Zehn Szenarien zur "Grossen Lage"

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 21 Uhr 38 Minuten

 

I.

Christine Haderthauer, die Generalsekretärin der CSU... .

Christine Haderthauer wurde am 22. Oktober 2007 vom Parteivorstand der CSU zur Generalsekretärin berufen. Sie ist die erste Frau in der über 60-jährigen Geschichte der Partei, die dieses Amt innehat. Die Generalsekretärin tritt für ein "kraftvolles und geschlossenes Auftreten" ihrer Partei nach außen ein. Intern steht sie für "Offenheit und Vertrauen" und eine intensive Kommunikation.

... wurde mittels Pressemeldungen schon am Wochenende ihres Amtes enthoben.

Dann war erst einmal der CSU-Vorsitzende Erwin Huber dran:

Die CSU hat ein sehr enttäuschendes Wahlergebnis zu bewältigen. Mir ist wichtig, dass das in einem geordneten Verfahren geschieht. Auf meinen Vorschlag hat der Parteivorstand für Samstag, 25. Oktober 2008, einen Sonderparteitag in München einberufen.

Ich werde bei diesem Parteitag mein Amt als CSU-Vorsitzender zur Verfügung stellen. Bis dahin nehme ich in vollem Umfang meine Aufgaben wahr. Ich gebe damit der Partei die Chance für einen personellen Neubeginn an der Spitze.

Erst danach zieht "die erste Frau" Generalsekretärin nach, spricht von einem "katastrophalen Wahlergebnisses" und davon, dass sie "die Verantwortung für das Wahldesaster" übernehme - weist aber zugleich daraufhin, dass es "für die Wahlniederlage eine Vielzahl von Gründen" gebe.

Die weiteren Weichen sind gestellt: Dr. Günther Beckstein wird es seit dem Verlust der Nürnberger gegen den FC Bayern auch nicht mehr lange machen. Da hilft selbst die Freigabe von "zwei Maaß Bier" für den Autofahrer als Ersatz für die Pendlerpauschale nicht mehr weiter. Schliesslich steht der Ehrendoktor der Nationalen Agraruniversität der Ukraine und Herzensbrecher Horst Seehofer Dank seines neuen Herzens schon seit geraumer Zeit in den Startblöcken...

II.

Clever. Am Montagabend in der ARD-Talkshow von und mit Herrn Beckmann :


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Alle drei Kinder von FJS. Und dann Kurt Beck, herausgemobbt aus der Bundespolitik, als "Rausschmeisser" am Ende der Sendung.

Im Vorprogramm gab es 20:15 Uhr einen "ARD-Brennpunkt" mit dem Titel:
Beben in Bayern - Was passiert mit der CSU? (Moderation: Sigmund Gottlieb ) und danach um 20:30 Uhr "Hilfe - wer rettet unser Geld?
Deutschland im Strudel der Bankenkrise" (Moderation: Claudia Schick )

Und danach? Kurt Krömer [1] dessen Schau sich kaum noch von einer Kleinbürgerhochzeit unterschied. Allerdings mit dem Unterschied, dass nicht die Akteure die Szenerie zerlegten, sondern das sonst nicht für die Kamera bestimmte Bühnenpersonal. Zitat rbb: [Der als Gast geladene] "Schuldnerberater Peter Zwegat kann zwar nicht verhindern, dass Krömers Studio wegen Miet- und Steuerschulden zwangsgeräumt wird ..."


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Und so wird gegen Ende der Schau selbst die vom Moderator so geliebte Bühnentreppe mangels Stühlen zur Zuschauersitzrampe.

Die so abgräumte Bühne signalisiert damit jenen Zustand, auf den all die Sendungen dieses Abends klammheimlich angespielt haben: den Verfall der Republik. [2] An diesem Abend wird nicht nur der Gast freundlichst demontiert, sondern auch die Erwartungshaltung des Publikums: im Saal und vor dem Fernseher. Und das ganze Szenarium wirkt umso mehr, als zum Zeitpunkt der Aufzeichnung noch keiner der Beteiligten erahnen konnte, wie dünn die Membran dieses Formates zur Wirklichkeit dieser Tage sein würde.

III.

Und dabei leben wir hier in Deutschland noch im Tal der ahnungslos Seelingen. Bei den Wahlen in Weissrussland hat kein einziger der Oppositionspolitiker hat eine rechnerische Mehrheit für sich erzielen können. Und während im Land Brandenburg bei den Wahlen am Wochenende die SPD ihre Spitzensposition noch mit einem kleinen Vorsprung hat verteidigen können, sind die Sozialdemokraten in Österreich ebenso abgestraft worden wie ihr alter - und wohl auch neuer - Koalitionspartner: Die echten "Rechten" dagegen haben sich fast ein Drittel der Wählerstimmen sichern können.

