DLD_08: Digitales Davos zwischen Blogs und Burda

VON Julie ColombetZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 18 Uhr 08 Minuten

 

Da ist der Verleger [1]. Und da sind sie, die Blogger. Und als in diesem Jahr sich die Blogger am ersten Abend des dreitägigen DLD-Treffens zusammenfinden, hatte der Verleger statt ihrer seine Leute zu einem grossen Abendessen eingeladen – aber sich zugleich bereitgefunden, auch die Blogger mit einem kleinen Betrag für Essen und Trinken zu unterstützen.


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In den Pressestellen vieler Unternehmen sind dagegen die Blogger nach wie vor eine grosses Problem. Nicht unbedingt damit, was sie schreiben, sondern weil man nicht weiss, wie man mit diesen Leuten umgehen soll. Es sind ihrer so viele und es ist unmöglich, sie alle zu berücksichtigen. Aber einige von ihnen sind so gut, dass man gelegentliche geneigt ist, ihre Beiträge sogar denen aus der klassischen journalistischen Schule vorzuziehen.

Und dann gibt es dann auch noch jene Blogger, die sich dieser Aufgabe als Ergänzung ihrer im Print veröffentlichten Arbeit verpflichtet haben.
In der zuletzt in Berlin zu diesem Thema geführten Diskussion – wir haben darüber berichtet [2] - gab es inmitten des Hin und Her der Meinung den Zwischenruf, das nicht die Blogger ein Problem für den Berufsjournalisten sind, sondern diese selber angesichts der Blogger sich in einem bisher nicht gewesenen Maasse der Herausforderung zu stellen haben, über ihren eigenen Beruf nachzudenken. „Nicht die Blogger sind das Problem“, so die These, „sondern die Journalisten müssen erneut über ihren Beruf und ihre Berufung nachdenken“

Eine grosse Qualität dieser Veranstaltung wird in der Vielfalt und Vielfältigkeit liegen, mit der in der Öffentlichkeit auf das Erlebte und Erfahrene, aber auch das Abgelehnte und das Ungelegene reagiert worden ist.

Es ist zu hoffen, dass dem Veranstalter nach diesen schweren drei Tagen noch genug Kräfte und Kapaziäten zur Verfügung stehen werden, die vielen Äusserungen zusammenzutragen und zu systematisieren.

Es wäre gut und hilfreich, wenn es zum Beispiel gelänge, jeweils alle Kommentare zu einer Veranstaltung [3] oder zu einer der anwesenden Personen zusammenzutragen.

Gut, man wird das aus Eigeninteresse eh’ machen und sich dabei die Zeit nehmen über die aktuellen Presseklippings hinaus auch die Ergebnisse all jener Kontakte abzufragen, anzuhören und anzusehen, die mit so grosser Sorgfalt und Akkuratesse geknüpft und gemanaged worden waren.

Schliesslich waren für die Interviews sowohl für die TV- als auch für die Radio-Gespräche viele Anstrengungen unternommen worden, um alles "auf die Reihe" und alle in die richtigen dafür vorgesehenen Locations zu bekommen.

Was - auch das soll hier festgehalten werden - dazu geführt hat, dass ein redaktionelles Arbeiten in der interviewfreien Zeit nach entsprechend ausdrücklichen Bitten des Veranstalters praktisch unterbunden wurde - auch wenn dieses sicherlich nicht die Absicht gewesen sein mag.

Ein solches "Ober sticht Unter" im Kampf um die besten Plätze und Positionen führte zufällig zu dem aber-witzigen Umstand, dass ausgerechnet für die Vorbereitung eines Interviews des Kollegen Knüwer [4] der eigene mit Rechner und Recorder besetzte Platz geräumt werden musste, während ihm sogar noch ein Tasse Kaffee an den Tisch gebracht wird.

Und heute am 22. Januar 2008, schreibt er in seinem Handeslblatt Weglog in den "Notizen aus dem Journalistenalltag" unter dem Überschrift "DLD am Scheideweg" den folgenden
Nachtrag:
Was ich noch vergessen hatte - die Arbeitsbedingungen für Journalisten waren unter aller Sau. Muss man so klar sagen. Ein lärmiger Raum mit einem Tisch à la Hühner-auf-Stange, ein ebenso lärmiger Interviewraum, aus dem man gelegentlich mal vertrieben wurde. Sorry, liebe DLD’ler so geht das nicht.

