Linz - Bremen - Amsterdam

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 16 Uhr 52 Minuten

 

Linz, wie es sich sieht - und lacht

Was kann man angesichts der aktuellen Luft-Beobachtung noch tun, als sich den Verhältnissen zu beugen - und diese in ihr Gegenteil zu verkehren?

Hoffentlich war auch der Liebe Gott bereit, angesichts dieser hier thematisierten Verhältnisse "gut Wetter zu machen" und sich auf die Seite der Opfer zu stellen.

Siehe dazu die Pressemeldung:
Ganz Linz – ein Gruppenfoto von oben

Die geplante eigne Reise nach Linz wurde zurückgestellt: angesichts eines zweiten Pyronale-Abends mit drei (plus einem) weiteren Feuerwerken und der bevorstehenden Reise nach Amsterdam: deren Reisebericht vom Sonntag hier an dieser Stelle sozusagen vorab mit eingestellt werden soll. Er lautet:

Bremen - Amsterdam: le parcours de combatant.

0.

Statistisch gesehen, machen die Verspätungen im gesamten Zugverkehr der Deutschen Bahn sicherlich nur einen geringfügigen Teil der insgesamt tagtäglich bewältigten Verkehrsstrecken aus.

Wenn man aber gerade selber aber wieder einmal von einer solchen betroffen ist, sieht das natürlich alles gleich ganz anders aus.

Und ganz besonders arg ist es, wenn diese Verspätungen immer dann auftreten, wenn man von einem und dem gleichen Bahnhof abfahren will – und jedes Mal kein Zug zu dem angekündigten Zeitpunkt bereitsteht.

Dieses ist jetzt – zum zweiten Mal – am Bahnhof in Bremen geschehen. Und dieses Mal, wie das letzte Mal, sollte es von Bremen nach Amsterdam gehen.

I.

„Damals“ wurde das Problem dadurch gelöst, werden, dass die Aufsicht eine mehrsündige Taxifahrt quer durch Holland angeboten hatte – anstatt einmal auf den Fahrplan zu sehen und herauszufinden, dass es eine alternative Zugverbindung über Leer in Ostfriesland gegeben hatte (dieses ist der Verdienst des Bremer Info-Counter Personals, diesen Vorschlag gemacht zu haben: dort war man nämlich so clever, statt Amsterdam Hbf einmal den Namen des Flughafens Schiphol anzugeben ).

Dieses Mal hatte der Zug so viel Verspätung, dass die Übergangszeit von 9 Minuten rechnerisch schon längst nicht mehr hatte eingehalten werden können. Und so sitzt man schliesslich in einem zwanzig Minuten zu spät abgefahrenen IC mit einer völlig überbesetzten erste Klasse-Waggon. Der einige noch mit einem Platz nicht besetzte Abteil hatte den Vorzug, sich danach nicht mehr länger nach einer Sauna umsehen zu müssen: absolut überheizt (aber es gab immerhin Strom aus der Wand und so die Gelegenheit, sich den Frust von der Seele schreiben zu können.)

Der Vorteil: durch die offene Abteiltür kann man den gerade vorbeieilenden Zugchef laut rufen und ihn bitten, nachzufragen, ob der Anschlusszug die Wartezeit mitmacht oder nicht.
Als es dann kurz vor Münster zur Zugansage kommt, werden alle Züge benannt, nicht aber der Infragestehende.

Also bleibt keine andere Möglichkeit, als sich wieder anzuziehen und mitsamt allem Gepäck durch den gesamten Zug zu pilgern - was bei der Überfüllung einem „parcour des combatants“ gleichkommt. Schliesslich, am „Sonderabteil“ angekommen, wird die Vermutung zur Gewissheit: der Anschlusszug wartet nicht.

Peinlich für die Bahn ist allerdings, dass man diese Information vom Zugchef noch zugerufen bekommt, als er schon mit seinem Team den Zug selber verlassen will - und auf dem Weg zur Tür noch am Reisenden vorbei muss…

II.

