Der NDR findet Finnland-Filme

VON Dr. Wolf SiegertZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 17 Uhr 24 Minuten

 

Als der Abend diese Tages hereinbricht ist klar, dass hernach niemand von den lebensnahen Personen in der unmittelbaren Umgebung erreichbar sein wird - und so wird dieser Tag am Rechner beendet.

Allerdings wird im späteren Verlauf des Abends der nun durch das Zahlen der zusätzlichen GEZ-Gebühren erworbene Recht auf öffentlich-rechtlichen Medienkomsum am Rechner genutzt und von wichtigen Momenten eines Films ein Screenshot erstellt, so wie jene über den Rechtsanwalt Heinrich Hannover aus Bremen bzw. Worpswede.

War hier schon die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem nicht mehr klar zu ziehen - ohne HH je selber um Rat ersucht zu haben war er über viele Jahre ein moralische Instanz in Sachen Wahrheitsfindung - so war die Entscheidung, sich im Dritten Programm des NDR zwei weitere Film bis spät in die Nacht anzusehen von einem rein persönlichen Interesse geprägt.

Der finnische Spielfilm: Tyttö sinä olet Tähti / Beauty And The Bastard / Das Mädchen und der Rapper aus dem Jahr 2005 überzeugte bereits durch seine Intro: endlich mal ein graphischer Aufmacher, der sich durchaus interpretatorisch in die ersten Bildsequenzen mit einmischt, sie aufgreift, sich in ihnen verwebt - ohne dadurch seiner "Berichtspflicht" zu vernachlässigen.

Auf der NDR.Website wird der Plot so beschrieben:

Nelli ist der Star im Kirchenchor, aber sie träumt von einer Karriere als R&B-Sängerin. Doch bislang mochte die folgsame Tochter den Wünschen der Eltern nicht widersprechen. Die sehen sie als zukünftige Ärztin und wollen, dass Nelli Medizin studiert.

Sune wächst weniger behütet auf als Nelli. Er ist ein Hip-Hop-DJ mit einer Schwäche: Er fürchtet sich vor Frauen und wird deshalb von einen Freunden bereits als ’Homo’ ausgelacht. Um diese vom Gegenteil zu überzeugen, wettet er, dass es ihm gelingt, mit der unnahbaren Nelli zu schlafen. Seine Kumpel halten es für ausgeschlossen, dass Nelli einen Typen wie Sune auch nur ansieht. Nelli hat jedoch etwas ganz anderes im Sinn: Der DJ kann bestimmt ein Demotape produzieren.

Das ist auch alles irgendwie richtig und nachvollziehbar - und doch hat dieser durchaus auf Unterhaltungseffekte zielende Film sehr viel mehr Tiefgang, als einem diese Zeilen weismachen wollen. Gerade weil die bieden hier gezeigten Figuren ziemlich nahe an den hier zitierten Klischees angelegt sind, ist ihre Entwicklung durchaus reizvoll nachzuvollziehen. Und auch, dass sich die Beiden am Ende dann doch noch "kriegen" tut der Qualität dieser Geschichte keinen Abbruch: Geht es doch hier letztendlich nicht um ein "Happy End" sondern um ein "Happy Beginning".

Ohne viel Gewese schliesst sich diesem Opus mit Populärmusik fran Vittula Populärmusik aus Vittula
 [1] aus Finnland [2] gleich ein zweiter Film an, der die Geschichte einer Freundschaft erzählt: Sie beginnt mit dem Austausch eines Nasenpopels, findet ihren ersten Höhepunkt bei einem Zungenkuss und endet schliesslich mit einer auf einem Grabstein festgefrorenen Zunge, die den Erzähler veranlasst auf die gesamte Geschichte dieser Freundschaft zurückzublicken, bevor er einen ebenso überraschende wie wirkungsvolle Möglichkeit findet, sich von diesem Grabstein - und damit auch von dem ihm vertrauten Menschen - zu lösen.

Auf der NDR-Seite wird die Geschichte so erzählt.