Egal, ober er sich damit jetzt auf die Vertreibung des "DaybyDay" Autors bezieht oder auf eigene Erfahrungen, es ist in der Tat so, dass der Veranstalter dabei ist, das Opfer des eigenen Erfolges zu werden. [5].

Eines ist sicher, der Erfolg der DLD 09 wird mehr als je zuvor davon abhängen, wie gut, sorgfältig und nachhaltig man die Erfahrungen dieses Jahres wird auswerten können - und wollen. Bambi Digital oder Congress Total - das ist die Frage. Keiner wird keines dieser Extreme wollen, und doch wird der Mittelweg zum Tod des Spirits dieser Veranstaltung führen.

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Anbei noch - als pars pro toto - ein szene-typischer Beitrag aus heise online von " (jk[43]/c’t)" vom 20.01.2008 00:01

Was wird.

Fünf Tage lang treffen sich 2500 Macher und Lenker aus aller Welt in den Schweizer Bergen beim Weltwirtschaftsforum[21] (WEF) und diskutieren über das schöne Thema "Die Kraft gemeinsamer Erneuerung", vulgo ingleso "The Power of collaborative Innovation". Die deutsche Politik ist etwas schwach vertreten, denn es ist Wahlkampfzeit, da braucht man Kraft für andere Sachen, da wird gekollert, nicht collaborativiert, wie bei Dadavos[22]. Dank Youtube soll aus dem Weltwirtschaftsforum ein "weltumspannenendes Videogespräch" werden, bei dem die drängenden Fragen der Menschheit in die laufenden Sitzungen eingespeist werden. Die Weisheit der Massen ist gefragt, nicht nur bei auch[23] (erster Buchstabe zum Schutz der Privatsphäre von auch[24] entfernt.

Auch Jimmy Wales und die Wikimedia Foundation[25] sind mit von der Partie, gefeiert als eine von 38 Firmen, die anno 2008 Pioniere der Technologie[26] sind. Dabei ist die Wikimedia der einzige Teilnehmer, der das geforderte Pionier-Schutzgeld von 20.000 Euro nicht gezahlt hat. Es ist etwas her, dass der Soziologe Richard Sennett den verlogenen Zirkus der Homini Davosiensii [27] geschildert hat. Als Gegenbild bietet er nun den ehrlichen Handwerker[28] an, den schlauen Apple-Ingenieur, komplett mit Microsoft als Beweis für die These, dass der Beste eben nicht gewinnt.

Wie seit vier Jahren üblich, schlagen Internet-Promis wie Jimmy Wales oder "GooGoo-Girl" Marissa Mayer kurz vor dem Weltwirtschaftsforum klimaneutral in München bei Hubert Burdas "Digital Life Design" (DLD) auf. Das Gepupse, was dort über soziale Netzwerke[29] und das neue Bild der Welt ventiliert wird, wird klimaneutral von einer indischen Zuckerfabrik[30] weiterverarbeitet. Auf dem DLD kann man den techno-libertären Neocons von Facebook zuhören, die sich auf die posthumanistische Singularität[31] vorbreiten, oder Martha Stewart zuhören, die den "Aenne Burda Award" für "Creative Leadership"
bekommen soll. Oder man kann sich an den letzten DLD erinnern, als Peer "Karawane" Steinbrück davon schwärmte, wie attraktiv Deutschland für Investoren[32] doch ist.

Inhaltlicher Schwerpunkt des DLD ist jedoch ein Swimming-Pool auf dem Dach des Hotels "Bayerischer Hof", komplett mit neckischen Wasserspielchen, Longtail-Party und der Frage, wann Burda nach Max[33] denn die Tommorow strategisch ins Aus richtet. Im letzten Jahr beeindruckte der Blogger Craig Newmark von craigslist[34] auf dem DLD seine Zuhörer, doch in dem 360 Seiten dicken "Book for friends" zur Konferenz ist er nur mit einem kleinen Passbild in der Rubrik "Final Curtain" zu finden. Die Netokraten wissen halt Bescheid, wie Ausgrenzung funktioniert. Große Blogger stehen in diesem Jahr nicht auf dem Programm. Sie dürfen über Lufthansa blubbern[35] oder besser gleich ab in den Hofbräukeller, da werden Sie mit einem Austrinkbon[36] geholfen.