Oberender meets Eno

VON Dr. Wolf SiegertZUM Sonnabend Letzte Bearbeitung: 3. April 2018 um 10 Uhr 08 Minutenzum Post-Scriptum

 

I.

Bereits gestern hatten wir im Rahmen der ISM Hexadome: Live-Performances auf ein Artist Talk genannten Gespräch hingewiesen, dass an diesem Samstag zwischen von Thomas Oberender mit Brian Eno [1] geführt werden wird.

II.

Zur Vorbereitung an dieser Stelle nochmals die Links, die gestern bereits in den Anmerkungen vorgestellt wurden:

- Das Gespräch mit Brian Eno "About Ambient Music", in dem er mit dieser Erfahrung konfrontiert wurde:

I was listening to your 1993 album Neroli and noticed that it’s in the same key as Reflection. I had them both running at the same time—the album on my laptop and the app on my phone—and it turns out they work really nicely together.

- Das Gespräch mit Thomas Oberender „Ich töte gerade den Musterschüler in mir“, in dem er u.a. gefragt wurde:

Wie viel Verantwortung tragen die Medien?

III.

"Das Gespräch zwischen den beiden Protagonisten beginnt heute, am Samstag, den 31. März 2018, um 19:00 Uhr." So war es in der Ankündigung dieses Abends an dieser Stelle zu lesen.

IV.

Das Gespräch: Begann zu spät und endete zu früh. Die Begrüssung des Publikums von dem Ausrichter, dem ISM Chairman and Artistic Director Nicholas Meehan, war vom ersten bis zum letzten Wort vom Blatt gelesen. Danach begrüsste Oberender mit seinem gut gelernten Englisch Eno mit Respekt, Wissen um seine Person, sein Werk und mit freundlicher Neugier. Und Eno, Eno war sich im Verlauf des ganzen Abends klar, wer er war, was er tat und wie der damit wirkt.

Nach dem Schlussapplaus, gingen die beiden, wie sie gekommen waren. Das Publikum blieb allein zurück mit seinen Eindrücken und Fragen. Und dann, dann stehst Du wieder draussen vor der Treppe, die in das Gebäude führt. Und davor steht eine schwarze Limousine von Audi und auf der Tür steht in weisser Schrift: "Institut for Sound and Musik". Und Du stehst vor Deinem regennassen Roller und denkst Dir: Was hat sich da nun wirklich geändert, seitdem behauptet wird, dass die Kunst demokratischer, die Künstler zugänglicher, der Dialog mit ihnen produktiver geworden sei?

Irgendwann kommen dann auch andere Leute nach draussen, viele mit einem Weinglas in der Hand, um eine zu rauchen; und Du denkst, wie fremd bleibt Dir all dieses Gewse, wie fern ist Dir dieser Mann? Und dann, sogleich: wie nah ist Dir das, was er da auf dem Podium gesagt hat!

V.

Eno besucht - mit 16 eine Ausbildungsstätte, die, welche Fügung, mit seinem Eintreten unter neuer Leitung zu neuem Leben erwachte. Und die ihn bis auf den heutigen Tag geprägt hat. Die Ipswich School of Art.

Auf der hier als Link zugänglichen Homepage der Artist Biographies heisst es am Schluss des einleitenden Textes zu eben dieser Schule:

Other notable staff and alumni include Jeffrey Camp, Frederick Cotman, Denise Broadley and musician Brian Eno.

, aber in der Liste der 16568 "British and Irish Artists of the 20th Century" ist kein Brian Eno zu finden.

Dennoch ist diese Seite anzusehen, hochinteressant, da sie sich gleich auf der Homepage - gleich neben dem Login, für das aber ein Eintrittgeld von 5 £ fällig wird - dieses visual ident-Logo befindet:
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Das hat eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit mit jenen Farbkompositionen, die in diesen Tagen in seiner Installation zu sehen sind.

