... aus unserer Mitte gerissen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 20 Uhr 47 Minuten

 

Nachfolgend die Wiedergabe einer Mail von Eku Wand, die am Donnerstag, den 22. Mai 2008 in Sydney eintraf, nachdem sie bereits vorab durch eine SMS angekündigt worden war.

Der nachfolgende Text spricht aus tief empfundener Trauer für sich selbst.


Liebe Freunde, Bekannte und Geschäftspartner,

leider müssen wir Euch/Ihnen heute die traurige Nachricht übermitteln, dass unser guter Freund Prof. Dr. Bernd Willim gestern am 20.05.2008 im Kreise seiner Familie in Priort bei Berlin verstorben ist.

Am vergangenen Sonntag ereilte uns die Nachricht, dass ihm selbst das Telefonieren schon sehr schwerfalle und wir waren sehr betroffen. Wir haben ihm darauf hin in einer E-Mail unsere tiefe freundschaftliche Verbundenheit zum Ausdruck gebracht. Es war schwer in diesem Moment die richtigen Worte zu finden - Worte, die auch nur annähernd der Situation gerecht werden. Aber er sollte wissen, dass er in diesen schweren Stunden nicht allein ist, sondern viele Freunde und Bekannte mit ihm fühlen. Es ist ein Drama, dass er uns so früh verlassen hat. Leider hat er diese E-Mail nicht mehr selbst lesen können, wie uns seine Frau gestern mitgeteilt hat.

Wir haben ihm in dieser E-Mail auch von unserem privaten Spendenaufruf berichtet und ihm - Euer/Ihr Einverständnis vorausgesetzt - in jedem Fall diese Unterstützung für seine Familie zugesagt. Wir hoffen diese Entscheidung wird von Euch/Ihnen ebenso mitgetragen und möchten daher den Aufruf aufrecht erhalten und diesen bis zum Samstag, den 30.05.2008 verlängern. Gerne dürft/en Ihr/Sie diesen Aufruf auch an Freunde, Bekannte und Geschäftspartner von Bernd Willim weiterleiten, die wir bisher nicht anschreiben konnten bzw. bisher nichts von unserem Aufruf erfahren haben.

Die Kontoverbindung lautet:

Kontoinhaber: Weinberg, Ulrich
Konto: 469347106
BLZ 100 100 10
Postbank Berlin

Kennwort: Bernd Willim

Wir haben bei Google Docs ein Dokument eingerichtet, dass jederzeit über den aktuellen Spendenstand neutral Auskunft gibt. Diese Liste kann jedoch nur dann eingesehen werden, wenn uns Ihre aktuelle E-Mail-Adresse vorliegt, mit der wir Sie gerne zur Einsicht registrieren und freischalten können.

Bernds Initiativen, sein Engagement für die Ausbildung und seine Kraft, auch im Kampf gegen seine Krankheit, waren beispiellos und dürfen nicht vergessen werden. Wir hätten noch so viele Dinge mit ihm teilen wollen, doch dem Ende der „German Filmschool for Digital Production“ hat sich auch sein eigener von Krankheit schwer gezeichneter Körper viel zu schnell gebeugt. Bernd wird in unseren Herzen immer einen festen Platz haben.

Wir haben heute aus den bisherigen Spenden-Eingängen eine gemeinsame Todesanzeige im Namen aller Beteiligten finanziert und werden diese im Tagesspiegel am 25.05.2008 veröffentlichen.

Die Beerdigung von Bernd Willim findet am Samstag den 24.05.2008 um 14 Uhr auf dem Friedhof von Priort bei Berlin statt.

In tiefen Gedenken,

Uli Weinberg und Eku Wand

prof. eku wand
saalburgstrasse 104, 61350 bad homburg
call 06172 - 59 77 27 fax 06172 - 59 77 84
office@eku.de skype: ekuwand www.eku.de


Und doch bedarf dieser Umstand einer Anmerkung. Denn es ist in kurzer Abfolge die dritte unumkehrbare Reise, in deren Verlauf sich ein solcher Todesfall ereignet und persönliche Betroffenheit ausgelöst hat. [1]

Und in jedem Fall stand die Art und Weise der Übermittlung der Nachricht im direkten Zusammenhang mit den Kommunikationsmedien, die jeweils der Verstorbene - und seine Umgebung - für sich in Anspruch genommen hatten.

