„Down-Under“

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 20 Uhr 44 Minuten

 


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Bis zum Beginn dieser Reise war eigentlich nicht nachvollziehbar, was dieser Begriff wirklich sagen sollte: „An das andere Ende der Welt“? „Auf die untere Seite der Welt“? „Auf die Rückseite der Welt“?

Erst einen Tag nach der Ankunft – so lange hatte es gebraucht, bis dass Körper und Seele wieder miteinander im Einklang waren – erst einen Tag nach der Ankunft zeigt der Blick aus dem Hotelzimmer, worum es geht: Dieses war nicht nur eine Reise mit zwei Flugzeugen durch zwei Nächte und zwei Kulturen, dieses war nicht nur ein Reise durch Raum und Zeitzonen, dieses war und ist darüber hinaus eine Reise durch ganze Zeitläufte: Aus dem Frühling in den Herbst.


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Wie man denn nur Berlin im Monat Mai verlassen könne? In den schönsten Monat des Jahres? Eine berechtigte Frage aus Kollegenkreisen, auch wenn es die Arbeit bis zur Abreise nicht wirklich zugelassen hätte, dieser besonderen Schönheit auch wirklich gewahr geworden zu sein. Eine solche Frage inmitten von schon fast vorsommerlichen Sonnentagen gestellt, gibt doch zu denken: Warum soll man seine Heimatstadt wirklich gerade in jedem Monat verlassen, der als der Schönste des ganzen Jahres zu sein gilt?

Jetzt, nach der Ankunft ist es klar. Es geht nicht nur darum, einer gerne angenommenen beruflichen Verpflichtung nachzukommen. Positiv ist auch die Entscheidung, einige Tage früher zu fliegen und sich die Zeit zu nehmen um diese besondere Entdeckung machen und am eigenen Leib verspüren zu können, wie es ist, wenn man - gewissermassen über den Tag hinaus – von einer Jahreszeit in die andere fliegt.

Mag sein, dass eine solche Erfahrung für Andere schon als eine Banalität wahrnehmungstechnisch abgeschrieben gilt, sobald sie sich einstellt. Für sie ist Welt eben rund und damit basta. Und wenn man „down under“ fliegt dann fliegt man eben nicht nur um die halbe Welt, man fliegt auch auf die anders Seite des Äquators. Und dort kommt man eben nicht nur zeit-versetzt an, sondern auch jahres-zeit-versetzt an.

Und doch bleibt dieses Erlebnis – auch zum wiederholten Mal – ein ganz besonderes. Auch dann, wenn die Fern-Reisen in der eigenen Lebenswelt eigentlich schon fast Routine gelten mögen: Bis heute ist es ein bleibender Eindruck geblieben, als es nach der Ausreise aus dem noch vor-frühlings-unerwachten Berlin zu einer echten Entdeckung des Frühlings in Japan kam.


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Das war vor nunmehr mehr als 30 Jahren, als sich der Freund eines japanischen Freundes als Führer durch seinen „eigenen“, will sagen, von ihm selbst angelegten öffentlichen Garten mitten in der Innenstadt Tokios anerboten und dabei dann so unendlich viel gezeigt und zu erleben angeboten hatte, obwohl wir beide kaum über die sprachlichen Mittel verfügt hätten, um uns wirklich fliessend verbal auszutauschen. Und dennoch: Als zum ersten Mal und ganz unverhofft auf der rechten Seite des Weges eine voll in Blüte stehender Kirschbaum die beiden Wandernden am Eingang des Gartens begrüsste, kam es zu einem Moment des Innehaltens. Und zu einem Schleier von Tränen, der die Sicht auf den Baum aufnahm und in eine andere Welt der Wahrnehmung einführte, eine Welt, die sich seitdem in Bezug auf die Erfahrungen mit Japan nicht mehr hat auslöschen lassen.

Inmitten dieser in den letzten zwei Tagen bewältigten Route vom Frühling in den Herbst ist es dieses Mal zu einem Zwischenaufenthalt in einer Stadt gekommen, bei deren Einfahrt die Wahrnehmung von Natur fast auf eine andere Ebene gehoben zu sein scheint. Sie ist da, und doch sogleich so etwas von zilisiert und gebändigt, von eingerahmt und einverleibt, dass sie und im ersten Anblick gar nicht mehr und bei genauerem Hinsehen und Nachspüren wie ein Gemälde vorkommt. Selbst inmitten von Stahl, Glas und Beton ist die Natur das, was der Mensch aus ihr gemacht hat. Sie wird vollständig einverleibt und dem Menschen – scheinbar – unterworfen, dass in einer Grossstadt wie Tokio die Natur zunächst vollständig ausgegrenzt zu sein scheint, oder besser gesagt: eingegrenzt. So wie der Mensch es selber auch ist.


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Der prägende Eindruck in Tokio war nicht der Wandel der Zeiten, war nicht der Jetlag oder ein anderes prägendes Moment der durch die Reise hergestellte Veränderung. Der prägende Eindruck in Tokyo war diese geradezu metropolis-hafte Welt, in die hineinzufahren einen Eindruck auslöste, als wenn man in eine 3-D-Film hineingezogen worden, in dem mehr zeigt wird, als was das Leben selbst überhaupt je hätte gebähren können. So findet sich Mitten auf der Hochstrasse auf dem Weg in die Stadt sich irgendwann ein Schild, das auf die Ausfahrt des „Disney Resorts“ verweist. Und selber der Weg an diesem dann an der Seite aufragenden schlossähnlichen Betontempel macht klar, dass Disney die Attraktion für die Japaner sein mag, Tokio selbst aber die Attraktion für die Europäer bleiben wird.

Auch wenn die Zeit und der Zweck des Aufenthalt auf wenige – und wie wichtige Stunden – komprimiert worden war, vielleicht sind es gerade diese Momente, in dem der Tag eines Lebens wie ein japanisches Kurzgedicht alles verdichtet – und alles sagt. Selbst das Unsagbare.


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Das eigene Leben – Frühling und Herbst – gespiegelt in dem Leben eines Anderen, eines Freundes. Das war, wie über den Äquator des eigenen Lebens geflogen zu sein. Ausgeflogen, um die Welt zu erkennen und doch nur, um sich selber darin besser gewahr zu werden.

WS.


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