Cult lag

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 22 Uhr 19 Minuten

 

O.

Jet lag : When traveling across a number of time zones, the body clock will be out of sync with the destination time, as it experiences daylight and darkness contrary to the rhythms to which it has grown accustomed

I.


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Nach über zehn Stunden Flug. 20 Grad Temperatursturz. Keine Fahrenheit mehr, keine Meilen, keine Gallons und keine Feet mehr. Und keine Sonne. Der Regen prasselt auf die Landebahn, auf der sich die Lichter des Flughafens spiegeln. Es war dunkel bei der Abreise, es ist Dunkel bei der ersten Landung in Deutschland. Und dann die Ankunft. Und schon wird es wieder Nacht.

Der erste Offizier, CS., begrüsst die Gäste auf dem letzten Teil des nun innerdeutschen Fluges aus dem Cockpit - nach dem Erreichen der „34tausend Fuss Reiseflughöhe“ – auf Deutsch und in englischer Sprache. Und beim Landen setzt er extra hart auf. Und das mit Absicht – um so mit dem Gummi der Räder den Wasserfilm auf der Landebahn zerschneiden zu können. Sanfte Landungen, so sagt er später auf Anfrage, können wir uns bei Schönwetterflügen erlauben, aber nicht bei solchen Regenböen.

Hier, in der Fliegerei, gelten auch noch heute andere Massstäbe – und die Meilen sind noch heute das Mass aller Dinge: Bei den Profis und selbst bei den Meilensammlern. Im Cockpit gibt es keine Kilometer.

Und für die Mitflieger hat die Luft-Hansa seit 15 Jahren ein ganzes Meilen-Programm aufgelegt. Das ist nichts anderes als ein virtuelles zwei Klassen Rabatt-Marken-Programm. Mit Prämien- und mit Status-Meilen. Und wenn die Anwartschaften für genügend „Meilen“ erfüllt sind, gibt es Boni oder goldene Statuskarten, die einen als Frequent-Flyer, als Senator-Lounge-VIP oder „HON“ ausweisen. [1].

II.


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Das Französische, einst die Weltluftpostsprache, ist dagegen aus der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend verschwunden.

Vielleicht kennt man die – ehemals noch gezackten und gummierten – blauen Aufkleber mit der Aufschrift „par avion“. Der auf Vorschlag des deutschen Generalpostdirektors Heinrich von Stephan im Oktober 1874 in Bern gegründete allgemeine Postverein konnte bereits nach seiner Ratifizierung durch über 20 Gründungsstaaten am 1. Juli 1875 in Kraft treten: als „Union Postale Universelle“, UpU. Damals wurde das das Französische zur „Weltpostsprache“. Das Ziel: Die in dieser Sprache adressierten Luftpostbriefe sollten mittels dieser sprachlichen Normierung und Adressierung weltweit zustellbar sein.

Und heute? Heute hat selbst das Vielflieger-Programm der „grössten Fluggesellschaft Europas“, Air-France, einen englischen Namen: Flying Blue. Im Gegensatz zur „einfachen“ Miles&More-Karte sind diese Karten weiss und haben einen Aufdruck in blauer Farbe. Und wer nicht nur mitfliegen, sondern sich am Online-Verkauf der Air-France-Tickets beteiligen will, dem bietet die Gesellschaft Boni zwischen 3 und 9 Euro an [2], in Zusammenarbeit mit der in Santa Barbara in Kalifornien 1998 gegründeten „ValueClick company“, Junction.

III.


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Heute sind bereits die Briefmarken durch Stempelautomaten und elektronische Bezahlverfahren bei der Post ebenso abgeschafft wie die Flugscheine bei den mit etix arbeitenden Fluggesellschaften. Diese werden – ebenso wie die Bordkarten – direkt aus dem Rechner erstellt, am Schalter, wie im Büro oder selbst zuhause.

Kommt man mit einem solchen Billet in der Abflughalle an, wird man von einer Reihe von Automaten „begrüsst“, an denen man mit Vorlage dieser ausgedruckten Vouchers sogleich sein Gepäck auch aufgeben kann, ohne dass daran noch irgendjemand vom Personal beteiligt wäre.

