Familienprogramm für das Internet-Zeitalter

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 15. Januar 2015 um 16 Uhr 47 Minuten

 


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I.

Noch ist alles ganz am Anfang: Zum Beginn der Nacht des heutigen Tages, kurz vor dem Beginn der Internationalen Funkausstellung begibt sich auch der Berlin-Brandenburger Zwittersender auf internationales Terrain. Als embedded late-night-talker gibt er einen gewissen Herrn Krömer zum Besten, der im wirklichen Leben genauso wenig Krömer heisst, wie der Herrr Keuner Herr Keuner.

Hier vor Ort ist dieser Mann schon ein Begriff – auch wenn er versucht, im Opening der ersten ARD-Staffel genau das Gegenteil unter Beweis zu stellen. „Man(n) soll nie mehr von sich versprechen, als was man auch von einem erwarten kann“, sagt Herr Krömer und macht sein Unterstatement zur Masche. Sich selber als „internationale Show“ zu verkaufen ist aber nicht nur der Versuch, auf das MultiKultiImage der Heimat Neukölln zu verweisen, noch ist es das Bemühen, endlich mal dem Kölner Sender in Westdeutschland ein Schnippchen zu schlagen.

Beim Titel „KRÖMER. Die internationale Show“ ist das Ziel der Weg: einmal Jack Nicholson ins Studio zu bekommen: den Mann, der mal als Bürobote bei der MGM anfing, bei Jeff Corey Schauspielunterricht nahm und mit 21 erstmals in „The Cry Baby Killer“ auftrat. Alexander Bojcan – selbst gerade erst Vater geworden – schätzt diesen Mann wie seinen eigenen Vater, von dem er wohl seinen trockenen Humor nicht nur geerbt, sondern auch erworben habe: als Autodidakt. Diese Show ist also international in dem Sinne, dass die Welt des Herrn Krömer weltweit immer die seine ist: die eines berliner Originals.


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II.

Wenn wir jetzt Herrn Krömer nach einem Jahr des produktiven Rückzugs wieder auftreten sehen, dann ist es eigentlich das gleiche Allerlei aus „Show, Politik und Wirtschaft“, wie wir es auch schon von anderen Sendeplätzen her kennen. Aus einer Liste von 200 Wunschnamen haben sich dann doch der Eine und die Andere einfangen lassen: von Wowereit als „number one“ bis Walter Momper, dieses Mal mit rotem Schlips statt Schal, von Renate Künast bis zu seiner Kollegin Lilo Wanders.

Und bereits in seiner ersten Folge der neuen Staffel geht Herr Krömer bis aufs Äußerste. Und keiner merkt es so wirklich. Der Auftritt des amtieren Bürgermeisters wird mit dem Blick in eine Keller-Zelle im „Tränenpalast“ eröffnet, mit Krömers Konterfei als Honnecker-Verschnitt an der Wand. Damit sind die Machtverhältnisse schnell geklärt und in dem „Gespräch“ der beiden findet der eigentliche Dialog „à la cantonade“ statt: Krömer nutzt die Macht seiner Inszenierung und Wowereit die seines Witzes. Beide zeigen, dass Sie „gut drauf“ sind und demonstrieren, dass sie in ihrem Beruf all jene Autoritäten jenseits von der Ihren eigentlich nicht wirklich wahr-nehmen: „Wowi“: „manchmal kommt auch ein Staatspräsident vorbei“. „KK“: „ein Herr ARD hat sich noch nie bei mir vorgestellt“.

Und so bekommen wir denn am 15. August des Jahres 2007 schon die erste Sendung exklusiv im Kant-Kino vorgeführt, noch bevor sie selbst ein gewisser Herr Struve zu Gesicht bekommen hat. „Das ist schon gut so“ – so der Unterhaltungschef Helmut Lehnert, er sei sicher, dass so was auch dem Herrn Programmdirektor Struve gut gefallen werde.


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III.

Klar, denn Krömer inszeniert die Spiele der Macht im Spiegel der Machtlosen:

Mit Christian Anders geht der Herr Krömer soweit, dass der mit ihm die von ihnen beiden geliebten – und die eigens für dies Show konzipierte innenbeleuchtete Treppe herunter schreitet und dabei den Abgesang auf dessen Karriere in Szene setzt.

Sein Vorgehen ist hart – aber auch fair? Das „come-back“, dass er dem einst prominenten Protagonisten mit seiner Einladung zu versprechen scheint, wird im Verlauf der Szenerie systematisch untergraben, ja zerstört. Herr Anders spürt das, sagt aber nicht. Aber er geht soweit, dass er aufsteht und dem Schau-Meister den Mund zuhält, damit er, so hofft er, endlich über seine neue Platte und sein neues Buch reden kann. Was Herr Krömer erneut und schlussendlich zu verhindern weiß – mit einem unheimlich starken Abgang: die Showtreppe hinauf.

Kein Zukunft ohne Vergangenheit. Krömer bringt die Verhältnisse zum tanzen, alle schauen hin – und entdecken den Geist der Zeit. Nicht Knut ist Wowereits Begleiter, sondern der braune, die Berlinflagge schwenkende Tanzbär. Als dieser seine Schuldigkeit getan hat, wird er ins off-geschickt. Der Bär heisst Eberhard und wer die Berliner West-Side-Story um Diepgens Abgang kennt darf sich nicht wundern, wenn hier der Geist der Stadt in braunem Fell und Fahnengeflatter zitiert wird.


