Fern-Seh-Höfers Gesprächsrunden

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 23 Uhr 52 Minuten

 

Bericht vom ersten Teil der Eröffnung der Medientage München [Fortsetzungen sind in Arbeit]:

I.

Die Münchner Medientage beginnen – wie immer –mit der Eröffnungs-Ansprache von Prof. Dr. Wolf Dieter Ring:

Ja: Die Transformation sei gegenwärtig DAS Thema, das uns in der Medienbranche am meisten bewege. Die Digitalisierung und die Wirtschaftskrise seien DIE zwei nachhaltigen Treiber dieser Entwicklung. Nur der Online-Werbemarkt habe noch – sogar zweistellige – Wachstumsraten. In allen anderen Abteilungen der Branche sei eher „negativer Wachstum“ angesagt. Die Tageszeitungen hätten in den letzten 20 Jahren ¼ an Auflagen ans Netz verloren. Und wer in Zukunft Qualität im Netz wolle, der komme um Erlösmodelle für publizistische Inhalte nicht herum.

Hier nun würden auch die Netz-Angebote aus den Quellen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wieder in die Diskussion kommen, weil ihre Angebote ohne Kosten für den Nutzer im Netzer aufzufinden seien. Und auch darüber müsse diskutiert werden, die 22 Milliarden Jahresumsatz für Google mit über 50% Anteil beim Umsatz im Online-Werbeumfeld…

II.

Schon nach diesen wenigen Sätzen ist klar, wohin die Reise gehen wird: es wird – in Bezug aus Deutschland - das alte Lied von der Ungerechtigkeit der Welt in Bezug auf die Wettbewerbschancen für die Vertreter der privaten Medienwirtschaft gesungen während im internationalen Rahmen der Erfolge des wichtigsten Repräsentanten dieser neuen Medienwelt ebenfalls „zur Diskussion gestellt“ werden soll. Was sich an diesem Tag schon – einmal mehr – zu offenbaren beginnt, das ist die Furcht vor dem Elend der noch offenen Reaktion über die noch nicht erlangten Rechte des sogenannten „Dritten Korbes“, in dem es – einmal mehr – um die Verwertung medial transportierten Urheberrechte geht. Allein der Hinweis, dass etwas „diskutiert“ werden müsse ist nicht wirklich eine Ermutigung zum Gespräch, sondern die Ankündigung einer weitern Runde von Grabenkämpfen, so wie sie uns dann auch erneut wieder in Anwesenheit von wichtigen Vertretern dieser Branche vorgeführt werden würden – wenn nicht wohl wissend mit gleich 14 „Elefanten und Elefantinnen“ (so der BR in seiner Live-Übertragung) schon mit der schieren Menge der auf dem Podium Anwesenden dafür Sorge getragen wird, dass kaum zu mehr kommen kann als zu kleinen vereinzelten Scharmützeln zwischen einigen der BranchenvertreterInnen.

III.

Der „Medienminister“ Siegfried Schneider richtet Grüsse vom bayerischen Ministerpräsidenten aus – und geht nicht weiter auf dessen Abwesenheit ein. Das Ziel sei es, in ganz Bayern 1 MB pro Sekunde DSL-Kapazität auf allen Anschlüssen zu erreichen. Ein Wunsch nach mehr würde nur zu Frustration führen. Und das würde eher kontraproduktiv sein. Noch sei das Fernsehen Leitmedium. Aber das Internet würde sich zum neuen Marktplatz der Meinungsbildung entwickeln. Und dann fordert der Minister: „Wir brauchen eine Neuordnung des medienrechtlichen Rahmens, ohne die bisherige Fixierung auf den Rundfunk. Dabei müsse den alten Marktteilnehmern „ein neuer Platz eingerichtet werden“.

Sagt es, lässt aufhorchen, und beendete damit das Thema.

Alsdann folgt die sattsam bekannte Ansammlung rhetorischer Allgemeinplätze, selbst Sätze wie „Diebstahl bleibt Diebstahl“ und das gelte auch für den unerlaubten Download, sind davon nicht ausgenommen. Nein, keiner fordere Zensur im Netz, aber die Freiheit des Einen könne nicht auf die Kosten des Anderen gefährdet werden.

Da capo: gerade jetzt, wo es mit dem Vorliegen des neuen Koalitionsvertrages möglich gewesen wäre, zu dieser nun anstehenden Diskussion um die Zukunft des Urheberrechtes und seiner Durchsetzungen unter der Dominanz der digitalen Medien und ihrer Vernetzung ein Zeichen zu setzen und eine valable und valente Positon zu markieren, bleibt es bei Sätzen, die in ihrer Unverbindlichkeit kaum noch steigerungsfähig sind.

Ja, so ist zu hören, man sei beim Wechsel von Analog auf Digital in Deutschland weit vorangeschritten. Die Terrestrik sei inzwischen zu 100% digitalisiert worden und auch die geplanten Ausstrahlungen im HD plus Modus könnten neue Angebote in diesem Umfeld realisieren.

