Karl Marx: Wi(e)der (be)leben?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Donnerstag Letzte Bearbeitung: 13. Mai 2018 um 19 Uhr 49 Minutenzum Post-Scriptum

 

Der Vorlauf:

Pressemitteilung vom 25. April 2018 16:31 Uhr [1]:

Bundespräsident Steinmeier lädt zu „200 Jahre Karl Marx – ein Podiumsgespräch über Geschichte und Aktualität“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lädt am 3. Mai 2018 um 11.00 Uhr zu einem Podiumsgespräch anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx ins Schloss Bellevue ein. Der Bundespräsident wird die Veranstaltung mit einer Ansprache eröffnen.
Der Journalist und Marx-Biograf Jürgen Neffe diskutiert anschließend mit der Ökonomin Karen Horn, dem Schriftsteller Ingo Schulzesowie dem Physiker und TV-Moderator Ranga Yogeshwar. Sie sprechen über das Werk von Karl Marx [2] und darüber, inwieweit seine Theorien zum Verständnis heutiger Entwicklungen, insbesondere von Technik und Wirtschaft, beitragen können. Der Schauspieler Marcus Off liest während der Veranstaltung Passagen aus dem Werk von Karl Marx.

I.

Es ist erstaunlich und erfreulich, wie gut man dort vor Ort behandelt wird. Man wird am Eingang persönlich in Empfang genommen, bekommt den Text der Rede ausgehändigt und wird bis auf seinen Platz begleitet. Wobei nicht beurteilt werden kann, ob das ein Teil der Sicherheits-Strategie oder der Willkommens-Kultur des Hauses ist. Auffallend ist allerdings, das an diesem Tag nur relativ wenig Presseleute anwesend sind. Und das, obwohl diese Veranstaltung nicht per Stream öffentlich gemacht wird.

II:

Mit dem Eintreffen des Präsidenten - bitte alle aufstehen - und seinen erste Worten - bitte alle wieder setzen - kommt er auch gleich zur Sache. Und da bekanntlich das gesprochene Wort gilt, wird dieses - und nicht der überreichte schriftliche Textentwurf - hier auch als Mitschnitt zur Kenntnis gebracht [3]:

III.

Während der Veranstaltung wurden bereits diese nachfolgenden Aufzeichnungen live ins Netz gepostet:

"Gewaltig ist nicht nur sein Werk, gewaltig sind auch seine Folgen", so Steinmeier. Und er fragt nach der Verantwortung, die sich aus diesen Schriften von Marx ableiten lässt. Es gehe nicht so einfach an, das Werk und sein Wirken zu trennen.

"Wie weit ist der Weg von der Wortgewalt zur täglichen Gewalt?", fragt Steinmeier. Der 200-jährige hat uns viel zu sagen, in dieser Zeit, auch zu Fragen der Frauenemanzipation, des Umweltschutzes und der Pressefreiheit. Und als Prognostiker der Globalisierung: und das 1850.
Und, Karl Marx als Vordenker der technologischen Entwicklung. Über die Maschine als Konkurrent, die zum Arbeiter aufsteigt.

Aber die Antwort auf diese Fragen hat nicht allein Marx für sich gepachtet. Das KI-Zeitalter fordert mehr denn je die Demokratie heraus. "Ich glaube, ja, in der Tat, er war ein deutscher Denker," sagt Steinmeier und verweist auf das historische Umfeld in Deutschland, das ihn geprägt hat. Und: Ohne sein Hadern mit dem - von ihm selber abgesagten - Judentum. "Marx ist nicht denkbar ohne sein Leiden an Deutschland".

Und dann gibt es doch nochmals einen Verweis auf die Menschen in und aus "Ostdeutschland": Sie seien froh, ihn los zu sein und hoffen doch, dass es noch einen anderen Marx geben könnte.

Marx soll streitbar sein, und für uns streitbar sein.


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IV.

Und dann wird eingeleitet von Jürgen Neffe, er sprich auch von seinen eigenen Erfahrungen als Vor-Leser aus seiner Marx-Biografie.

Er gratuliert vorab zum Geburtstag. Auch er erlebt immer noch Hass und Bewunderung bei seinen Auftritten. Und er verweist auf das kommunistische China.

Und dann wird Vor-gelesen: Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie:
"Die Religion ist der Seufzer einer bedrängten Kreatur." Aus der deutschen Ideologie: "Der Wackere Mann als der Typus des Deutschen Philosophen." Zur Kritik der Politischen Ökonomie: Es geht um die Produktionsverhältnisse und deren politischer und juristischer Überbau. Aus dem Kapital (Neffe: "Ich wollte hier auch mal diesen Sound in den Raum bringen.") Die Analyse der Ware ergibt, das die Ware "... voll methaphysicher Spitzfindigkeiten" sei.