IV.

Und doch sehen sich die Sozialdemokraten sehen sich gestärkt, ja "im Aufwind": Es bedürfe eben doch des Staates - als Gegengewicht gegen den "Casino-Kapialismus". Ein teures Glaubensbekenntnis. Was vor einer Woche noch nicht ging, ist jetzt Realität: Finanzminister Steinbrück rückt die Steuermillarden raus, die er noch vor einer Woche in seiner öffentlichen Erklärung auf keinen Fall preisgegeben hätte. So kommt er nach der der KfW-"Panne" und deren Entscheidung, 300 Millionen an die insolvente Investmentbank Lehmann Brothers nach New York zu überweisen, vom Regen in die Traufe. Und bekommt dafür im Windschatten des Bundeskanzlerkandidaten Steinmeier - in einem DLF-Interview mit Wolfgang Labuhn am vergangenen Sonntag - noch Zuspruch aus New York: Von seinem Luxemburger Minister-Kollegen, dem Aussenminister Jean Asselborn.

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/...

V.

Die fleissig mitschreibende FTD betitelt denn auch Nina Klöckners Bericht aus New York auf Seite 29 mit der Überschrift: "Sin City". Während die Negativ-Abstimmung über die 700 Milliarden Bürgschaft in Washington DC der Losung folgt: "No cash for trash". Da capo al fine?

Dann schon lieber der Rückblick von Jens Brambusch vom 23. September 2009, der dem Ex-Chef des US-Versicherers AIG,
Robert Willumstad, den Namen "Vater Courage" verleiht, weil der (s)eine Abfindung in Höhe von 22 Mio. Dollar ausgeschlagen hat.

[...] "Damit steht der Manager in seiner Gilde ziemlich allein da. Denn es ist der sogenannte goldene Handschlag, den er ablehnt: 22 Mio. $ sollte Willumstad für seinen Abgang erhalten. Doch er verzichtet.

Seine Arbeit habe keinen Erfolg gehabt, sagt er sinngemäß. Das stimmt zwar - in seinen drei Monaten an der Konzernspitze fiel die Aktie um 97 Prozent. Andere Manager genierten sich angesichts ihrer Erfolglosigkeit aber auch nicht. So hätten sich die Ex-Chefs der kürzlich verstaatlichten US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac, Daniel Mudd und Richard Syron, ihren Abschied nur allzu gern vergolden lassen."

VI.

Schnell werden viele Beispiele wieder auf den Tisch der öffentlichen Meinung gelegt:
- Hank McKinnell war 5 Jahre an der Spitze des US-Pharmakonzerns Pfizer. Nach einem Kursverlust von 40 Prozent bekam er 213 Mio. $.
- Citigroup-Chef Charles Prince erhielt nach seinem Finanzdesaster eine Zahlung von 40 Mio. $
- Robert Nardelli, Ex-Chef der US-Baumarktkette Home Depot erhielt 210 Mio. $ als er gefeuert wurde.

Das schärfste Beispiel aber re-zitiert dieser Tage die französischen Zeitung LIBÉRATION in ihrem Artikel vom 28. September 2008:

"Un job en or massif: 758.333 dollars par jour... et la faillite".
Darin ist die Rede von einem gewissen Herrn Alan Fishman, der den Job des "PDG", Président Directeur General der Washington Mutual (WaMu) für genau 18 Tage inne und in dieser Zeit rund dreiviertelmillionen Dollar "verdient" hat: pro Tag!

"Reprenons. Le 7 septembre, WaMu, plombée par ses créances pourries dans les subprimes n’arrive plus à faire face à ses échéances. Kerry Killinger, le boss de l’ex-petite mutuelle de Seattle qu’il a dopé aux hormones de croissance pour en faire la plus grande mutuelle des Etats-Unis, est mis sur la touche. Pas les mains vides: 98 millions de dollars en 14 ans de job…

Alan Fishman, 62 ans, ex-patron de l’Independance community bank, lui succède. Il reçoit, en guise de bienvenue, un cadeau («golden hello») bonus de 7,5 millions de dollars. Et une clause: 6,15 millions de dollars en cas de rupture de son contrat. Le conseil d’administration place alors «une grande confiance dans les capacités d’Alan de diriger WaMu et ramener la firme à la profitabilité». «Je sais que nous allons surmonter les problèmes que nous rencontrons», répond l’intéressé.