Oder es heisst; die Medienkompetenz müsse gelebt werden, „und sie muss auch mit Mut gelebt werden“: im Sinne der Freiheit, der Verantwortung und der Chancengleichheit.
— „Wir brauchen die Freiheit auch für Innovationen und für neue Wachstumsmärkte.“ Denn das i-phone und Facebook hätten sich inzwischen etabliert und es seien die kreativen Menschen, die den Markt von Morgen bestimmen würden, dass habe der Reinhard Mohn seeling schon vor einigen Jahren prognostiziert.
— Im Gamesmarkt stecke ein ungeheures Potenzial. Und hier sei weder die Verteufelung noch ein Generalpardon angebracht. Vielmehr werde man mit 500 Tsd. Euro qualitativ hochwertige Spiele und deren Entwicklung in Zukunft von Bayern aus unterstützen.
— Es dürfe keine Digitalisierungsgewinner und –verlierer geben. Hier dürfe vor allem die ältere Generation nicht vergessen werden. Und auch die junge nicht, wie das Beispiel des jetzt in Bayern zur Einführung anstehenden „Medienführerscheins“ zeige.

Der Meinungsmarkt, so der Herr Minister weiter, sei nicht wie der Wochenmarkt. Die Meinungsvielfalt müsse garantiert werden. Das Fernsehen habe – wie die Wahlen gezeigt hätten – bereits an Einfluss auf den Zuschauer verloren. Und diese anderen neuen Medienunternehmen in Deutschland müssten die Chance haben, zu wachsen. Geschähe dieses nicht, könne man sich nicht mit einer Aussicht auf Erfolg der internationalen Konkurrenz stellen. Gefragt seien eine übergreifende Gesamtlösung. Nur dieser Mut zur Veränderung würde den Standort – gerade auch in Bayern – sichern.

Gut gebrüllt, Löwe. Es ist alles gesagt worden, ohne das irgendjemand wehgetan worden wäre. Das ist wahre Politik, so wie sie spricht und lebt.

IV.

Danach spricht – frank und frei - der Medienphilosoph. Es liest nicht vom Blatt, er zitiert nicht sich selbst aus seinen Büchern „Wer bin ich und wenn ja, wie viele“ oder: „Liebe, ein unordentliches Gefühl“, Richard David Precht macht auf entscheidende Veränderungen aufmerksam, die sich im Verlauf dieses Paradigmenwechsels erst noch entfalten werden:

Aus den alten Feinden in der Medienbranche würden – angesichts der Bedrohungen des Internets – neue Freunde werden. Die Auswirkungen der neuen Konvergenzutopien würden über kurz oder lang nicht ohne Tote bleiben, diese, seine Voraussagen aus den 90er Jahre seinen schon dabei, sich zu realisieren. Die damalige Expansion des Marktes werde nunmehr von einem „Gesundschrumpfungsprozess“ des Fernsehens abgelöst werden. Heute werde auf diesen Kanälen schon lange nicht mehr die Gesamtheit des Publikums angesprochen, sondern diese werde immer mehr fragmentalisiert. Wozu denn die Medien noch gut seien würden, zum Geldverdienen oder / und um eine Öffentlichkeit herzustellen.

Precht kommt auf des Pudels Kern: in einer funktionsfähigen Demokratie sei das Thema der Öffentlichkeit enorm wichtig. Wenn diese aber von der klassischen Mediendistribution so nicht mehr erfasst und angesprochen werden könne, wo bleibe dann der Kitt um diese Fragmentalisierung der Öffentlichkeit aufzuhalten?

Die grossen Zeitungen – die USA macht es uns gerade vor - werden sterben. Und in Deutschland müsse nach der Auseinandersetzung zum Thema der systemrelevanten Marktträger im Bankenbereich auch die Frage nach den systemrelevanten Massenmedien“ gestellt werden. In den USA hätten hier inzwischen Stiftungen eingegriffen, um noch ein wenige helfen zu können. Und in Deutschland? Es schiene, als wenn der Gedanke des Kollektiven bei uns weitgehend abhanden gekommen sei. Und damit gäbe es ein Werteproblem. „Wir haben im Bundestag nur noch sozialdemokratische Parteien“ und eben das würde auch den Niedergang der SPD erklären. Auch für ihn als Vertreter des Liberalismus sei die gesellschaftliche Funktion von „Bezugsgruppen“ von grosser Bedeutung – zumal diese immer mehr abnehmen würde. „Wir sind dabei uns zu überindividualisieren“, so Precht, der Begriff der „Ich-AG“ spreche für sich selbst. Die Welt habe sich in ihr Gegenteil verkehrt: Heute diene die Technik dem Zusammenleben und er fragt, ob es dann der Kultur noch gelingen könne, Frage des Überlebens zu dienen.

Precht verspricht keine Antworten – sondern antwortet mit Fragen.


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