The Editors’ Note: "cut’n paste"

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 22 Uhr 27 Minuten

 

Heute, liebe Leserin, lieber Leser: können Sie an einem Exempel der besonderen Art nachvollziehen, wie die veröffentlichte Meinung zu Un-Recht auf die Legitimität der als Wikipedia benannten und bekannten "Quelle" bezieht.

Es geht dabei um mehr als nur einen Schildbürgerstreich: Es geht, schlicht und einfach, um den verantwortungsbewussten Umgang mit der Wahrheit.

Dazu wurde von einem anonymisierten Autor dem neuen und jüngsten Minister für Wirtschaft und Technologie in der deutschsprachigen Wikipedia zu seinen 10 Vornamen ein elfter - Wilhelm - "hinzugedichtet" - und innerhalb von Stunden hatte dieser Eintrag Eingang in die vielfältigsten Pressepublikationen genommen.


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Dazu schreibt der Urheber des vielzitieren absichtlich "inszenierten" Wikipedia-Fehlers im Bildblog vom 10. Februar 2009 unter der Überschrift: Wie ich Freiherr von Guttenberg zu Wilhelm machte:

"Weil Journalisten ungeprüft von Wikipedia abschreiben und Wikipedia journalistische Texte als glaubwürdige Quelle betrachtet, wurde der erfundene Vorname schnell zur medialen Wirklichkeit."

Und heute wird im Bildblog die Bild-Zeitung vom 12. Februar 2009 mit dem Satz zitiert:

"Im Online-Lexikon Wikipedia dichtete der anonyme Fälscher dem Minister den Namen "Wilhelm" an – und viele Medien (auch BILD) fielen darauf herein."

PS.

Während dieser Presse-Posse hatte der Namen "Wilhelm" in der eigenen Praxis eine ganz andere Beutung: Am Mittwoch, den 11. Februar 2009, wurde im Archiv der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin Einblick genommen in das fünfbändige Konvolut von Friedrich [?] [1] Wilhelm Siegert, in dem er die von ihm selbst erlebte und mitgestaltete Kriegszeit [2] in den Jahren 1914 bis 1918 dokumentiert hat. [3]

Unser Wikipedia-Autor hatte sich rückversichert und der Bildblog verweist auf das "Genealogisches Handbuch des Adels, Bd. 110, Freiherrliche Häuser XIX". [4]


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PPS.

Und da hier an dieser Selle eh’ auch Persönliches durchscheint, sei noch an den sechzigsten Geburtstag von Barbara Honigmann erinnert - die sich aus diesem Anlass in letzter Zeit in ihrer "Wahl"-Heimat Strassburg eines offensichtlich regen Besuchs hat erfreuen können.

Oder war es ihr etwa doch zuviel mit all der Reporterei? [5] Auf jeden Fall sind für den "interessierten Aussenstehenden" doch einige wirklich gelungene Werkstatt-Stücke zu "Leben und Werk" entstanden, auf die hier zumindest in zwei Beispielen hingewiesen werden soll:

In dem Text zum ARTE- Beitrag geht es - einmal mehr - um den Entwurf der eigenen Aufzeichnungen und das Verhältnis von "linearen" und "ditialen" Medien - und man kann lesen:

Auf dem Schreibtisch liegen Mappen mit Briefen, Notizen, Zeitungsartikeln, Hefte mit Skizzen, Sätzen, allerersten Textentwürfen: der Steinbruch für ihren nächsten Roman, Bilder von A. Am Computer schreibt Barbara Honigmann erst, wenn es wirklich eine erste vollständige Fassung gibt. Aus einem Regal holt sie eine Kiste voll mit solchen Heften und Mappen und lässt uns blättern im Entstehungsprozess von Ein Kapitel aus meinem Leben - dem Buch über ihre Mutter, Lizzy Kohlmann, und deren Ehe mit dem Doppelagenten Kim Philby. Hunderte von handgeschriebenen Seiten mit Streichungen, Randbemerkungen, Zusätzen, Querverweisen, mal winzig klein, mal groß, in blau, rot, grün geschrieben… - man sieht manchen Passagen die Emotion an, die drin steckt, und es « sieht halt nach Arbeit aus », sagt die Autorin.

Und in dem Text zum Radio-Feature von Nicoletta Torcelli und Annegret Karstens im Deutschlandfunk vom 13. Februar 2009 ab 20:10 Uhr
"Leben koscher light
Die Schriftstellerin Barbara Honigmann und ihr Straßburg" [6]
heisst es an einer Stelle:

"Allererste Ordnung, genau ... . zuerst ist alles chaotisch, und dann muss man irgendwie die Struktur, die Ordnung finden, und das geht so parallel in Mappen, im Heft ... schscht! Und so sieht’ dann aus. Und wenn ich es dann in so einem Zustand überhaupt nicht mehr durchsehe, da gebe ich es dann in den Computer. "

Und - zu guter Letzt - noch dieses:

"Die Deutschen wissen gar nicht mehr, was Juden sind, wissen nur, dass eine schreckliche Geschichte zwischen ihnen liegt, und jeder Jude, der auftaucht, erinnert sie an diese Geschichte, die immer noch weh tut und auf die Nerven geht. ... Denn beide, die Juden und die Deutschen, fühlen sich in dieser Begegnung ziemlich schlecht, sie stellen unmögliche Forderungen an den anderen, können sich aber auch gegenseitig nicht in Ruhe lassen." [7]

Und dem Sohn und seiner Familie ein herzliches Willkommen in diesem brisanten wie bedächtigen, bedrückenden wie belebenden Berlin!

Anmerkungen

[1In der Ahnenstammkarte " Index to SF-4 | FHL Microfilm 1981704 | Kunick Genealogy | AL-11391" finden sich die Einträge:
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1830B ... Burkhardtsdorf ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1869D ... Burkhardtsdorf ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1857M ... Burkhardtsdorf ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1788B ... Unterschmiedeberg ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1871D ... Burkhardtsdorf ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1831M ... Burkhardtsdorf ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1831M ... Burkhardtsdorf ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1871D ... ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1857M ... Burkhardtsdorf ... 11391
Siegert, Friedrich Wilhelm ... 1869D ... ... 11391

und harren noch ihrer Überprüfung.

[2ausgerechnet in einer AMAZON-Buch-Rezension findet sich der Satz:
"Major Wilhelm Siegert [...] assembled Germany’s finest aviators in the innocuously-sounding Breiftauben Abteilung (Carrier Pigeon Unit) and began to wage war against Allied strategic targets. "

[3Über die dahinterliegende Publikationsabsicht wurde erstmals am 8. Juni 2006 in "DaybyDay" das Folgende geschrieben: Blogs, die die Welt verändern?.

[4An dieser Stelle sei hinzugefügt, dass es sich dabei um die Fortsetzung der bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts fortgeschriebene Gothaischen Genealogischen Taschenbücher Edition handelt, die ab 1951 im Verlag C.A.Starke in Glücksburg und ab 1958 in Limburg an der Lahn fortgesetzt wiederaufgenommen und fortgeschrieben wurde.

[5Auf jeden Fall hat die Deutsche Nationalbibliothek - zumindest aktuell - nicht mehr mitmachen können und den Werkverzeichnis-Link nicht Online bedienen können.

[6Einer Sendung, deren Inszenierung von Ulrike Bajohr - unter der Mitwirkung von Michael Morawietz und Petra Pelloth in Ton und Technik - man unbedingt auch zugehört haben sollte!

[7Der Text wird auf der o.g. Seite des Senders sowohl als PDF als auch als Text-File zur Verfügung gestellt. Das ist grossartig und lehrreich zugleich.


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