DER Neuss und "NUR DIE"

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 22 Uhr 01 Minuten

 

In der Programm-Vorschau des rbb-Fernsehens wird die heute ab 20:15 Uhr ausgestrahlte Sendung wie folgt angekündigt:

’Neuss Deutschland’
Der Mann mit der Pauke - ’Wolfgang Neuss zum 85. Geburtstag’

Er war ein Vorbild für die Kabarettisten, Filmstar für die Zuschauer, Skandalnudel für die Boulevardpresse, Genosse für die 68er, Guru für die Alternativen und anerkanntes Genie für alle: Wolfgang Neuss.

Seine Lebensgeschichte spiegelt auch die Geschichte der Bundesrepublik. Als junger Mann beginnt er nach dem Weltkrieg Witze zu machen für das gebeutelte Publikum der Nachkriegszeit. In den 50ern tingelt er als Spaßmacher durch Deutschland, erlebt Wirtschaftswunder und Fresswelle. Wolfgang Müller, Dieter Hildebrandt, Wolfgang Gruner: Wegbegleiter der frühen Jahre. Das Programm: unterhaltend - und politisch. Er stellt sich quer - zur Bundesrepublik Deutschland und auch zur DDR. Zur gleichen Zeit beginnt er, für den Film zu arbeiten: "Das Wirtshaus im Spessart" wird ein Riesenerfolg. In den 60ern ist Neuss Deutschlands populärster Kabarettist. Er politisiert sich, verlässt den Kleinkunstkeller und geht mit den Studenten auf die Straße. Die Einigkeit der Kabarettfamilie erhält erste Brüche. Die Studentenbewegung spaltet die Linke im Wirtschaftswunderland.
Dann will er plötzlich nicht mehr. Rückzug ins Private, in den Drogenkonsum. Als Wolfgang Neuss Anfang der 80er Jahre wieder stärker in der Öffentlichkeit auftaucht, ist aus dem prächtigen Wohlstandsmacho ein dünner, zahnloser Mann mit langen Haaren geworden - "Vom Mann mit der Pauke zum Kellerkind", schreibt die Presse höhnisch. Doch der Geist des "Großstadtindianers" sprüht wie eh und je: Ohne Zähne, aber noch immer mit Biss. 1989 stirbt er, kurz vor dem Fall der Mauer und dem Ende seiner Republik. Der Film sucht den Künstler und den Menschen Wolfgang Neuss. Zeitzeugen und Gefährten, Freunde und Kollegen bringen Neuss näher und erzählen dabei ein Stück deutsche Nachkriegsgeschichte.

Man kann über diesen Mann, sein "Leben und Werk", seine Werkstatt und Wirkungen denken, was und wie man will: Dieser Film gibt im Spiegel-Bild dieses Mannes zugleich ein Ab-Bild dieser Republik, das seinesgleichen sucht.

Der Spiegel der Satire - im Augenblick des Erlebens gern als Zerrspiegel verlacht oder verketzert - erweist sich gerade durch sein "Verzerrungen" aus der Sicht der Nachgeborenen als ein Quelle der Erkenntnis. Denn gerade die Brechungen des Erlebten durch die Satire und den Humor - ja, so etwas gabe es auch schon im Deutschland der Wirtschaftswunderjahre und danach - machen heute eine entscheidende Qualität aus. Man "sieht der Geschichte direkt ins Herz" und erkennt sich selbst als Teil dieser - auch noch hier und heute.

Das beeindruckendste Dokument dieses Films ist eine - bislang noch nie im Fernsehen ausgestrahlte - Werbesendung für "nur die", die in der Verwantwortung des Autors und Darstellers Neuss entstanden und deren Ausstrahlung dann "am Widerstand der Fernsehindustrie" verhindert worden ist. Er hatte für einen sechstelligen D-Mark-Vertrag eine ganze Serie von Werbespots zugesagt, die nur nach seinen Ideen gedreht werden sollten. "Der erste Spot sieht so aus: Neuss, neben sich eine halbnackte Schönheitskönigin, tritt einen Fernseher ein. Die Mattscheibe geht zu Bruch, der Fuß ist unverletzt. Neuss lächelnd in die Kamera: "Das machen nur die Strümpfe, NUR DIE. Sonst ist das Gerät nicht kaputtzukriegen." Der Auftraggeber verklagt Neuss auf Vertragsbruch." [1]

Wir werden uns bemühen, diesen Spot an dieser Stelle nochmals zur Kenntnis bringen zu können, zumal er auf der Liste der NUR DIE Zeitreise nicht mit aufgeführt wurde.


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Bis dahin - als Ersatz - Neuss auf der Bühne mit einem Mikrophon, das - rechts - in Fachkreisen zumindest so "berühmt" war wie er selber: das Sennheiser "Tauchspulenmikrophon MD 21" - hier ein Foto vom Originalkarton aus eigenem Bestand.


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WS.