Karajan: The Me(dia) and Myself

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 19 Uhr 06 Minuten

 

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Mit „Filmstar Karajan“ haben Georg Wübbolt und seine Schnittmeisterin und sein Produzent das Unmögliche gewagt. Einen Menschen ins Bild zu setzen, der sich selbst als das permanente Abbild seiner Kunst mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Medien inszeniert hatte. Und ihm ist dieses schier Unmögliche auf eine geradezu wunderbare Weise gelungen.

In diesen Tagen wird viel über jenen Mann die Rede sein, der in seiner gutbürgerlichen Umgebung fast noch als Kind wissbegierig und verletzt unter das Klavier gekrochen war, um zumindest hören zu können, was seinem älteren Bruder von dessem Lehrer im Unterricht beigebracht werden sollte. Und über jemanden, dem es zumindest in seiner Jugend vergönnt war, Menschen um sich herum zu finden, die bereit, in der Lage, Willens und stark genug waren, ihm ihre Meinung als ein gleichberechtigtes Gegenüber im Dialog anzubieten: So wie sein eigener späterer Lehrer, der ihm nach den ersten Versuchen des Musizierens schliesslich riet, seine Hände nicht für das Pianoforte zu verschwenden, sondern zum Dirigieren auszubilden.

Diese Film-Bilder von diesen den Auftakt von Beethovens Fünfter Symphonie dirigierenden Händen finden sich auf „arte“ gleich zweimal wieder: In dem 10 Jahre nach Karajans Tod im Jahr 1999 für "arte" produzierten Film „Maestro Maestro“von Claire Alby (Buch) und Patricia Plattner (Regie), der am Sonnabend um 23 Uhr ausgestrahlt wird und dann in Wübbolts Arbeit, die klugerweiser erst danach gezeigt wird, am Montag ab 22. 35 Uhr. Bei Fleischer erscheinen sie als einer der sinn-optischen Höhepunkte gegen Ende seines Film-Portraits, bei Wübbolt sind sie das Erste, was man von dem Film und dem Gegenstand seines Themas zu sehen bekommt. [2] Und sie werden als graphischer Hintergrund in der doppelseitigen Ankündigung des TV-Senders „arte“ eingesetzt, mit der auf die Ausstrahlung dieser beiden Filme aufmerksam gemacht wird. Und sie werden zugleich von einem von jenen, die Karajan gut gekannt hatten, als unantastbar ausgewiesen: Eine Begrüssung per Handschlag etwas, so berichtet bei Fleischer einer der Orchestermusiker, sei bei Karajan ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.


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Wübbolt nimmt diese Distanz-Haltung als Herausforderung an. Er steht nach der Vorabvorführung seines Films plötzlich selber auf der Bühne des Cinestar-Filmtheaters und berichtet, wie er sich dem Mann mit zunächst grosser Skepsis angenähert habe und dass sein Thema zunächst nicht nur Karajan gewesen sei, sondern auch er selber. Er habe nach zwanzig Jahren Berufspraxis über seine eigene Arbeit und Ziele nachdenken wollen und sich im Verlauf dieses Prozesses auch der Arbeit dieses Mannes - einer Herausforderung gleich - angenommen. Und dann sei er (auch wenn er dieses so nicht gesagt hat) von einem Saulus zum Paulus geworden. Vieles von dem, was er als Mann der Regie im Verlauf seiner eigenen Arbeit erfahren und dann auch gegen mancherlei Widerstände umgesetzt habe, würde durchaus in einem direkten Bezug zu dem stehen, was er in der Auseinandersetzung mit dem Regisseur Karajan herausgefunden habe: etwa die Bestätigung für das „einseitige“ Setzen von Hinterlichtern.

Der Regisseur dieses Films versteht die Interpretationen Karajans, weil auch er etwas von Musik versteht. Aber im Verlauf seiner Arbeit versteht er auch immer mehr über den Menschen Karajan, weil er sich nicht mit seiner von diesem selbst inszenierten Oberfläche zufrieden gibt. Und er misst sich mit seinem Vorbild dort, wo der ihm ebenbürtig ist: als - virtueller - Filmstar. Das und gerade eben deshalb, weil Wübbolt alles andere ist als ein alerter Star mit Allüren. Aber er schafft mit seiner Arbeit und seinen Mitteln etwas, was weiter führt als das, was andere herkömmliche Portrait eines solchen Giganten zu leisten vermogen: Ohne die Absicht zu haben, Karajan von seinem Sockel zu stürzen, zeigt er diesen nicht nur, so wie Fleischer es tut, sondern er entdeckt und beschreibt, wie sich der Dirigent, auch nach seinen Jahren der frühen Jugend, doch noch einmal etwas zeigen und sagen lässt: von den Japanern. Mit diesen kann und darf er zunächst über seine – und ihre - „Spielzeuge“ reden. Und so gewinnt er nicht nur an Autorität sondern auch an jener Authentizität, derer es bedarf, wenn man in Japan anerkannt werden will.

