Leda oder Phoenix *)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 21 Uhr 54 Minuten

 

Am frühen Abend vor dem Messegelände in Augsburg steht ein Shuttlebus, der die Gäste und Teilnehmer an der VISIT 2008 entweder wieder zum Hauptbahnhof oder aber ins Werk von Fujitsu Siemens bringt. Der Bus war von den Städtischen Verkehrsbetrieben gescharterd – und vorne stand über der Frontschreibe in riesigen leuchtenden Versalien das Wort „SIEMENS“ geschrieben. Mehrere Männer mit Aktentaschen gingen auf diesen Bus zu und einer fragte den Fahrer, ob er von der Messe jetzt noch „ins Werk“ fahren würde. Derweil standen die anderen im Gespräch beisammen. Und er eine flachste laut vernehmbar – auf die leuchtenden Buchstaben deutend – die könnten ja das Wort „Fujitsu“ gar nicht schreiben.

Der Besuch an diesem Tag war weder an die Auflage noch an den Wunsch geknüpft, darüber überhaupt in der Öffentlichkeit zu berichten – was auch die Grundlage all der an diesem Tag geführten Gespräche war. Und dieses Versprechen „unter Dreien“ soll und wird auch eingehalten werden. Auf der anderen Seite ist es aber in der Tat berichtenswert zu erleben, wie sich eine Firma für nur zwei Tage eine volle eigene Messe mit allem drum um dran leistet – und offensichtlich daran gut tut.

So eine öffentliche Inhouse-Veranstaltung ist deshalb von hoher Bedeutung, da an diesen zwei Tagen wirklich jeder und alles zugegen hat, was im Zusammenhang mit dieser Firma von Bedeutung ist. Und zwar nicht nur national, sondern es waren auch viele Delegationen – und Kunden – aus dem europäischen Ausland zugegen. Besonders deutlich wurde das an dem eingangs schon beschriebenen Busterminal. Der zweite ebenfalls wartende Bus hatte keine Schild über der Frontschreibe, war dafür aber schon fast bis auf den letzten Platz besetzt. Beim Einsteigen wurde aber die in deutsch gestellte Frage, ob einer der wenigen noch freien Plätze auch genutzt werden konnte, mit Schweigen „beantwortet“ – bis jemand aus den hinteren Reihe zurief: „Welcome on your trip to Poland!“. Also nichts wie raus aus dem Bus und den Fahrer gefragt, wo er denn seine Leute hinfahren würde. Zum Flughafen nach Mühlhausen, so seine Antwort.

Für zwei Tage eine so enorme Infrastruktur – ob sich das denn wirklich rechnen kann? Augsburg kann eigentlich nur mit dem Zug oder Auto erreicht werden. Und wer da nur für einen Tag kommt, der hat schon mächtig Zeit zu investieren für die wenigen Stunden, die ihm dann noch dort vor Ort verbleiben. Und dennoch: dieser Besuch hat sich wahrlich gelohnt. Nicht nur aus der Sicht der meisten Anwesenden, die sich dort pflichtgemäss für die gesamte Zeit aufzuhalten hatten – fast alle sprachen von besseren Zahlen und Kontakten als im Vorjahr – sondern vor allem aus dem Blickwinkel jener, denen oft hier in Deutschland selber nicht klar ist, dass sie hier eine Firma vor sich haben, die nicht nur ihre Hardware auf dem internationalen Markt vorfabrizieren oder sogar bis in die Endfertigung bringen lässt, sondern auch von der Organisation und Mentalität her international vernetzt ist . Und dieses auch lebt.


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Es gibt nach dem eigenen Wissen nicht viele Häuser in dieser Grösse in Deutschland, denen es so konsequent – und erfolgreich – gelungen ist, sich sehr dezentral aufzustellen und zugleich die Synergien der Vernetzung so weit und so effektiv voranzutreiben. Das geht von der Prefiguration von EDV-Systemen für sehr spezifische und individuelle Computersysteme bis hin zum sogenannten „collaborative working“ in dessem Verlauf zunehmend Menschen miteinander kooperieren und Geschäfte machen, die sich noch nie in ihrem Leben gesehen haben.