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IV.

Ob man sich das wirklich anschauen müsse, wurde der Held der Pressekonferenz vom 15. August im Kantkino gefragt. Nein, warum denn, Wer sich seine Show nach Mitternacht im Ersten anschauen wolle, der müsse schon wissen, was er sich da antut.

Schade eigentlich, denn diese ach so oberflächlich belanglosen Gespräche sind es wert, zur besten Sendezeit unters Volk gebracht zu werden. Zeigen sie doch, wie das Leben wirklich ist, hart und unfair: Keiner der Gäste wird wirklich vorher auf das vorbereitet, was ihn oder sie in den gerade mal 7 Minuten, die so ein Gespräch dauert, erwartet.

Das ist Familienunterhaltung eben von jener Art, wie sie heute stattfindet. Die Eingeladenen sind Bekannte, aber keine Vorbilder, die Show, zu der sie kommen gilt nicht wirklich ihnen, sondern ihrem Schau-Meister. Und was am ihm meisterlich ist, dass ist die Inszenierung des Unvermögens noch einen linearen Dialog zu führen. Jede seiner Fragen ist Prolog und Epilog zugleich. Und wenn die Gäste zur Antwort auf eine von ihm nicht gestellte Frage ansetzen wollen, lässt er sie alleine sitzen. Umjubelt vom Applaus des Publikums: der dem Spielmacher gilt und nicht seinen Gästen.


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V.

Krömer lässt die Prominenz kommen und gehen und arbeitet sich so nach und nach selber die Treppe nach oben, die Treppe „aus Elfenbein“, wie er sagt, „für mehr hat es dann im Studio kaum noch gereicht“. Seine Ziele: die Sonnabend-Abend-Sendung um Zwanziguhrfünfzehn, der erste Krömer-Film – und zunächst einmal eine Theaterpremiere mit ihm in der Hauptrolle: In der Schaubühne im Oktober 2008.

Krömer ist eine Kunst-Figur: Sein unangefochtenes Vorbild aus dem Deutschen Fernsehen ist Loriot. Und zu seiner rechten und zu seiner Linken sitzen Polt und Hallervorden. Fragen, wie er sich selbst in Kommödiantenstadelranking einordnen würde, lässt er unbeantwortet: dies sei eine Frage an das Publikum, nicht an ihn, sagt er.

In diesem Publikum aber sitzt der Akademiker neben dem Maurer, Leute von 8 bis 88 und sie sehen in ihm auch internationale Vorbilder, die sie vielleicht selber nie kennengelernt haben: den Franzosen Louis de Funès etwa oder den Amerikaner Leo Bassi. Herr Krömer ist ein Clown, der andere lachen lässt wenn für ihn selber schon „Schluss mit Lustig“ ist.


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VI.

Das entscheidenden Geheimnis des zukünftigen Krömers ist aber seine Kunst der Fraktalisierung des nicht geführten Dialoges: er nutzt all die Elemente und Versatzstücke der „alten Zeit“: von der Showtreppe bis zur Talkshow. Und er nutzt alle diese Elemente und verkehrt sie sogleich in ihr Gegenteil. Aus den Desideraten der durch ihn zitierten aber nicht zitatfähigen Welt entwickelt sich eine Kultur des Nicht-Verstehens – in dem er selber dafür sorgt, dass man eigentlich seine Gesprächsparter und Partnerinnen gar nicht mehr verstehen kann. Aber das, so zeigt sich im gemeinsame Lachen ist immer noch weit besser als das oft unverständliche Zeug, das sie reden.

Er nimmt damit etwas vorweg, was wir schon lange in der Welt der Chats und der SMS als neue Kommunikationsstrukturen ausgeprägt vorfinden: die Sprache des Instant-Messaging, die in Wirklichkeit der eines Instinct-Messaging nahe kommt. Einer Sprache, in der man sich nahe ist, ohne sich dieses noch sagen zu müssen, die von den Lücken lebt, die in den Texten klaffen und dabei helfen, die Lücken zu überbrücken, vor denen sich die Menschen fürchten.

Kurt Krömer, so Alexander Bojcan über sich selbst, sei „der Heilige Vater vom Hermannplatz“. Jetzt hat er selber Kinder, seine eigene Produktionsgesellschaft, ein Alter Ego, einen Sender und ein Team das ihn stützt.


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PS.

Drei Tage, nach dem seinen Urlaub angetreten hatte, wurde er krank. Seine Pressekonfernenz stand er trotz Schnupfens durch. Jede Frage wurde beantwortet, jedes Autogramm gegeben. Damit steht er ganz im Hier und Jetzt.

Der Mann ist nicht volkstümlich, sondern ein Volkvertreter. Insofern hat sein Eröffnungsauftritt mit Herrn Wowereit nicht nur den Charm der Prominenz, sondern auch die Qualität eines „Stadthalters“. Er ist kein Gegner der Politik aber er ist in der Lage, ihr zu so lange zu entgegnen, bis es zu einer Begegnung kommt. Im Fernsehen beim rbb, dem internationalen Late-Night-Show-Sender aus Berlin und Brandenburg.


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