Das CeBIT-Ende im Presse-Spiegel

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 29. November 2018 um 16 Uhr 40 Minutenzum Post-Scriptum

 

Im Nachgang zu der Meldung über das Ende der CeBIT / CEBIT Messe vorab der Versuch, folgenden Fragen zu beantworten.

Was bleibt von dem Brand übrig: Im Inland?

Dazu die Meldung vom 7. November 2018:

CEBIT 2019: d!talk diskutiert die Zukunft der digitalen Transformation

Welche Chancen bietet KI? Wie mächtig ist Blockchain? Wie wehre ich mich gegen Cyber-Attacken? Das Konferenzformat CEBIT d!talk präsentiert und diskutiert vom 24. bis 28. Juni 2019 die Zukunft der digitalen Transformation

Wie sicher diese Meldung ist, steht allerdings in Frage, weil in den Pressemeldungen der Messegesellschaft auch nach wie vor Ankündigungen wie diese zu finden sind:
Rückenwind aus der Digital-Branche - CEBIT 2019 fünf volle Tage

Als Kombination von Ausstellung, Konferenz und Networking-Festival hatte die neue CEBIT als Business-Event für Digitalisierung im Juni eine beeindruckende Premiere - und jetzt ist die neue CEBIT mit starkem Rückenwind aus der Hightech-Branche in die nächste Vermarktungssaison gestartet.

Bis 25. November für den CEBIT Innovation Award 2019 bewerben

Auf der CEBIT, Europas führendem Digital-Event, wird im kommenden Jahr bereits zum siebten Mal der CEBIT Innovation Award vergeben. Bis zum 25. November 2018 können Entwicklerteams ihre herausragenden IT-Ideen einer hochkarätig besetzten Jury vorlegen.

Eben noch das führende Digital-Event in Europa...

das meinen Experten zum neuen Konzept

Wie Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG am 22. März 2017 mitteilte, wolle man die CeBIT „zu Europas führender Eventplattform und zum Festival für digitale Technologie, digitale Innovation und Geschäftsanbahnung der digitalen Wirtschaft umbauen“.

Martina Koederitz, Vorsitzende der Geschäftsführung von IBM Deutschland, sagt derweil: „Das Konzept CeBIT 2018 bietet zusätzliche Potenziale zur Vergangenheit. (…) Vor allem der Juni-Termin bringt viele Ansatzpunkte, Technologie, Geschäftsanbahnung und Festival noch emotionaler miteinander zu verbinden. Die Öffnung für ein breiteres Publikum kann auch die gesellschaftliche Diskussion um die Digitale Transformation positiv beeinflussen.“

Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder sieht bei der CeBIT „die Zeit für tiefgreifende Veränderungen gekommen“. Ein Facelift allein sei nicht mehr ausreichend. So wie die Branche müsse sich auch die CeBIT als „Eventplattform“ weiterentwickeln, greift der Bitkom-Chef das neue Schlagwort auf. „Das neue Konzept gibt die Chance, die CeBIT noch stärker inhaltlich zu prägen, weg von einer reinen Ausstellung, hin zu Dialog und Content“, so Rohleder.

Heiko Meyer, Vorsitzender der Geschäftsführung von HP Deutschland sowie des CeBIT-Messeausschusses erklärte: „Das neue Konzept ist kein einfaches ‚Weiter so‘, es wird überraschen und begeistern.“ Der Campus biete auch für ein Festival „hervorragende Voraussetzungen“.

... und jetzt: tot.

Was bitte, bedeutet das für die CeBIT-Messen in der Türkei, in Australien, in Asien?

In der Presse-Erklärung vom 6. November 2018 ist noch zu lesen:

Erfolgreiche CEBIT-Events in Asien

Im Oktober gab es gleich zwei erfolgreiche CEBIT-Events in Asien: Vom 18. bis 20. Oktober feierte die CEBIT Asean in Thailands Hauptstadt Bangkok Premiere und vom 24. bis 27. Oktober lief die Internet+ powered by CEBIT in Foshan. Die Veranstaltung in der chinesischen Provinz Guangdong erzielte ein Ergebnis, das deutlich über den Erwartungen lag.

Wird jetzt auch das CeBIT-Brand dorthin verkauft werden, so wie einst Brand-Namen wie Alcatel, Borgward oder Nordmende?