Im Flughafenabflugterminal, irgendwo draussen vor München, gibt es neben den vielen Gepäckabfertigungsautomaten auch noch einen Schalter, hinter dem ein Mensch, eine Frau sitzt – und Zeitung liest. Aus Stangen und elastischen Bändern sind – wie seit langem schon aus den USA bekannt – die Wege gekennzeichnet, mit denen man an diesen Schalter gelangen kann. Aber es gibt keinen Eingang in dieses Labyrinth. Was tun? Schlussendlich wird durch ein lautes Ansprechen die Dame an ihrer weiteren Lektüre gehindert. Sie schaut auf und antwortet freundlich, sie sei nur für Notfälle da. An den Automaten gäbe es auch eine Mitarbeiterin, die sich um alles weitere kümmern würde. Und so geschieht es dann auch.

IV.


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Der letzte Flug, zurück an den Ausgangspunkt der Reise. Die Rückkehr verläuft perfekt, nur die Einkehr (noch) nicht. Die Umstellung, das sind nicht nur die 9 Stunden Differenz, das ist auch die Entscheidung, wo man in Zukunft leben, ja, wie man sein Leben in der noch unbekannten verbleibenden Zeit gestalten will.

Es ist schon wieder Nacht. Oder immer noch. Und „eigentlich“ wäre es doch noch heller Tag.
Doch dein Leben ist jetzt nicht mehr das, was es noch einen Tag zuvor war. Dort – und innerlich noch „hier“ – lebtest Du in einer anderen Sprache, mit anderen Kulturen, mit anderem Essen, anderen Grössenverhältnissen, in einer anderen Kommunikation. Es gab Freunde dort, von denen es sich galt, sich zu verabschieden. So sehr, dass man vielleicht auch gerne hätte bleiben wollen. Auch dort bleiben Menschen zurück, die Dir nun seit Jahrzehnten bekannt sind, die mehr sind als „nur“ Bekannte.

V.


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Freund und Leid der Globalisierung. Aus der Warte eines solchen Er-Lebens heraus wird klar, dass es auch ein Vorteil sein kann, wenn man als Weltenbummler mit (s)einer Corporate Identity von Kontinent zu Kontinent gejagt, in A ebenso zur Rechenschaft gezogen wird wie n B, überall von den gleichen Parametern bestimmt, ge- (und gelegentlich auch) ver-führt wird. Je uniformer die Begleitumstände, je standardisierter die Hotels, je problemfreier die Kommunikationsnetze, desto weniger fällt auf, dass man eigentlich immer gerade „wo anders“ ist.

Und das ist nicht nur negativ. Das auf allen Kontinenten „immer Gleiche“ ist auch eine Art „Luxus“, eine fast notwendige Voraussetzung dafür, wenn man weltweit möglichst gleich und gut „funktionieren“ will – und muss. Die jeweilige Auseinandersetzung mit Land und Leuten, die allzu sehr über das hinausgeht, was einem der Fremdenführer zu zeigen hat und die Kollegen beim abendlichen Ausgang zu bieten haben, ist ein hohes persönliches Investment, das man zunächst nur mit sich selber auszumachen hat.

Ja, es erfordert gelegentlich sogar im Stadium einer fortgeschrittenen Kenntnis von Land und Leuten – einen „visitor-mode“ und einen „semi-native-mode“. Und diese beiden Einstellungen, Erfahrungen, Haltungen – hier verkürzt „mode“ genannt - haben nur sehr wenig miteinander zu tun und sind oft alles andere als kompatibel.

Fluggäste, die im Ausland im „visitor-mode“ haben überleben können, haben oft eine wesentlich „einfachere“ Heimkehr als die, die in ihrem „semi-native-mode“ aus dem Ausland ein Stück weit ihr Eigenes zurückgelassen haben. Für die Erstgenannten dominiert allenfalls der Jet-Lag, nicht aber der Culture-Lag [3]

Wer die Wahl hat, hat die Chance auf eine andere Art des Glücks, aber auch die Qual der Rückkehr.

Anmerkungen

[1Dazu aus gegebenem Anlass an anderer Stelle noch mehr…

[2Pro Buchung, die ausgehend von Ihrer Internet-Seite getätigt wird, erhalten Sie 2,50 € für eine Buchung nach Paris oder Lyon, 6 € für eine gebuchte Mittelstrecke und 9 € für eine Langstrecke.

[3An diesem Punkt müsste dieser Text eigentlich erst richtig beginnen, gilt doch langläufig der „cultural lag“ im Amerikanischen als ein Phänomen der Ungleichzeitigkeit von kulturellen Entwicklungen „different rate of cultural change: a slower rate of change in one part of a culture or one society compared with another” während hier damit etwas Anderes gemeint ist, das in diesem kurzen Text nur angedeutet werden konnte. WS.


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