Emerging Media

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 21 Uhr 46 Minuten

 

Nachfolgend als "pars pro toto" ein Bericht von einer einzigen Veranstaltung eines Workschops, der im Rahmen des Prix Europa, 22nd Edition, beim rbb im Haus des Rundfunks in Berlin durchgeführt wurde:

14.00 Uhr: „Websites we wish we’d built“- Creative, cutting edge New Media in public service organisations

Peter Harvey von BBC Science and Nature und Silvia Costeloe von BBC Blast zeigen einige aufregende neue Multiplattform-Projekte von öffentlich-rechtlichen Organisationen und mehr.


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Gerade die offene, freundliche und durchaus kompetente Art, mit der beide, zunächst Peter und dann Silvia ihre Konzepte und Überlegungen vortrugen machten - fast exemplarisch - klar, in welchem Dilemma der sogenannte öffentlich-rechtliche Rundfunk heute steckt - auch im Vereinigten Königreich.

Auf der einen Seite kann er seine Kompetenz und Verantwortlichkeit als verantwortlicher Herausgeber von audiovisuellen Inhalten nicht einfach ablegen oder gar über Bord werfen, auf der anderen Seite sehen sich auch diese Macher mit der Frage konfrontiert, was denn bitteschön die Aufgabe eines solchen Senders im Umfeld des allumfassenden Internets sein kann. [1]

Nein, man habe seit langem verstanden, dass es keine Möglichkeit gäbe über die Zukunft des Senders und seiner Programme und Protagonisten nachzudenken, wenn dieses nicht auch unter Bezugnahme des immer wichtiger werdenden Internets geschähe. Dieser Reflektions- und Produktionsprozess müsse aber so organisiert werden, dass bestehende - oft traditionelle - Formate auch im Netz eine Präsenz haben und sich dort eigenständig fortentwickeln können. Und andererseits müsse man auch ganz neue auf der Netznutzung konzipierte Formate entwickeln, die dann ihre Rück-Wirkung und ihren Einfluss auch auf das Broadcast-Programm ihres Senders haben (werden).

An eben dieser Frage aber scheiden sich die Geister. Oder, noch klarer gesagt, kommt man offensichtlich auch bei der jungen Generation der BBC-Mitarbeiter nicht so zügig und so unkonventionell weiter, wie man sich das so gerne vorgestellt hätte: ein so grosses Haus mit so vielen Abteilungen, und "jeder" würde am liebsten noch an den eigenen Projekten mitreden wollen, damit möglichst viele Risiken von vornherein ausgeschlossen werden könnten.

Die eigentliche Frage der beiden war denn auch nicht so sehr auf die eigene Praxis ausgerichtet als an dem Bedürfnis erfahren zu wollen, was man denn als so ein besonderer Broadcaster wie die BBC machen könne, damit man schliesslich all jene Seiten machen und Trends jener mitbestimmen könne, die nicht den Regeln eines öffentlich-rechtlichen Senders unterworfen sind.

Aber so was wie YouTube könne man eben nicht wirklich selber aktiv nutzen, auch wenn dies alle ihre Zuschauer tun würden. Dabei ist es nicht nur so, dass das Einstellen von Inhalten der BBC durch die User in YouTube illegal ist - und dieses auch durch wiederholte tun bleibe - sondern es sei vor allem dramatisch, dass danach man nicht einmal mehr erkennen könne, dass dieses Material von der BBC stamme.

Peter spricht darüber, wie eine so klassische Serie wie horizon auf BBC TWO heute auch im Internet weiter entwickelt wird [2].

Und als Beispiel zeigt er Beispiele aus der "Reihe" Nick’s Torment, Berichte über einen jungen Mann namens Nick van Bloss, der an Tourette’s leidet, das im englischen mit sensory overload übersetzt wird.