In Duisburg ist dann die Reise zunächst einmal zu Ende. Es gibt im Bahnhof keinen Wartesaal, geschweige denn eine Lounge. Es gibt eine Kneipe und einen Burger King, aber es gibt am City-Ausgang auch das Bistro-Cafe „East Side“. Und dort gibt es gute Musik, Platz zum Hinsetzen, Luft und Licht, aufmerksames Personal und eine neue Speisekarte. Auf der finden sich Schnecken, deutscher und/oder italienischer Art, Matjes mit Röstkartoffel und Penne mit Rindfleisch. Der dazugereichte Salat ist frisch, die kleinen angereichten Brötchen sind knusprig und warm. Und die Preise sind zivil. Und der Fernet wird wie gewünscht ohne Eis serviert – und mit einem kurzen gelben Trinkhalm…

Prosit. Möge es nützen: So gibt es inmitten der Verabredungen in Bremen und Amsterdam eine kulinarisch und mit Schreiben gefüllte Leerstelle. In Duisburg, wo neben dem Bahnhof plötzlich eine Lücke zu klaffen begonnen hatte.

III.

Der Blick geht zurück in den Norden. Dort wäre es gerade hier und heute wichtig gewesen, mehr Zeit füreinander gehabt zu haben. Mit einem guten Freund, etwa gleichaltrig, der krankheitshalber vorzeitig seinen Job hat aufgeben und sich nunmehr mit dem Status eines Behinderten auseinandersetzten müssen. Und mit seiner seit 30 Jahren bekannten Frau. Sie hatte zu ihrer letzte Aufführung eines grossen Bühnenstücks eingeladen. Und anstatt an dieser teilzunehmen war die Entscheidung für den Zug gefallen. Und jetzt fährt kein Zug.
Wie schön wäre es gewesen, mehr Zeit für einander gehabt zu haben.

Das ist das eigentlich Bittere an solcher Art von Verspätungen. Das Wissen um die Zeit, die und genommen wird, und die so wichtig gewesen wäre für uns als Menschen, als Freunde, als Lebenspartner.

Und der Blick geht zugleich nach Amsterdam: Die gesamte Planung für den Abend kann jetzt geschmissen werden. Die Ankunft am Hauptbahnhof wird sich um mindestens zwei Stunden verspäten. Und dann kommt noch eine weitere Stunde des Weges durch die Stadt hinzu.

Schon das letzte Mal verspätet, und dieses Mal den gesamten gemeinsamen Abend gesprengt. Und wahrlich nicht aus eigenem Verschulden.

IV.

„DaybyDay“ ist weder ein Tagebuch noch ein Kummerkasten. Aber es gehr darum, authentisch auch das aufzuzeigen, was nicht das passiert, was vorgesehen war.

Dieses sind die schwierigsten Momente, für die man nicht nur „Nerven“ haben muss sondern auch ein Ein-Verständnis mit sich selber um zugreifen, was man nicht begreifen will.

Die Frage ist eigentlich nicht, dass es keine Zugverspätung hätte geben dürfen, die Frage ist vielmehr, wie geht man mit den Dingen im Leben um, die nun mal nicht „planmässig“ sind – und dennoch stattfinden.

Und nach mancherlei Nachsinnen und Nachdenken wird klar, welcher Luxus uns immer noch begleitet. In einem wohl geführten Restaurant darüber schreiben zu können, wie man sich auf dem Weg zwischen zwei Freunden aufgehalten worden ist.

Der Aufenthalt – so unangenehm er auch sein mag – ist doch ein Ort der Verweilens, der einem klar macht, dass es diese Freunde gibt.

V.

Als der Zug ICE International 104 nach Amsterdam um 19:53 in Duisburg bestiegen wurde war also kurzftistig alles "in Ordnung".

Eine Stunde später - hatte auch dieser Zug bereits über 20 Minuten Verspätung.

Aber es gibt ja heute im Zug Ansagen, durch die einem die Ursachen erläutert und ggf. auch eine Entschuldigung präsentiert wird.

In diesem Fall sei der Grund für die Verspätung ein ein Güterzug, dessen Fahrt auf der gleichen Strecke zum Erliegen gekommen war. Und dann habe der eigene Zug "eigene technische Probleme" gehabt, denen man zunächst einmal habe beikommen müssen...

Und zum Glück gibt ja die Bahn auch ihr gut gemachtes eigenes Journal mit dem Titel "mobil" heraus.

Und in der Wartezeit kann man unter der Überschrift: "Wirtschaft. Mit allem gerechnet. Anita Schöbel hat ein Händchen für Zahlen und Formeln. Die junge Göttinger Mathematik-Professorin gewann jetzt einen Preis für ein Programm, das die optimale Reaktion auf Verspätungen im Bahnverkehr errechnet." [mobil 09/07 S.10f.] [1]

Anmerkungen

[1Mehr dazu findet sich in einem Artikel von Gregor Honsel über die Mathematik der Verspätung auf SPIEGEL ONLINE vom 06. August 2007, 12:00 Uhr.


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