Ingo: /Du, der "gelernte DDR-Bürger", so Jürgen Neffe/ "Das Familienrecht war besser in der DDR". Die DDR kann nicht allein mit dem Begriff des Unrechtsstaates entsorgt werden. Marx-Engels wurde weniger in der DDR gelesen als vielmehr im Westen. "Das hätten einfach mehr lesen sollen" - wie zum Beispiel die Deutsche Ideologie.

"Uns geht’ so gut, weil es anderen so dreckig geht"

"Warum muss ein Bundesland, wenn es Geld braucht, über eine Bank gehen?"

Die Technologie wird nicht unsere Probleme lösen. Und nicht unsere Bedürfnisse befriedigen.

Dr. Horn: "Man muss als Liberaler seinen Feind kennen..." - diesen Satz würde sie heute so nicht mehr gesagt haben wollen. Man müsse ihn sich schon in seiner Tiefe an. Denn diese Theorie hat Wirkmacht erreicht. Aber der Philosoph Marx sei für Ökonomen recht schwer verständlich, "eine echte Herausforderung".

Eine Welt ohne Geld... kann sie sich nicht vorstellen. Würde es abgeschafft, würde es sofort wieder erfunden werden. "Weil wir uns nicht autark ernähren können." Ricardo, Smith haben schon die Dynamik des Wirtschaftens. Es geht nicht nur um Spot-Märkte, sondern auch um das Hedging.

Ihre These: erst einmal die Entwicklung angucken, bevor man darüber Theorien entwickelt. "Und wenn etwas schief gelaufen ist, stellen wir das dann nach." Wir sollten auf diese Geister-Sprache verzichten. Und das Alles etwas entspannter sehen.

Ranga: Neffe und er sind beim gegenseitigen Lesen ihrer Bücher zusammengekommen. "... als Gefangene einer verborgenen Logik". "Ein Onkel von mir war ein guter Freund von Marx." Die Zeit ist heute reif, sich nochmals mit Marx auseinanderzusetzen. Der Technische Fortschritt führt zu den "Big Five" und er spricht vonCambridge Analytica. Heute könnte es heissen: statt: ’ich möchte’: ’Ich werde gemöchtet’ "

Alle Privatbanken verstaatlichen? Die Zahl und die Zeit und das Geld... das sind abstrakte Grössen. Heute aber "hat sich das Geld selber überholt". Heute geht es nur noch um Businessmodelle. Digitale Logik und die Grammatik des Geldes bestimmen sich wechselseitig. Selbst die physische Übertragbarkeit von Informationen wird ökonomisch relevant. Die Topologie von Blockchain ersetzt die Autorität, den Erzengel Michael mit der Seelenwaage. Das Bankhaus könnte in Zukunft nicht mehr nötig sein.

Arbeit als Heimat? Ist das ein Naturgesetz? Was macht das Selbstverständnis des Menschen in Zukunft aus? Ich kenne keinen Menschen, der auf seinem Totenbett liegt und davon träumt, noch einen Tag mehr leben zu können, um an diesem dann arbeiten zu können. Die adidas-Speed-Factory ist schon ein Beispiel für die Aufhebung der menschlichen Arbeit. Auf dem Weg ins Übermorgen müssen wir das Morgen überleben? Wenn wird das System Deutschland kippen?

Abwarten? Nur hingucken? Das reicht in einer Phase der Umbrüche nicht aus. Wir müssen antizipieren, was passieren wird. Bis hin zur Verunsicherung der Medien? "Wie kriegen wir ein solches System stabilisiert... frage ich als Physiker".

V.

Alle Beiträge - und selbst die Fragen - sind zuvor ausformuliert und aufgeschrieben - und werden vorgelesen. Die Dramaturgie regiert, ohne damit den Dialog abzuwürgen. Der Streit - findet eher zwischen als mit den Worten statt.

Am Schluss kommt noch ein Bettel-Brief von Marx an Engels, in dem er diesen um Geld bittet. 20 Pfund und dann 24 Pfund. Samt einer Abrechnung seiner Frau über den Haushalt und die noch ausstehenden Schulden. Und: Die Antwort von Friedrich Engels, in dem er über 50 Pfund in Aussicht stellt. Mit 20% Zinsen. Oder aber er verweist an seine Verwandten und empfiehlt: "Abwischung der alten Schulden und ein fresh start".

