IFA_08 (VI)

VON Julie ColombetZUM Mittwoch Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 21 Uhr 29 Minuten

 

I.

Die Schluss-Ansage zum Ende dieses letzten IFA Tages klingt - wie sollte es anders sein - hochwohllobend.

Das neue Konzept der Medienwoche mit seiner engen Kooperation mit der IFA, die inhaltliche, zeitliche und räumliche Integration von Kongress, Messe und Events sei aufgegangen.

Und: Die Erkenntnisse der diesjährigen Medienwoche würden die medien- und filmpolitischen Debatten der Zukunft mitbestimmen. So sehr, dass erste Linien sind bereits sichtbar geworden seien.

Gut so. Aber was ist, wenn die Lob-Lohn-SchreiberInnen vom Dienst ihre Aufgabe erfüllt und spätestens danach von "einer mit Konferenzen, Keynotes und zahlreichen Events dichten Woche" nun endgültig den Kanal voll haben?

Der Berichterstatter wird sich an diesem Abend zunächst einmal in aller Frühe und ohne jeglichen weiteren Kommentar ins Bett verabschieden, dem IFA-"wrap-up" , dem "M100"-Thema zwei weitere Seiten Platz einräumen und für das Ausfüllen von Leerplätzen bis in die Folgewoche Zeit lassen: Veranstaltungen dieser Art leben von dem Augenblick - und seinem augenblicklichen Vergessen. Das mag in gewissen Fällen manchmal auch durchaus vorteilhaft sein - ist aber insgesamt eher von Nachteil.

Wer also versucht, sich mit dieser "dichten Woche" nicht nur mit einem behaupteten Erkenntnisgewinn herauszuloben, sondern diesen auch zu formulieren und zur Geltung zu bringen, wird dieses nicht im Verlauf des Tagesschäftes der nächsten Tage und Woche erledigen können. Denn der hier gesetzte Anspruch - sollte dahinter mehr stecken als die Edelfeder jener die das Lied derer singen, dessen Brot sie essen - wäre einer eingehenden Betrachtung und Bewertung wert und verdiente es, in diesem Falle ernst genommen zu werden.

II.

Nein, es macht wahrlich keinen Sinn im Kaffesatz zu lesen. Schon gar nicht, wenn so ein Satz wie: "Gut besucht auch die in Kooperation mit der gfu, der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik, veranstalteten Roundtable medienpolitik@IFA" nun alles andere als irgendeine andere Bedeutung hat als die, dass die gfu als "Mitveranstalter" - und Inhaber der IFA-Markenrechte [sic!] - hier in diesem Abschlusstext zumindest an irgend einer Stelle zur Sprache kommen muss.

Aber ob das Ganze nun eine Retourkutsche auf die Nachwirkungen der hier in DaybyDay ebenfalls zur Sprache gebrachten und ins Licht gerückten Pressekonferenz ist, in der der gfu-GF mit Blick auf die Medienboard-Co-Chefin von einer "Liebe auf den zweiten Blick" sprach, soll hier offengelassen werden. Nicht nur, weil es eigentlich an dieser Stelle nichts zur Sache tut, sondern auch, weil es wegen eben wegen dieses zu dichten Zeitplans nicht möglich war - anders als in den letzten Jahren - auch nur an einer der von der gfu geplanten und geführten Gesprächsrunden teilzunehmen [1].

Handfester ist da schon die Ansage von den "mehr als 2.100" Teilnehmern" - was, wenn die überwiegende Mehrheit auch wirklich gezahlt haben sollte kein schlechtes Ergebnis sein bräuchte - und den auf der Pressekonferenz im Vorfeld angekündigten 15.000 Teilnehmern und Gästen.

Und selbst bei dieser Zahl fragt man sich, wo denn diese Teilnehmer alle waren, als die Nummer Eins der neuen BBC, Mark Thompson, auf die ICC-Bühne Nummer 3 trat und der eh’ schon durch Vorhänge optisch stark verkleinerte Saal zum Ende der Veranstaltung nicht einmal mehr zur Hälfte besetzt war. An dem schwächelnden amerikanisierten Englisch des Moderators und seiner eher angelesenen als gelebten Er-Kenntnisse über den Sender und sein "Sendungsbewusstsein" allein kann das doch auch nicht gelegen haben - oder? [2]

III.

Die Transformation der Medien durch das Internet sei das bestimmende Thema der hochkarätigen Podien und Keynotes gewesen - so die Veranstalter. Auch so ein Satz, der sich gut liest und doch zeigt, wie wenig die Aussagen der Grosskopfeten wirklich "angekommen" sind. Auch wenn an dieser Stelle nochmals und ausdrücklich festgehalten werden soll, dass die nochmalige Aufnahme und Fortführung dieses Themas der Münchner Medientage des Jahres 2007 durchaus mehr gebracht hat als "more of the same", so bleibt ebenso deutlich festzuhalten, dass sich - einmal mehr - jeder Branchen mit den Vertertern Ihresgleichen getroffen und besprochen hat, dass aber das eigentlich spannende wie verwirrende an dieser Entwicklung - mit den Begriffen der Konvergenz und Interaktionsorientierung noch allzu grob skizziert - an kaum einem Ort mit ihren neuen Verdichtungen und Verrichtungen hat aufgespürt werden können.

