Zahlen sprechen lassen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 18 Uhr 09 Minuten

 

I.

Rückblickend gesagt war es die richtige Entscheidung: kein Neujahrsempfang bei einem Unternehmerverband und kein Chillout in einer Medialounge, sondern - auf Einladung des Fachausschusses Bild des Berliner Journalistenverbandes - eine Vierstundensession mit einem Versicherungsbetriebswirt in Sachen Geld, das man im Zusammenhang mit seiner Berufstätigkeit ausgeben muss, ausgeben sollte oder auch besser sparen könnte.

Egal, ob nun Freie(r) oder Feste(r) Freie(r): die Künstlersozialkasse ist Pflicht. Aber dennoch und gerade deswegen gibt es schon zu diesem Thema eine Reihe von Fragen zu klären, vor allem dann, wenn es darum geht, sein geschätztes Einkommen des jeweils noch gar nicht begonnenden nachfolgenden Jahres erklären zu müssen.

Bereits die sich im Umkreis dieses Themas auftürmenden Fragestellungen nahmen einen so grossen Raum ein, dass die Fragen nach der Kette der Priotitäten bei all den anderen Versicherungen fast zu kurz kamen: warum ist die Versicherung gegen die Folgen eines Glasbruchs im Grunde zu vernachlässigen gegenüber jener gegen die Folgen eines Beinbruchs? Schnell wird klar, dass es zwar durchaus richtig sein kann, sich auch gegen Schäden und Verluste zu versichern, die durch eine materielle Reinvestition wieder hergestellt werden können - von der entwendeten Kamera bis hin zum gestohlenen Fahrrad - dass es aber viel entscheidender ist, dafür Sorge zu tragen, dass die Existenz auch bei nur scheinbar unvorhergesehenen Ereignissen und Vorkommnissen ab-gesichert wird – oder bleibt.

Krankheit, Alter, Tod. Nichts wurde ausgelassen und als einer der möglichen Un-Fälle des Berufs-Lebens und in Wort und Zahl zur gedanklichen und kalkulatorischen Disposition gestellt. Und obwohl jeder von uns weiss, dass alle diese Ereignisse eintreten können bzw. mit Sicherheit eintreten werden, ist es gut, jemanden vor sich zu haben, der diese Fallbeschreibungen und Rechenmodelle so vorführen und transparent machen kann, dass einem trotz der teilweise niederschmetternden Zahlen dennoch das Lachen nicht im Hals stecken bleibt, sondern laut vernehmlich über die vielen Hürden dieses Parcours im Verlauf der vier Stunden immer wieder hinweghilft.

Denn: selbst diese lange Zeit war nicht lang genug, um all die anstehenden Fragestellungen und Fallbeispiele im Detail besprechen zu können. Und so gilt es schon jetzt als mit Sicherheit vereinbart, dass es zu einer Fortsetzung dieser Informations- und Diskussions-Veranstaltung kommen wird. Denn allen ist klar geworden. Man kann sich vielleicht in der einen oder anderen Frage im nach herein auch einmal vielleicht falsch entschieden oder etwas nicht ausreichend bedacht haben, aber die Entscheidung, sich den Herausforderungen dieser nicht immer angenehmen Fragen zu stellen, ist auf jeden Fall die richtige gewesen.

II.

So, für den oder diejenige, der / die noch weiterlesen möchte, gehen wir jetzt doch noch etwas ins Detail – wohl wissend, selbst in den nachfolgenden Zeilen kaum mehr tun zu können, als an der Oberfläche zu kratzen und keineswegs immer um Objektivität bemüht.

Die Künstlersozialkasse müsste, wenn es sie nicht gäbe, alsbald möglichst erfunden werden. Auch wenn heute schon institutionelle Stimmen laut werden, die für ihre Abschaffung plädieren. Auch dann, wenn heute gerade selbständige Einzelpersonen, Einzelkaufleute und Gewerbetreibende die derzeit anstehenden Nachforderungen als alles andere als segensreich für die Sicherung ihre eigenen Fortkommens begreifen – ja, wenn selbst ein selbständiger Tänzer, der regelmäßig Fotos von seiner Arbeit machen lässt, für den Fotografen, die Fotografin neben der an sie geleisteten Zahlungen weitere darauf bezogene 5% an die KSK abführen muss. Muss!

