Marken-Mechanik & der Software-Zahn der Zeit (2)

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 18 Uhr 49 Minuten

 

Bei uns im Büro steht ein ISDN-Telefon der Marke SIEMENS


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Das Gerät hat die Bezeichnung profiset51 ISDN. Und wurde angeschafft als Nachfolgegeräte für eine Marke, die mit der Folge "vom Markt genommen" worden war, dass es dafür dann auch keinen Software-Support mehr gab. [1]

I.

Einen Software-Support für ein Telefon? Aber sicher. Spätenstens seit der Einführung der ISDN-Technologie im Telekommunikationswesen - und das ist vor mehr als 20 Jahren geschehen - ist ein Telefon kein Telefon, sondern ein Computer, der aussieht wie ein Telefon. [2]

Dennoch - und das sei uns allen hier gerne zugestanden - ist dieser objektiv seit langem zu konstatierende Tatbestand subjektiv immer noch nicht so richtig angekommen. Erst jetzt, wo klar wird, dass es auch möglich wird, direkt über seinen Computer zu telefonieren - ebenso wie fernzusehen - bahnt sich die klammheimliche Erkenntnis an, dass sich dieses Trojanische Pferd in Gestalt von Software auch schon längst in unseren "klassischen" End-Geräten breitgemacht hat.

Dennoch ist vielen Nutzern bis heute dieser Umstand - und seine Auswirkungen und dessen tiefere Bedeutung - nach wie vor nicht oder nur unzureichend bewusst. Es sei denn, dass, wie in unserem Büro seit vielen Jahren zumindest immer eines dieser Telefon direkt mit dem Computer verbunden ist. Mittels einer sogenannten Seriellen Schnittstelle, die gemenhin bekannt ist durch einen Stecker mit zwei Reihen von Stiften und der Notwendigkeit, eine "Com"-Schnittstelle zu definieren.

Diese Schnittstelle sorgt(e) für zweierlei. Zum einen erlaubte sie - wenn alles richtig installiert und konfiguriert war - dass man die Nummer des Teilnehmers direkt aus seiner Datenbank hat anwählen und dann mit ihm an seinem Telefon hat sprechen können. Und zum zweiten, um auf diesem Wege den Softwarestand des Endgerätes zu aktualisieren.

II.

In der Bedienunganleitung dieses Gerätes - und das ist das Einzige, was von der Firma Siemens zu diesem Telefon auf seiner Support-Seite noch vorhält - ist davon die Rede, dass ein solches Softwareupdete direkt über das ISDN-Netz durchgeführt werden kann.

Diese in der Bedienungsanleitung beschriebene besondere Leistungs- bzw. Service"feature" ist aber nun schon seit einer Reihe von Jahren eingestellt worden - nachdem es zuvor auf eine andere Telefonnummer verlagert worden war [3]

Und daher war es dann irgendwann auch nicht mehr möglich, dieses Telefon noch an einem Rechner mit einem Windows 2000 Professional Begriebssystem zu nutzen.

III.

Also wurde heute als Nachfolgegerät ein Siemens Gigaset SX 3035 gekauft. Auch dieses ist das - wohl einzige - Gerät, das eine Hard- und Softwareschnittstelle zum Rechner hat, die es - theoretisch - ermöglicht, auch aus dem Rechner heraus direkt die Rufnummer anwählen zu können. Vorausgesetzt, der Rechner hat einen USB [1.0] - Schnittstelle.

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Wer heute ein solches neues Gerät in Betrieb setzten will muss allerdings beachten, dass er (oder sie) eben das nicht tun darf, was man eigentlich gerne als erstes zu tun gewohnt war, nämlich alle Steckverbindungen miteinander zu verbinden. Heute ist es vielmehr so, dass es ganz wichtig ist, die Verbindung zwischen Telefon und Rechner nicht herzustellen, solange auf dem Rechner nicht die dazu passende Software eingespielt worden ist.