Und, um es gleich an dieser Stelle zu sagen, einen von den wahrscheinlich unendlich vielen Beiträgen, die es wahrlich wert wären, in die Endausscheidung dieses Wettbewerbs um den Prix Europa zu kommen: Wenn wir den an Hypersensibilität leidenden Nick van Bloss an seinem Flügel sehen und spielen und dazu reden hören - über die Musik und sich selbst, über die himmlische Güte eines Komponisten mit Namen und seine Einswerden mit dem Instrument, über seine Finger, die über die Tasten "fliegen" können und von der Aufhebung der negativen Wirkungen seiner Krankheit in „taktile delights“, von dem Vergnügen, jede Taste bei jedem Anschlag selbst in nur wenigen Millisekunden spüren zu können - dieses "selfcontained video", wie es Peter nennt ist bereits als Pars pro Toto jenes absolute Gegengewicht gegen das Gejammer eines MRR und vieler Anderer, die gerne als Totengräber des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auftreten [3]

Um diesen Beitrag von 3:14 "88 keys to feed Tourette’s" sehen zu können bedarf es des nur für die Insel zur Nutzung freigestellten iplayers, oder man kann sich auf die BBC-Webseite mit der folgenden Adresse verlinken, die hier wegen ihrer sonst seitensprengenden Länge nur in einer vekürzten Version zu sehen aber als Link zur interaktiven Nutzung voll nutzbar ist: http://www.bbc.co.uk/sn/tvradio/pro...

Gut gefallen hat auch der Hinweis auf die BBC Website des absoluten Klassikers "Doctor Who". Und das nicht nur wegen des darin eingebauten TRAILER MAKER s mit dessen Hilfe man nicht nur im Drag’n-Drop-Verfahren eigene kleine Trailer bauen kann, [4] sondern weil sich Peter nicht gescheut hat, ein Photo von sich selbst und seiner Dr. Who Geburtstagstorte zu zeigen, die ihn beim Anschneiden derselben im Alter von 10 Jahren zeigt!

Seine - und nicht nur seine - "key-question" lautet:
"How can we protect the brand but allow the users to play with the content?"

Seiner Meinung nach liegt der Schlüssel im magischen Wort "Community" und sein Bedauern in der Tatsache, dass es einem Sender wie dem "seinen" eben nicht gelänge, eine solche "passionate community" selber ins Leben zu rufen, zu pflegen und (heran-)wachsen zu lassen.

Sein Credo: "The Creative Commons License should be used more often by the BBC".

Silvia brachte dann das Thema nochmals von einer ganz anderen Seite her auf den Punkt. Es geht bei ihr vor allem um die Frage, welche Rolle denn die Blogger auf den Nachrichtenportalen des Senders haben sollen, dürfen und können.

Dass Blogger auf ihren Seiten einen hohen Einfluss haben können zeigen Beispiele wie die zuletzt öffentlich geäusserten Vermutungen über den finanziell angeschlagenen Status der Royal Bank of Scotland, der innerhalb einer Nacht zu Millionenverlusten in zweistelliger Höhe an der Börse geführt hat. Und das, bevor irgendwelche - sich dann ja bestätigenden - Daten in irgendeinem anderen Publikationsorgan öffentlich vorgelegen haben.

Anderseits macht sie ebenso deutlich, dass man als Redaktion schon ein sehr genaues Auge auf das habe, was da in den eigenen Blog geschrieben und veröffentlich werden soll. Und das betrifft sowohl die Meinungen der eigenen Korrespondenten und Redakteure als auch all jener, die sich wiederum zu diesen Stellungnahmen mit eigenen Ansichten äussern.

Zwei Fragen standen dabei im Vordergrund:

1. Was geschieht mit "missliebigen Meinungsäusserungen", die aus der Öffentlichkeit in diesen Netz-Raum der BBC eingespeist werden - von Gewaltverherrlichung bis zum Rechtsradikalismus.

2. Welchen rechtlichen Status haben eigentlich diese "Blogger" bei der BBC, schreiben sie letztendlich mit ihrem eigenen Namen und damit in eigener Verantwortung oder in der ihres Senders, für den sie arbeiten?

Die für die Diskussion bewusst herausgestellte und am meisten kritische Frage aus dem Publikum lautete in etwa so:
- Betreibt das Haus nicht eigentlich so etwas wie einen Etikettenschwindel, wenn man sich dort mit all diesen neuen Formaten und Möglichkeiten der Netznutzung schmückt, sie damit aber durch ihre Aneignung aus dem sie eigentlichen ursächlich begründenden Zusammenhang herausreist?
- Oder, anders gefragt: Ist ein Blog bei der BBC wirklich ein Blog, wenn der Autor diesen letztendlich in der redaktionellen Verantwortung seines Senders schreibt und nicht in seiner persönlichen.
- Oder, anders gefragt: wenn dem so ist, dürfe denn auch ein solcher Mitarbeiter des Senders - oder auch eines anderen Verlages - ausserhalb der Rechts-Sphäre seines Hauses einen eigenen "privaten" Blog betreiben und inhaltlich ausgestalten, in dem er dann wirklich in eigener Verantwortung sagen und schreiben kann, was er "wirklich" denkt?

