DLD_08: Archivare lebendiger Archive

VON Julie ColombetZUM Montag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 18 Uhr 07 Minuten

 

Schom im Vorfeld der DLD-Konferenz - hier ein Bild aus der Lounge vom ersten Veranstaltungstag:

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stand einmal mehr das Thema der verlagsgestützten Alternativen zur Wikipedia im Raum.

Wir haben darüber im Zusammenhang mit Meyers Lexikon berichtet [1] und gehen in der Annahme sicherlich nicht falsch, wenn diese Inititative erst der Anfang einer auf der Buchmesse in Frankfurt 2007 vom Verlag angekündigten Entwicklung ist: Zumal inzwischen auch "Der Spiegel" noch zum Ende des Jahres 2007 mit der Mitteilung nachgezogen hatte, im Jahr 2008 sein Archiv in Kombination mit einem Online-Rechercheportal zur öffentlichen Verfügung anbieten zu wollen.
Und dies - man lese und staune - unter Einbeziehung sowohl der Quellen aus Bertelsmann-Lexika und -Wörterbüchern als auch aus den Beiträgen der freien Internetenzyklopädie Wikipedia.


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Jimmy Wales stand am ersten DLD-Sonn-tag für ein Gespräch zur Verfügung und es war interessant zu erfahren, dass für ihn so eine Koopertation mit einem Verlagshaus in Deutschland grundsätzlich keine Probleme bereiten würde. Allerdings, so ergänzt er wohlweislich, sei das vor allem eine Fragestellung, auf die seine Kollegen vor Ort, also in Deutschland selber zu beantworten hätten.

Auch sein aktuell interessantester US-amerikanischer "Gegenspieler" aus Santa Monica, Jason McCabe Calacanais, CEO von Mahalo, war sowohl zu einem Interview als auch zu einem informellen Gespräch bereit. [2] Die Basis der dort präsentierten Suchergebnisse sei die Entscheidung, das jeweils Wichtige in den Fordergrund der zu Tage geförderten Ergebniss zu stellen - und die Entscheidung über die jeweilige Gewichtung der Informationen von Menschen treffen zu lassen: In einem insgesamt dreistufigen Verfahren von Rechercheuren, Korrektoren (oder Lektoren) und Herausgebern - so wie wir es aus einem klassischen Verlagsprojekt her kennen.
Heute sei nicht mehr der Zugang zu Informationen an sich das Thema, sondern der Zugang zu jenen, die man auch wirklich gerade benötigen würde - und zwar nur zu diesen. Anstatt einer ungeheuren Masse an medialen Angeboten gehe es in Zukunft mehr denn je um deren Organisation und Orientierungsfunktion. Derzeit würde man sich angesichts der vor einem auftürmenden Vielheit - nicht unbedingt Vielfalt - eher orientierungslos vorkommen. Hier gelte es, für die Zukunft ein neues Angebot zu entwickeln.

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Mit The_Steve_Jobs_90_Minute_Keynote_in_60_Seconds liefert der hier Befragte ein - wenn vielleicht auch nicht repräsentatives - Praxis-Beispiel: In seiner Rolle für "Craft Services" im Rahmen der täglichen Video-Produktion: Dieses Beispiel der Zeit-Raffer-Maschine, in der die wichtigsten Aussagen in ein intermediales Kondensat komprimiert werden, ist mehr als nur ein witziger Einfall. Es ist genau ein Anzeichen dafür, was in Zukunft noch viel deutlicher und nachhaltiger die Diskussion der Inhalte und die Methoden ihrer Aufbereitung und Wahrnehmung mitbestimmen wird: Die Suche nach der Einordnung des Gesuchten in einem Zusammenhang, in dem die Fragmentalisierung und dehistorisierung des Digitalen wieder aufgehoben werden könnte. Denn die "Gateway" zu dieser Art Nutzer-Himmel ist - und bleibt - der Mensch.
Ja, so der Mahalo-Chef, er wisse um die grossen Risiken eines solchen Projektes, aber er kenne auch die Milliarden-Werte, die mit im Falle (s)einer erfolgreichen Umsetzung erzielt werden könnten. Von daher habe er eine Vorfinanzierung, die auf einen Vorlauf von fünf Jahren ausgelegt sei; in der Hoffnung und in dem Bestreben, dann zu jenen "lucky few" zu gehören mit denen man dann auch das Thema "Data-Mining" zu einem wirtschaftlichen Erfolg werde führen können.