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Stunden später... - das Ergebnis von diesem Unterfangen geht zunächst negativ aus. Denn es stellt sich heraus, dass die Software nur für einen Rechner konzipiert ist, der mit dem Betriebssystem XP oder Vista ausgestattet ist. Under der immer noch mit Windows 2000 ServicePack 4 betreibsfähiger Rechner - einst für das Vorgängertelefon mit einem zu jungen System ausgestattet - war inzwischen für das neue Telefon und dessen Software zu alt.

Also wurde noch am gleichen Tag das Telefon samt allen Kabeln, der Bedienungsanleitung, der Software-CD wieder in das Geschäft zurückgebracht und der Kaufbetrag von 149,- Euro wurde - nach einiger Wartezeit und Buchungssoftwareproblemen an der Kasse - wieder ausbezahlt. [4]

IV.

Das eigentlich interessante, und ebenso verwirrende und dann doch eigentlich logisch nachvollziehbare ist der Umstand, dass nach dieser Vernichtung von gut 3 Stunden Arbeitszeit nichts anderes geschehen war, als dass der Zustand ex ante wieder hergestellt worden ist.

Ja - und Nein. Als nämlich das Gigaset-Telefon mit der zuvor installierten Software verbnden worden war, poppte auf dem Bildschirm des Rechners ein Fenster auf, in dem nachgefragt wurde, ob man den Softwarestand des soeben gekauften Telefons durch einen noch aktuelleren ersetzten wolle. Und auf die Antwort "Ja" setzt sich dann tatsächlich ein am Bildschirm auch dokumentierter Download- und Installations prozess in Gang - der auch spiegelbildlich dazu auf dem Display des Telefons nachvollzogen werden kann.

Und als jetzt wiederum - keine Ahnung, warum eigentlich - jetzt nochmals das alte verbliebene profiset-Telefon nochmals mit der V 24-Schnittstelel am Computer angescholssen wurde, geschah dort etwas vergleichbares: Die mit für das neue - inzwischen zurückgegebene Telefon - eingespielte Software erkennt dieses alte Telefon samt seiner "Com 2"-Schnittstelle und fragt an, ob man eine Aktualiserung der Software (auch) dieses Telefons wünsche.

Potztausend: plötzlich geht, was in der Systemwelt des alten Telefon schon längst abgeschaltet worden war, doch wieder. Und nicht nur das: Nachdem dieser Updatevorgang an dem profiset51-Gerät abgeschlossen war, wurde dieses auch in der Rechnerumgebung erkannt: samt aller dem Gerät zugewiesenen Enauswahlziffern, die sogenannten MSN-Nummern. [5]

V.

Was lehrt uns das?

- kein "normaler" Nutzer - sorry: user - würde sich so einer Tortur unterziehen, wie hier beschrieben

- wird der Weg zwischen den Geräte- und Softwaregenerationen dennoch sachlogisch nachverfolgt, werden der Systemwelt imanente Schnittstellen entdeckt, die dem Nutzer normalerweise verborgen gleiben

- dass es tatsächlich Lösungswege gibt, auch zwischen den Generationen technisch definierte Kompatibilitäten auch freisetzen zu können, ist oft den wenigsten Mitarbeitern selbst jener Abteilung bekannt, die sich mit diesen Geräten und deren Software beschäftigen bzw. beschäftigt haben

- und dass solche Lösungsansätze den Service-Leuten an den Hotlines nicht bekannt sind, was wundert da einen noch...

- dass es gelungen ist, in einem solchen trail & error - Verfahren letztendlich 149 Euro zu "sparen" ist angesichts des dann noch verbleibenden Stundensatzes kaum mehr als ein schlechter Witz

- und dennoch ist es irgenwie dann doch echt beeindruckend zu erleben, wie die Software in einem solchen Geräte über dessen "Tod oder Leben" entscheidet

- Telefone haben heute kaum noch Verschleissteile und wenn diese heute "reparaturanfällig" werden, dann kann ein mögliches Problem allenfalls nur noch dadurch behoben werden, dass die implementierte Software durch eine andere ersetzt wird.