Es ist ist klar, dass mit diesen Fragen der Finger auf Wunden gelegt wurde, die in vielen Fällen noch nicht einmal wahrgenommen worden sind. Es ist aber auch klar, dass die von der Referentin vorgestellten Strategien des Hauses zwar einen Zeitgeist repräsentieren mögen aber noch nicht den Geist der Zeit in einem eigenen Format kompiliert haben. Weder der Verzicht auf den "Presenter" zu Gunsten von "Raw-Formats" noch der - ersatzweise - Einsatz von Bloggern - im Sinne der zuvor zitierten Frage eigentlich gar keine sind - ist wirklich eine Antwort des Senders auf die allgemein vorherrschende Verunsicherung über ein nicht mehr zu beherrschendes System, das auch Medium sein kann aber selbst nicht Repräsentant einer bestimmten Art von Message.


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16.00 Uhr: „The workshop that makes you want to stream“

Daniel Karlsson stellt das Portal Streamtheworld.com und die CDN Streaming Plattform vor. Andrea Borgnino, Projektmanager EBU New Radio, wird P2P Streaming erläutern. [5]

Mehr dazu auf der PRIX EUROPA Website.

Nachtrag:

Im Nachgang zu dieser Veranstaltung wird im offiziellen Anschluss-Bericht des Hauses dieser Nachmittag unter der Überschrift "Großer Run auf Emerging Media" wie folgt dargestellt:

Der frische Esprit des PRIX EUROPA zeigte sich gerade in der multimedialen Emerging Media-Kategorie. Der Raum war überfüllt, als Peter Harvey von BBC Science and Nature und Silvia Costeloe von BBC Blast im Workshop „Websites we wish we’d build“ unter anderem über die Schwierigkeiten von öffentlich-rechtlichen Sendern hinsichtlich der Nutzung der neu entstehenden Medien sprachen. Anschließend fand „The workshop that makes you want to stream“ mit Daniel Karlsson und Andrea Borgnino, Projektmanager von EBU New Radio, statt. 20 Websites europäischer Rundfunkanstalten wurden während der dreitägigen Wettbewerbssitzungen vorgestellt, diskutiert und bewertet.

Diese ist eines dieser unendlich vielen Schönschreibbeispiele, derer es so wirklich nun gar nicht bedurft hätte, um diesen doch wirklich interessanten Nachmittag so sehr zu "pushen", dass das Ergebnis eher in die gegenteilige Richtung des Gewollten zu wirken beginnt:

1. Der Raum war gut besetzt, aber nicht überfüllt.
2. Der zweite Teil des Workshops war vielen zu technisch und der Raum leerte sich zusehends
3. Die meisten der hier angesprochenen "20 Websites" wurden an diesem Nachmittag nicht gezeigt
4. Auch in den Online gestellten Pressetexten gibt es keinen Zugang zu diesem Links, von denen, von denen hier nur pauschal die Rede ist: Zur Kenntnisnahme und mit dem Angebot einer eigenständigen Entdeckung? [6]

Anmerkungen

[1Dazu im Vergleich der Auftritt von und das Interview mit BBC-Chef Mark Thompson am Montag, den 1. September auf der Medienwoche 2008 in Berlin.

[2Wobei erst beim Verfassen dieses Textes zu erfahren ist, dass - zumindest für den Nutzer ausserhalb des UK - dieses Seite nicht mehr länger aktualisiert wird.

[3Und sich dabei an mehr als nur einem Beispiel - zur Recht - festhalten, das ihnen vordergründig absolut Recht zu geben scheint.

[4sondern weil man auch auf dieser Seite die Möglichkeit erhält, eine Reihe von Spielen zu spielen - während sich die Öffentlich-Rechtlichen-Anstalten in Deutschland ja "freiwillig" nicht entblödet haben, auf eine solche Möglichkeit grungsätzlich und von vornherein zu verzichten [sic!].

[5Angesichts der vorausgegangenen ausführlichen Diskussion der ersten beiden Stunden wird die Wiedergabe und Diskussion dieser beiden - eher technischen Präsentation - zurückgestellt. WS.

[6Gerade jetzt, wo von den Ministerpräsidenten die neuen Spielregeln des neuen Rundfunkänderungs-Vertrages bekanntgeben werden...


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