Im vorangegangenen Fall war es ein Brief, der zu dem Zeitpunkt übergeben wurde, als der Rückflug aus den USA beendet war. Darin wurde zur Grablegung eingeladen: Zwei Stunden nach dem Eintreffen in Berlin - aber in einer anderen Stadt.

Wäre die Mitteilung zuvor per Mail angekommen, hätte vielleicht selbst auf der Rückreise noch eine Umbuchung in Frankfurt eine Teilnahme möglich gemacht. Ja, aus einem unerfindlichen Grunde war sogar der Name dieser Stadt auf der Liste der Anschlussverbindungen besonders augenfällig ausgewiesen worden, ohne dass zu jenem Zeitpunkt der innere Zusammenhang dieser bedeutungsvollen Wahrnehmung hätte entschlüsselt werden können.

In Australien wurde die Nachricht zeitnah - zunächst per SMS und dann mit der hier zitierten Mail - übermittelt und erhalten. Und so wird es vielleicht noch möglich sein, die Flüge voraussichtlich so zu legen, dass dieses Mal noch eine Teilnahme an der Beerdigung möglich sein könnte.

Aber der Text dieser Mail zeigt zugleich, dass bei aller Beschleunigung und Virtualisierung auch eine elektronisch übermittelte Nachricht zu spät ankommen kann.

Der Anreiz der Beschleunigung ist immer ein doppelter: Geschwindigkeit kann als Reiz oder gar als Rausch erlebt werden und/oder den Eindruck vermitteln, dass dadurch mehr (Lebens-)Zeit gewonnen werden könne. Beide Gründe sich nachvollziebar und können aus dem eigenen Erleben bestätigt werden. Und sie sind valabel: Solange wir nicht der Illusion unterliegen, dadurch wirklich etwas "gewonnen", ja über die Zeit, die gegen uns arbeitet, gewonnen zu haben.

Während wir versuchen, Zeit zu gewinnen oder aber sie uns wie in einem Rausch in ihren Bann schlägt - kann der Tod warten. Er erwartet uns - ungeachtet jeglichen durch den Geschwindigkeitszuwachs erworbenen Vorteils - überall und nirgends. Er ist und bleibt ebenso unsichtbar - wie die Zeit. Vielleicht ist es sogar ein Trost zu wissen, dass wir solange leben werden, wie wir ihn nicht werden sehen können.


Nein, es gibt keine Bilder von dieser Trauerfeier. Keine eigenen. Und wohl auch keine, die jemand anders von den Trauergästen oder den Angehörigen gemacht hätte. Und viele von uns, die dabei waren, leben ständig mit und in dieser Welt der Bilder. Und viele der gut 150 Anwesenden waren Menschen, die - oft in Zusammenarbeit mit dem Verstorbenen - selber Bilder produziert hatten.

Nein, Du sollst Dir keine Bilder machen von mir, während mein Leichnam in die Erde gelassen wird. Keine Bilder von dem märkischen Sand, der an der Seite des Grabes aufgeschüttet worden war - und der von Hand nachgefüllt werden musste in jene aufgestellten Schale, aus denen heraus die Trauernden dem Toten noch eine, zwei oder drei Portionen Erde mit in das Grab warfen.

Nein, auch wenn der Glaube angeblich Berge versetzen kann - wie viele der Anwesenden werde wirklich geglaubt haben können, was einem in der kirchlichen Andacht weisgesagt wird: der Glaube an das ewige Leben, das nun mit dem Tod des Verstorbenen begonnen habe. Nur ein wenig früher als für all die anderen, die um das Grab versammelt sind.

