Die Welt am Ohr…

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 17 Uhr 38 Minuten

 

Wer sich ein bischen auskennt wird wissen, dass diese Überschrift der des Filmes „Die Welt am Draht“ entlehnt ist. Und dass es sich schon mehr als lohnen würde, allein über diesen „Streifen“ einen eigenen Beitrag / Eintrag zu schreiben. [1]

Dennoch geht es heute um eine Erfahrung, der man sich oft auch selber gar nicht mehr bewusst ist, und die doch zunehmend prägend ist für die Zeit in der wir leben und die wir vielleicht auch mit zu gestalten versuchen.

Dass wir heute schon mit „aller Welt“ telefonieren können – und das sogar für „umsonst“, was so formuliert immer gerne gesagt wird und dennoch im Grunde nicht stimmt – scheint für jene, die es tun, schon so etwas von selbst-verständlich, ja „selbstredend“ zu sein, dass es keines weiteren Nachdenkens mehr zu bedürfen scheint.

Und wenn, wie am frühen Abend dieses Tages am Restaurant-Tisch bei drei Gästen fünf Telefone neben den Tellern liegen – und diese auch noch während des Essens nicht zu Schweigen gebracht werden, weil gerade München oder Paris am anderen Ende um ein Gespräch nachsucht – dann ist klar, dass wir die Phase des „always on stand-by“ inzwischen „live-haftig“ erleben und von ihr geprägt werden.

Und während dies aus der Perspektive dieser Beobachtung bereits so bemerkenswert zu sein scheint, dass hierzu diese Worte der Reflektion zur Kenntnis gegeben werden, ist die Wirklichkeit schon ein ganzes Stück weiter: die jetzt aufwachsende Generation lebt im Hier und Jetzt im „allways-on-mode“.

Wie das vielfältige Tragen von Kopfhörern zeigt – das man hier in Berlin selbst in Kreuzberg oder Neuköln weit häufiger in der U-Bahn sieht als KopftuchträgerInnen – kann dabei „always-on“ sowohl bedeuten, dass auf diesem Wege gerade Musik ins Ohr geblasen wird, als auch, dass man ständig für den Empfang externer Nachrichten erreichbar ist.

Und es ist sicherlich alles andere als ein Zufall, dass einer der stolz vom Medienboard Berlin-Brandenburg auf dem letzten Mediengipfel in dieser Woche präsentierte Jungunternehmer der digitalen Wirtschaft forderte, dass endlich ganz Berlin von einer einheitlichen Wireless-IP-Wolke eingeschlossen sein solle.

Und dennoch ist es bemerkenswert, dass der „Knopf im Ohr“ heute nicht mehr nur die Plüschtiere auszeichnet und damit das Brand, unter dessem Namen sie hergestellt wurden sondern uns alle kennzeichnet, die wir heute mit diesen Gewohnheiten tagtäglich zu leben und zu arbeiten gewöhnt haben.


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Sie nicht? Hier auf diesem Foto sind drei Fernsprechgeräte zu sehen, die am Abend so zwischen 22 und 0 Uhr zum Einsatz gebracht wurden. Mit dem grossen schwarzen Telefon wurde ein Gespräch nach NRW geführt, mit dem kleineren rot-weissen eine SMS über die USA nach Belgien geschickt und über das Headset eine ganze Reihe von Unterredungen mit Kollegen in Kalifornien vorgenommen.

Alles Standard: ISDN, GSM und IP. Nicht in dieses Foto mit eingebracht ist der Umstand, dass auch die beiden mobilen Telefonen ihrerseits mit Kopfhörern ausgestattet sind und auch oft so genutzt werden, dass die Gespräch nicht wie an diesem Abend zumeist sitzend, sondern oft auch stehend, in Bewegung oder auf dem Weg von A nach B – ja selbst in der Berliner U-Bahn mit ihrem gutem Empfang – stattfinden.

In diesem Sinne ist eigentlich nicht die Welt am Draht, sondern man ist es selber, wenn man mit der Welt im Kontakt stehen will. Auch das hier abgebildete Sprechbesteck von Sennheiser wird in dieser Bertrachtung einmal dieser Gruppe hinzugerechnet, obwohl es über eine USB-Verbindung und keine Bluetooth-Schnittstelle verfügt. Im Gegensatz zur leitungsgebundenen Telefonie bei der man sich Mittels des Telefonhörers zum Mitwisser an der Welt macht, wird man nun selber zum Endpunkt der Leitung und hat die Welt direkt am Ohr.

Nur die, in der, durch die man sich jeweils gerade bewegt, wird durch eine solche Massnahme immer weiter ausgegrenzt. Eine Binsenweisheit – und doch mehr als eine Banalität. Diese Knöppkens im Ohr sind wie rosafarbene Sonnenbrillen vor den Augen – eigentlich wie aktive 3-D-Brillen, so wie man sie jetzt wieder mehr und mehr in den Kinos angeboten bekommt: nicht länger nur in rot und grün, sondern mit Klarsichtgläsern und einem stromgespeisten Microship im Gestell, das seine Wirkung erst dann zu entfalten beginnt, wenn auch die Projektion des Films beginnt.

Mit diesen Brillen ist es wie mit diesen Headsets an all den diversen Telefonen: - Immer wenn man es hat erfolgreich klingeln lassen, hat man eine neue Welt vor – und alsbald auch in sich – auf deren Kenntnis-nahme man sich bewusst eingelassen hat.
- Text-Bilder von der „Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt“ bekommen heute eine ganz andere Konnotation, in der Literatur längst begraben, feiern sie aller Orten im wirklichen Leben allerlei Urstände, selbst als Hörbuch
- Wenn heute 3-D im Kino endlich mal ein Erfolg werden sollte, dann nicht nur wegen der neuen – digitalen – Technik sondern wegen der inzwischen Usus gewordenen positiven Eigenerfahrung, die mit der Nutzung von elektroakkustischen Ohrverstopfern.

An diesem Abend von 22 bis Null Uhr standen nicht diese Gerätschaften von denen hier die Rede ist im Vordergrund, sondern wirklich die Menschen, mit denen Mittels dieser Apparaturen geredet werden konnte. Umso interessanter ist es, wenn man sich im Nachgang und dem nachhaltig guten Eindruck von diesen Gespräch sich auch einem Moment lang darüber selbst-verständigt, welcher nachhaltigen Veränderungen es bedurft hat, dass heute all solche elektroakkustisch vermittelten Begegnungen möglich geworden sind, heute unser Alltag sind, von dem wir gestern noch geträumt hatten, dass es ihn eines Tage geben werde.

Eines Tages, das ist immer auch heute. Oder wie es der amerikanische Freund mit Verweis auf Schopenhauer zu begründen versucht hat: entscheidende Zeitpunkte werden immer auch ihre Schatten – zurück in die Gegenwart.