Allein aus diesem Grunde ist dieses „get-together“ eine wohl auch für die Zukunft unverzichtbare Plattform, bei der in einer wachsenden Anzahl von Fällen Menschen das erste Mal den bereits etablierten Funktions- und Meinungsaustausch auch durch ein persönliches Kennenlernen ergänzen und ggf. erweitern können.

Im Rahmen dieses Besuchs ging es eher darum, ein Reihe von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Hauses, die man schon überall in Deutschland und auf der Welt kennengelernt hatte, einmal in ihrem „eigenen Element“ zu erleben. Und dafür war dieses Jahr, das geeignetste, wird es doch das letzte Jahr sein, in dem FSC noch mit einer eigenen Reihe von verbesserten und neuen Produkten und Services auf den Markt kommen will.


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Womit wir so langsam an den Kern des Themas herankommen, dass die Leser diese Zeilen sicherlich bislang am meisten interessieren dürfte: wie geht „man“ mit der nun feststehenden und bevorstehenden paradigmatischen Veränderung um, die sich ihnen schon jetzt mit aller Deutlichkeit, ja Schärfe, in den letzten Wochen vor Augen geführt worden ist. Die Fragen liegen auf der Hand? Wird FSC noch mit dem alten Namen so kurz vor dem Rebrandig und Redesign auf der CeBIT auftreten? Wie lange wird der Name überhaupt noch auf den Geräten zu sehen sein? Welche grundlegenden Veränderungen wird das Produktportofolio in Zukunft zu verzeichnen haben? Wird das eine Jahr 2009 als „Jahr der Transition“ reichen? Gibt es auch gute Gründe, warum man in Zukunft auf den Namen SIEMENS verzichten sollte? Wird man mit den neuen Brand in der Lage sein, sich als weltweit die „Nummer Drei“ neben HP und IBM zu etablieren? Und: Welche Konsequenzen und Perspektiven wird das für den noch verbleibenden deutschsprachigen Markt haben?

All diese Fragen sind besprochen worden und die GesprächspartnerInnen zeigten trotz oft hohem Termindruck in fast allen Fällen eine noch grössere Bereitschaft, diese Fragen – soweit dieses angesichts des aktuellen Wissensstandes – auf den Grund zu gehen. Dabei wurden auch Gespräch mit Personen geführt, die ehemals aus der „Fujitsu-Ecke“ kamen und die natürlich, obwohl eher klein an der Zahl [1] gerade in diesen Tagen deutlich „Oberwasser“ bekommen. Erstaunlich war – und mit dieser Aussage wird auch keines der Gespräche in seiner Vertraulichkeit diskreditiert – dass den MitarbeiterInnen klar war, dass deutliche Veränderungen sowohl im Produktbereich als auch im Management anstehen werden und dass diese zwei wesentlichen Maximen untergeordnet sein werden: ein Global Player zu werden und alsbald die Kosten (noch) besser in den Griff zu bekommen.

Was das für den angestammten heimischen Markt bedeuten wird und ob sich die Kundenbeziehungen angesichts dieser neuen Entwicklungen dennoch werden konsolidieren lassen können ist sicherlich noch zu früh um en detail prognostiziert werden zu können. Stattdessen hier nur einige eigene Hinweise, Beobachtungen und Thesen, die im Rahmen dieser Gespräche eingebracht wurden:
- der „switch“ vom Brand „FSC“ zu „Fujitsu“ sollte mit den Bestrebungen der weltweiten Penetration des Brands koordiniert und mit dieser zeitlich und sachlich abgestimmt sein
- das „Ende von SIEMENS“ muss sorgsam inszeniert und wie eine Staffelübergabe sportlich ausgestaltet werden, wenn man nicht Schaden nehmen will an der „Seele“ des aus Deutschland herausgewachsenen Teils dieses neuen Unternehmens
- auf der CeBIT 2009 sollten alle Mitarbeiter schon über zwei Visitenkarten verfügen, die sie dann – ganz gezielt und gut geschult – beide zugleich ausgeben
- der „Geist von BenQ“ ist noch wach und darf sich nicht in ein Gespenst verwandeln, das erneut umhergeht in Europa…
- wie viele Deutsche können die Marken Fuji und Fujitsu voneinander unterscheiden?
- Deutschland ist ein wichtiger – aber kein Schlüssel- Markt, wenn es um die zukünftige Rolle im der Strategie eines „Global Players“ geht. Aber die wichtigsten hier entwickelten Assets, die massgeblich dazu beitragen können, dieses Ziel zu erreichen, sind als solche nicht nur zu benennen sondern auch in Japan zu verteidigen.