Und wenn man dann noch dieses Abbild vom Ipswich Arts Center dazunimmt
© all rights reserved
dann ist die jetzt im Gropius Bau entstandene Inszenierung eine sublime Synthese aus eben diesen beiden hier aufgezeigten Elementen.

VI.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs berichtet Eno von der ersten Begegnung und Begehung dieses Raumes. Und davon, dass er schon nach kurzer Zeit - er spricht von 4 Minuten - bemerkt habe, dass das Echo in diesem Raum mit gut 10 Sekunden noch sehr viel länger sei als das in einer Kirche, und dass er daher die eigentlich für diese Inszenierung komponiert Musik so gar nicht habe verwenden können.

Am sinnfälligsten ist aber seine Aussage, dass er in der Nacht vor der Deadline von jener - nun unvollendeten - Komposition geträumt habe, die schlussendlich die richtige für diese Umgebung gewesen wäre...

VII.

Am Schluss des nächsten Gesprächsauszugs kommt Brian Eno nochmals auf einen zweiten Grund zu sprechen, warum die ursprünglich konzipiert Musik nicht so wie geplant hat eingesetzt werden können: die "Visuals" mussten geändert werden, als klar war, von welcher so zuvor nicht erahnten Grösse die Leinwände waren, die in diesem Areal errichtet worden waren:

Ein besonderes Vergnügen macht es natürlich zu hören, wie er sich darüber gefreut habe, dass auf diesen Leinwänden ausgerechnet und insbesondere die braune Farbe in einer Qualität zur Geltung gebracht werden konnte, wie er es bis dahin noch nicht erlebt habe.

VIII.

Eno weiss auch in diesem Moment, dass sein Sprechen über die besondere Qualität der Wiedergabe gerade der braunen Farbe hier in Berlin mit einer ganz besonderen Konnotation rezipiert werden würde [2]. Und die Lacher, die er auch prompt an dieser Stelle erhält - man spürt, dass er um sie weiss, bevor sie überhaupt im Publikum zu hören sind.

Es ist zu hoffen, dass alsbald nochmals eine qualitativ hochwertigere Aufzeichnung - zumindest des Ton - von diesem Abend öffentlich bereitgestellt werden wird. Denn es fast erschreckend zu erkennen, dass viele seiner Rede-Passagen, die vordergründig als humorvoll goutiert werden können, in vielen Fällen eine gelungene Kostümierung sind, um Aussagen komestibel zu machen, die eigentlich eher im Halse stecken bleiben könnten (wie etwa die, dass nach zwei Jahren Ipswich das gesamte Lehr-Personal entlassen worden sei).

IX.

Es gibt eine Reihe von weiteren Punkten, die es wert wären, nochmals überdacht zu werden. Etwa ein Satz wie dieser, dass erst in dem Moment, in dem die Synchronizität der Musik aufgehoben wird, sie ein Blick in die Unendlichkeit ("infinity") eröffnen würde. Oder der, dass die meisten Bücher, aus denen man was über die Kunst lernen könne, Bücher sind, in denen das Wort "Kunst" kein einziges Mal erwähnt wird. Und dass aus seiner Sicht die Organisation der künstlerischen Arbeit und ihrer Ergebnisse viel mit der Art und Weise zu tun hat, wie die Stochastik organisiert ist - und dann eben auch wieder nicht. Oder schliesslich über seine Rolle, die er eher mit der eines Gärtners vergleicht als der eines Architekten.

X.

