Jerusalem (Tag 4)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 01 Minuten

 

0.

Es bleibt dabei. Die Geschichte von der Hochzeitsfeier in Mitzpeh.Yericho bleibt tabu. Auch von diesem Ort nur das, was auch schon an anderer Stelle an Fotos öffentlich gemacht worden ist.

Bemerkenswert sind allerdings die Umstände, der An- und Abreise. Der angemietete Leihwagen bleibt vor dem Hotel stehen. Stattdessen geht es im Taxi zu einem öffenlichen Sammelplatz am anderen Ende der Stadt. Dort sehen zwei Busse bereit. Und mit denen wird dann - mit den hier offensichtlich üblichen Verspätungen - der Transport organisiert.

Die Idee, sich hier wie in einem europäischen Land bewegen und selber agieren zu können, ist endgültig gescheitert. Auch wenn es auch hier all das gibt, was wir aus Europa auch kennen: GPS-Geräte (die man aber in Europa nicht finden kann), Grenzposten (die einen aber nicht anhalten), ein Mauer (die die Menschen hier nicht am Ausreisen hindern soll, sondern am Einreisen).

I.

Der Versuch, sich in dieser Stadt auf irgendeine Weise seinen eigenen Weg suchen zu wollen ist - letztendlich - zum Scheitern verurteilt. Wenn Menschen Dich hier ansprechen, wollen Sie nur eines von Dir: Dein Geld.

Um diese Stadt zu erkunden ist es wahrlich nötig, einen guten Führer, einen Erklärer, einen Beschützer, einen Augenöffner und einen "door-opener" zu haben. Und diesen Mann gab es "Gott sei Dank": Einen katholischer Priester der jüdische Tradition lehrt. [1]

All das, was er in grosser Genauigkeit während des Rundgangs durch die alte Stadt zu schildern vermochte, soll - und kann - an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden.

Soll: weil es nicht möglich ist, in diesen wenigen Absätzen die nicht enden wollende Abfolge von Zerstörung und Wiederaufbau, Krieg und Wohlstand auf den Punkt zu bringen.

Kann: weil die Eindrücke von dieser Führung immer wieder von dem vorgetragenen Sujet abwichen und eigenen Beobachtungen und Assoziationen den Vorrang lassen mussten.

II.

Bis hin zu einer denkwürdigen Szene: Nach Stunden des Weges sucht sich die Gruppe einen schattigen Platz, um eine Pause zu machen. An diesem Platz gibt es zwei kleinen Buden, von denen die Gäste auch bewirtet werden. Als diese beginnen, die Tische zusammenzurücken kommt es zum Streit zwischen den beiden Budenbetreibern: Jeder will die ganze Gruppe für sich haben, aber keiner hat dafür genug Tische. Die beiden können sich nicht einigen, der Streit um das Geld der Touristen nimmt an Schäfte zu.

In diesem Moment greift der Berichterstatter - zum Entsetzen der ihm Nahestehenden ein - erhebt seine Stimme und greift beide an. In lautem Deutsch und dann weiter in Französisch, damit zumindest die Gäste dieser Gruppen verstehen können, was der Anlass dieses Zornes ist.

Schlussendlich erheben sich alle trotz ihreres Ruhewunsches und setzen die Führung noch einen kleinen Moment fort: Bis sie an einen grossen Platz kommen, an dem eine neue grosse Synanoge gebaut ist. Und wo sich eine Bar mit vorgelagerten Tischen und Stühlen findet, an der alle Beteiligten Platz finden, sich ausruhen und erfrischen können.

Sobald sich die Gruppe zum Aufbrechen entschlossen hatte - und sei es auch nur, um diesem laut vernehmlichen Deutschen den Anlass für seinen Zorn zu nehmen - hatte der Streit zwischen den beiden Buden-Betreibern noch verschäft. Denn nun ging es - auch ohne das Arabische verstehen zu können - vornehmlich daran, wer von den beiden die eigentliche Schuld daran trägt, dass diese Gruppe nicht das für sie so notwendige Trink-Geld hinterlassen hat.

III.

Am Abend auf der Hochzeit ein langes Gespräch mit einem hohen israelischen Diplomaten, der jetzt im Ruhestand ist, der aber immer noch nach seinen vielen Jahren im mittleren Osten die aktuelle Geschichte verfolgt, jeden Tag die arabische Presse liest und die Sendungen hört.

