Kündigung: per SMS

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 21 Uhr 46 Minuten

 

Am Dienstag, den 21.10.2008 wurde auf das Mobiltelefon um 11:33:16 Uhr die folgende Nachricht abgesendet:

"Am 31.10.08 stellt die Netzeitung den Breaking News Versand per SMS ein. Aktuelle Nachrichten und Hintergründe finden Sie weiterhin unter www.netzeitung.de
Absender
NETZEITUNG
"

Daraufhin wurde entschieden, alle Abos von Titeln aus diesem Verlagshaus zu kündigen und dieses mit dem hier in der Nachfolge in Auszügen zitierten Text zu tun:

1. Dank an die Redaktion, die sich damit bisher wirklich mit einem ganz besonderen USP ausgezeichnet hat [1]

2. Dank an den Verlag, dass er diese Entscheidung zuvor den Nutzern bekanntmacht. [2]

3. Dank an den Verlag für die bisherige Belieferung mit der "BERLINER ZEITUNG" [3].

4. Ein Dank auch an den Finanzier dieser Verlagsgruppe für sein Lehrstück [4].

5. Und ein Dank auch an die bisherigen Mitleser der Zeitung - im eigenen Haushalt wie auch im Büro für ihre Einsicht in diese Entscheidung [5].


Auch wenn es weder möglich war, in Berlin an der WEB ZWEI NULL -Konferenz teilzunehmen noch an der Hamburger BESSER ONLINE - Konferenz vom 18. Oktober 2008, sei aus dieser zumindest jener kurze Auszug aus dem Schlechter Online - Manuskript von Stefan Niggemeier zitiert, in dem eingangs nachzulesen ist:

Die These lautet:

Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus,
ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht.

Journalismus war zu den meisten Zeiten nicht das naheliegende Geschäft für diejenigen, die viel Geld verdienen wollten. David Montgomery, der Käufer des Berliner Verlages, glaubt vielleicht noch, das sei ein Geschäftsfeld, mit dem sich besonders hohe Renditen erwirtschaften lassen, wenn man nur genug presst – aber so richtig erfolgreich ist er damit auch nicht. Für echte Verleger ist Journalismus das Ziel und Geld das Mittel. Nicht umgekehrt.


Nachtrag vom 24. November 2008

Einen Tag nach dem Totensonntag publiziert die Netzeitung einen Artikel zum Thema:
Job- und Titelsterben : Medienkrise: Ein Grabmal für…

Die Redaktion bietet den Lesern an, sich in ihr NZ-Kondolenzbuch einzutragen und leistet damit - in Vorwegnahme des eigenen Schicksals? - "Trauerarbeit".

Rückblickend auf die letzten beiden Monate nennt sie folgenden Fälle:

…400 AP-Mitarbeiter – Selbstverkündetes Jobsterben

20. November: Die internationale Nachrichtenagentur Associated Press kabelt in eigener Sache: Im kommenden Jahr will das Unternehmen weltweit zehn Prozent seiner 4100 Arbeitsplätze abbauen, darunter auch die von Journalisten. Sparpotenzial: 25 Millionen Dollar. Seit Oktober gilt international Einstellungsstopp. In den USA steht AP in jüngster Zeit unter verschärftem Wettbewerbsdruck, unter anderem von Seiten der zu Times Warner gehörende TV-Nachrichteneinheit CNN, die derzeit einen Nachrichtendienst für Zeitungen aufbaut.

…die Park Avenue – In memoriam Vielfalt

19. November: Ganz vom Markt genommen wird das erst 2005 gestartete Gesellschaftsmagazin «Park Avenue», dort sind 23 Stellen betroffen. Der Verlag schließt zudem Redaktionsstandorte von «Capital», «Impulse» und «Börse Online» in Köln und München, die Redaktionen werden in Hamburg zusammengelegt. Der neuen Gesamtredaktion gehören nur mehr 250 Vollzeit-Mitarbeiter an. Insgesamt werden 118 Stellen gestrichen.

Sat1 in Berlin – Abschied aus der Hauptstadt

13. November: Sat1 verlässt Berlin. Die Unternehmensgruppe will den Sender sowie die Programme Prosieben und Kabel1 bis Juni 2009 im bayerischen Unterföhring zusammenführen. 350 Mitarbeiter sollen von Berlin nach München ziehen. 225 Stellen sollen abgebaut werden. In der Hauptstadt bleiben nur N24 und die Sat1-Zentralredaktion, die in eine eigene GmbH umgewandelt werden soll. Schon im Juli 2007 hatte der Sender in einer Geheimaktion die News-Sendungen «Sat.1 am Mittag» und «Sat.1 am Abend» von einem Tag auf den anderen abgesetzt und die Mitarbeiter freigestellt.