Aber es gibt einen Satz und einen Namen, der alles Andere zuvor zur Darstellung gebrachte hat in den Hintergrund treten lassen. Dazu nochmals ein kurzer Gesprächsausschnitt der zunächst zusammenfasst, was die wirklich wichtigen "learnings" in Ipswich gewesen waren:

Mit diesen Sätzen macht Brian Eno beim Autor dieser Zeilen ein riesen Fass auf. Er spricht auf der einen Seite an, was ihn in den letzten Jahren immer stärker nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Lehre geprägt hat: Die Arbeit mit und die Vermittlung von Design-Thinking Strategien. Das auf der einen Seite.
Und auf der anderen Seite sind die Quelle all dieser Erfahrungen gebunden an die Namen von Peter Schmidt [3], und von Mark Boyle.
So wie Brian von seiner engen Freundschaft mit Peter Schmidt gesprochen hat, hätte der Autor gerne mit ihm über seine enge Freundschaft zu Mark Boyle gesprochen.
Das verrückte nämlich war, dass am Abend zuvor beim mehrstündigen Betrachten und Zuhören der Inszenierung eben dieser Name in Erinnerung gekommen war.
Wir hatten damals ebenfalls mit Musik und Projektoren gearbeitet. Die farbigen Lichtereignisse wurden mit farbigen Flüssigkeiten hergestellt, die zwischen zwei ölhaltige Glasscheiben getropft und durch die Hitze der Projektorlampen schnell in Bewegung gebracht wurden.
"These events were groundbreaking in respect of projected lighting and consisted of chemical and physical reactions projected onto a screen whilst being surrounded by various taped sounds" ist in der Wikipedia unter dem Stichwort Liquid light show zu lesen.

Summary:

Zwei Abende, zwei Erfahrungen: Die Begegnung mit dem Kunstwerk am ersten Abend und mit dem Künstler am zweiten. Und Vieles von dem, was im Verlauf des ersten Abends - und danach - zum Nachsinnen und -denken Anlass gab, fand sich im Verlauf dieses Gesprächs am zweiten Abend bestätigt.
Und wenn Du dann vor der offiziellen Limousine des Veranstalters abseits im Regen stehst und darüber sinnierst, wie weit Du von den Menschen, die Dir aus der Seele gesprochen haben, ferngehalten wirst, fällt umso deutlicher bei diesem hier dokumentierten Nachhören des Erlebten auf, wie nahe einem diese Themen und ihr Urheber sind.
Und so lautet die unterschwellige Überschrift unter all diesen dem gemeinsamen Freund Mark Boyle gewidmeten Zeilen: :
"Siegert met Eno".

P.S.

Dank für die ersten Antworten auf diesen Eintrag. Einige beschäftigen sich mit der aktuellen Installation hier in Berlin. Andere gehe darauf ein, wie schwierig es sei, mit diesem Mann auf elektronischem Wege ins Gespräch zu kommen: http://music.hyperreal.org/artists/brian_eno/email.html.
Wäre das so klar gewesen, wie es sich im Nachhinein darstellt, wäre es zielführender gewesen, ihn noch vor dem Verlassen der Bühne anzugehen und darum zu bitten, den von ihm als Fake vorgezeigten Euro-Geldschein zu signieren und dem Bittsteller zu überlassen (sic!).

Hinzu kommt der Hinweis auf der Website von [https://www.enoshop.co.uk/contact?-https://www.enoshop.co.uk/contact?] auf der unten angezeigt ist: "Brian Eno Does Not Have A Twitter Account".

Aber dann das hier: Dieser Hinweis auf eben einen solchen Account mit einem Foto von Nadia Boulanger an der Orgel

, dem an dieser Stelle ein Foto von Käte van Tricht hinzugefügt - gegenübergestellt werden wird:
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Anmerkungen

[1"Thomas Oberender, Kurator und Künstlerischer Leiter der Berliner Festspiele, spricht mit dem englischen Musiker, Komponisten, Plattenproduzent, Sänger, Künstler und Gründungsvater der Ambient Musik Brian Eno" - so der Ankündigungstext

[2Eno betont auch in diesem Gespräch, wie wichtig ihm das Thema "Farbe" sei. Und diese Aussage findet ihrer Korrespondenz in diesem twitter-Eintrag:

[3Hier ein twitter-Eintrag mit einem direkten Bezug auf eine seiner Arbeiten, die, warum auch immer, sich wie eine Antwort auf das "Felsentor" von Karl Friedrich Schinkel liest:


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