Er würde das Arabische jeden Tag lesen und verstehen - und er könne nicht verstehen, wie fünfundneunzig Prozent der europäischen Presse so sehr von den radikalen Linken unterwandert worden sei, dass sie Israel immer nur als den Agressor darstellten: AFP, Reutes, dpa.... you name them. Von ihrem Recht, von der bitteren Notwendigkeit, sich selber verteidigen zu müssen, sei keine Rede. Die ganze europäische Presse habe für Israel nichts anders übrig als das Klischee des Bösewichtes. Es sei wie im Kindergarten, wo die Kinder zum ersten Mal ein Kreuz mit dem daran angenagelten Jesus entdecken und auf ihre Fragen zur Antwort erhielten, das sei der Sohn Gottes, der dort von den Juden zur Strecke gebracht worden sei.

IV.

Nein, dieses Land ist ebensowenig als Zaungast einer Hochzeit - auch die von Freunden - zu begreifen, als wenn man sich als Tourist mit den Zeugnissen der Geschichte dieser Stadt auseinandersetzen will. [2] Selbst die für den touristischen Blick freigesetzten Torsi aus der Hohezeit dieser alles andere als armen Stadt befinden sich unmittelbar neben der Tür zu einem Luftschutzbunker. Während die Stadvirtel all der anderen Religionsgruppen die Spuren vieler Jahrunderte ausweisen, ist das jüdische Virtel modern und aufgeräumt wie kein anderes. Aber auch das ist ein steinernes Zeitdokument, denn diese Bauten sind entstanden als Zeugnisse des Wiederaufbaus, nachdem das ganze Quartier von den Jordaniern mit Dynamit in Schutt und Asche gelegt worden sei.

V.

Was dieser Ort fast körperlich spürbar werden lässt, ist die Ungeheuerlichkeit, mit der sich immer wieder neue Volksgruppen und Stämme, Könige und Kaiser und Kirchenoberäupter jeglicher Provenienz mit Ihren Ansprüchen und Forderung nach Beachtung und Dominanz durchgesetzt und zu manifestieren versucht haben. Aufbauen und sichern, ausbauen und verteidigen, im Kampf verlieren und zerstört werden. Und all das mit Berufung auf Zeugnisse die als Beweis für die Begründung der jeweils heilig genannten Schriften herhalten müssen.

Im Verlauf der Führung ist immer wieder von neuen Herrschern und Kämpfen, neuen gesellschaftlichen Hochzeiten und deren Zerfall, von Neugründungen auf den Brandmauern des Zerstörten die Rede.

Dieser sogenannte Tempelberg ist wie ein - wenn auch heute nur zeitweise erloschener - Vulkan, auf dem jeder auf seine Weise um die Anzeichen und Anerkennung seiner Transzendenz-Kompetenz kämpft. Und der Besuch diese in den Tempel hineingeschlagenen religiösen Städte ist wie der Eingang in eine andere Welt.

VI.

Aus all dem hier Erlebten könnte eine eigene lange Geschichte entstehen, in der nicht so DIE Geschichte als historische Referenz im Mittelpunkt steht sondern viel (m)eher die Möglichkeit der aktuellen und unmittelbaren Erfahrbarkeit dieses unendlichen Geflechtes von Spannungen und immer wieder verletzbaren Übereinkünften einer Ko-Existenz, die ebenso provisorisch wie provokant wirkt.

Hier also keine Bilderreigen von der geradezu unglaublichen Dichte von Menschen und Mythen in der Grabeskirche, sondern lediglich ein Bild als pars pro toto von dem Eingang zur Erlöserkirche.


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Dort sollte in wenigen Minuten ein protestantischer Gottesdienst in deutscher Sprache beginnen. Und in einem kurzen Gespräch mit dem Pfarrer wird dieser darüber aufgeklärt, dass man nicht Mitglied der Reisegruppe aus Nürnberg sei, sondern sich heute an diesem Ort aufhalte, da man als Aus-Gestalter des Kirchentages in Bremen nicht angenommen worden sei. [3] "Also doch lieber Jerusalem statt Bremen?!" sagt er - und bekommt ein Kopfnicken zurück.

