Brockhaus goes Bertelsmann

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 22 Uhr 10 Minuten

 

Wie gewonnen - so zerronnen?

Nachdem das Bemühen um einen Dialog mit dem "Ansprechpartner für Medienvertreter", Klaus Holoch, +49 621 3901-385, klaus.holoch@duden.de nicht wirklich etwas gefruchtet hat, ist es nun auch nicht mehr notwendig, sich mit überzogener Zurückhaltung von der Kommentierung des seit dem 17. Dezember 2008 veröffentlichten Entscheidungsprozesses fernzuhalten:

Hier zunächst die Fakten, aus der Sicht des Hauses:

Bibliographisches Institut trennt sich von Brockhaus und konzentriert sich auf Dudenwissenmedia GmbH übernimmt Traditionsmarke

Das Bibliographische Institut mit Sitz in Mannheim verkauft zum 31.12.2008 die Rechte an der Marke Brockhaus und alle Brockhaus-Werke an die wissenmedia GmbH, ein Tochterunternehmen der zur arvato AG gehörenden inmediaOne-Gruppe. Der Verkauf steht derzeit noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung des Bundeskartellamtes.

Das Bibliographische Institut wird sich künftig ganz auf die erfolgreichen Geschäftsfelder unter der Marke Duden und das Kalendergeschäft konzentrieren. Die Entwicklung von enzyklopädischen Nachschlagewerken unter der Marke Brockhaus wird durch den Mannheimer Verlag nicht fortgesetzt. Damit trägt die Mannheimer Verlagsgruppe den Entwicklungen der letzten Jahre Rechnung und reagiert auf den starken Rückgang des Lexikongeschäftes im Buchhandel. Seit dem Frühjahr wurden die Gespräche mit inmediaOne intensiviert und die Chancen eines Ausbaus der Brockhaus-Angebote im Direktvertrieb sehr genau geprüft. Diese spezielle Vertriebsschiene hat sich gut entwickelt.

Die wissenmedia GmbH, die ab Beginn des kommenden Jahres die verlegerische Verantwortung für die Weiterentwicklung der Marke Brockhaus übernehmen wird bedient zukünftig nicht nur den Direktvertrieb, sondern wird auch gewährleisten, dass neue und bereits erschienene Brockhaus-Produkte für den Sortimentsbuchhandel verfügbar sind. „Beide Verlage sehen in der Transaktion einen wichtigen Schritt zur Zukunftssicherung der Marke – so kann sichergestellt werden, dass die mehr als
200-jährige Tradition von Brockhaus langfristig fortgeführt werden kann“, so Vorstandssprecher Ulrich Granseyer.

Der Verkauf der Marke Brockhaus und der Rückzug aus dem Geschäftsfeld lexikalisches Nachschlagen hat personelle Konsequenzen: Die am Standort Leipzig angesiedelten Online-Aktivitäten werden nicht fortgeführt, die dortige Online-Redaktion wird aufgelöst. Auch in Mannheim werden Umstrukturierungen notwendig, die Auswirkungen auf Arbeitsplätze haben werden. Einzelheiten werden erst nach Abschluss der Verhandlungen mit dem Betriebsrat feststehen.

Der Mannheimer Verlag richtet sich damit strategisch neu aus und konzentriert sich auf den weiteren Ausbau der in den letzten Jahren erfolgreich entwickelten Geschäftsfelder. Im Mittelpunkt wird dabei die Marke Duden stehen. Sie ist neben dem Kerngeschäftsfeld Duden – Deutsche Sprache schon jetzt immer stärker in den Bereichen Schulbuch und Lernen vertreten, wird zukünftig aber auch auf dem Feld Korrektursoftware und Rechtschreibprüfung noch intensiver auftreten. Gerade im
Firmenkundengeschäft sind professionelle Sprachwerkzeuge und spezielle Angebote für Sprachdatenbanken von hohem Interesse und werden stark nachgefragt.