Las: le titre s’effondre à la bourse. En dix jours, les particuliers retirent plus de 16,7 milliards de dollars dans les agences. Du coup, pour éviter des émeutes, l’administration Bush décide, le jeudi, de refourguer WaMu à JP Morgan. Les actionnaires perdent tous leur argent. Pas Fishman. Selon la firme Reda & associates, son chèque pourrait (incluant salaire et stocks options), culminer à 19,1 millions… Qui dit mieux?"

WAS TUN?

VII.

LESEN: Tobias Moorstedt. Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern. Edition Suhrkamp. Frankfurt a.M. 2008.
Fundiert - und doch kein Fundi! Sein Blick auf Amerika ist weniger spektakulär und doch von Gewicht. Denn nicht nur die Kapitalströme zirkulieren rund um den Globus in den digitalen Netzen. Auch die Meinungsbildungsprozesse in der Politik sind dabei, sich in der Nachfolge der Digitalisierung nachhaltig zu verändern. [3]

VIII.

SPORT: Die positivsten aller Zahlen sind in dieser FTD-Ausgaben die Torergebnisse vom Spielverlauf Werder Bremen gegen Hoffenheim 1899.
1:4; 4:4; 5:4 . "Beim 5:4 zelebrieren die beiden Mannschaften Bundesliga-Fußball in einer neuen Dimension." So titelt die FTD am 29. September 2008 auf der Seite 35. Und der Berichterstatter heisst - nomen est omen - Sven Bremer!

XI.

SPIEL: Der Zusammenbruch der Welt - das muss zumindest erst einmal geübt werden. Nicht auf der TV-Bühne des Senders rbb. Sondern auch auf dem eigenen Rechner. "The Thrill to Kill." Ganz ohne Gefahr.

Die Werbung für Wii auf YouTube macht es exemplarisch vor. [4] Und wiederholt damit im Grunde nichts anderes, was einst begnadete MS-Dos-Hacker schon vor Jahren auf Video-Festivals wie der "Transmediale" in Berlin vorgeführt hatten: die Auflösung des Interface’, der Bildschirm-Schnittstelle zur Kommunikation in und mit der digitalen Welt.

X.

REVOLUTION: Auch dieses Szenarium ist bereits vorweggenommen. Und wird uns potentiellen Marktteilnehmern wie folgt vorgeführt: Als Hingucker in der Fussgängerpassage einer dieser vielen Einkaufsstrassen, in denen nach der Hertie-und Kaufhof-Pleite nun auch die Karstadt-Kauf-Häuser auf das bevorstehende Weihnachtsgeschäft 2008 starren wie das Kaninchen auf die Schlange...

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PS.

Erstaunlich, was so ein Eintrag alles an Reaktionen auslöst. Auch wenn der Leser von "DaybyDay" davon nur selten unterrichtet wird.

Und - in der Tat - "Gratulationen" dafür, dass Becksteins "move to the backstage" vorhergesehen zu haben, sind nun wirklich noch kein Beweis von politischer Ein- und Weitsicht und bedürfen an dieser Stelle wahrlich nicht der öffentlichen Erwähnung.

Interessanter vielleicht die eingegangenen Hinweise

- im Zusammenhang mit den hier erwähnten MS-Dos-Hackern jodi.org, nämlich auf den "Zerseher" bei ART+COM

- auf den FILM "Money as debt" von Paul Grignon

http://video.google.com/googleplayer.swf?docid=6433985877267580603&hl=de&fs=true" style="width:400px;height:326px" allowFullScreen="true" allowScriptAccess="always"

"Wie entsteht überhaupt Geld? Wissen sie es? Paul Grignons eindrucksvoller Film erklärt in anschaulicher Weise, warum alle Welt soviele Schulden hat - und was man dagegen tun könnte!"

Anmerkungen

[1Der zunächst bei den Recherchen identifizierte Link: http://programm.daserste.de/detail1... konnte bei der Überprüfung dieses Textes nicht mehr gefunden werden. Der jetzt zitierte Link bezieht sich auf eine für den "1.12.2008" angekündigte Schau.

[2Siehe dazu auch den "DaybyDay" Artikel vom 28. August 2007: Familienprogramm für das Internet-Zeitalter

[3Siehe dazu auch die Besprechung in der Netzwelt von Spiegel.de vom 30. September 2008].

[4Der hier vorgestellte Beitrag wurde zum Zeitpunkt dieser Publikation bereits über 30tausend Mal aktiviert.


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