Ein Nachklapp:

Am Ende der Veranstaltung verblieb der Bundespräsident noch im Saal, bot dem Autor ausdrücklich an, sich dem Kreis seiner Gesprächspartner anzuschliessen und dann auch am Empfang teilzunehmen. Dieses Angeobt wurde gerne angenommen, aber eben deshalb blieben Mikrophon und Kamera im Rucksack und wurden auch nicht wieder herausgezogen, nachdem eine Reihe der Gäste ihre Smartphones zückten, um von Freunden oder auch von sich mit dem Bundespräsidenten ein Foto zu machen / machen zu lassen.
Das Ganze fand in einer eher lockeren und konvivialen Umgebung statt, die - ganz im Gegensatz zu der Ausstattung des Hauses - durchaus offen und freundlich daherkam.
Und so wurde, anstatt eines eigenen Gruppenfotos jeglicher Art, der Name der Hauses in diesem Bild umgesetzt: "Bellevue":
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P.S.

Ausgerechnet auf dem "T-Online"-Portal findet sich ein Bericht von Von Patrick Diekmann vom 5.05.2018, 09:43 Uhr, der seine Quellen mit dem Hinweis auf eigene Recherchen qualifiziert hat.

Hier ein Auszug aus diesem Bericht und den darin verwendeten Zitaten:

Politiker über Karl Marx
"In der Analyse korrekt, in der Therapie verheerend"

Verehrt und verteufelt: An den Theorien von Karl Marx scheiden sich bis heute die Geister. Welche Bedeutung haben seine Überlegungen heute noch? t-online.de befragte die Parteien im Bundestag.

Er gilt als einer der einflussreichsten und umstrittensten deutschen Denker: der vor 200 Jahren (5. Mai 1818) in Trier geborene Karl Marx. Zwar hat sich seine These vom zwangsläufigen Untergang des Kapitalismus mehr als 150 Jahre nach Erscheinen des "Kapitals" nicht bewahrheitet. Doch ist deshalb alles falsch, was der bärtige Philosoph zu Papier gebracht hat? Wie beurteilen heutige Politiker seine Thesen?

Gregor Gysi, Die Linke, Präsident der Europäischen Linken

"Unter den Autoren, die versucht haben, die Moderne auf den Begriff zu bringen, ragt Marx heraus. Es ist ihm gelungen, wesentliche Strukturen der ökonomischen Praxis des Kapitalismus begrifflich herauszuarbeiten, womit sich heute noch arbeiten lässt. Sicher gibt es zeitbedingte Grenzen und politische Fehleinschätzungen, aber auch die sind ja noch interessant."

Katrin Göring-Eckardt, Bündnis 90/ Die Grünen, Fraktionsvorsitzende
"Marx wollte gerade nicht die Herrschaft des einen über den anderen. Also auch nicht die Herrschaft der Funktionäre über die Arbeiterklasse. Insofern passt der Marx, den ich aus den Büchern kenne, nicht zu der Ikone, die mir in der DDR überall entgegengehalten wurde."

Marco Buschmann, FDP, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer

"Karl Marx ist und bleibt ambivalent. Auf der einen Seite steht der scharfsinnige Denker. Auf der anderen Seite steht der Schöpfer eines Gedankengebildes, das der Rechtfertigung von Tyrannei und Massenmord gedient hat."

Uwe Schummer, CDU/CSU, Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe im Bundestag

"200. Jahre Karl Marx. In der Analyse korrekt, in der Therapie verheerend. Kapitalismus hat soziale, der Marxismus kapitale Fehler. Die Botschaft von Karl Marx war richtig: Arbeit als zentraler Faktor des Wirtschaftens. Vergessen dürfen wir aber auch nicht, dass seine Theorie Nährboden vieler Diktaturen war und noch heute ist. Die Soziale Frage müssen wir lösen; seine Ansichten kritisch beleuchten."

Alexander Gauland, AfD, Bundes- und Fraktionsvorsitzender im Bundestag

"Ich lade jeden politisch Interessierten herzlich ein, am Vortrag und am Schweigemarsch ‚Marx vom Sockel holen!‘ teilzunehmen. Dem Kommunismus, der so viel Leid über viele Völker gebracht hat, sollte kein Denkmal gesetzt werden."

Ebenfalls an diesem Jahres-Tag zu hören ist die Diskussion zwischen Robert Misik und Olaf Gersemann zu der Frage:
Ist der Kapitalismus am Ende?
zu hören im "Streitkultur"-Programm des Deutschlandfunks.

Anmerkungen

[1Die Links und Anmerkungen wurden eigenhändig hinzugefügt - WS.

[3Wenngleich auch in einer der Qualität des Vortrags nicht angemessenen Güte :-(


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