In Vittula, einem nordschwedischen Provinznest, ist das Leben Anfang der 60er Jahre so rau wie die Einwohner. Das kulturelle Angebot erschöpft sich in Trinkgelagen, Saunawettbewerben und Fingerhakeln. Hier wachsen die beiden Freunde Niila und Matti auf, die sich mühen, das Minenfeld ihrer Kindheit unbeschadet zu durchqueren. Während sie von Paris, China und dem Himalaya träumen, sind die beiden permanent auf der Flucht vor prügelnden Vätern, pädophilen Hausierern, gemeinen Mitschülern und dem strengen Pfarrer.

Als Niila die von der Großmutter ererbte Bibel gegen die von amerikanischen Verwandten mitgebrachte Beatles-Single ’Rock’n’Roll Music’ eintauscht, erleben die beiden Jungs eine wahre Erleuchtung. Das Tempo und die Ausgelassenheit des Rock’n’Roll wecken den Wunsch nach Rebellion und Aufbruch. Gegen den Willen seines puritanisch verbiesterten Vaters Isak lernt Niila Gitarre spielen. Obwohl Musik der Inbegriff von ’knapsu’ ist, was so viel bedeutet wie ’weibisch’, gründen die Jungs mit Hilfe ihres Musiklehrers Greger, einem schrägen Hippie mit John-Lennon-Brille, eine Rockband. Doch als Matti, Sänger und Rhythmusgitarrist der Gruppe, sich vor ihrem ersten großen Auftritt mehr für Mädchen als für Musik interessiert, beginnt ihre Freundschaft zu wackeln...

Aber das eigentlich Beeindruckende an diesem Film wird auch hier erst im eigenen Nacherleben erzählt. Auch wenn letztens in einem in Berlin geführten Gespräch mit Frau Prof. Dr. Schwan von ihr ganz klar verneint wurde, dass es so etwas eine "deutsche Seele" gäbe, so hat man dennoch den Eindruck, hier - durch die Geschichten hindurch - so etwas wie die finnische Seele entdecken zu können: jenseits aller Klischees, die auch dieser Film bedient, um in seinen vorgeführten Schlüssel-Bildern angesichts der so verwirrenden Seelenlagen dennoch immer wieder auf den Punkt zu kommen.

Gute Filme, so hat es Howard Luck in einem persönlichen Gespräch auf der Cine Expo in Amsterdam in diesem Jahr erneut bestätigt, gute Filme sind solche, die nachwirken, an die man sich auch nach drei Tage danach wirklich erinnern kann.

Dieser Text wird verfasst, als noch nicht einmal 24 Stunden nach der Ausstrahlung im NDR verangen sind, aber eine Nacht ist vergangen und die in diesen Stunden erlebten Nachwirkungen waren signifikant genug:

Schon kurz nach dem Einschlafen gab es ein erschrockenes Aufwachen ob all der Grausamkeiten und Ungereimtheiten, die hier in den Bildern von epischer Breite schonungslos vorgeführt worden waren.

Aber dann, am nächsten Morgen, war das Überwachen überstrahlt von einer Traum-Geschichte, in der sich das gesamte Miteinander der darin handelnden Personen in einer grossen - und doch ganz unspektakulären - Harmonie aufging: in einem Prozess von Mit-Arbeit und -Leben, in dem das Wort des Anderen nicht als Konkurrenzprodukt ankam sondern geradezu mit Neugier aufgenommen wurde, um ein gemeinsames Vorhaben voranzutreiben. [3]

Es wird hier - auch wenn scheinbar privat - so berichtet, da dieses mediale Produkt im Vordergrund vor allem die Hemmnisse herauszustellen scheint, die einem Miteinander-Auskommen immer wieder entgegenzuwirken scheinen. Und plötzlich zeigt sich, dass auf dem doppelbödigen Hintergrund dieser Bilder noch eine ganz andere Geschichte erzählt wird: dies es gemeinsam miteinander Auskommens.

WS.

Anmerkungen

[1Regie: Reza Bagher | Kamera: Rorbert Nordström | Musik: Lars Daniel Terkelsen | Drehbuch: Reza Bagher, Erik Norberg

[2und Schweden aus dem Jahr 2004

[3Auch hierzu gibt es ein gutes - für die Öffentlichkeit dokumentiertes Gespräch zwischen dem PROGRESS-Film GF Jürgen Haase und dem (DEFA) Drehbuch-Autor Wolfgang Kohlhase aus der SendereiheKinozeit auf FAB.


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