Geld und Genesung

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 20 Uhr 54 Minuten

 

Auf dem sogenannten Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit findet heute im "Forum der Versicherungen" eine Pressekonferenz unter dem Titel statt:
"Armut in Deutschland: Kann die Sozialversicherung wachsende gesellschaftliche Ungleichheit lindern?"
und macht mit dem Statement auf:
"In Deutschland wird die Schere zwischen arm und reich immer größer. Etwa jeder 4. Bundesbürger ist nach Angaben von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz inzwischen verarmt – oder muss durch staatliche Leistungen davor bewahrt werden. Was kann die Sozialversicherung tun, um wachsende gesellschaftliche Ungleichheit zu lindern – und was kostet sie das?"


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Am gleichen Tag führt der Rad-Weg bei blendend schönem Wetter an eben diesem Plakat am ICC vorbei zu einer medizinischen Praxis. Dort wurde eine "Kalkschulter" diagnostiziert und eine technisch medizinische Maassnahme vorgeschlagen, mit der die Ursachen für diese Schmerzen nachhaltig beseitigt werden können. Kostenpunkt: gut Euro 250 aus eigener Kasse.


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Aber wir können es ja erst einmal mit einer konservativen Physiotherapie versuchen, so der Vorschlag. Und heute war die zweite Sitzung.

Auf dem Hinweg führte der Weg an eben diesem besagten Plakat vorbei, auf dem Rückweg direkt zu einem Café, in dem es mit einer der Teilnemerinnen dieses Kongresse zu einer privaten Begegnung kam in deren Verlauf dieses Thema allerdings dann keine Rolle gespielt hat.

Alles das ist gut und schön so. Wenn nicht nach dem Ende der zweiten therapeutischen Sitzung plötzlich erneut ein Obulus abgefordert worden wäre. Knapp 9 Euro waren zu zahlen. Ohne Vorankündigung. Und ohne Rücktrittsmöglichkeit, da ja die Leistungen bereits erbracht und für die körperlicher Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit unumstritten notwendig waren.

Es ist bereits an anderer Stelle über eine solche Überraschung berichtet worden [1] und, obwohl kein Medien-Thema, wird dieses Sujet an diesem Tag dennoch erneut hier in das Licht der veröffentlichten Meinung gestellt.

Offensichtlich ist der betroffene Autor dieser Zeilen in den letzten Jahren, ja, Jahrzehnten zu selten beim Arzt gewesen, um sich schon auf diese Veränderungen des Gesundheitssystems eingestellt zu haben. Jetzt aber, wo man mit dieser neuen Situation konfrontiert ist, ist all das grosse Geschwätz eines solchen Kongresses nicht Wert, berichtet zu werden, solange offensichtlich die eigene Erfahrung sich noch nicht mit der aktuellen Misere des Systems "angefreundet" hat. Und auch nicht "anfreunden" wird.

Es kann nicht angehen, dass medizinisch notwendige Leistungen
A: nur gegen Zuzahlung erbracht werden - und
B: dieses dem Betroffenen vorher nicht einmal mitgeteilt wird.

"Wehret den Anfängen..." kann man ja angesichts dieser hier in nunmehr zwei Fällen gemachten Erfahrungen schon gar nicht mehr schreiben. Nicht nur, dass die Vorsorge inzwischen aus eigenen Mitteln selbst zu finanzieren ist, sondern auch die aktive Unterstützung des Heilungsprozesses.

Vielleicht wäre es doch von Nöten, im nächsten Jahr doch noch an diesem Kongress teilzunehmen um wirklich begreifen zu können, wie es um die Zukunft unserer medizinischen Versorgung bestellt ist.

Nachtrag 1:
Der Anruf bei der Ersatzkasse brachte dann zunächst einmal die gewünschte Aufklärung. Solche Entscheidungen und Folgeerscheiungen lägen nicht in ihrem Ermessen, sondern das seien die Folgen der Regelungen, die "der Gesetzgeber" zu verantworten habe. Heute gäbe es eine verpflichtende Eingenleistung von 10%, die bei allen derartigen Massnahmen aufzubringen seien.

Nachtrag 2:
Eine Woche später einen weiteren Zehn-Euro-Schein eingepackt und als wöchentlichen Zuzahlungsbeitrag bereitgehalten. Aber dieses Mal eine weitere Überraschung. Die Physiotherapeutin will das Geld nicht annehmen. Nein, sagt sie, mit dem bisher entrichteten Betrag habe man seine Pflicht und Schuldigkeit im Rahmen der jetzt verschriebenen Serie erfüllt. Wie viele solcher Sitzungen zu einer Serie gehören, war allerdings noch nicht zu erfahren.