Aber halt, soweit sind wir noch nicht. Hier Auszüge aus einigen tagesaktuellen Reaktionen in der deutschen Tagespresse, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein könnten:

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG nämlich spricht von einer guten Botschaft, die zeige,

„ dass die Digitalisierung keine Randerscheinung mehr ist, die man auf einer Messe en bloc abfeiert – und sei die noch so groß. Dass sie diese Entwicklung nicht haben kommen sehen, muss man den Veranstaltern als Versäumnis anrechnen. Der in diesem Jahr unternommene Versuch, die Cebit neu auszurichten, kam einfach zu spät.“

Die HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG greift den Gedanken von dem Fehlen der Gegenständlichkeit erneut auf und schreibt:

„Aufstieg und Fall der Cebit erzählen viel über deutsche Stärken und Schwächen. Die Wurzel der Messe war immer die Hardware – ob Handy, Laptop oder die Kühlanlage für das Rechenzentrum. Die Probleme der Messe begannen mit einer Welt, in der die Geräte nur noch austauschbare Träger von Software sind, die man nicht anfassen, nicht reparieren und nicht pro Stück verkaufen kann. Die Revolution war nie eine deutsche Stärke. Die Digitalisierung aber ist ein Sprung, bei dem beide Füße in der Luft sind.“

Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG meint:

„Sich als Veranstalter nun auf die Hannover Messe zu konzentrieren, ist vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Chancen Deutschlands konsequent. Mit der Vernetzung von Maschinen und Gütern im Internet der Dinge kann Deutschlands Wirtschaft noch immer darauf hoffen, Anschluss an die digitale Welt zu finden. Diese Verbindung kann sich künftig in der Industriemesse deutlicher zeigen. Aber: Die Entwicklung von allen Produkten muss schneller werden.“

Während die FRANKFURTER RUNDSCHAU nochmals auf die Bemühungen verweist, wie man das Blatt doch noch hätte wenden können - oder auch nicht - denn

„eine Antwort auf die neue, hippe Konkurrenz in Barcelona, Las Vegas, Austin oder Köln fanden sie nicht. Nie ist es gelungen, zwei grundverschiedene Besuchergruppen unter einen Hut zu bringen. Die Privatleute, Nerds, IT-Begeisterten jeder Couleur hätte man gern gehabt, weil sie der Messe Farbe, Leben und öffentliche Aufmerksamkeit gaben. Aber das Geld brachten die Profis, Anzugträger mit ernstem Blick, die vom bunten Volk nur genervt waren. Der große Sprung in eine neue Zeit gelang nicht. Aufstieg und Fall der Cebit erzählen deshalb auch viel über deutsche Stärken und Schwächen.“

Und DIE WELT schliesst das Thema mit diesen lakonischen Worten ab:

„Mit einer dürren E-Mail und dem Titel ‚Messe sortiert Digitalthemen neu‘ stößt der Veranstalter die einst stolze Veranstaltung den Abhang hinunter. Über viele Jahre nannte sich die Cebit selbst größte Messe der Welt. Als 1995 der 39-jährige Microsoft-Gründer Bill Gates nach Hannover kam, um sein Windows 95 vorzustellen, stand man endgültig Kopf. Doch irgendwann änderte sich alles. Die Anfahrt war ohne Stau, Aussteller verschwanden. Die Partys waren weniger ausgelassen, die Gäste weniger prominent. Neuheiten wurden fernab von Hannover präsentiert. Nun ist ganz Schluss. Danke, Cebit“.

P.S.

PS. Als Gates "damals" in Hannover war, haben wir ihn und seine Crew von der Wirksamkeit digitaler IT-Netze überzeugen und ein erstes Protokoll schreiben können, mit dem dann erstmals die Window for Workgroups (WfW) 3.11 - Plattform auch an das ISDN-Netz angeschlossen werden konnte (Stichwort: "TAPI": Telephony Application Programming Interface). Später ist Bill dann damit mit Verweis auf die Entwicklungen in Europa in den USA als ISDN-Evangelizer aufgetreten (auf Wunsch spielen wir hier gerne nochmals einen Ausschnitt aus einer dieser Reden als Video ein ;-).


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