So kann die KSK die Freien „treffen und fördern“ zugleich. Und dass man jetzt dabei ist, stärker als bisher über Nachprüfungen nicht nur zu reden, sondern diese auch durchzuführen, ist eigentlich nur für diejenigen eine zusätzliche Belastung, die sich wissentlich und willentlich der ihnen gewährten Vorteile haben bedienen wollen, ohne sich mit dem entsprechenden Eigenanteil engagiert zu haben. Denn wo sonst hat man die Möglichkeit eines 50%igen Zuschusses, der Anerkennung der Förderung durch die „Riester“-Sparmodelle und der Mitgliedschaft in der gesetzlichen Krankenversicherung. [1]

Auch war man sich schnell darüber einig, dass es bei den oft sehr dynamischen Veränderungen der Berufsbilder nicht immer einfach ist, ob und wo der jeweils noch eigene schöpferische Charakter der eigenen Leistung erkennbar ist – und bleibt. Und warum der Fotojournalist, der Modeschauen "nur" ablichtet als gewerblich, der Lektor hingegen als künstlerisch tätige Person gilt. Und warum Webdesigner, wenn sie allzu viel ihrer Zeit mit, sagen wir einmal, mit HTML-Programmierung verbringen, Gefahr laufen, irgendwann ihre künstlerische Tätigkeit wieder aberkannt zu bekommen, weil sie dabei sind, immer tiefer in die Gefilden der Welt der Programme und Programmierung einzutauchen.

III

Wer bis hierher gelesen hat, merkt, dass wir in dem Moment, wo wir beginnen ins Detail zu gehen, uns Einzelfragen zuzuwenden, Gefahr laufen, vor lauter Bäumen der Wald nicht mehr zu sehen. Jede der von jedem von uns gestellten Fragen ist wichtig und deren Beantwortung oft entscheidend für das, wie wir das weiter Leben – soweit es denn überhaupt heute noch planbar ist – finanzieren wollen. Oder zumindest die Voraussetzungen dafür schaffen, dass es finanzierbar bleibt. Oder, anders gesagt, dass wir uns nur auf solche Finanzierungsmodelle einlassen, die auch im Krisenfall noch für Stabilität sorgen. Und da ist das Thema „KSK“ noch eines der einfachsten, bei allen Fragen und Problemen, die bereits in diesem Themenumfeld sichtbar werden. Und sei es nur, wie schon gesagt, dass man zum Ende eines Jahres eben nicht wirklich wissen kann, was man im Verlauf des Folgejahres wird verdienen können.

Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, sich eine Art eigene „Benchmark“ zu erstellen, aus der hervorgeht, was passiert, wenn einem die derzeit zur Verfügung stehenden laufenden bzw. zu erwartenden Einkünfte nicht mehr zur Verfügung stehen: eine Art „Abspeckmanager“ sozusagen, der in der Lage ist, aus der Vielzahl der Zahlen ein Bild zu konfigurieren, das einen mit realistischen Perspektiven versieht. Natürlich steht es immer im Vordergrund aller Aufgaben, diese seine Welt so zu verändern, dass die Zahlen (noch) besser sind als die gegenwärtigen, aber es wird auch dringender denn je notwendig sein, sie zu interpretieren.

Ein Beispiel von vielen: die KSK bietet ein Krankengeld auf der Grundlage der gemeldeten geschätzten Einkünfte an, aber erst ab dem Ende der sechsten Krankheitswoche. Jetzt ist es sowohl möglich dafür – gegenüber einem erhöhten Eigenbeitrag – Sorge zu tragen, dass diese Zahlungen bereits zu einem früheren Zeitpunkt einsetzen.

Ebenso ist es aber auch möglich, dass in Rahmen einer weiteren zusätzlichen privaten Versicherung zusätzliche Abschlüsse in dieser Richtung getätigt werden. Soweit, so gut, denkt sich unsereins. Gerade wenn Du durch Unfall oder Krankheit aus dem Arbeitsalltag herausgerissen wirst, Deine Aufgaben nicht erfüllen kannst und Gefahr läufst, nicht nur diesen Auftrag zu verlieren sondern in der Folge auch den Kunden, sollte es wichtig sein, sich für diese Zeit möglichst komfortabel abzusichern.