Nicht geklappt dagegen hat die angefragte Begegnung mit Jochen Wegner, so dass wir ihn hier an dieser Stelle stellvertretend in einer Meldung von pressetext.austria zu Wort kommen lassen. Dort berichtet Markus Steiner am 16. Jänner 2008 um 16:46 Uhr von dem 15. Geburtstag des Focus und der Freigabe seines Online-Archivs unter der Adresse http://www.focus.de/archiv: Mit allen Texten, die seit dem 18. Januar 1993 in der Printausgabe des Magazins erschienen sind. [3]

Markus Steiner weiter: Insgesamt umfasst das Archiv laut Herausgeber und Gründer Helmut Markwort mehr als 100.000 recherchierte Artikel. Um interessierten Usern trotz dieser großen Zahl an Texten ein gezieltes Recherchieren zu ermöglichen, habe man eine Menge Zeit investiert. Mit Hilfe der eigenen Technikabteilung seien hierfür eigene Recherche-Tools entwickelt worden, die eine Suche nach bestimmten Texten so schnell und einfach wie möglich gestalten sollen.

"Focus dankt seinen Lesern. Wir beschenken sie daher mit dem Kostbarsten, was wir besitzen", erklärt Focus-Herausgeber Markwort in einer Aussendung. Nach 15 Jahren harter journalistischer Arbeit umfasse das Print-Archiv inzwischen mehr als 100.000 einzelne Beiträge, die für User frei recherchierbar seien. "Die Artikel im Archiv entsprechen dabei genau den in der Printausgabe des Magazins veröffentlichten Texten", erläutert Armin Blohmann, Head of Investor & Public Relations der Tomorrow Focus AG, auf Anfrage von pressetext. "Aktuelle Beiträge, die in der Zwischenzeit in Printform im Magazin erscheinen, werden in bestimmten zeitlichen Abständen dem Archiv hinzugefügt", ergänzt Blohmann.

In Anbetracht der Menge an online archivierten Texten sah man sich in punkto Bedienungsfreundlichkeit einer großen Herausforderung gegenüber. "In die netzgerechte Aufbereitung des Archivs haben wir ein halbes Jahr Arbeit investiert", schildert Focus-Online-Chefredakteur Jochen Wegner. Ziel sei es in diesem Zusammenhang vor allem gewesen, die Suche nach bestimmten Artikeln so effizient wie möglich zu gestalten. "Die Redaktion von Focus Online entwickelt zur Zeit mit Hilfe von Computerwissenschaftlern neue Methoden, um unsere Inhalte für die Nutzer auch intuitiv zu erschließen", so Wegner. Zu diesem Zweck habe die hauseigene Technikabteilung selbst zusätzliche Recherche-Funktionen entwickelt, die in den kommenden Wochen freigeschaltet werden sollen. "Ohne lange Recherchen können die User in Zukunft mit zwei, drei Mausklicks alle wesentlichen Beiträge zum VW-Skandal, zu Elite-Universitäten oder zur Immobilienkrise abrufen", meint Wegner.

In diesem Zusammenhang sei auch auf die an nachfolgenden Tag, den Dienstag, der 23. Januar 2008 angekündigte Veranstaltung zum Thema
- "Archives and memory" hingewiesen werden - die ausgerechnet zum gleichen Zeitpunkt stattfindet wie das von Jochen Wagner moderierte Panel zum Thema:
- "Exploding media" und die sich daran anschliessende Diskussion zum Thema:
- "Digital gets physical". [4]

Das Ganze ist eine wahrlich interessante Entwicklung, wobei sich dieses mediale Crossover offensichtlich in beide Richtungen zu entwickeln scheint. Sowohl vom Print ins Netz - als auch in die entgegengesetzte Richtung: Schon im "Care-Paket" der DLD-Konferenz des Jahre 2007 gab die Edition eines "buch[s] für meinungen", das sich mindestens haltbar nennt.
Und in diesem Jahr hat jetzt auch Jimmy Wales im Gespräch die Erweiterung der Wiki-Angebote in die Felder Druck und DVD ganz und gar nicht mehr länger ausgeschlossen. "Print", so könnte man titeln: "Print (ver-)geht (nicht)" oder: "Print geht - und kehrt zurück".

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Anmerkungen

[2Und das trotz Jetlag und in aller Geduld. Denn schliesslich sei das von all den Veranstaltungen, die er bislang besucht habe, eine der drei besten, an denen er überhaupt teilgenommen habe.

[3Am 18. Januar 1993 war der Sterbetag der "Zugmieze" - und der erste Tag des neuen Focus-Magazins.

[4Wir hoffen, hierzu noch Links mit Streaming-Angeboten erhalten zu können.

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