Patendlösung

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 16 Uhr 59 Minuten

 

Zum Geburtstag gab es zwei Bücher in einem: „Die Anleitung zum Unglücklichsein“ [1] und „ Vom Schlechten des Guten oder Hekates Lösungen“. Ein Piper-Taschenbuch [2], aus dem trotz allen Nachsuchens und –blätterns nicht herausgefunden werden konnte, wann und wo der neuere der beiden Texte erstmals veröffentlicht wurde.

Das Interesse an dieser Frage wurde dadurch geweckt, da es in diesem zweiten Buch einen Abschnitt gibt, der mit „Schöne digitalisierte Welt“ überschrieben ist: und damit sogleich Gegenstand des direkten Lektürezugriffs wurde.

Gleich im zweiten Absatz war der Satz zu lesen: „Eine herrliche neue Zukunft wartet unser, eine Patendlösung, in die wir, garantiert ohne Schmerzen oder gar Blutvergießen, bequem hineinrutschen können.“ [3].

Stutz, Denk, Grübel: was ist eine „Zukunft“ anders als „neu“? „wartet“ oder „erwartet“ sie unser?? Und was bitte ist denn „Patendlösung“ für ein eklatanter Druckfehler???

Schnitt.

Später wird dann das Buch richtig von Anfang bis Ende gelesen und gleich der erste Satz des Vorwortes klärt den Leser darüber auf, dass dieses Wort kein Druckfehler sei „sondern der Versuche der Zusammenziehung von zwei Begriffen: Patentlösung und Endlösung [4].

„Eine Patentlösung“, so der Autor Paul Watzlawik, „wäre demnach eine Kombination der beiden Begriffe, also eine Lösung, die so patent ist, das sie nicht nur das Problem, sondern auch alles damit Zusammenhängende au der Welt schafft – etwa im Sinne der alten Medizinerwitzes: Operation erfolgreich, Patient tot.“

Also daher zunächst einmal Abbitte an den Verlag, dass überhaupt die Annahme aufgekommen war, dass hier schlampig lektoriert worden wäre – und zugleich die Bitte an den Autoren, sich an diesem Punkte genauer zu ver-fassen. Soll die Essenz dieses Witzes besagen, dass zum Zeitpunkt des Anbruchs des Zeitalters „der schönen neuen Welt ‚aus Null und Eins’“ auch all das „gestorben“ wäre, dass sich bis dato der Digitalisierung noch hatte widersetzen können, die Wahrnehmungen und Gefühle, „das Symbolische, und daher diese ganze schlampige, orphische, wahrhafte, dunkle, unvernünftige, unbestimmbare Welt der Farben und des Duftes, des entweder ganz Unaussprechlichen oder dessen, was Dichter und Künstler irgendwie vermitteln zu können scheinen, oder der Anblick eines Sonnenuntergangs, die Augen einer Katze oder die Klänge einer Symphonie“?

Ist mit dem „Patient“ der Mensch gemeint, der dann mit dem Beginn der totalen Digitalisierung nur noch die Sprache seiner Maschinen sprechen kann, so wie es in dem von Watzlawick zitierten Roman „25 Uhr“ von Virgil Gheorgiu angekündigt wird: „Wir entmenschlichen uns, indem wir die Lebensgewohnheiten unserer Sklaven annehmen“? Dadurch, so das dort aufgezeigte Horrorszenario, dass wir „die Gesetzmäßigkeiten und den Jargon unserer Sklaven“ erlernen, „um ihnen Befehle geben zu können“ würden wir „langsam und unmerklich […] auf unsere menschlichen Eigenschaften und unsere Gesetze“ verzichten.

Der Piper-Verlag zitiert auf der Rückseite des Buches eine nicht näher bezeichnete „annabelle“, die Paul Watzlawick als einen „Spürhund auf der Fährte des Paradoxen“ charakterisiert, als einen brillianten Kopf mit Witz und Charme. Alles Schön und Gut. Aber hier wäre es gut gewesen, von ihm erfahren zu können, wie er sich wirklich diese schöne neue Welt vorstellt. Hier geht es um mehr, als Paradoxien aufzuspüren: die Erkundung eines Paradigmenwechsels ist angesagt. Und da reicht es bei aller Vielfarbigkeit der Worte und Klugheit des moralischen Wesens nicht aus, sich mit auf den Fernseher als dem „Vetter des Computers“ und seinem postapologetischen Rezensenten Neil Postman zurückzuziehen.

Will man wirklich hinter die Bildschirmmasken des „grinsenden Blödsinns“ schauen, dann wird es nicht reichen, sich gedanklich bis an den Endpunkt das Analogen vorzuwagen. Es wird vielmehr notwendig werden, wirklich und immer wieder diesen Sprung in diese neue Welt zu machen, die nicht länger nur digitalisiert wird, sondern irgendwann dann auch digital IST: hic et nunc. Hier und jetzt.

Spätestens dann sind auch Begriffe wie die Endlösung keine Problem mehr, das Problem ist vielmehr, ob und wie diese „schaurige“ Konnotation und Assoziation in diese neue Welt noch als „Default-Wert“ mitgenommen werden kann.

Es wäre gut, wenn es gelänge, Pauls „Witz und Charme“ fruchtbar zu machen und dafür zu nutzen, um am Lachen nicht nur sich selbst zu erkennen sondern auch seine eigenen Grenzen. Mit dem Ende des Analogen würden die Grenzen der Menschlichkeit endgültig überschritten worden sein, so warnt er, noch lächelnd… und dabei befindet er sich auch selber schon auf der Brücke über diesen Rubikon in das Reich der durch die Digitalisierung Entgrenzten.

Eine Welt, nur als „Nullen und Einsen“, das wäre ein Welt ohne Zeit und Raum, ohne Geschichte und ohne Zukunft – so die Sicht eines Menschen, der sich noch nicht wirklich in diese Fluten der „digital wave“ gestürzt geschweige denn auf ihr zu Surfen gelernt hat. Für ihn gilt das Analoge noch als die Zeit für „krude Gefühle und Instinkte“ während das Digitale als Ausdruck des Denkens und der Mathematik gilt.

Dieses Bild von der Zukunft muss ein Zerrbild bleiben, ja, es ist nicht einmal in der Lage auch nur andeutungsweise vorstellbar werden zu lassen, wie es nun wirklich in der „digitalen Welt“ zugehen werden wird. Und die Begründung, dass es eben nicht besser möglich sein, ist in diesem Begriff der Patendlösung angelegt.

„Watzlawick“, so „annabelle“, sei „ein Forscher in Sachen Glück, Wirklichkeit und Kommunikation“. Was die Welt jetzt sucht sind ErFinder und VerMittler von Empathie und Vernetzung.

Anmerkungen

[1mit der Widmung: „von all dem, was an einem g l ü c k l i c h e n Geburtstag zu vermeiden ist“

[2ISSN 978-3-492-24441-1

[3S. 198

[4„Der Ausdruck ist in seiner schaurigen Bedeutung nur uns älteren Europäern noch unmittelbar bekannt“


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