Neben Duden entwickelt der Mannheimer Verlag Kinder- und Jugendbücher sowie Atlanten unter der Marke Meyers und gibt jährlich den Bestseller „Guinness-Worldrecords“ heraus. In den letzten Jahren hat sich das Bibliographische Institut zudem eine marktführende Stellung im deutschen Kalendermarkt erarbeitet – hier erscheinen Kalender unter den Marken Harenberg, Weingarten, Duden und Meyers. Anfang dieses Jahres hat der Mannheimer Verlag sein Kalendergeschäft mit dem Münchener Heye-Verlag fusioniert und damit den mit Abstand führenden Kalenderanbieter im deutschsprachigen Raum geformt.

Parall zu dieser Presse-Erklärung erschein am gleichen Tag das Interview von Michael Roesler-Graichen mit Vorstandssprecher Ulrich Granseyer in der Online-Ausgabe des Börsenblatts.

Und das ist sowas von knapp und klar, dass es sich gerade wegen der Offenheit und Eindeutigkeit der Aussagen auch deutlich "gegen den Strich" lesen lässt.

Gleich zu Beginn findet sich ein Satz wie: "Wir sind wegen des Verkaufs nicht plötzlich eine kleine Nummer in der Branche."
Aber eben dieser Satz sagt letztendlich eben genau das, was er zu widerlegen versucht.

Oder: "In die Online-Plattform haben wir sehr viel investiert, aber dann gemerkt, dass das Online-Geschäftsmodell für eine größere redaktionelle Einheit, die Inhalte recherchiert, nicht tragfähig ist."
Was nichts anderes sagen will, als dass man "die Rechnung ohne den Wirt" gemacht hat.

Der erst neuerdings in Leipzig aufgemachte Standort wird wieder dicht gemacht, es müssen: "48 festangestellte Mitarbeiter und zwölf Mitarbeiter mit Zeitverträgen gehen oder [sie] schließen Altersteilzeit-Verträge ab."
Über die Personen, die das Ganze gesteuert und zu verantworten haben, wird dagegen zunächst einmal der Mantel des beredten Scheigens gehüllt: "Im Moment gibt es keine Maßnahmen für das Management, und für die künftige Vorstandsbesetzung müssen Sie den Aufsichtsrat fragen."

Diese Aussage - so nichtssagend sie auch klingt - ist deshalb umso interessanter, als in dem gleichen Interview der Satz nachzulesen ist:
"Die Entscheidung ist nicht von ganz oben gekommen, sondern auf Unternehmensebene gefallen."
Also: Unters stichelt Obers - und Obers sticht Unters?

Das eigentlich Dramatische ist, dass nicht die Digitalisierung, wohl aber die wohlfeile Darbietung des Digitalisierten dem altehrwürdigen Projekt Brockhaus den Garaus gemacht hat.

Wir haben ja an anderer Stelle schon früh darüber berichtet, wie nach der Absage des Online-Starts versucht wurde, ersatzgalber unter dem "Deckmantel" des "Meyers"-Brands weiterzumachen. Und: Wie man nunmehr auch damit gescheitert ist:
"Die Inhalte von Meyers online korrespondieren mit den Brockhaus-Inhalten. Der komplette Content von Meyers Lexikon online ist Teil des Brockhaus-Deals."
und damit obsolet.

Also: der Abschied vom Online-Engagement hat zur Folge, dass die Marke "Meyers" dem B.I. zwar bleibt, aber "im Bereich der allgemeinen Lexika" keine Verwendung mehr finden wird.
Zitat: "Im Bereich der allgemeinen Lexika werden wir die Marke Meyers nicht mehr verwenden."

