3 Milliarden Miese: Weg wie Nichts?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 22 Uhr 52 Minuten

 

Als lebenslanger Kunde der Dresdner Bank gibt es derzeit alle naselang Post der Hauses, in der darüber Auskunft erteilt wird, zum welchem Zinssatz der eingeräumte Überziehungskredit berechnet wird, wenn er denn in Anspruch genommen werden würde.

Nachdem bereits nach der Übernahme durch die Allianz alle namentlich bekannten Vertrauenspersonen die Bank verlassen hatten, werden nunmehr die Entscheidungen über das Wohl und Wehe einer Kundenbeziehung und Liquidität zu aller erst von den Algorithmen in den Grossrechenzentren diktiert. Das "vertrauensvolle Kundengespräch" dient im wesentlichen der Vermittlung dieser Entscheidung des Kollegen Computer.

"EDV-Zentrale, übernehmen Sie": trotz all dieser Verlagerungen von Kompetenz an die Nerds in den Netzen war die Bank in den letzten Jahren offensichtlich nicht vor eigenen Verlusten in Milliardenhöhe gefeiht - und das, während die Deutsche Bank im vergleichbaren Zeitraum behauptet, schon wieder mit Gewinnen in vergleichbarer Höhe aufwarten zu können.

Jetzt aber ist ein Teil dieser Verluste plötzlich "futsch", irgendwo in den Büchern in der Transition von der Allianz zur Commerzbank verschwunden. Dass letztere nach den jetzt bekanntgewordenen Unterlagen der Finanzaufsicht BAFIN mit über 100 Milliarden in einem dicken Schlamassel steckt, ist nun "Dank" der Süddeutschen Zeitung auch im öffentlichen Bewusstsein angekommen.

Und unter wessen "Bettdecke" sind diese über drei Milliarden Miese nun geblieben?

Berichte dazu gab es heute im Deutschlandfunk [1] und in einem FAZ.Net- einen Bericht von Markus Frühauf, der sich auf Dieter Hein, Partner und Sprecher des unabhängigen Aktienanalysehaus FAIRsesearch mit dessem Zitat bezieht: "Der Quartalsverlust der Dresdner Bank von 3,9 Milliarden Euro scheint also verschwunden zu sein".

Nein, hier geht es nicht länger um die Auswüchse einer "kreativen Buchhaltung". Hier geht es um eine in diesem Fall ausnahmsweise offensichtlich gewordene Miss-Achtung all jener gesellschaftlichen "Verbindlichkeiten", die das Basis-Modee für das eigene Zusammenleben bestimmen.

Nicht nur, dass wir uns die Grössenordnungen der hier genannten Summen kaum oder gar nicht mehr vorstellen können. Inzwischen können wir uns auch nicht mehr vorstellen, dass sich Personen unseres Vertrauens noch vor diese stellen und unsere Existenz würden verteidigen können - in guten wie in schlechten Zeiten.

Überall gibt es derzeit nur noch jene "Guten Menschen", die - nicht nur in "Sezuan" - nicht mehr Aus noch Ein wissen. Sie wissen nur noch, dass sie nicht wissen, wie sie uns wissen machen sollen, was wir nicht wissen dürfen: Was eine "systemische Krise" wirklich bedeutet.

In Zeiten, wo noch nicht die Inflation des Tagesgeldes wohl aber der täglich angesagten Kapitalbeträge alles bis dahin Erlebte in den Schatten stellt, über-treffen sich die Satire-Profis auf den Bühnen mit ihrer Kapitalismus-Kritik und dem Bemühungen, das Ausmass der aktuellen Verluste überhaupt erst einmal für den Menschen vorstellbar zu machen.

Es wurde schon immer wieder an anderer Stelle in "DaybyDay" über "Digital Divide" gesprochen, über die mangelnde Bereitschaft, Unwilligkeit oder auch Unfähigkeit vieler Menschen, sich noch auf "den Computer" und "das Internet" als Teil der eigenen Existenz einzulassen.

Aber dieser Graben ist vergleichsweise flach im Vergleich zu jener Kluft, die sich in den letzten Wochen und Monaten zwischen den Machern und den Betroffenen des Finanz-Wesens aufgetan hat, zwischen jenen, die gelernt zu haben glauben, mit jenem "sich selbst verwertenden Wert" umgehen zu können: Jenem "beseelten Ungeheur", von dem es im Band Eins des "Kapitals" heisst, dass dieses seiner Natur nach selbst zu "arbeiten" begänne, "als hätt’ es Lieb’ im Leibe."

Wenn es schon keine wirklich wirksame Wissenschaft über die Natur des Geldes gibt, dann ist die Bilanz-Buchhaltung ein umso wichtigerer Faktor, der uns zumindest noch die Transparenz in eine ungeheuerlich komplizierte Welt aufzuschliessen verspricht. Wird auch dieses Versprechen gebrochen, dann wird aus der Komplexität ein Moloch, aus dem Mangel an Transparenz ein Lügenmärchen, aus dem Mangel an Vertrauen eine Katastrophe sonder Gleichen.

Der Ruf "Wehret den Anfängen" ist längst verhallt. Hier sind keine Anfänger am Werk, sondern selbstbewusste und gut trainierte Jongleure, die nicht nur Geld verspielt haben, das ihnen nicht gehört, sondern auch das vituelle Kapital unseres Vertrauens: Was sich nicht gehört.

WS.


Nachträge: In einem Leserbrief auf diesen Text wird u.a. auf die folgenden beiden Publikation aus "Telepolis" verwiesen:

Wie Banken "positive" Quartalergebnisse herbeirechnen

Zitat: "Im Fall der Deutschen Bank ging die Nummer mit den gelockerten Bilanzierungsregeln ziemlich schnell nach hinten los. So konnte im dritten Quartal 2008 die deutsche Großbank nach der Lockerung der Regeln noch einen "Gewinn" von gut 400 Millionen Euro [local] vermelden, der nach den alten Bilanzierungsregeln ein Verlust von fast einer Milliarde Euro gewesen wäre. Wie wenig nachhaltig die geschönten Zahlen waren, zeigte sich dann im vierten Quartal, als trotz neuer Bilanzierungsregeln ein Verlust von 4,8 Milliarden [local] ausgewiesen werden musste. "

Der Zombie geht um in Europa

Zitat: "Buchhaltungstricks
Obwohl das weltweite Bankensystem einem Leichenschauhaus gleicht, können Banken plötzlich wieder Gewinne erzielen. Der Trick: Das amerikanische "Financial Accounting Standards Board" beschloss, dass die Banken ihre toxischen Wertpapiere nicht mehr zum Marktwert, der bei nicht handelbaren Papieren eh nicht zu bestimmen ist und bei vielen Papieren sogar bei Null liegt, sondern gemäß der eigenen Einschätzung bilanzieren können. Damit wird der Abschreibungsbedarf drastisch gesenkt, was nicht nur für geringere Verluste, sondern plötzlich sogar wie bei Goldman Sachs zu einem hohen Gewinn im 1. Quartal 2009 von 1.7 Milliarden USD führt ([local] Wie Banken "positive" Quartalergebnisse herbeirechnen)."

Anmerkungen

[1"Rätselhaftes Verschwinden - Wo sind die Milliardenverluste der Dresdner Bank
geblieben?" Allerdings, wie sonst üblich, ohne Dokumentation des Textes oder des Autors


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