Grosser Bahnhof für Barebones

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 21 Uhr 40 Minuten

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach 17 Tagen Fahrt und einer zurückgelegten Strecke über 10.000 Kilometer und fünf Landesgrenzen kommt am 6. Oktober 2008 der Trans Eurasia Express in Hamburg an. Dieser Containerzug fährt im Auftrag des Unternehmens als Fujitsu Siemens Computers Company-Train. Es ist der erste Zug zwischen China und Deutschland, den ein Unternehmen komplett bei der Deutschen Bahn beauftragt hat. Fujitsu Siemens Computers hat diesen Transportweg gewählt, um auch in Sachen Logistik seinen Vorsprung als grüner IT Anbieter weiter auszubauen. In einigen Monaten wird DB Schenker den Regelverkehr von Containerzügen auf der transeurasischen Landbrücke aufnehmen.

Wir laden Sie ein, am 6. Oktober bei der Ankunft des Zuges in Hamburg dabei zu sein. In einem Pressegespräch stehen Ihnen Bernd Bischoff, President und CEO Fujitsu Siemens Computers, und Dr. Norbert Bensel, als Chef von DB Schenker im Vorstand der DB Mobility Logistics AG für das Ressort Transport und Logistik verantwortlich, zur Verfügung.

Preisfrage: wie viele Container hingen heute an dem Zug, der am 19. September [1] von Xiangtang aus in Richtung Hamburg gestartet ist.

<p>Foto: DB AG/DB Schenker</p>
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Oder: Wissen Sie, wo überhaupt Xiantang liegt?


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Wer das auf jeden Fall weiss, dass ist die GPS-Smartbox von DB Schenker. Das Teil kommt eigentlich aus der Schifffahrt und ist so etwas – die Fachleute mögen diesen Vergleich verzeihen – wie ein aktiver RFID-Chip dem Reeder verrät, wo sich seine Ladung bzw. ein spezifischer Container gerade befindet. Im Gegensatz zu den Schiffen, wo diese Boxen ja selbst unter Deck funktionieren müssen, sind sie hier Wind und Wetter ausgesetzt und funktionieren – angeblich – von minus 40 bis plus 40 Grad. Und sagen alles aus, was der Eigner der Ware und der Container so wissen will, von den Klimadaten bis hin zu den jeweiligen Erschütterungsprofilen. Und eine Reihe weitere Informationen, die von dem Kunden jeweils bestellt und dann auf Bedarf abgerufen werden können, vor allem eine Reihe von weiteren Daten, die das Sicherheitsmanagement dieser Ladung erleichtert. [5]

Vom 19. September bis zum 6. Oktober 2008: das sind gut zwei Wochen Reisezeit. Und mit der liegt man in einem guten Mittel zwischen dem Transport durch die Luft und zur See – die ja nach wie vor die finanziell attraktivste Möglichkeit ist, die Waren von Asien nach Europa zu transportieren. Doch man ist erst am Anfang. Wenn 2009 der Regelbetrieb mit einem Zug pro Woche aufgenommen werden wird, dann ist immer noch ein Drittel dieser Zeit Warte- und Verweil- und Umbauzeit: 6 Grenzbahnhöfe und zweimaliger Spurwechsel machen daraus alles andere als einen Schnellzug und doch rechnet sich das Ganze. Und zwar in einem mehrfachen Millionenbetrag: so der Chef von Fujitsu Siemens Computers Bernd Bischoff.

Und der Mann muss es wissen, nach Stationen wie IBM und HP hat er nun einen europäischen Konzern zu führen, der im globalen Wettbewerb steht und für den der Standort China – sowohl als Produktionsstätte aber auch als potenzieller Absatzmarkt – inzwischen unverzichtbar ist. Aber eigentlich war China ebenso wenig das Thema dieses Tages wie die Frage nach der Zukunft des Unternehmens, die zu gleicher Zeit gerade von der Wirtschaftswoche um einige neue Einsichten und Aussichten angefüttert worden war. Das „Key-Essential“ seiner Aussage lautete in etwas so: Wir sind schon aus Tradition heraus ein „grünes“ Unternehmen, haben damit schon vor mehr als 20 Jahren angefangen und heute endlich die Chance, mit dieser Verantwortung für die Umwelt auch noch Geld zu verdienen.

Das freut natürlich all: das Unternehmen schreibt dann grün weniger rote Zahlen, der Kunde kauft grün ohne allzu viel dazuzahlen zu müssen und die Politik sieht grün – auch wenn es um die Fragen der Globalisierung geht. Soweit, so gut.