Der Höhepunkt aber ist der Satz: "Die Brockhaus-Produkte wird es natürlich weiterhin geben." Dass dieses Brand nun dem einzigen noch potenten Anbieter von Lexika zugeschlagen wurde, bereitet dem Vorstandssprecher Granseyer offensichtlich aber keinen Grund für irgendwelche Bedenken, denn "Es gibt ja Wikipedia, es gibt ja Google und viele mehr, die ihre Inhalte kostenlos anbieten. "

Ja: Ist dies das Ganze "Learning", das man dem noch verdutzten Publikum zur Aufklärung anbieten kann? Nachdem Bertelsmann an die Wickimedia-Leute herangegangen ist und ihnen erfolgreich angeboten hatte, 20.000 der meistgeklickten Artikel in einem Buch zusammenzustellen, zu drucken und zu verkaufen, sind sie es nun, die dieses Vorgehen mit dem Brockhaus-Deal als konsequente Folge zu unterschreichen wissen.

Warum nur - wenn es denn schon so hat kommen müssen - ist denn das B.I. nicht selber an Google herangegangen? Warum sich mit den "grossen Kleinen" verbünden anstatt mit dem allzeit so bescheiden daherkommenden Grossen?

In aller Offenheit gibt der Vorstandssprecher nochmals einen Rückblick über den Verlauf des Kennenlernens, des sich Abprüfens und Verhandelns mit seinen neuen Partnern - und Leichengräbern:
"Als Brockhaus online starten sollte, haben wir unsere Gespräche mit inmediaOne intensiviert und die Möglichkeiten, die Brockhaus im Printgeschäft und im Direktvertrieb hat, genauer analysiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass sich inmediaOne sehr viel mehr Synergien im redaktionellen Bereich und mehr Vermarktungsmöglichkeiten über die drei verschiedenen Direktvertriebsschienen hat. Das hat sich so weiterentwickelt, dass das strategische Interesse an einer Komplettübernahme von Brockhaus immer deutlicher wurde. Wir haben uns da gefragt: Was spricht dagegen? Zudem der wirtschaftliche Druck auf unserer Seite – wegen der schlechten Ergebnisse des vergangenen Jahres – uns dazu bewogen hat, in Verkaufsgespräche einzutreten. Und die haben wir gestern abend beendet."

Aus diesen Zeilen kann selbst ein Blinder mit dem Krückstock entnehmen, dass es offensichtlich nicht / nie in den Sinn der Vorstands gekommen ist, auch noch mit "Anderen" in dieser Angelegenheit zu reden. Oder?

Auch hier eine scheinbar klare Ansage:
"Die intensiven Gespräche mit inmediaOne (Arvato) haben den Boden dafür bereitet. Dass eine solche Weichenstellung im Unternehmern mit den Anteilseignern, den Aktionären und dem Großaktionär Langenscheidt abgestimmt werden muss, ist eine Selbstverständlichkeit. Das macht ein Vorstand nicht allein. Die Verhandlungsführung ist gemeinsam mit Langenscheidt unternommen worden."

Offensichtlich hat - einmal mehr - der Blick in das Innenleben der Filialen und Affiliationen die Energie so sehr gebunden und kanalisiert, dass der Blick auf ganz andere Horizonte und Opportunitäten wohl schon von der Natur der Sache her eher eingeschränkt gewesen war. Oder?

Dass sich das B.I. jetzt wird auch stategisch neu ausrichten müssen, ist nicht nur klar, sondern überfällig. Aber das wird bedeuten, die Quadratur des Kreises neu erfinden zu müsse. Oder?

Man hat es nicht geschafft, einen "Königsweg" zwischen dem "Nachschlagen" und dem "Nachgoogeln" zu finden. Man hat allzu viel Kapital und Kapazität in dem Versuch versenkt, so gut zu sein wie die US-Amerikanischen Ritter der Ladenstrassen - während die eigene letzte Ausgabe zu einem Ladenhüter zu mutieren droht.