Es ist beeindruckend in diesem Film zu sehen, wie seine Freunde in Japan ihn zum „enabler“ der Seele der von ihnen erfundenen Technik zu machen verstehen - und einer von diesen Freunden schlussendlich auch in dem Moment seines Herzanfalls und Todes ihm zur Seite stand. In Japan – um diesen sehr komplexen Zusammenhang hier in dieses einfache Wort-Bild zu komprimieren - war es nicht notwendig, die Hand geben zu müssen, vielmehr war es die kindliche Seele, die auferstehen konnte, um sich an den vielen Gewerken der „Unterhaltungs“-Elekronik zu ergötzen und sich ihrer zu bedienen.

Von Karajan hatte aus Japan nicht nur die CD zu einem Zeitpunkt nach Europa mitgebracht, als noch keiner hier je ein solches Ding gesehen oder in Funktion erlebt hätte, sondern er hatte es in seiner unendlichen Wissbegier und Sorge um die Darstellung der eigenen Persönlichkeit vermocht, sich all dieser Neuerungen zu seinem eigenen Vorteil – und aller die mit ihm arbeiteten – zu bedienen. Karajan war insoweit ein über-lebensgrosser Neuerer, der wusste, das er nur mit seiner über seine Spielfreunde herauswachsenden Disziplin in der Lage sein würde, für die Inszenierung seines Werkes in den Zeiten nach seinem Ableben Sorge zu tragen.

Wenn wir heute, zu seinem hundertsten Geburtstag, im Fernsehen die Bilder von und mit ihm sehen, sind wir Nutzniesser und zugleich Opfer dieser Strategie. Und Wübbolt und sein Team haben es als eine der ganz wenigen geschafft, sich aus dieser Doppel-Rolle produktiv herauszukatapultieren: Indem er mit der gleichen Neugier und nicht nachlassenden Akribie wieder und immer wieder nachgefragt und seine Augen- und Ohrenzeugen so inszeniert hat, als ob sie selber ein Karajan wären – und hat sie doch jeweils vor seinem Portrait einen Platz finden lassen. Er hat mit diesem Menschen und den noch von der Unitel nach der Dornhelmschen Verwertung verbliebenen Materialen „Resteverwertung“ betrieben. Und wie ein Lumpensammler daraus ein neues mediales Ereignis geschaffen – in einer Qualität, wie man sie in der alten Welt nur noch vom hader-haltigen Büttenpapier her kennt.

Was für ein Glück in dieser eigentlich wenig komfortablen Situation, dass ja das Meiste alles schon in dem „Maerstro“-Portrait verwertet worden war. So musste er sich selbst dort noch auf die Suche begeben, wo andere schon glaubten, fündig geworden zu sein. Er musste – in einem ebenso diskreten wie permanenten inneren Dialog mit sich selber – dort weitermachen, wo andere schon aufgehört hatten. Ja, er war geradezu dazu gezwungen, seine eigne Arbeit „Bejond the Portrait“ anzulegen, er musste den Mann seiner Wahl und dessen Mittel der Selbst-Inszenierung dekonstruieren und gewann eben dadurch die Möglichkeit und die Souveränität, ihn nicht zu desavouiren. Denn jetzt - und erst jetzt - erschliesst sich in diesem Film ein ganz anderes Ab-Bild des Regisseurs Karajan. Eines Mannes, der sich nur selbst die Hand gereicht hatte und so mit den Mitteln der Medien zum Filmstar gemacht hat, einhundert Jahre nach seiner Geburt, in unserer Second Life TV-Welt.

Anmerkungen

[1Es hat für diesen zur Wochenmitte geplanten Text recht lange gebraucht - und die Sichtung der "arte"-Austrahlung vom Sonnabend-Abend - bevor es zu dieser jetzt hier publizierten Fassung gekommen ist. Ist es wirklich fair und angemessen, zwei so unterschiedliche Dokumentationen über den gleichen Mann und sein Werk miteinander in Bezug zu setzen? Die Antwort dazu gibt die Landeszeitung Lüneburg vom 4 April in einem Der Maestro als Filmstar. Der Maestro als Filmstar
Der Brietlinger Regisseur Georg Wübbolt drehte Beitrag über Karajan für TV-Sender "arte"
überschriebenen Beitrag, in dem sogar die Titel beider Arbeiten direkt miteinander in Beziehung gesetzt worden waren.

[2In einem ersten, sehr viel längeren Entwurf dieses Textes wurde an diesem Punkt ein Exkurs auf die Arbeiten des Regisseurs Hugo Niebeling angehängt, in dessem Zitat „es muss nicht immer alles scharf sein“ eine tiefe Wahrheit des Filmemachens überhaupt liegt. Und der daher auch einen seiner Filme ganz bewusst aus der Unschärfe heraus hat beginnen lassen – und damit mit seiner eigenen kongenialen Interpretation sich in jene Sphären vorgewagt hatte, die der Dirigent und „Director“ Karajan allein für sich in Anspruch genommen haben wollte.


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