VI.

Aber auch diese Überleben-durch-Softwareupdetes-Strategie hat ihre Grenzen: wenn nämlich die Displays in den Endgeräten beginnen, "ihren Geist aufzugeben".

Aber das - ist dann schon wieder eine andere Geschichte.

PS.

Diese Geschichte hat bei jenen wenigen, die sie wirklich gelesen haben, eine Reihe von interessante Reaktionen ausgelöst.

Die Einen bestätigten unverfroren, dass man in der Tat schon ein wenig "verrückt" sein muss, um so einen Versuch überhaupt durchzuführen - und durchzustehen.

Andere konstatierten geradezu vorwurfsvoll, wie wir denn dazu kämen immer noch einen Rechner aus der Generation von "vor-vorgesetern" im Regelbetrieb einzusetzen.

Dann war zu hören, dass wir uns ja gar keine Vorstellung davon machen würden, wie viele genau wie wir auch mit Problemen dieser Art zu kämpfen hätten - auch wenn sie zumeist die Lösung der sich ihnen stellenden Frage nicht so konsequent verfolgen und vielmehr und viel eher abbrechen würden.

Und dann gibt es noch die darüber hinausgehenden Hinweise, Anmerkungen und Relektionen, von denen zum Abschluss an dieser Stelle zwei erwähnt werden sollen, als pars pro toto:
- Hier würde endlich einmal ganz praktisch und pragmatisch deutlich, was es denn im Detail mit der Bewältigungn eines solchen Paradigmenwechsels in der IT-Welt wirklich auf sich habe.
- Hier an diesem kleinen Exempel gerade durch seine detaillierte Darstellung ein Problem angesprochen, das sich zumeist auch im Grossen nicht oder nicht rechtzeitig lösen lasse: die Organisation des Wandels.

Doku

Korrespondenz mit der Siemens AG zum Thema Profiset 51 Treiber vom November 2002


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Anmerkungen

[1HIer ein Auszug aus einem Nutzerbericht über das Nachfolgegerät, das elmeg C200d@ta auf der Ciao - Seite vom 26. September 2000

Servus!!!
vor einem halben jahr habe ich mir das elmeg c200 data gekauft und ich muss sagen, dass ich begeistert bin: ein isdn-komforttelefon mit großem klartextdisplay, an dessen rückseite sich zwei weitere analoge endgeräte wie telefax, ab, oder schnurloses telefon anschliessen lassen.
das beste steckt jedoch in der v.24 schnittstelle, an die man jeden pc mit standartschnittstelle direkt anschliessen kann. damit hat man vollen zugriff auf CTI mit highspeed-anbindung zum internet (64kpbs).
natürlich voll tapi- und capi-kompatibel. unter anderem ist auch die software-cd für win 95/98/nt dabei. wer sich isdn legen lässt, sollte sich auf jeden fall gedanken über dieses telefon machen!!!

[2Womit auch klar ist, dass die in diesem Jahr verkündete Schliessung der Telefonsparte des Hauses Siemens nun alles andere als überraschend kommt...

[3Um das zu erfahren war es notwendig, eine Servicenummer anzurufen, die ihrerseits beim ersten Versuch schon nicht mehr gültig und durch eine andere ersetzt worden war, ohne dass man das dem registrierten Kunden mitgeteilt hätte.

[4Wobei die Ausfertigung eines Auszahlungsbeleges erst nach einer langen Verhandlung durchgesetzt werden konnte und schliesslich seitens der Kassiererin - in Absprache mit ihrem Vorgesetzten - bewirkt und als eine "ganz grosse und einmalige Ausnahme" beschrieben worden war.

[5Allerdings wurde von der Software der Verbindngen eine neue "Com 3"-Schnittstelle zugewiesen, was zunächst für weiteren Aufwand sorgt udn die Lösung dieser Aufgabenstellung weiter verzögerte...


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