Soviel dazu.


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Wer in Augsburg ankommt und sich überlegt, ob er nun gegenüber dem Bahnhof sich in die Schlange beim „MacDo“ einreihen soll oder im „1519“ auf einen Sitzplatz warten, kann sich kaum vorstellen, dass an diesem Ort zwei Tage lang das Feinste und Beste gezeigt wird, was derzeit weltweit im Umfeld von IT und Computing, Software und Services angeboten werden kann. Wer sich aber auf den Weg gemacht und es bis in die Messehallen geschafft hat, erlebt dort eine Welt, in der mit den Mitteln und Methoden von heute auf die Herausforderungen von Morgen zu antworten versucht wird: performant und dialogstark, gut gedacht und designed. Hier stehen weder die „Enduser“ im Vordergrund noch die Journalisten, die sich allzu gerne in den Vordergrund spielen lassen, sondern der Kunde und der Kollege [2].

Vieles konnte in der kurzen Zeit nicht „mitgenommen“ werden, die Vorträge nicht und nicht die anderen Podiumsdiskussionen, die Pressekonferenz(en) nicht und auch nicht die Gespräche mit denExperten, mit denen man wirklich bis ins „the nitty gritty“ gehen kann – und auch nicht jene Galerie im ersten Stock auf denen die Geräte aus dem eigenen Hause mit denen der Konkurrenz im direkten Vergleich zur Schau gestellt und zur Erprobung freigegeben worden waren. Aber neben der „letzten Führung“ war es möglich, auch noch die „letzte Show“ mitzunehmen. Und die war genauso diszipliniert – und gut – wie all die anderen, die im stündlichen Turnus im Mittelpunkt der Halle regelmässig für ein „volles Haus“ gesorgt hatte.

Hierüber zu schreiben wäre ein noch ganz gehöriges Stück Arbeit, das nach dem bisherigen Volumen weder dem Autor noch dem Leser an dieser Stelle zugemutet werden sollte. Stattdessen zumindest das eine und andere Foto – eine Fotostrecken, die in der Folgewoche noch durch einen kurzen Filmauszug erweitert werden wird. Denn diese Bilder sagen mehr als tausend Wort, zumal es der Inszenierung gelungen ist, diese Bilder-Welten „handgreiflich“ werden zu lassen – Minority-Report lässt grüssen [3]. Und „zu guter Letzt“ macht diese Inszenierung bereits ganz konkret am Ende der Show auf den neuen Namen aufmerksam, mit der man die dort in einem 360 Grad Event-Theater beendet hat: Der Fujitsu-Schriftzug und das neue Logo lassen grüssen, der Abspann als Auftakt in eine neue Zeit.


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*) Ach ja, der Titel: der Name "Leda" bezieht sich natürlich auf den "sterbenden Schwan" und "Phoenix" ist der jenige, der aus der Asche aufersteht.

Anmerkungen

[1geschätzt und durch nicht bestätigt: vielleicht 200…

[2bzw. die Kundin und die Kollegin – please do take it for granted, dass in der oben verwandten Formulierung das andere Geschlecht immer auch mit einbeschlossen ist. Und dieser Hinweis erfolgt nun wahrlich nicht nur deshalb, weil sich zur letzten Führung dieses Tages – ausser dem Berichterstatter- ausschliesslich Frauen angemeldet hatten.
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[3Und viele andere durchaus gelungene Anleihen – vom Scratching bis zur Video-Art – ebenso.


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