Pustekuchen: Wie an diesem Abend zu erfahren war, kann jeder Versicherer bei den anderen Gesellschaften nachfragen, ob man bereits bei ihnen ebenfalls einen Vertrag geschlossen habe. Und dann kann er die so akkumulierten Zahlungen zusammenzählen und behaupten, dass man sich auf diese Art und Weise auf eine nicht gerechtfertigte Art und Weise zu bereichern versuche – und sich weigern, die vertraglich ausgehandelten Beträge auch auszuzahlen. Schließlich sind Krankentagegeldversicherungen keine Summenversicherungen, so wird argumentiert. Auch dann, wenn vor dem Vertragsabschluss wohlweislich vermieden wurde nachzufragen, ob schon an anderer Stelle eine solche Versicherung – und sei es mit der KSK – besteht.

Und so wurde an Stellen und bei Fällen wie diesen im Verlauf des Abends deutlich, dass weder ein gründliches Studium von Texten und Zahlen noch eine sauber arbeitende und verständlich wirkende Software alleine ausreichen, um sich für die Zukunft „richtig“ abgesichert zu haben. Das, was die Zahlen auch immer aussagen mögen, bedarf ihrer Interpretation – und letztendlich unserer Entscheidung. Bevor sie über uns entscheiden.


Nachtrag vom Freitag, den 15.02.2008 09:47 von Gabriele Fromm, Vorsitzende des Fachausschusses Bildjournalismus und Dieter Kroll, Stellvertr. Vorsitzender des Fachausschusses Bildjournalismus im DJV Berlin:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

nach unserer informativen und gut besuchten Veranstaltung am 24.01.08 mit Helge Kühl über den „Dschungel“ der Versicherungen, übersenden wir Ihnen/Euch nachfolgend den Link auf die von Helge Kühl betreuten Webseiten der DJV Verlags & Service GmbH, die viele weitere Informationen bereithält:

http://vs.djv.de (ohne „www.“ davor).

Ein Kommentar vom Kollegen Siegert zum abendlichen Vortrag steht auf der Homepage des DJV Berlin, ausführlich auf der Seite der Bildjournalisten:
http://www.djv-berlin.de/fachausschuesse/bild-journalismus.html
(auf der Seite herunter-scrollen).

Das PDF-Dokument „Infos für Freie - Fit für 2008“, ein ausführliches Info-Magazin (46 Seiten), mit dem der DJV freie Wort- und Bildjournalisten, Freie im Rundfunk und im Onlinebereich über alles informiert, was zur Jahreswende 2007/2008 im beruflichen Bereich bei den Themen Verträge, Steuern, Versicherungen und Urheberrecht zu beachten ist, ist unter folgender Adresse herunterzuladen:

http://www.djv.de/fileadmin/djv_Dok...
 [2]

Da das Thema Steuern an dem Abend zu kurz kam, empfehlen wir im oben genannten PDF-Dokument die Seiten 23 bis 29 "Jetzt heißt es umsteuern: Die neuen Finanzamts-Regeln".

Das Feedback auf unsere Veranstaltung war sehr gut. Da nicht alle Fragen in den fast 4 Stunden beantwortet werden konnten und sich bei der Rürup-Rente in diesem Jahr noch einiges verändert, schlug Helge Kühl vor, im Herbst das Thema erneut und aktualisiert anzubieten. Dafür sagen wir ihm an dieser Stelle schon einmal herzlichen Dank! Wir freuen uns, alle, die diesmal nicht teilnehmen konnten, und alle, die weitere Fragen haben, im Herbst zur Folge-Veranstaltung begrüßen zu dürfen.

Anmerkungen

[1Wobei – auch das soll hier gesagt werden – nicht von allen Beteiligten die Mitgliedschaft in einer gesetzlichen Krankenversicherung als die für sie vorteilhafteste Entscheidung gewertet wurde. Auch dann nicht, wenn sich die KSK bei den Privaten nicht in jeden Fall mit den vollen 50% des Zuschusses beteiligt sondern nur in jeweils jener Höhe, die dem des Beitrages an einer gesetzliche KV angemessen wäre (wenn das hier einmal nicht-technisch so formuliert werden darf).

[2Direkt-Download, PDF ist 3 MB groß, nur als PDF verfügbar.


 An dieser Stelle wird der Text von 10564 Zeichen mit folgendem VG Wort Zählpixel erfasst:
2be40d61396d2290b403bda9a0ed06