PS [4]

Unmittelbar nach der Rückreise bei einem Arztbesuch [5] im Wartezimmer einen Blick in das aktuelle SPIEGEL-Magazin geworfen. Dort ein Bild des Papstes vor der so - und so falsch - benannten "Klagemauer" gefunden. Diese Bild - auch wenn es hier wohl aus urheberrechtsgründen nicht zitiert werden kann - spricht für sich selbst. Es zeigt, dass der Papst und diese Mauer nicht miteinander kommunizieren.


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Dass dieses möglich ist, kann aus dem eigenen hier nur diskret angedeuteten Erleben bestätigt werden. Und, dass die Zeit an dieser Mauer von einer mentalen und meditativen Dichte war, die bislang nur mit der erstmals erlebten Kirschblüte in Japan und dem erstmaligen ost-westlichen Durchschreiten des Brandenburger Tors vergleichbar war.

Denn: Diese Mauer ist eine Kommunikationsplattfom von höchst intimer Potenz.

Dieser Ort hat eine spirituelle Dimension die jedem offen steht, unabhängig von seiner Religion oder Abstinenz von derselben. Vorausgesetzt, man ist bereit, die Trennung der Geschlechter an diesem Ort zu akzeptiern und auch sonst alles zu vergessen, was in diesem Moment des Handanlegens an die Steine um einen herum passiert.

Denn: An dieser Mauer wird getextet, ja: "getanzt" und "larmentiert" - aber nicht lamentiert. Aber Zeichen der Bewegung oder gar Tränen kann sich ein Papst in einer so hyper-medialisierten Öfffentlichkeit nicht leisten. Oder?

WS.

PPS

Im Dialog über diesen Text wurde der Hinweis auf einen Beitrag des TV-Senders "Euronews" laut, der am 9. November 2008 unter dem Titel: "Massenschlägerei in der Grabeskirche" ausgestrahlt und zwischenzeitlich auch in YouTube eingestellt worden war.

euronews 9. Nov. 2008
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Nachtrag

Bekanntlich werden ja die Reaktionen auf die Beiträge in diesem Journal nicht - und schon gar nicht in einem Forum - veröffentlicht. Aber es gibt Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, wie zum Beispiel dieses Zitat, das am 4. Juni 2009 mit dem folgenden Text zugesandt wurde:

Une jeune journaliste de CNN avait entendu parler d’un très, très vieux juif qui se rendait deux fois par jour prier au mur des lamentations, depuis toujours.

Pensant tenir un sujet, elle se rend sur place et voit un très vieil homme marchant lentement vers le mur.

Après trois quarts d’heure de prière et alors qu’il s’éloigne lentement, appuyé sur sa canne, elle s’approche pour l’interviewer.

"Excusez-moi, monsieur, je suis Rebecca Smith de CNN. Quel est votre nom ?"

"Morris Fishbien" répond-t-il.

"Depuis combien de temps venez-vous prier ici ?"

"Plus de 60 ans" répond-t-il.

"60 ans ! C’est incroyable ! Et pour quoi priez-vous ?"

"Je prie pour la paix entre les Chrétiens, les Juifs et les Musulmans. Je prie pour la fin de toutes les guerres et de la haine. Je prie pour que nos enfants grandissent en sécurité et deviennent des adultes responsables, qui aiment leur prochain."

"Et que ressentez-vous après 60 ans de prières ?"

"J’ai l’impression de parler à un mur."

Anmerkungen

[1Sein Bild ist zu finden in der Ausgabe vom 28. Mai 2009.

[2Selbst die Wikipedia-Seite samt dem dort eingestellten Panoramablick kann in keiner Weise auch nur anähernd wiedergeben, was an diesem eben so realen wie irrealen Ort wirklich abgegangen ist.

[4Über all das hier Gesagte gibt es eine Vielzahl von Bildern um jedes dieser Ereignisse zu belegen - vielleicht auch zu illustrieren. Von all diesen wird aber nur dieses eine, nachfolgende "Mauerspalten-Bild" verwendet, denn in diesem Text soll einmal die Sprache wirken, stärker noch als jedes noch so gute Bild.

[5Siehe dazu auch: No Handshake.


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