Auch von Seiten des Transportunternehmers DB Schenker ist man natürlich bester Laune, hat man doch seinen Kunden nun auch auf dieser Strecke ein Produkt anzubieten, das nicht nur zu Wasser und in der Luft, sondern auch auf dem Landweg konkurrenzfähig ist. Der Wettbewerbsvorteil, den sich derzeit ein Haus wie FSC ausrechnet, wird aber in Zukunft auch für alle anderen Unternehmen der Branchen ein Thema sein, zuförderst solcher mit vergleichbaren Profilen und Produktpaletten.

Wer von diesem Tag aber mehr mitnehmen will, als einen Einsdreissiger bei der Tagesschau [6], der sollte sich etwas genauer des Themas von Profil und Produktpalette annehmen.

Anlass für diese Frage war der Umstand, dass die Dominanz auf dem Green-IT-Thema von keiner Seite die Frage aufkommen liess, um was für Produkte es denn da nun gehen würde, die jetzt erstmals auf dem Landwege aus der VR-China bis nach Deutschland gerollt worden sind. Nein, nicht Fertigteile, sondern Teile für die Fertigung in Deutschland, so die Antwort.

Wir von FSC sind ja nicht nur im Massenmarkt für den Endkonsumenten da, sondern wir machen alles andere als nur Kistenschieben. Gewiss, wenn es darum geht, die grossen Vermarkter zu beliefern dann zählen allein die Preise für die wichtigsten vordergründigen Leistungsparameter und damit jeder Cent. Aber wenn es in diesem Markt gelingt, zum Beispiel eine Verpackungsoptimierung zu erreichen, die pro Einheit gleich mehrere Euro Ersparnis bringt, dann ist auch das für unser Haus einen echte Erfolgsstory.

Aber aus China kommen eben nicht nur die fix und fertig für den Massenmarkt vorkonditionierten und versandbereiten Verkaufspaletten. Der eigentliche Erfolg ist ja das „tailor-made-business“, in dem für jeden Endkunden sein ganz spezifischer PC ausgeliefert werden kann: vom Firmenlogo auf dem Deckel bis hin zur firmeneigenen Softwarekonfiguration, die bis hin zum individuellen Nutzerprofil eines einzigen Mitarbeiters vor-eingespielt werden kann – und wird.

Diese mindestens ebenso wichtige Nachricht kam heute und zumindest an dieser Stelle zu kurz – und ist auch sicherlich zu komplex, um in einem Einsdreissiger und angesichts des langen Güterzuges und der adretten Hostessen und gesprächsbereiten VIPs allzu sehr in den Vordergrund stellen zu können.

Und doch ist dieser Aspekt in der Perspektive der Entwicklung noch entscheidender als das Green-IT-Thema. Nicht nur, dass China sich nun wahrlich bis heute nicht gerade als Musterländle im Sachen Umweltschutz einen Namen hat machen können – Ausnahmen mögen hier die Regel bestätigen – sondern auch, weil sich allzu leicht der Eindruck aufdrängen mag, dass sich nun auch eine der wenigen letzten europäischen Adressen endgültig in die Hände fremder Märkte begibt. Es ist richtig, dass nun auch die Festsplattensparte an eine US-Firma abgetreten wird und sowohl die Chassis – auch Barebones genannt – als auch die Monitore – vor allem wegen der Displays – aus Südchina kommen.

Umso wichtiger wird es aber in Zukunft darum gehen müssen aufzuzeigen, dass das Thema der Logistik gerade bei einem Haus wie FSC eben nicht nur bedeutet, auf dem knallhart umkämpften Massen- und Endkonsumer-Markt noch eine zeitlang mitspielen zu können, sondern dass es das längerfristige und auch wirtschaftlich weit interessantere Ziel sein wird, durch die Möglichkeiten des weltumspannenden Netzes und der Vernetzung von Produktion und Vertrieb Leistungen in den Vordergrund stellen zu können, die sich eher auf einer CeBIT denn auf einer IFA als gewinnbringend werden darstellen lassen können.

Anmerkungen

[1dem Geburtstag des Autors dieser Zeilen

[2Foto: DB AG/DB Schenker

[3Um einen Schätzwert nennen zu können, hier ein Über-Blick über den heute eingetroffenen Zug:

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[4Grafik: DB AG/DB Schenker

[5In den Presseunterlagen gab es zu diesem Thema keine weitere Daten oder Referenzen, obwohl mit diesem elektronischen Möglichkeiten die Schutzleute vor allem an den auf der Strecke haltenden und wartenden Wagons nicht ersetzt, aber wesentlich intelligenter und effektiver eingesetzt werden können.

[6Am besten immer gleich eine der ersten beiden Meldungen oder die letzte, den „Rausschmeisser vor der Wetterkarte“ meint ein Kollege im vorbestellten Taxi, auf das wir nach dem Ende der Veranstaltung fast eine ¾ Stunden haben warten müssen – was die Frage auf wirft, wie schnell die Waren aus China denn hier in Deutschland an ihren Zielort gebracht werden können…


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