Das "Aus" fürs EISZEIT

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 19. Mai 2018 um 16 Uhr 22 Minutenzum Post-Scriptum

 

Da keiner weiss, wie lange diese heute zur Darstellung gebrachte Webseite des EISZEIT-Kinos noch online sein wird, hier die wichtigesten Informationen für diesen Tag - und als Erinnerung über diesen Tag hinaus:
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DAS EISZEIT MUSS SCHLIEßEN – WIR SAGEN DANKE, TSCHÜSS & AUFWIEDERSEHEN!

Am Freitag, 18.05.2018 wird das EISZEIT Kino seine letzte Filmvorführung zeigen!

Nach über 35 Jahren und mindestens 75.000 Filmvorführungen schließt eines der letzten unabhängigen Kreuzberger Kinos. Wir haben in den letzten Jahren alles versucht, um diesem einzigartigen Kino eine langfristige Perspektive zu ermöglichen.

Zum Abschied möchten wir euch treuen alten und neuen Stammgästen für die langjährige Verbundenheit zum Kino danken! Das EISZEIT ist besonders in der Zeit nach dem Umbau zunehmend zum Ort für anregende Filmgespräche und zum Treffpunkt für Filmfreunde geworden. Zusammen mit euch haben wir im EISZEIT an neuen Formen und Inhalten für das Programmkino der Zukunft gearbeitet. Daher möchten wir unseren Abschied mit euch gebührend feiern! Wir wollen bei einer letzten Filmvorführung an die schöne Zeit erinnern, bei Musik das Tanzbein schwingen und das ein oder andere Glas auf das EISZEIT Kino erheben.

Programm:

20.30 Uhr: Vorletzte Filmvorführung im EISZEIT KINO mit einem Überraschungsfilm
22.00 Uhr: Letzte Filmvorführung im EISZEIT KINO mit einem Überraschungsfilm
ab ca. 21.30 Uhr: Closing-Party!

Wir haben uns entschlossen heute keine Tickets zu verkaufen, sondern freuen uns über einen kleinen Soli-Beitrag, den wir nutzen wollen, um das Kino irgendwie, irgendwann wieder fortzuführen. Wir werden alles dafür tun und wenn ihr uns dabei unterstützen wollt, egal wie, dann schreibt uns doch einfach eine Mail an info@eiszeit.berlin mit dem Betreff "Freunde des Eiszeit" oder tragt euch heute Abend in die ausliegenden Listen ein.

Kommt alle vorbei und sagt dem EISZEIT Kino und dem ganzen Team Tschüss!

Ja, also: das mit dem "Tschüss"-sagen, hat nicht wirklich so richtig geklappt. Diejenigen, die sich da ein herzliches "Auf Wiedersehen" zuriefen - und dem auch körperlich Ausdruck gaben - waren FreundInnen und die Freunde von Freunden... ein grosses Stelldichein einer Szene, die um sich selbst und um die Anderen wusste, um den besonderen Charakter dieses Ortes. Und dieses Momentes.

Dann aber fanden sich nach langer diskreter Beobachtung am späten Abend nach der Entscheidung zu einiger Überredungskunst und freundlichem Zusprechen doch diese beiden jungen MitarbeiterInnen dazu bereit, über ihre in diesem Haus verbrachte Zeit zu reflektieren.

Hier sind sie zu hören [1]:

Für den allerletzten Abschiedsfilm wurde der Ende der 80er Jahre auf die Leinwand gebrachte Film Cinema Paradiso ausgesucht und von einer Silberplatte abgespielt. Die Auswahl diese "Überraschungsfilm"s ist so etwas von offen-sichtlich, dass man sich fragt, warum man nicht selber auf diese Idee gekommen sei. Auch, die Version im Original mit Untertiteln zu spielen, ist die einzig richtige Entscheidung gewesen [2].

Soweit war alles gut. Und doch bleibt der ganze letzte Abend selten enigmatisch: Bereits beim laufenden Abspann verliessen eine Reihe von Gästen im KINO 1 ihre Plätze, liefen vorne an der Leinwand vorbei aus dem Raum. Und als dann der Applaus ertönte und das Licht anging... trat keiner aus der Crew vor das Publikum, um mit uns gemeinsam diesen Abschied in und von diesem Raum in diesem Moment noch einmal zu würdigen.

Es kommt noch schlimmer: Nach dem Abspann werden weder Bild noch Ton abgestellt und stattdessen beginnt die Endlosschleife des DVD-Trailers zu laufen. Und keiner ist da, diesem Unfug ein Ende zu bereiten.

Wohlwissend, dass wir nicht mehr im Jahr 1988, sondern im Jahr 2018 leben und arbeiten, dass wir ein anderes Leben führen und andere Technologien zu seiner Bewältigung einsetzen, dass DAS KINO nicht mehr eine so zentrale Funktion hat wie in dem Italien in jenen im Film vorgeführten Jahren... dennoch bleibt der Rückblick auf diesen Abend an dieser Frage hängen: wie nur konnte dieser entscheidende Moment des Abschieds in und von einem solchen Haus so vergeigt werden?