…die «FTD»-Wochenendbeilage – Zwei Seiten umgebettet

7. November: Die Wochenendbeilage «Weekend» stirbt zum Dezember. Zwei Seiten des Supplements sollen künftig freitags im «Agenda»-Buch der Zeitung erscheinen. Dort wiederum könnte demnächst die tägliche Schwerpunktseite fehlen. Dort fanden im Wechsel Themen wie Bildung, Gesundheitswirtschaft sowie Forschen und Entwickeln Platz.

…die SZ-Sonntagsausgabe – Aktive Sterbehilfe

Ein Mittwoch im Oktober: Wie bekannt wird, schreibt der Verlag der «Süddeutschen Zeitung» an einem Sparprogramm und leistet kündigungswilligen Mitarbeitern zugleich Entscheidungshilfe. «Wir brauchen ihre Hilfe, bitte gehen Sie.» So sei ein aktueller Sparaufruf der Geschäftsführung in der Belegschaft angekommen, zitiert die «FR» eine Stimme aus dem Umfeld der Redaktion. In der Belegschaft wird damit gerechnet, dass die Sparbestrebungen im Verlag Dutzende Redakteure treffen. Bestehende Pläne für eine Sonntagsausgabe sind vorerst abgesagt.

MTV – Tod auf Raten

Oktober: Der Musiksender MTV streicht verschiedene Programmformate, darunter «MTV Urban», «MTV Rockzone» und «MTV Masters» und entlässt deren Mitarbeiter. Die bisher täglich produzierte Live-Sendung TRL (Total Request Live) ist nur noch freitags zu sehen. Für Aufsehen sorgt das Aus der MTV News, die MTV-Anchorman Markus Kavka moderierte. (nz)

Nota:

Am Wochenende - 23. November 2008, 03:22 Uhr - hatte die Welt am Sonntag unter dem "Menschen & Medien"-Titel
Gegen den Sparkurs bei Gruner + Jahr regt sich Widerstand ebenfalls über die aktuellen Entwicklungen berichtet.


Nachtrag vom 16. Dezember 2008

Dass dieser Abbau von Qualitäts-Diensten bei der Netzeitung "Methode" hat - eigentlich in diesem Zusammenhang ein genauso unbrauchbares Wort wie wenn bei den Messerstichen auf den Polizeibeamten in Passau von einer "neuen Qualität" des Rechtsextremismus gesprochen und geschrieben wird - zeigt der Text in der TAZ -Ausgabe, in der eine wahrlich gewagte Symbiose zwischen dem Tod des Schauspielers Tappert und dem Ende der "Altpapier"-Kolumne in der Netzeitung hergestellt wird.
Sei’s drum: Ein weiterer wichtiger Szene-Seismograph wird abgeschaltet. Unwiderruflich - und unersetzlich [6] ?

Anmerkungen

[1...der insbesondere bei den vielen Auslandsreisen von besonders hohem Wert war!

[2Das ist fair und erlaubt noch diese Art der Reaktion, die einem als einer der frühesten Förderer dieser Zeitung besonders weh tut.

[3...deren Abo nunmehr zum nächstmöglichen Zeitpunkt ebenso aufgekündigt wird wie das der "NETZEITUNG"

[4...über die ebenso schrittweise wie nachhaltige Umwertung des Wertes der von ihm aufgekauften Publikation

[5... dass man diese Titel nicht nur wegen ihres möglicherweise dadurch stablieren "shareholder values" weiter-lesen zu wollen

[6Und am 17. Dezember 2008 vermeldet zum Zeitpunkt der Redaktion dieses Textes der turi2-newsletter in seiner Frühausgabe in Form einer "Textanzeige":
"Arbeitslose Altpapier-Schreiber, die mit dem hohen Arbeitstakt bei turi2 (zwei Newsletter täglich - um 5 Uhr aufstehen!) zurechtkommen und lieber für einen zwonulligen Kleinverleger arbeiten wollen als für eine Heuschrecke, sind herzlich eingeladen, sich bei peter@turi2.de zu bewerben."


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