenten als eine eigene Qualität in der Geschichte der Bereitstellung von Dokumenten entwickelt - und in Zukunft noch stärker als je zuvor wieder positiv bemerkbar machen wird.

Das Zeitalter der Blog-Texte, -Bilder und -Filme wird in diesem Zusammenhang letztendlich ein eher ephemeres bleiben, dessen Ende sich ja schon mit den Twitter- und Flutter-Tendenzen anzukündigen scheint. Immer schneller, im kürzer, immer unverbindlicher: das digitale Haiku des 21. Jahrunderts, das nicht mehr verdichtet, sondern entfremdet, nichts mehr eigenständig erzählt, sondern als Surogat der erlebten Oberfäche funktioniert.

Aber gerade in einer solchen Perspektive kommt dem Herausgeber, dem "Editor", dem Journalisten und dem Verleger eine ganz besondere Aufgabe zu: Orientierungspunkte und -linien zu setzen und zu skizzieren, die über den Tag hinaus für sich eine gewisse Gültigkeit in Anspruch nehmen.

Wer schreibt, der bleibt? Wer online schreibt, geht im Netz verloren - um dann, derzeit mehr und mehr, als Teilnehmer einer Gruppe wieder auftauchen und als solche Einfluss ausüben zu können.

Einer der Gründe, nicht selber aktiv zu "twittern" ist die "Qualifizierung" der eigenen Leistung (sprich: "Qualität") durch die Anzahl der "follower".

Die Masse machts - wirklich? Sie macht Macht. Ja. Und sogar Markt-Macht. Und irgendwann wird es auch nicht mehr bei den inzwischen schon frei konvertierbaren "Linden-Dollars" bleiben. Die Zeit wird kommen, in der die digital runderneuerte Rabattmarken- mentaliät sich nicht nur der Massen bemächtigt hat, sondern auch ihres Willens. [1]

Dann wird es lustig werden. Solange "analoges Geld" sich noch in Form von Währungen darstellen und ver-wechseln liess, war das Leben für die Vielreisenden schon kompliziert genug, aber für die Stubenhocker immer noch einfach genug. Seine Verwandlung in digital versendbaren Einheiten hat dazu geführt, dass die all-gegenwärtige Verfügbarkeit den Wettbeberb um die immer kürzere Zugriffszeit auf diesen volatilen Kapitalstöme in den Vordergrund rückt. Aus "number-crunchern" sind "binary-chaser" geworden. Und wir Menschen werden mit Milliarden-Summen konfrontiert, die wir selber generiert aber nicht mehr zu verwalten - geschweige denn zu verantworten - gelernt haben.

"Wenn die Welt eine Bank gewesen wäre, hättet Ihr sie längst gerettet". Die Welt ist aber eine Schlachtbank, auf der mit den Mitteln der Digitalisierung alles in Binärcode kurz und klein gehauen wird - im Namen des Fortschritts: Alles, was noch auf Kontinuität und Nachvollziehbarkeit aufgebaut ist, unterliegt der Gefahr der Zerstörung, der Nicht-Mehr-Wieder-Herstellbarkeit.

Wer bitte kann - und darf - denn heute noch zitieren? Durften wir auf der vorangegangenen Seite wirklich all das, was wir hier konnten? Oder müssen wir lernen, das Können zu können, was not-wendig ist, um diesem Notstand der vorprogrammierten Vorläufigkeit exemplarisch ein Ende zu bereiten?

Wie, beispielsweise, wird denn heute noch zitiert? Während sich die Hochschulen darüber den Kopf machen, wer was bei wem aus welcher URL "abschreibt" und ohne Quelle als das Seine ausgibt habe, versäumen sie es durchgängig danach zu fragen, ob und wer noch in der Lage ist, "richtig" zu ziteren. Will sagen: einen Link als URL-Adresse samt Abrufdatum im eigenen Text zu wiederholen und in der Anlage eine Kopie - als Cache - für die kritische Lektüre vor- bzw. bereitzuhalten.

Diese neuen Herausforderungen stellen sich also nicht nur dem Journalisten, dem Herausgeber, dem Verleger: Sie stellen sich jedem, der sich heute mit einer wissenschaflichen Disziplin zu beschäftigen - bzw. dieses qua Institution, Titel oder Habitus zu tun - vorgibt.

Annes Tagebuch wurde in der Isolation geschrieben, im Dialog mit einer virtuellen Pesönlichkeit, in der Sehnsucht eines verloren geglaubten Lebens, dessen Wiederentdeckung durch die Entdeckung der eigenen Person - beim Schreiben und bei der Razzia - eine Erfahrung auf Leben und Tot war.

Das Leben der Toten ist uns heute überliefert als Zeugnis eines Dialoges, der nie für die Öffentlichkeit bestimmt war. Und heute wird darüber in der Politik abgestimmt, dass all das hierüber öffentlich Berichtete uns Lebenden kurzfristig wieder entzogen werden soll: Nach sieben Tagen, in einem halben Jahr - oder als "Default-Einstellung" am Netz-Rechner, der alsdann nur noch dem genehmen "Guten" die Durchlass-Gewähr ermöglicht.

Wehret den Anfängen? Diese Zeit der Anfänger ist schon lange vorbei. Wer es nicht gelernt haben wird, im Netz Zwiesprache zu halten, wird nicht nur Opfer des "digital divide", des sogenannten "digitalen Grabens" zwischen den Teilhabenichtsen und den Netzteilnehmern. Sondern er (oder sie) wird sich der derzeit tobenden Grabenkämpfe gar nicht mehr bewusst, da die "splendid isolation" - etwa eines anonymisierenden Browsers - nicht als Schutz vor den Schergen des Regims genutzt wird, sondern als Angebot missverstanden, von all dem digitalen Zeug(nis) endlich in Ruhe gelassen zu werden.

Anmerkungen

[1In einem privaten Diskurs wurde in der Folgewoche der Begriff des "Bild-Dollars" geprägt.


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