Nein, es gibt keinen Dank an die Pastorin. Aber es gibt diesen einen Satz: "Ich kann vieles von dem nicht glauben, was mir die Kirche dort verkündigen will, aber Sie können mir glauben, dass vieles von dem was Bernd Willim zu erkunden bemüht war, in mir weiterleben und weiter vermittelt werden wird."

Nein, es gibt keine Veranlassung zur Totenfeier zu verbleiben. Lieber ein einsamer Rückweg in einem wunderbar sonnig erleuchteten berliner Sonnabendnachmittag, vorbei an der 5-Jahre-rbb-Feier-Strassensperre zurück an den Rechner: Unter MeinProf.de ist keine einzige Bewertung eines Studenten zu finden. Und Google vermeldet bei dem Matchup von Bernd Willim virtuelle Welt nur wenige wirklich erhellende Links. Und - wie so oft - sie viele der wirklich interessanten Verweise, wie jenen auf die Merkaba Society [2] ebenfalls bereits "tot".

Nein, die im Internet gefundene "Wahrheit" ist nicht die Wahrheit - und schon gar nicht die über den Verstorbenen. Das hat diese Trauerfeier eindrucksvoll bewiesen. Dabei wird es als Erinnerung von dieser Stunde weder Bilder geben von den Bildermachern noch einen Gedanken, der die Leitidee im Denken des Verstorbenen von den virtuellen Welten in den Ansprachen fortgeführt hätte. In keiner dieser Worte fand sich ein Bild von der Transgression, der Transformation, der Transzendenz zwischen der Welt der Lebenden und der Toten wieder.

Nein. Während es die Angehörigen und Freunde waren, die sich am Sarg des Verstorbenen als die wahren Sachwalter seiner und ihrer selbst erwiesen haben, wurden seitens der Kirche Bibeltexte bereitgehalten. Und sogar Merktexte zum Nachlesen fotokopiert. [3] Dabei ist dieses Thema auch im Rahmen der Kirchenarbeit schon lange Gegenstand der internen Diskussion, so wie es der in der Ausgabe von "Pfarrer & PC 4/2000, S. 4-6" nachgedruckte Essay von Andreas Mertin: Der Tod im Cyberspace exemplarisch zeigt.

Anmerkungen

[1Siehe dazu die Einträge
- An die Freunde in und von W.
- In memoriam: EB

[2Es geht um Konzepte für neuartige Unterhaltungs-Erlebnisse der Zukunft. "Das Zusammenwachsen des computergestützten Filmschaffens mit interaktiven Echtzeit-Spielen zu einer ’immersiven Unterhaltung’ steht im Mittelpunkt unserer Forschungs-Interessen", erklärt Prof. Dr. Bernd Willim, Gründer und Präsident der GERMAN FILM SCHOOL und Professor für visuelle Medien/Massenkommunikation an der Universität der Künste, Berlin. Um diese Aktivitäten in eine nächste Phase zu überführen, entstand nach gründlichen Vorbereitungen ein neues Modell zur Finanzierung und Realisierung von Grundlagen- und Entwicklungs-Forschung. Für eine Unterstützung auf breiter Basis wurde jetzt die "Merkaba Society" (e.V.) gegründet.

"Vision und Ziel ist es, die richtigen Voraussetzungen für das Enwickeln neuartiger Unterhaltungs-Erlebnisse zu schaffen, sprich, den notwendigen konzeptionellen, künstlerischen und technischen Entwicklungen Raum und Zeit zu geben. Wir wollen erreichen, dass das ’Virtual Entertainment’ der Zukunft auch tatsächlich produziert wird", so Willim. "Und das nicht in Hollywood, sondern hier bei uns, in Europa".

Henry Steinhau | Quelle: The German Film School
Weitere Informationen: www.webpk.de/filmschool

[3Und dennoch: Ihr Dank dafür, dass sie für diesen Abschied den Rahmen, das "Format" bereitgestellt hat. Und den Bediensteten vom Beerdigungsinstitut sei Dank dafür, dass sie dem Gefallenen einen Stuhl und Wasser bereitgestellt haben. Und dem der beigesprungenen weissen Frau sei gedankt, dass sie Hand in Hand Kraft gespendet hat.


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