Schon am 11. Februar 2005 hatte Kurt Sagatz in Berliner Tagesspiegel seinen Artikel über die Qualität von Web-Lexika mit dem Satz eingeleitet:
"Der Griff ins Bücherregal zum Großen Brockhaus oder zu Meyers Taschenlexikon wird immer öfter von einem kurzen Blick ins Internet abgelöst. " [1]

Und er kommt - damals - zu dem Ergebnis: "Während die Online-Version von Encarta durchaus Lücken aufweist (kein Vergleich mit der multimedialen CD/DVD-Version), beleuchten Wissen.de und Wikipedia auch Details aktueller Themen überaus zufrieden stellend. Wissen.de glänzt vor allem durch die unterschiedlichsten Themenschwerpunkte und Vertiefungen."

Morgen wird Wissen.de über die Ganze Bandbreite und Tiefenschärfe einen langen Tradition wie der des Brockhaus verfügen können. 2005 hatte Herr Menges noch behauptet, dass "das Buch nach wie vor ein besonderes Erlebnis" sei. 2008 hat Bertelsmann - eingedenk dieser Rede - die Wikipedia als Buch verlegt und sich den Brockhaus samt dem Meyers-Online-Autritt einverleibt.

Jetzt hat der Verlag also zugeschlagen. Aus "Schlag nach bei Shakespeare" wurde der ganz und gar unprätentiöse Vorschlaghammer der Ökonomie zum Gewährsmann der Glaubwürdigkeit in die ökonomischen Zwänge. In dem Buch der deutschen Verlagsgeschichte ist mehr als nur eine Seite umgeschlagen worden. Hier wurde nicht nur ein Text neu umgebrochen, sondern das Rückrat eines Verlages. Oder?

PS.:

In der Sendung "Kultur heute" des Deutschlandfunks vom 18. Dezember 2008 wurde in der Zeit ab 17:48 Uhr der Beitrag von Eberhard Reuss unter dem Titel: "Brockhaus wird verkauft" [2] gesendet.

PPS.:

Hier noch mal eine "DaybyDay"-Link-Sammlung von Texten mit Bezug auf:

— > Brockhaus:

- Brockhaus - online?

- from webmaster to webmaster

- Todgesagte leben - länger?

- Charles chez les Français

- Book Fair Blues

- Langenscheidt macht’s un-möglich

— > Meyers:

- National-Feier-Frei-Tag

- Photokina_08 (Tag 3)

- Meyers machts möglich

- Gates geht ... in die Welt

- Hibiscus Digitalis Iris

- Stellen schaffen, das ist schwer...

- DLD_08: Archivare lebendiger Archive

- Buchmesse (III) Meyer macht’s möglich

— > Wikipedia:

- CeBIT VISION

- DJV-Verbandstag (I)

- Photokina_08 (Tag 3)

- Meyers machts möglich

- All-gemeine VolksBILDung

- Gates geht ... in die Welt

- Der DMMK tagt

- Brockhaus - online?

- from webmaster to webmaster

- Relaunched Today: GSG 9 & TOMORROW

- Todgesagte leben - länger?

- DLD_08: Archivare lebendiger Archive

- Buchmesse (III) Meyer macht’s möglich

- Buchmesse (I) "Blook"

- KvT

- [...]

Anmerkungen

[1Und er schreibt weiter: "Schließlich gilt das World Wide Web als größtes Datenverzeichnis der Welt. Doch wird das Netz diesem Anspruch gerecht? Wir haben die großen kostenlosen Internet-Lexika Encarta, Wissen.de und Wikipedia auf ihre Alltagstauglichkeit hin überprüft und sind zu einigen interessanten Ergebnissen gekommen. Interessant auch deshalb, weil etablierte Enzyklopädien wie Brockhaus (kostenpflichtig über Xipolis.de) an ihrem Geschäftsmodell festhalten. „Aus der Vielzahl von Informationen die relevanten zu ermitteln, ist eine Leistung, die bezahlt werden muss“, sagt Verlagssprecher Michael Menges."

[2Nachzuhören im Audio-On-Demand-Dienst des Senders als Flash-File oder als MP3-File unter: http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2008/12/18/dlf_20081218_1748_ae8ca3cf.mp3


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