So unterbleibt denn auch der Versuch, im Tonschatten der Diskoklänge an der Bar noch weitere Gespräche mit dem Publikum oder anderen MitarbeiterInnen des Hauses zu führen. Auch das oben eingeblendete kurze Interview konnte erst geführt werden, nachdem die Polizei wegen zu hoher Lautstärkten eingeschritten war und den im Kassenhäuschen installierten DJ zum Aufgeben gezwungen hatte.

Nur eine einzige Unterhaltung konnte zuvor noch in dem inzwischen menschenseelenleren KINO 1 geführt worden, dieses hier:

Aber als dann morgens um drei die Getränke gezahlt wurden, war das Personal an der Bar nicht mehr in der Lage, der elektronischen Kasse noch einen papiernen Bon zu entlocken. Schade: Da ja an diesem Abend keine Karten mehr ausgegeben wurden, wäre dieser ein letztes analoges Stück einer Erinnerung gewesen, das wir an dieser Stelle gerne dokumentiert hätten.
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Anders als in dem Film wird das Gebäude in Berlin-Kreuzberg nicht gesprengt werden und für die Filmvorführer hatte nie die Gefahr bestanden, dass sich das Trägermaterial der Filmstreifen noch hätte entflammen können. Der alte Filmvorführer, der beim Entflammen des Material fast selbst verbrannt wäre, bekommt später die neuen, nicht mehr entflammbaren Zelluloid-Streifen vor seinen erblindeten Augen demonstriert. Und er sagt: "Schade, dass der Fortschritt immer zu spät kommt".

An einem Abend wie diesem war zu erleben, dass der Fortschritt zu früh gekommen war [3].

Giuseppe Tornatore’s hat Cinema Paradiso gedreht, als er gerade um die 30 Jahre alt war - und damit in seiner eigenen Heimat überhaupt nicht ankam. Während Leute wie Jay Scott in der in Toronto verlegten "The Globe and the Mail" schrieben:

Cinema Paradiso converts you to the credo that art can indeed be holy.

 [4]

Stephen Woolley, der den zu Anfang in Italien geflopten Streifen nach England brachte, sagt dazu 25 Jahre später in einem Gespräch im Guardian:

"Cinema Paradiso is a movie about memory, and for our generation cinema was a place to congregate, a magical place to let your imagination run free. The character of the cinemas of my childhood and youth were all different and special. Now it’s all boxes, little long rooms, every cinema is the same, they smell the same, they have the same character, the sameness is the central quality. It’s like air travel, it used to be an occasion, now it’s a fast-food experience."

Wann wird in das Kino ein Supermarkt einziehen, in dem das Eis der 80er Jahre nicht mehr von dem Saalpersonal durch die Sitzreihen gereicht, sondern an der Supermarkt-Kasse verkauft werden wird? Als das neue Kinder Eis von Ferrero und Langnese!
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P.S.

Am gleichen Tag ein Besuch bei einem Gewerbetreibenden in der Kantstrasse, gleich neben dem Kant-Kino. Dort, wo wir einst unser Büro in jenen Räumen gebaut hatten, in denen einst die Nitrofilme gelagert werden mussten (wegen ihrer Entflammbarkeit direkt unter dem Dach), bis dass die Miete um fast das Doppelte angehoben werden sollte.
Auch er - zwei Hausnummern entfernt - berichtet davon, dass ihm jetzt Gleiches bevorstehe und er sein Geschäft an diesem Standort wird aufgeben müssen.

Anmerkungen

[1...und vielen Dank dafür!

[2Auch wenn in der hier vorgestellten Fassung die späte Begegnung der beiden Jungverliebten vollständig fehlte.

[3Dieser Satz wird nicht als Argument für Nostalgie und gegen die Bereitschaft auch für die Annahme grosser Veränderungen geschrieben.
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Aber er will andeuten, dass es diejenigen, die selbst diese Geister mit riefen, es (noch) nicht vermocht haben, sich ihnen gegenüber für die Zukunft gewappnet souverän zu verhalten. Die Zeichen, dass wir uns nicht nur als "Opfer" der neuen digitalen Welten erleben, sondern als deren Zauber-KönigInnen, sind jedenfalls an diesem Abend noch nicht erkannbar gewesen.

[4Wobei nicht klar wird, ob diese Formulierung bewusst anknüpft an jene Stelle, in der Totó nach dem Abschiesbrief seiner Jugendliebe sucht und sich unter dem Eintrag zu "El Credo" findet - eine Passage übrigens, die in der an diesem Abend ausgespielten Fassung leider nicht zu sehen war.


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