Dabei war es schon faszinierend und manchmal gar beängstigend genug, anhand der Vorträge und Beiträge nachvollziehen und manchmal sogar ein Stück weit miterleben zu können, wie schnell und scheinbar unumkehrbar diese Veränderungsprozesse in die letzten Winkel des Unternehmens - und der eigenen Existenz - eingreifen.

Und es gab auch Momente, in denen es sich gezeigt hat, dass es eben nicht reicht, auf der jeweiligen Welle einer sich als neu gerierenden Entwicklung mitzureiten und sich heute Beständigkeit und Nachhaltigkeit im Denken und Tun auch beginnt bezahlt zu machen - insbesondere nach und seit jenem Zeitpunkt, an dem die sogenannten "Internet-Blase" angeblich zerplatzt sei. [3]

IV.

„Das Internet als Metamedium, als globale Distributions- und Kommunikations-Plattform macht den Nutzer endgültig zum entscheidenden Faktor für die Weiterentwicklung der Medien“, so Medienboard-Chefin Petra Müller. Gut gebrüllt, Löwin! Die bis zum Beginn des Kongresses ins Gespräch geworfene Formulierung vom Internet als "Leitmedium" hat sich in ein "Metamedium" transformiert.
Und das ist gut so.

Denn mit der "Meta"-Metapher wird zunächst klar, dass neben dem Buch, dem Lautsprecher und dem Bildschirm - egal ob für Rechner oder TV, egal of fix oder mobil - "das Netz" sich nicht als ein weiteres Medium etabliert haben wird, sondern als ein neuer Vermittlern zwischen den bereits etablierten Medien - und ihren Nutzern.

Das ebenso einfache wie spannende "Metanet" hat es aber weit dicker hinter den Ohren, als sich das so eine gut bestallte Führerein eines "Geschäftes" vorstellen kann, deren Hauptaufgabe nicht nur das das intelligente Einwerben, sondern vor allem das möglichst erfolgreiche Ausgeben von von - zumeist öffentlichen - Geldern ist. Oder hat ihr etwa jemand im Verlauf dieser Medienwoche von dem "Crypto Anarchist Manifesto" zugeflüstert, in dem es u.a. heisst:

A specter is haunting the modern world, the specter of crypto anarchy. [...]
The technology for this revolution - and it surely will be both a social and economic revolution - has existed in theory for the past decade. The methods are based upon public-key encryption, zero-knowledge interactive proof systems, and various software protocols for interaction, authentication, and verification. The focus has until now been on academic conferences in Europe and the U.S., conferences monitored closely by the National Security Agency. But only recently have computer networks and personal computers attained sufficient speed to make the ideas practically realizable. [...]
Just as the technology of printing altered and reduced the power of medieval guilds and the social power structure, so too will cryptologic methods fundamentally alter the nature of corporations and of government interference in economic transactions. Combined with emerging information markets, crypto anarchy will create a liquid market for any and all material which can be put into words and pictures. [...]
Arise, you have nothing to lose but your barbed wire fences!

Anmerkungen

[1Ganz abgesehen davon, dass so etwas wie das "unentschuldigte Fehlen" des für die Medienpolitik zuständigen SPD-Mannes auf den Medientagen in Berlin dazu führt, darüber zu spekulieren, ob es da sich nicht im Hintergrund noch ganz andere Fallstricke für den doch in Rheinland-Pfalz so erfolgreichen Ministerpräsidenten aufgetan haben als jede, die ihm die Teilnehmer und Journalisten auf der Konferenz vor die Füsse hätten spannen können ...

[2.
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Mancheiner munkelt denn auch, dass selbst zahlreiche Gäste dem altbackenen Charme eines schon vor Jahren gestrandeten Raumschiffs so sehr erlegen gewesen wären, dass sie die Verweilzeit an diesem Ort jeweils auf das "höchstmindeste Zeitmass" verkürzt hätten - und dabei der supertollen italienischen Kaffemaschine im Rangfoyer gar nicht mehr ihren Tribut haben zollen können - obwohl sich diese so wohltuend und wohlschmeckend von jener hochelektronifizierten Apparatur unterscheidete, die sich schon gleich bei der Eröffnungspressekonferenz und dem Loblied auf die "home applicances" mit einer Fehlermeldung selbst aus dem Verkehr - und damit aus dem Verzehr - genommen hatte.

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[3Und hier sei die nette Behauptung am Rande dieses Kongresse aufgegriffen, dass in nicht einmal zwanzig Jahren über diese Pinoiere auch solche Filme gedreht werden könnten, wie sie jetzt zum Thema "Baader-Meinhof" ins Kino kommen. Das Internet - von dem sich kaum einer auf dieser Tagung getraut hat zu sagen, was das für ihn eigentlich wirklich im Kern bedeutet - das Internet sei nicht nur neben den Bekannten "Funk, Film und Fernsehen" zum vierten Medium herangewachsen - es sei auch zu einer "vierten Gewalt" geworden, bestimt von einem zunehmend virtuellen Souverän.


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